Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von Hákon jarl 965—995:
Von Ögmundr dyttr Hrafnsson

 

 

Zu jener Zeit gab es viele angesehene Männer auf Island, welche in naher Verwandtschaft standen zu König Oláfr. Unter diesen befand sich Víga-Glúmr, der Sohn des Eyjólfr hrúga und der Ástrídr. Diese Ástrídr aber war eine Tochter des Hersen (Gaugrafen) Vigfús.

Die Schwester von jenem Víga-Glúmr hieß Helga und lebte in der Ehe mit Steingrímr auf Sigluvik. Beider Sohn war Thorvaldr, dem man den Beinamen ,tasaldi' gegeben hatte.

Im Hause von Víga-Glúmr wuchs auf Ögmundr Hrafnsson. Dieser, sein Vater, Hrafn, jetzt ein wohlhabender Bauer und im Besitz eines Gutes auf der Westseite des Skagafjördr, war ursprünglich ein unfreier Knecht gewesen, leibeigen dem Glúmr und dessen Mutter Ástrídr. Aber beide, Glúmr und Ástrídr, hatten ihm die Freiheit geschenkt.

Die Mutter Ögmundrs dagegen, von edler Herkunft, stand zu Víga-Glúmr im nahen Verwandtschaftsverhältnis.

Ögmundr war jetzt ein Jüngling und von großer Schönheit, hochgewachsen und brav, auch wohl gelitten bei seinem Oheim Glúmr, obwohl dieser bereits ein Mann in vorgerückten Jahren war, Ögmundr aber soeben erwachsen.

ThverbrekkaThverbrekka, ein ansehnlicher Hof im öxnadalr. Dieses wiederum eine Abzweigung des größeren Hörgárdalr; beide auf der Westseite des Eyjafjördr, im Norden Islands — 11, 106 der Topographie von Kolund, Koph. 1879—1882. im Öxnadalr, hieß der stattliche Hof des Glúmr. Dort lebte er, während sein Sohn Vigfús zurzeit in Norwegen bei Hákon jarl sich aufhielt.

Es geschah nun eines Sommers, daß Ögmundr zu Glúmr äußerte, daß es sein lebhafter Wunsch sei, auch eine Reise nach Norwegen zu unternehmen.

„Ich will mir ein Schiff in GásirGásir lag dort, wo heute die zweitgrößte Stadt Islands, Akureyri steht, im Norden der Insel, am Eyjafjördr. kaufen. Dazu wird ausreichend sein das Geld meines Vaters, so daß ich von deiner Seite nichts weiteres beanspruche, als eine Empfehlung in Worten!"

„Manche unternehmen diese Fahrt", sagte Glúmr, „welche nicht so tüchtig sind wie du!"

Glúmr unterstützte seinen Neffen sodann bei dem Ankaufe solch eines Schiffes, welches von norwegischen Leuten erhandelt wurde, und Ögmundr rüstete zur Auslandsfahrt unter Aufwendung reichlicher Mittel, gespendet von seinem Vater.

Der Aufbruch erfolgte in den bereits vorgeschrittenen Monaten des Sommers. Günstig wehte der Wind, wuchs aber bei eintretendem Unwetter zum Sturme. Als sie das offene Meer durchquert hatten, erblickten sie Land und ließen nun über Nacht ihr Schiff vor dem Winde treiben, hielten aber bei anbrechendem Morgen wieder auf das Land zu. Nach kurzer Zeit legte sich das Unwetter und der Sturm flaute ab, zog indessen über Nacht wieder an. Ögmundr war nun der Meinung, die folgende Nacht sollte es nicht so gehen wie in der vorigen, daß man nur vor dem Winde sich hintreiben ließe. Voll schien ja der Mond. Darum setzten sie Segel, und segelten auch zur Nachtzeit weiter. Als sie dicht an das Land kamen, siehe, da lag vor ihnen eine Anzahl von Schiffen zusammengekettet. Kriegsschiffe waren es, die den Sund sperrten.

Nicht früher hatte man diese Fahrzeuge bemerkt, als sie auch schon eines derselben in den Grund segelten. Dann aber durch diese Lücke hindurchsteuernd, fuhren sie in den Hafen ein.

„Sehr unverständig hätte man gesegelt", behaupteten einige der Passagiere, welche an Bord dieses Kauffahrers sich befanden. Doch Ögmundr wies sie ab mit der Bemerkung, jeder hätte sich zu kümmern um das Seinige.

Jene Kriegsschiffe gehörten Hákon jarl, und das in den Grund gerannte Fahrzeug war Eigentum eines Privatmannes namens Hallvardr, welcher vermögend und zugleich des Jarls nächster Freund war.

Diesem wurde schon in der Morgenstunde gemeldet, welch ein Schimpf und Schade im zugefügt sei.

Auch der Jarl zeigte sich bei dieser Nachricht sehr aufgebracht und meinte, jene Leute müßten wohl Schafsköpfe sein und wären vorher wohl niemals in fremde Länder gekommen. „Hallvardr, du hast von mir die Ermächtigung, sie zu züchtigen und den dir angetanen Schimpf zu rächen; denn jene Schiffseigner werden wohl kaum in der Übermacht sich befinden. Setze keine Schranken, weder deiner Tapferkeit noch deinem Mute, ihnen einen gleichen, oder noch größeren Schimpf anzutun, als du von ihnen erlitten hast!"

Dagegen erhob sich Vigfús Vígaglúmsson: „Ihr solltet doch einwilligen, Herr, von diesen Leuten Buße zu verlängert, damit sie ihr Leben behalten, falls sie sich entschließen, diese ihre Verschuldung unter Euer Gericht zu stellen. Ich will zu ihnen fahren, mich erkundigen, wer sie sind, und um solch einen Vergleich mich bemühen."

„Tue das", sprach der Jarl, „doch scharf, meine ich, wird ihnen erscheinen der Hobel, mit dem ich die Sache zu glätten gedenke.*

Vigfús ging nun hinab zu dem Kaufmannsschiffe und fand dort seinen Vetter Ögmundr, der ihn herzlich bewillkommte.

Nachdem er Nachrichten über Island und seinen Vater erfragt und erhalten, ging er über zu dem Zwecke seiner Sendung und sprach:

„Du bist hier in eine recht schwierige Lage geraten durch den Vorfall, welcher bei eurem Kommen sich ereignet hat."

Dann eröffnete er ihm, wie bei Hofe das Geschehene beurteilt würde, und daß Hákon jarl nur zögernd seine Zustimmung zu einem Ausgleichsversuche gegeben hätte.

„Nun ist dieses meine Absicht, lieber Vetter, dich zu bitten, stelle den Streitfall unter des Jarls Gericht. Ich aber werde deine Sache nach Kräften fördern, und es wird ja auf irgend eine Art ein Abkommen sich finden lassen!"

Ögmundr darauf: „Derartige Dinge hörte ich über diesen Jarl, daß ich doch nicht mein Geschick bedingungslos unter sein Urteil stellen möchte, und dann am allerwenigsten, wenn er Böses mir ankündigt. Dieses würde er sicherlich auch ausführen. Doch nicht lehne ich eine Bußzahlung für diesen Vorfall ab, falls er einen milden Spruch tun will!"

Nun Vigfús: „Du mußt darauf achten, was dir frommt? — Indessen du hast es hier zu tun mit einem Manne, dessen Zorn schwer zu tragen ist, wenn du seine Entscheidung ablehnst."

Vigfús begab sich sodann zu dem Jarl und berichtete, jene isländischen Männer seien seine Kameraden, ja seine Verwandten. Und sie hätten den Willen, ihre Verschuldung unter des Jarls Gericht zu stellen.

Da trat jedoch ein anderer Mann aus dem Gefolge des Fürsten vor und sprach:

„Falsch berichtest du deinen Herrn! — Jene Leute bieten keine brauchbare Buße an!"

Und nun erklärte der Geschädigte, Hallvardr: „In Wahrheit, das ist das Geziemende für mich, selbst diese Genugtuung mir zu holen, und nicht brauche ich dazu den Witz anderer Leute!"

Der Jarl gab ihm zu diesem Vorgehen seine Ermächtigung.

Vigfús aber erklärte: „Derjenige Mann, welcher meinen Vetter Ögmundr erschlägt, bekommt bei passender Gelegenheit die Todeswunde auch von mir!"

„Seid ihr Isländer auch noch so unerschrockene Leute", spricht Hallvardr, „so ist es doch hier zu Lande nicht der Brauch, einen empfangenen Schimpf ungestraft einzustecken, weder von den Vettern Vígaglúms noch von andern ehrenhaften Leuten!"

Darauf läßt sich Hallvardr zu jenem isländischen Kauffahrer hinüberrudern; Hákon jarl aber befiehlt, den Vigfús scharf zu überwachen.

Bei dem Schiffe angelangt, fragt Hallvardr nach dem Kapitän, und Ögmundr meldet sich.

„Ich und meine Landsleute", sagte Hallvardr, „haben schwere Anklagen wider euch. Mein Kommen bezweckt, mich zu erkundigen, ob ihr gesonnen seid, dafür eurerseits anzubieten einen passenden Ausgleich und eine annehmbare Buße."

Ögmundr darauf: „Nicht wird Buße versagt, wenn sie nicht im Übermaß gefordert wird!"

Hallvardr antwortet: „Solche Leute sind hier an der Sache beteiligt, welche nicht gewillt sind, kleine Zahlung anzunehmen für große Schmach."

Ögmundr nun: „Da wollen wir doch die Buße verweigern, wenn man so groß tut!"

„Und ich halte es am wenigsten für passend, da zu bitten, wo es eure Sache ist, anzubieten!"

Mit diesen Worten sprang Hallvardr auf das Deck des Kauffahrers und versetzte dem Ögmundr einen so derben Schlag mit dem stumpfen Hammer seiner Streitaxt, daß derselbe sofort bewußtlos zusammenbrach.

Hallvardr begab sich darauf zum Jarl und meldete, was geschehen.

„Erheblich geringer, als verdient, fiel diese Züchtigung aus", erklärte Hákon.

„Jener Kapitän war der Meistbelastete! — Und für den Augenblick erschien es mir ausreichend, nichts mehr zu tun, als ihm derart eins auszuwischen, daß er in Ohnmacht fiel. Es genügt, Kränkung gegen Kränkung zu setzen. Ich habe es ja in meiner Hand, die Strafe später zu verschärfen, wenn das gewünscht wird."

Sobald Vigfús den Vorgang erfuhr, wurde er sehr zornig, und gedachte den Hallvardr zu verwunden oder gar zu töten. Doch ihm mangelte dazu die Gelegenheit bei seiner scharfen Überwachung durch Hákon.

Ögmundr erwachte aus seiner schweren Betäubung und hatte davongetragen eine gefährliche Verwundung. An dieser lag er einen großen Teil des Winters, um erst spät völlig zu genesen. Dieses Erlebnis trug ihm außerdem reichlichen Spott ein, indem man ihn fortan benannte den Ögmundr „dyttr"„dyttr", ein in den Sagas selten vorkommendes Wort, ist in seiner Bedeutung nicht ganz sicher. Man könnte es übersetzen mit „Stotterer", oder auch mit „Wackelkopf".. Doch es war absichtlich, daß er sich den Anschein gab, als wisse er nicht, was er spräche.

Vigfús besuchte ihn oftmals und forderte ihn auf zur Rache. „Willst du die erlittene Schmach vergelten, verspreche ich dir dazu meinen Beistand!"

Darauf Ögmundr: „Diese Sache, lieber Vetter, sieht doch anders aus, als wie du sie dir vorstellst. Ich glaube, nicht stärker von Hallvardr an meiner Ehre gekränkt zu sein, als wie ich es verdient habe. Es war nicht zu erwarten, daß weniger darauf folgen würde, weil wir unsere Schuld ja von Anfang an so verschärft hatten. Und es wäre unverständig, sich jetzt noch rächen zu wollen. Ist doch Hallvardr der Busenfreund des Jarl, in dessen Gewalt auch du hier geraten bist. Und andern Dank bin ich deinem Vater Glúmr schuldig, als dich durch mein Verhalten hier in solch eine Gefahr zu stürzen, aus der du sicherlich unter Verstümmelung, oder wohl gar mit dem Tode hervorgehst!«

„Für diese Vorsicht kann ich dir keinen Dank wissen", versicherte Vigfús, „und ebensowenig wird das tun mein Vater, indem du hier den Anschein dir gibst, der Hüter meines Wohlbefindens zu sein, wo ich selber dieser Hut nicht achte. Mir scheint, es ist mehr deine Mutlosigkeit, welche dich beherrscht, als deine Vorsicht. Und ein wenig lohnendes Beginnen ist dieses, Beistand leisten zu wollen einem Manne, der ein Hasenherz in seiner Brust trägt. Doch es ist klar, du hast mehr der Blutstropfen in dir aus dem Geschlechte deines Vaters, der ein Knecht war, als von den Leuten auf Thverbrekka!" —

Vigfús trennte sich mit diesen harten Worten von seinem Vetter in zornigster Aufregung.

Der Winter ging zu Ende und im Frühjahr rüstete Ögmundr sein Schiff zur Heimfahrt nach Island, wo er im Sommer, und zwar in Eyjofjördr landete. Er hatte viel Geld auf dieser Reise verdient.

Glúmr erfuhr sehr bald das Einlaufen des Schiffes, nicht minder aber auch die Beschimpfung, welche Ögmundr auf dieser Reise sich geholt hatte.

Als Schiff und Ladung geborgen waren, ritt Ögmundr nach Thverbrekka, um eine Zeitlang bei Glúmr zu verleben. Doch dieser war äußerst wortkarg gegen ihn und verbarg es durchaus nicht, daß Ögmundrs Ankunft ihn wenig erfreue.

Ögmundr indessen spielte den Fröhlichen und tat sehr groß. Wo nur in der Umgegend eine Versammlung von Männern stattfand, war er zugegen und mischte sich in die Angelegenheiten der Leute. Brach Streit zwischen den Recken aus, da schien niemand bereiter zu imponierenden Anschlägen, als wie eben Ögmundr. — Er griff auch tätig in Glúmrs Wirtschaftsbetrieb ein, wo etwas zu besorgen oder einzubringen war, und tat das alles mit größter Selbstgefälligkeit.

Doch er mußte lange warten, ehe Glúmr ein Wort ihm gönnte.

Da, eines Tages, brach Glúmr sein Schweigen und redete den Vielgeschäftigen in folgender Weise an: „Du solltest nun doch begreifen, Ögmundr, daß ich keinerlei Dank für deine Mühe dir weiß. Mir kommt es schier wunderlich vor, daß du hier so kühn und so unternehmend dich zeigst in den Angelegenheiten anderer Leute, obgleich du doch für dich selbst kein tatkräftiger Mensch bist. Denn wie miserabel ist dein erster Ausflug abgelaufen; so miserabel, daß ich dich gar nicht ansehen möchte! Du lebst ja dir selbst und allen deinen Verwandten zur Schmach und zur Schande, und wirst lebenslänglich an dir tragen den Schimpf der Feigheit. Denn du hast es ja nicht gewagt, dich zu rächen!" —

Darauf antwortet Ögmundr: „Ich bitte dich, lieber Oheim, erwäge meinen Grund, der mich bestimmte, die Rache dort aufzugeben. Ich dachte an die große Gefahr, in welche dein Sohn Vigfús dadurch geraten würde!"

„Den Vigfús zu bemuttern war nicht deine Pflicht, sobald dieser das nicht selbst verlangte! Viel möchte ich darum geben, ihr beide wäret tot, du aber hättest dich dadurch bewährt als einen Mann, entschlossen zur Einforderung von Genugtuung! Und nun gibt es für dich nur ein Entweder—Oder. Entweder du zeigst dich in dieser Sache kräftig und zäh, wie andere Recken, und beweisest deinen Mut, wenn das auch spät kommt; oder du bist nichts weiter, als ein elender Wicht! Ja, noch mehr! Du sinkst herab zum Taugenichts. Denn es wird dann in deinem Blute nur noch stärker heranwachsen die gemeine Seite. Und der Abkömmling eines Knechtes liefert damit den Beweis, wie wenig tauglich er ist zur Ritterschaft! — Geh', ich will dich nicht länger unter meinen Augen haben!" —

Ögmundr verließ darauf den Hof seines Oheims und begab sich zu seinem Vater Hrafn, wo er fortan lebte.

Nach zwei Jahren, welche Ögmundr auf diese Weise in Island zugebracht hatte, rüstete er im Sommer wiederum ein Schiff aus und heuerte Matrosen zur Reise nach Norwegen. Von hoher See kommend, nahmen sie den Kurs auf Thrandheim und segelten den Fjord hinauf, wo man bei Niðarhólmr Anker warf. Der Abend war bereits angebrochen.

Jedoch am nächsten Morgen, in aller Frühe, befahl Ögmundr: „Nun schnell das Boot klar gemacht. Ich will den Nidfluß hinauffahren, um mich nach Neuigkeiten in der Stadt zu erkundigen. Er warf über einen gestreiften, pelzgefütterten Mantel, der auf den Achseln mit Spangen geziert war, ein vornehmes Gewand und großes Wertstück. Nur zwei Matrosen ruderten das kleine Boot hinauf. An der Schiffsbrücke legten sie an.

Da kam aus der Stadt von oben herab ein Mann, gehüllt in einen Mantel, aus Scharlachtuch und reich überstickt.

Dieser Mantelträger tritt ans Bollwerk und erkundigt sich nach dem Namen des Bootsführers.

Ögmundr gibt sich zu erkennen.

„Bist du der Ögmundr dyttr?" fragt jener.

„Einige Leute gaben mir diesen Zunamen! — Doch, wer bist du?"

„Ich heiße Gunnarr mit dem Beinamen „helmingr" (der Halbe), nämlich darum, weil ich es liebe, gestreifte Kleider zu tragen."

„Was gibt es Neues hier zu Lande?" fragt nun Ögmundr.

„Wichtiges trug sich zu. Hákon jarl ist nämlich gestorben und den Thron bestieg der treffliche König Oláfr TryggvasonOláfr Tryggvason regiert über Norwegen von 995 — 1000. Dieser Abschnitt unserer Erzählung fällt also in den Sommer des Jahres 995.."

„Und was kannst du mir sagen über einen gewissen Hallvardr, gebürtig hier aus der Landschaft Thrandheim; ein Mann von altem Adel und von großem Vermögen?"

„Selbstverständlich fragst du mich nach ihm. Man nennt ihn jetzt allgemein den Hallvardr ,häls'. Denn in der Schlacht gegen die Jomsvikingr, wo er an der Seite von Hákon jarl focht, empfing er einen scharfen Hieb in den Hals hinter dem Ohre. Davon herrührend, muß er jetzt seinen Kopf schief tragen. Übrigens hält er sich hier in der Stadt auf im Gefolge des Königs und steht bei ihm in hohen Ehren."

„Doch, Ögmundr, was trägst du da für einen schönen Mantel, prächtig an Farbe und dazu gestreift! Verkaufe mir denselben!"

„Verkäuflich ist er nicht. Doch wenn er dir gefällt, da nimm ihn hin als Geschenk!"

„Gib her, du liebenswürdigster aller Männer", sagte Gunnarr, „ich werde mich nicht undankbar zeigen. Doch fürs erste nimm hin diesen meinen Mantel. Er mag dir Glück bringen!" —

Sie tauschten die Gewänder, und Gunnarr, in seinen Pelz gehüllt, schritt zur Stadt hinauf. Ögmundr aber, in Gunnarrs Scharlachmantel gewickelt, erteilte seinen Leuten noch folgenden Befehl:

„Macht fest das Boot an der Brücke, aber am Hintersteven. Entfernt euch nicht in meiner Abwesenheit, sondern bleibt beide auf den Ruderbänken sitzen, die Riemen bereit zum Einlegen."

Dann ging er zur Stadt hinauf und begegnete in der frühen Morgenstunde nur wenigen Leuten.

Eine Tür stand offen, an der er vorbeischritt. Sie gewährte den Einblick in ein Zimmer. Darin standen etliche Leute mit Handwasser, in ihrer Mitte aber einer von besonders stattlicher und stolzer Haltung, der seinen Kopf schief trug. An solchem Merkzeichen wurde er als Hallvardr, nach Gunnarrs Beschreibung, von Ögmundr erkannt.

Ögmundr bleibt vor der offenen Tür stehen, und alle Leute in dem Zimmer sind der Meinung, das ist der Gunnarr helmingr, wegen seines purpurnen Mantels. Mit gedämpfter Stimme ruft nun der draußen stehende Mann in das Zimmer hinein und bittet den Hallvardr zu ihm herauszukommen, da er einen dringenden Auftrag habe.

Dieses geschehen, tritt Ögmundr von der Tür etwas seitwärts und zieht sein Schwert.

Da der Gunnarr helmingr eine allen wohlbekannte Persönlichkeit war, nimmt Hallvardr keinerlei Bedenken, allein hinaus auf die Straße zu treten.

Hier nun, sobald beide Männer einander gegenüberstehen, versetzt Ögmundr sofort ihm den Todesstoß.

Dann eilt jener hinab zu seinem Boote. Hier wirft er zunächst den Mantel ab, steckt einen Stein in dessen Kapuze und schleudert das Gewand in den Fluß, wo es sofort auf den Grund sinkt.

Nach dieser getroffenen Vorsicht springt er selber in das Boot und befiehlt schnelles Hinausrudern.

Bei seinem Schiffe angekommen, spricht er zu der Mannschaft: „Große Unruhen sind hier im Lande ausgebrochen. Der Wind hat sich gedreht und kommt aus dem Fjord heraus. Also das Segel hoch und zurück nach Island!" —

Die Matrosen aber sprachen bei sich selbst: „Der ist noch immer der Furchtsame, wie zuvor, da er sich nicht ans Land traut, weil hier die Bürger miteinander im Streite liegen!"

Unter Segel gegangen, fuhren sie zurück nach Island und liefen ein in den Eyjafjördr.

Ögmundr aber begab sich zu Víga-Glúmr und erzählte das Erlebnis seiner Fahrt. Der vergeltende Schlag sei nunmehr gefallen, wenn auch nach geraumer Zeit!

Glúmr zeigte sich darüber erfreut und erklärte: „Das war ja auch stets meine Hoffnung, du würdest noch einmal dich bewähren als einen tüchtigen Mann!" —

Ögmundr lebte fortan mit seinem Oheime Glúmr im besten Einvernehmen.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

Zur Inhaltsübersicht oder direkt Zum Tor

 

5,646,032 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang