Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Oláfr Haraldsson helgi, 1015—1030:
Von Egill Siðuhallsson.

 

 

Kapitel I.

 

Egill, der Sohn des Hallr aus SiðaSiða, ein kleiner Distrikt im Osten Islands. Der Hof des Siðu-Hallr führte den Namen Thváttá, d, h. „Waschfluß". Der gleichnamige Bach fällt in den Alftafjördr., fuhr eines Sommers, so erzählt die Saga, aus seiner Heimat hinaus nach Norwegen, und dieses in Gesellschaft des Tófi, der ein Sohn des Valgautr war. Tófi stammte von der Insel Gotland und sein Geschlecht war ein vornehmes. Denn sein Vater Valgautr war der Yarl (Gaugraf) von Gotland. Beide, Vater und Sohn, waren indessen sehr ungleichen Charakters. Der Yarl war ein eingefleischter Heide, Tófi aber ein Christ, weil er in jungen Jahren schon auf Vikingsfahrt die Taufe und den rechten Glauben angenommen hatte.

Tófi war den Winter zuvor Gast in Egills Hause auf Island gewesen, bevor sie beide gemeinsam jene Reise antraten. Nach glücklicher Fahrt landeten sie in Norwegen.

Um jene Zeit war der König über dieses Land Oláfr der DickeOláfr digri bekam später in der Geschichte den Namen Oláfr helgi, d. h. der Heilige, regiert von 1015—1030. .

In Begleitung Egills, so berichtet man, teilten die Fahrt auch sein Weib Thorlaug, sowie deren achtjährige Tochter Thorgerðr.

Als nun Tófi und Egill dem Könige Oláfr sich vorgestellt hatten, ladet dieser beide zu sich ein, und erfreut über diese Ladung gehen sie an den Hof.

Der König zeichnete beide besonders aus; namentlich aber Egill macht auf ihn den Eindruck eines hervorragenden Recken, wie denn nach dessen vornehmer Abstammung dieses auch zu erwarten stand.

Für Mutter und Tochter aber mietete Egill, bevor er an den Hof sich begibt, ein Frauengemach, welches dieselben auch eine Zeitlang dort bewohnten.

Als Egill und Tófi nun bereits längere Zeit unter des Königs Gefolge sich aufgehalten hatten, wurde ihr Gesicht darob nicht aufgehellt, sondern finster.

Das bemerkte der König gar bald und fragte nach der Ursache.

Egill tat ihm Bescheid mit folgenden Worten: „Herr! angemessener, dünkt mich, wäre es, daß hier bei Hofe auch mein Weib und meine Tochter wären! — Doch geziemte es uns nicht, darum anzuhalten!"

„Gefällt euch das besser, so gewähren wir solches gern!" antwortete der König.

Beide Frauen kamen nun an den Hof. Und als der König die Maid Thorgerðr, Egills Tochter, sah, da sprach er:

„Mädchen, wir hoffen, daß du ein Glückskind bist!" — Das hat sich denn auch bewährt, sie wurde nämlich die Mutter des Bischofs JónDerselbe, Jón Ögmundarson, tritt in einer sehr bemerkenswerten Weise hervor in der Erzählung dieses Buches: „Von Gíslí Illhugason". Er wurde kanonisiert 1193. Dieses Datum ist wichtig für die Abfassungszeit dieser Saga. Dieselbe fällt demnach in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts., den man heilig sprach.

So hielten sich nun die Männer wie auch die Frauen den Winter über bei Hofe auf.

Als aber der Frühling anbrach, fragten Tófi und sein Reisegenosse beim Könige an, ob er ihnen es gestatten wolle, kommenden Sommer eine Handelsreise anzutreten.

Doch der König entschied sich, die nachgesuchte Erlaubnis zu verweigern.

„Mir ist Botschaft gekommen vom Könige, Knútr", sprach er, „daß wir uns diesen kommenden Sommer in Dänemark treffen möchten. Als Ort der Begegnung ist vorgeschlagen der Lymfjord. Und ich habe beschlossen, der Ladung zu folgen!"

Darauf rüstete der König zu solcher Fahrt. Neun Schiffe, von bester Ausstattung, traten zu einem Geschwader zusammen. Und unter des Königs Mannen befanden sich nun auch Egill und Tófi.

Von solcher Fahrt des Königs vermeldet man nun nichts. Erst mit seiner Ankunft im Lymfjord wird dieselbe merkwürdig.

Denn als Oláfr mit seinem Gefolge dort landete, war König Knútr nicht zur Stelle, sondern westwärts nach England gefahren.

Auf diese Botschaft hin tut der König den Schluß: „Knútr ist ein Verräter! — Nichts anderes sinnt er, als zu dieser verabredeten Zusammenkunft mit einem großen Heere zu kommen."

Solche Vermutung über Knúts Pläne teilt nun Oláfr seinen Mannen mit.

„Darum ist es mein Wille", spricht er, „hier nicht auf ihn zu warten! — Da er es aber war, welcher diese Zusammenkunft abgebrochen hat, so laßt uns einen Überfall versuchen, um Knúts Lande zu verheeren! — Das sei der Lohn für solch einen Verrat und Trug!"

Sie verließen die Schiffe, machten einen Streifzug in das Innere des Landes und trugen viel der Beute zusammen, worüber die Menschen in große Angst gerieten.

Nun gab der König den Befehl, seine Leute sollten aufgreifen alle männlichen Personen über 15 Jahre und sie hinschleppen zu den Schiffen.

Da machten sie viele Leute zu Gefangenen. Die Landbewohner flüchteten in das Innere; aber der König und sein Heer folgten den Flüchtlingen nach.

Dann plötzlich ließ der König „Halt" blasen und befahl den Rückzug. „Diese Flucht ist eine Finte", sagte er, „die Leute werden umkehren, um standzuhalten, sobald sie uns weit genug von den Schiffen abgelockt haben, wo sie dann im Vorteile sind.

Nun kehren die Norweger zu den Schiffen zurück, und dort angelangt befiehlt der König die Abfahrt. Sie eilen und werden fertig.

Aber noch standen einige ihrer Zelte am Lande. In diesen lagen wohlbewacht die Gefangenen. Dorther erklang nun viel des Jammerns und des Wehklagens.

 

Kapitel II.

 

Egill Hallsson wendet sich jetzt zu seinem Kameraden Tófi und spricht: „Das sind ja jammervolle Laute, welche jene Menschen ausstoßen! — Ich möchte hingehen und ihre Fesseln lösen!"

„Tu' das nicht, Freund", sagt Tófi, „der König würde seinen Zorn gegen dich wenden, und ich möchte es nicht erleben, daß du kämest in die Schußlinie seines Grimmes!"

„Trotzdem kann ich das nicht verwinden", spricht Egill, „daß jene Leute so unglücklich sind. Länger vermag ich ihre Klagetöne nicht mit anzuhören!"

Darauf springt er auf, eilt zu den Zelten, löst die Fesseln aller Gefangenen und läßt sie entfliehen.

Bald sieht man von ihnen keine Spur mehr. Nun wird es dem Könige gemeldet, alle Männer seien entsprungen, auch wer ihre Fesseln gelöst habe.

Der König ward darob gar zornig und erklärte, dafür solle der Mann seine Strafe erhalten und dazu des Königs Zorn.

Gleichwohl verlief die Nacht ruhig.

Als sie am nächsten Morgen, fahrtbereit, vom Lande abgestoßen hatten, da kommt ein Mann landeinwärts hergesprungen zum Ufer und schreit zu den Schiffen hinüber, er habe notgedrungen mit dem Könige zu sprechen.

Doch niemand beachtet sein Rufen.

Nun setzen sie die Segel auf und passieren einige Klippen. Ein Schiff aber segelt vorauf.

Dem Manne indessen, welcher jenen Ruf ausgestoßen hatte, dünkt es, man sei taub gegen seine Rede. Darum springt er vornhin über jene Klippen und schleudert im Bogen einen Handschuh auf das erste Schiff, welches allein allen voran fuhr.

Die Leute hatten den Eindruck, als wirbelte Staub aus diesem Handschuhe auf.

Dann entfernt sich jener Mann eilends.

Aber eine schlimme Folge hatte seine unheimliche Sendung, nämlich die, daß eine ansteckende Krankheit auf eben diesem Schiffe ausbrach und zwar so heftig, daß die von ihr ergriffenen Männer kaum ihreSchmerzens-laute unterdrücken konnten und viele dem Tode erlagen.

Auch Egill wurde von solcher Krankheit befallen und wohl am heftigsten von allen. Schon war es nahe daran, daß seine Seele entwich. Doch er hielt sich so tapfer, daß kein Schmerzenslaut seinem Munde entquoll.

Da bittet Egill den Tófi, er wolle dem Könige melden, daß er gerne noch eine Zwiesprach mit ihm hätte.

Tófi willfahrt, sucht den König auf und bringt ihm Meldung von Egills Erkrankung und Bitte.

Aber der König antwortet mit keiner Silbe.

Tófi betont noch einmal die Notwendigkeit, daß der König mit Egill spräche.

Da braust der König voller Zorn auf: „Nun und nimmer will ich den Egill sehen!"

Und dem Tófi bleibt nichts anderes übrig, als seinem Kameraden zu melden, wie die Sache stehe.

Doch Egill bittet den Tófi inständigst, noch ein zweites Mal zum Könige zu gehen und sein Anliegen zu wiederholen.

Tófi willfahrt und bringt dem Könige die Botschaft: „Dein Gefolgsmann liegt im Sterben! — Ihn gereut es sehr, was er getan hat und legt alles in deine Gewalt. Sei nun gnädig, Herr, und verachte nicht einen so tüchtigen Mann, sondern begnadige ihn!"

Der König sah den Tófi zornig an und befahl ihm, sich zu entfernen.

Tófi geht und berichtet dem Egill seinen Mißerfolg.

Nun kommt Egill zur Erkenntnis seines schweren Schadens, daß er gereizt habe des Königs Zorn und daß ihn dazu noch befalle eine so heftige Krankheit. Er wußte wahrlich nicht, wie das enden werde.

Gleichwohl bittet Egill den Tófi, noch einmal vor den König hinzutreten und dessen Gnade anzurufen.

„Suche zuvor aber den Finnr ÁrnasonDieser Finnr Árnason nebst seinen drei Brüdern Thorbergr, Árni und Kálfr treten auf als mächtige Häuptlinge in der Erzählung dieses Buches von Steinn Skaptason. auf und bitte ihn, dich zum Könige zu begleiten. Er möchte mich doch nicht verachten, wie das den Anschein hat."

Tófi sucht den Finnr auf und teilt ihm die Sachlage mit. Dieser erklärt sich sofort bereit, gemeinsam mit Tófi den König aufzusuchen. Dort nimmt Finnr Árnason das Wort und spricht:

„Herr, tut doch nach Eurer Würde und Ehre und versagt nicht den Beistand einem Manne, der im Sterben liegt! Geruhet zu beachten, ein wie wackerer und tapferer Recke er gerade ist, denn niemand hat vernommen, daß ein Schmerzensschrei aus seinem Munde kam. Erwäget, Herr, was Eurer Majestät geziemt, und gedenket auch ein wenig der Freundschaft zwischen uns beiden! — Gehet nun zu ihm und gebt ihm ein Zeichen Eurer Gnade!"

Der König spricht:

„Das müßte ich doch erwarten, daß niemand unter meinen Mannen sich erdreisten sollte, mein Gebot zu brechen! — Doch, auf dein Wort, Finnr! — Ich will hingehen und Egill sehen. Ja, ich werde Gott bitten, er wolle sein Leben ihm fristen, damit in angemessene Strafe ich ihn nehmen kann für das, was er tat!"

„Ja, Herr", sagte Finnr, „das steht in Eurer Macht!" —

 

Kapitel III.

 

Der König begibt sich nun zu Egill und findet ihn sehr von Kräften, obwohl nach aller Männer Zeugnis er früher der Stärksten einer war.

Als Egill den König das Schiff betreten sieht, grüßt er denselben. Doch Oláfr versagt ihm den Gegengruß.

Dann richtet Egill an ihn folgende Worte:

„Darum wollte ich, hoher Herr, Euch gebeten haben; leget nun Eure Hand auf meine Brust. Davon erhoffe ich Linderung für mich, obwohl solcher Gnadenerweisung ich nicht wert bin!*

Die Umstehenden glaubten nun wahrzunehmen, daß dem Könige alles, was er hier sah, sehr nahe ging.

Oláfr bedeckt jetzt seine Augen mit einem Leinentuche, legt dann seine Hand auf Egills Brust und spricht diese Worte: „Das muß man dir lassen, gar härtlich bist du!"

Dann, so lautet der Sagabericht, trat nach des Königs Handauflegung sofort eine Linderung der Krankheit bei Egill ein.

Der König bricht auf! — Egill wird von Stund an nun besser und gelangt schließlich zu seiner vollen Genesung.

Man munkelt, König Knútr habe einen der Zauberei kundigen Finnen erkauft, damit er zum Lymfjord reise, den König anschleiche und durch seine Zauberkünste es bewirke, daß Oláfr samt seinem Heere von einer so schweren Krankheit befallen werde, daß sie den Tod nach sich zöge. Irgend ein Hemmnis auf der Fahrt würde ja die Gelegenheit zu solchem Heranschleichen dem Finnen bieten.

Jener Zauberer war nun aber der Mann, welcher den Handschuh auf das Schiff geschleudert hatte.

Nichts weiteres wird von König Olafs Fahrt berichtet, bevor er heim kam in sein Land.

Dort treten nun Egill und Tófi vor Olaf und erbitten seine Verzeihung unter dem Angebot einer Geldbuße, deren Höhe der König bestimmen möge.

„Nicht euer Geld begehr' ich", spricht der Fürst. „Es gibt nur eine Lösung von dieser eurer Schuld!"

„Welche, hoher Herr?"

„Niemals erlangt ihr beiden wieder meine Gunst, es sei denn in einem Falle, daß auf Grund eurer Klugheit und Schneidigkeit ihr dahin es bringt, daß Tófi, dein Vater, Valgautr, mir einen Besuch abstatte. Nur wenn dieses geschieht, sollt ihr beide eurer Schuld los und ledig sein!*

Darauf erwidert Tófi:

„Hier genügt eine kurze Antwort. Um keinen Preis wollen wir unter deinem Zorne bleiben. Und doch weiß ich für gewiß, jenes bringen wir nicht zu stände, es sei denn, daß uns begleite dein GlückssternIm altnord. Text steht „hamingja" = Schutzgeist. — Es war die Vorstellung, daß ein Mensch noch bei Lebzeiten einem andern seine hamingja überlassen könnte, damit dieselbe ihm folge und beistehe mit ihrer Wirksamkeit.! Deswegen lebe ich ja getrennt von meinem Vater, weil dieser mit aller Macht und Gewalt dem Christentum sich entgegenstemmt. Um keinen Preis wird er diesen unseren Glauben annehmen. Und doch, o Herr, mit Eurer Hilfe wollen wir es wenigstens versuchen."

 

Kapitel IV.

 

Tófi und Egill rüsteten nun zur Reise nach Got-land, gingen unter Segel und langten an beim Yarl Valgautr. Sie traten vor den Gaugrafen; Tófi schreitet voran und begrüßt ihn.

Der Yarl empfing zuvorkommend seinen Sohn, wie auch dessen Fahrtgenossen und fordert Tófi auf, jetzt bei ihm zu bleiben.

„Es ist mein Wille", sagt er, „daß du nicht auf der Flucht vor mir dich hältst, sondern vielmehr mir beistehst in der Regierung meines Landes, welches nach meinem Ableben dir zufallen soll!"

„Das ist", erwidert Tófi, „ein Angebot, so gütig wie ehrenvoll! Nichts anderes könnte ich von Euch erwarten! Und doch wird es für diesmal kaum sich schicken. Unser Leben ist verpfändet, alles hängt davon ab, daß Ihr freundlich uns anhöret und unserem Willen Euch füget. Denn König Oláfr hat uns verpflichtet zu dieser Fahrt mit folgendem Auftrage. Ihr, Herr, möchtet Euch entscheiden, uns zu begleiten zum Besuche an seinen Hof. Können wir solches nicht erreichen, so ist unser Los, der Verlust seiner ganzen Freundschaft und zugleich der Verlust unseres Lebens! Doch dieses steht über allem Zweifel fest: Oláfr, der König, ist der vortrefflichste Mensch und überragt alle andern Recken! Daraus ergibt sich ein Zweites, was man sehen muß, um es zu glauben; scharf und vorteilhaft unterscheidet sich des Königs, wie seiner Untertanen, Glaube und Sitte von jener Lebensführung, welche du mit andern heidnischen Männern teilst! — Wohlan, Edelsinn und Blutsgemeinschaft mögen dich nun bestimmen, in der vorliegenden Sache uns und seinem Wunsche willfährig zu werden!"

Da sprang der Yarl auf, voll des höchsten Zornes und verschwur sich, nie habe jemand ein gleiches Wort gegen ihn gewagt, daß er seine Religion verleugnen solle, welche er ein Leben lang bekannt hätte, wie auch seine Vorfahren.

„Ich soll kommen an den Hof jenes Königs, welcher unter allen Männern, von denen mir Kunde ward, der widerwärtigste ist? Für immer hast du zerrissen das Band der Verwandtschaft zwischen uns! — Auf, ihr meine Mannen! Ergreift jenen da, sowie alle seine Fahrtgenossen und werft sie in das Gefängnis!"

Der Yarl war so zornig, wie noch nie in seinem ganzen Leben.

Sein Befehl wurde ausgeführt und jene wanderten in das Gefängnis über Nacht.

 

Kapitel V.

 

Andern Tags, so erzählt man, traten die Mannen samt ihren Hauptleuten und den Freunden des Yarl vor diesen hin mit der Bitte um Schonung für seinen Sohn, weil nur dieses Eine für ihn sich schicke, hier Milde walten zu lassen.

„So erheischt es Eure Ehre und Würde!" versicherten sie. „Seid nun gewillt, einen Rat anzunehmen, der so gut, wie geziemend, ist. Ihr werdet dazu geneigt Euch finden lassen, sobald Ihr den Fall erwogen habt, und Euer Zorn wird sich stillen!"

Der Yarl erkundigt sich jetzt nach dem Namen jenes hochgewachsenen Mannes, der gestern, als der nächste, hinter Tófi einhergeschritten war.

„Ruft ihn hierher! Ihn will ich sprechen."

Egill erscheint. Der Yarl fragt nach Namen und Herkunft, worauf Egill genauen Bericht über seine Person erstattet.

„Was kannst du mir mitteilen über den König Oláfr? Und wie hat es sich zugetragen, daß ihr in seinen Zorn fielt?«

Egill berichtet jetzt all das Geschehene, wie eines aus dem andern gefolgt sei, in einer langen Rede, und zwar mit so beredten Worten und mit so viel ritterlichem Anstände, daß diese Leistung weit das Durchschnittsmaß übertraf: Alle waren erstaunt über solch eine Kraft der Beredsamkeit!

Darauf entwirft Egill dem Yarl ein Bild von Tófis Tüchtigkeit und was das für ein Glück wäre, solch einen Sohn zu besitzen. Um dieser Charaktertüchtigkeit, sowie um der Blutsverwandtschaft willen bittet er zum Schlüsse den Yarl, seinem Sohne wieder schenken zu wollen seinen vollen Rang und die gebührende Wertschätzung.

Der Yarl befahl daraufhin, den Tófi vorzuführen, was nun auch geschah. Nachdem der Sohn vor den Vater getreten, öffnete Valgautr seinen Mund und sprach:

„Ich bin überzeugt, eure Meinung ist es, und das mag ja auch wohl so den Anschein haben, als ob euer König mich vergewaltigen könnte, falls ich nicht freiwillig an seinen Hof käme!

„Nun denn, weil ihr ihn so sehr liebt und ihm gar so gerne zu Willen sein wollt, auch mit Eiden euch verschworen und euer Leben zum Pfände gesetzt habt, so will ich euch nicht jegliche Hoffnung abschneiden! Doch, daß euer König in irgend einer Weise mich zwingen könnte, das werdet ihr selbst kaum glauben!

„Such ich ihn auf, nun, so geschieht das in der Stärke jener Zuversicht, daß meiner heiligen Götter Kraft und Macht mich schirmen werden, damit ich nicht falle durch diesen König als ein überwundener Mann!

„Besonders auch wegen jenes Recken, des Egills, meisterhafter Rede, und nicht minder aus dem zweiten Grunde, weil ich sehe, in der Tat, es ist die Meinung aller, daß nicht für mich es sich geziemen würde, dem Tófi Schaden an Leib und Leben zu tun: so habe ich denn den Entschluß gefaßt; ich begleite euch, wenn ihr das wünschet; doch nur mit einem kleinen Gefolge! So mögt ihr denn frei und ledig gesprochen werden, sobald der König gewahr wird mich und meine Mannen anwesend an seinem Hofe !

„Doch um keinen Preis nehme ich an den Glauben, welchen jener Oláfr predigt! Nein! Zuvor sollen brennen Hütte und Schloß in meinem Reiche und vieler wackerer Männer Leben dahinfallen, bevor ich mein Ja' sage zu solch einer Torheit."

 

Kapitel VI.

 

Darauf rüstet der Yarl zur Fahrt und reist in Begleitung von Egill und Tófi, bis sie in Norwegen zu des Königs Hofe kommen.

Hier richten Egill und Tófi sofort an den König die Frage: Ob sie nun los und ledig ihrer Schuld und befreit von seinem Zorne seien? —

„Sicherlich!" antwortet Oláfr.

Nun ist die Aufnahme für alle eine überaus herzliche. Am nächsten Morgen zieht der König den Yarl in ein Gespräch, voll Verlangen, denselben zur Annahme des christlichen Glaubens zu bestimmen und redet ihm zu mit vielen und nachdrücklichen Worten.

Der Yarl Valgautr erwidert:

„Niemals werde ich mich dazu entschließen, diesen Glauben anzunehmen. Und man sollte es doch nicht wagen, dergleichen bei mir zu versuchen!"

Darauf der König:

„Jedermann wird begreifen, daß ich beides, Gewalt und Macht besitze, dir diesen Glauben aufzuzwingen, sobald ich es wollte. Doch, das will ich nicht tun. Denn sicherlich ist das am allerangenehmsten vor Gottes Angesicht, daß niemand aus Zwang sein Knecht werde. Gott verabscheut es, daß irgend einer zu seinem Dienste gepreßt wird! Doch hat er Wohlgefallen an jedem, der aus freien Stücken und aus gutem Willen den Entschluß faßt, sich zu ihm zu bekehren!"

Nach solcher Rede läßt der König den Yarl seines Weges ziehen in Frieden!

Dieser Yarl kommt samt seinem Gefolge in einen Wald. Noch hatten sie nicht weit von jenem Orte sich entfernt, wo der König sie verabschiedet, obwohl ohne Säumen ihr Ritt geschah. Doch so gestaltete sich die Reise, daß Wälder dichter und dichter an den Weg herantraten, welche sie nun durchschneiden mußten.

Da erkrankt Valgautr plötzlich sehr schwer. Und sofort entsendet er einige seiner Leute zurück zum König Olfifr mit der Botschaft, der Yarl erbitte seinen Besuch.

Eilends überbringen diese die Kunde, und sofort bricht der König auf, den Boten sich anschließend.

Dem König Oláfr teilt der Yarl nun mit, er sei jetzt bereit, ein Christ zu werden.

Mit freudigem Danke vernimmt das der Fürst, wie des Gaugrafen Sinn sich zum Guten gewandt habe.

Sofort schafft Oláfr einen Geistlichen zur Stelle und dem Yarl wird die erbetene Taufe zuteil.

Nach Schluß der heiligen Handlung ergreift Val-gautr das Wort und spricht:

„Jetzt ist es mein Wille, diesen Platz nicht zu verlassen, zumal mein Geist mir sagt, nur wenige der Lebenstage sind mir von jetzt ab noch beschieden! Trifft das ein, so ist dieses mein Wille und Befehl. Man errichte hier auf dieser Stelle, wo ich soeben die Taufe empfing, eine Kirche zum Frommen meiner armen Seele! So viel des Gutes sei dazu gestiftet, als diese Kirche braucht, um daraus erhalten zu werden!"

Man erzählt sodann, des Yarls Todesahnung habe ihn nicht getäuscht; sein Auftrag wurde genau so ausgeführt; auf derselben Stelle erhob sich später ein Gotteshaus, ausgestattet mit reichlichem Gute, wie sich das geziemt.

Aber nach Valgautrs Tode übernahm Tófi, sein Sohn, Regierung und Reich und ward gezählt zu den berühmtesten Männern.

Egill aber blieb ohne Wanken Olafs, des Königs, Freund solange beide lebten.

Kurz darauf kehrte derselbe nach Island zurück; dort galt er für der tüchtigsten einen unter den Recken!

Hier schließt die Saga von beiden, Egill, dem Sohne des Hallr auf Siða, und Tófi, dem Sohne des Valgautr.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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