Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Oláfr Tryggvason, 995—1000:
Von König Oláfr Tryggvason und dem Isländer Kjartan Oláfsson.

 

 

1. Kjartan betritt Norwegen;  Seine erste Begegnung mit dem Könige;  Zerwürfnis und Versöhnung.

 

Kjartan Oláfsson und sein Vetter Bolli verließen (im Jahre 995) Island, um eine Reise nach Norwegen zu unternehmen und landeten nach glücklicher Fahrt in Niðaróss. Dort hatte soeben König Oláfr Thryggvason die Herrschaft über Norwegen angetreten.

Zu jener Zeit hielten sich viele junge isländische Edelinge in Niðaróss auf, welche für den Sommer die Rückkehr in ihr Vaterland beabsichtigten. Allein der neuerwählte König Oláfr Tryggvason hatte ein Verbot gegen deren Abreise erlassen, weil sie sich dauernd weigerten, den christlichen Glauben anzunehmen. Darüber in sehr gereizter Stimmung, zogen sie die beiden jugendlichen Ankömmlinge Kjartan und Bolli, denen teils durch Freundschaft, teils durch Verwandtschaft die meisten nahestanden, sofort in ihren Kreis, und man bestärkte sich gegenseitig in dem Entschlüsse vereinten Widerstandes gegen des Königs Willen.

Der König residierte um jene Zeit in der Stadt. Da begab es sich an einem schönen Herbsttage, daß viele Leute aus Niðaróss hinabzogen an den Niðfluß, um dort ein Wettschwimmen zu veranstalten.

Als Kjartan und seine Freunde davon Kunde erhielten, gingen sie ebenfalls dorthin zu ihrer Zerstreuung. Einer der Schwimmer, wie es schien ein Stadtbewohner, zeichnete sich vor allen den andern aus.

Kjartan forderte den Bolli, welcher ein tüchtiger Schwimmer war, auf, seine Stärke mit jenem Städter zu messen. Doch Bolli lehnte den Vorschlag ab.

Da wirft Kjartan selbst seine Kleider ab und stürzt sich in den Fluß. Er sucht den ihm fremden Städter auf, zieht ihn in die Tiefe und hält ihn lange unter dem Wasser fest; dann läßt ihn Kjartan los und es kommen beide gleichzeitig an die Oberfläche.

Nun dauert es nicht lange, da packt der Städter den Kjartan an und zieht ihn unter das Wasser, wo sie lange auf dem Grunde verweilen, bis Kjartan es nicht mehr auszuhalten vermag. Nun tauchen beide auf, sprechen aber kein Wort miteinander.

Zum drittenmal fahren sie dann miteinander hinab und bleiben nun noch länger unter dem Wasser denn zuvor, so daß Kjartan in Sorge gerät, wie dieses Spiel wohl enden möge, denn niemals zuvor war seine Tüchtigkeit auf eine so harte Probe gestellt worden.

Endlich tauchen sie zur Oberfläche auf und steigen ans Land.

Da erst richtet der Städter an Kjartan die Frage: „Wer bist du?"

Dieser nennt seinen Namen.

Darauf jener: „Du bist ein wackerer Schwimmer! Doch, wie steht es mit den andern Wettspielen? Leistest du auch darin etwas?"

Kjartan zögerte mit der Antwort, dann erwidert er: „Solange ich auf Island lebte, galt ich dafür! Doch jetzt sehe ich, jenes Lob war von keinem Gewicht!"

„Wohl!" sagte der Städter, „von Gewicht ist der Gegner! Warum fragst du nach meinem Namen nicht?"

Darauf Kjartan, stolz abwehrend: „Weil ich kein Bedürfnis habe, deinen Namen mir einzuprägen!"

Dann der Städter: „Hier trifft beides zusammen, du bist tüchtig und nicht minder auch stolz! Dennoch will ich unaufgefordert meinen Namen dir nennen! Ich bin Oláfr Tryggvason, der König!"

Kjartan blieb stumm, wandte dann sich aber rasch zum Gehen. Er war ohne Mantel, doch gekleidet in ein rotes Scharlachwams.

Der König, noch nicht völlig mit seinem Anzüge fertig, ruft Kjartan zurück und fordert ihn auf, nicht so rasch zu enteilen.

Kjartan wendet um und bleibt zaudernd stehen.

Da löst der König von seiner eigenen Schulter den Prachtmantel und reicht ihn Kjartan hin. „Nicht sollst du", spricht er, „mantellos zu deinen Freunden zurückkehren!"

Kjartan dankt dem Fürsten für die Gabe, begibt sich zu den Isländern zurück und zeigt ihnen das empfangene Wertstück.

Diese wurden darob verstimmt, indem sie es aussprachen: Kjartan hätte durch die Annahme solch eines Geschenkes das Recht der freien Entschließung dem Könige gegenüber eingebüßt!

Doch für diesen Augenblick hatte der Vorgang keine Folgen.

Im Herbste wurde das Wetter sehr schlecht. Frost und Kälte steigerten sich. Die Heiden nutzten diesen Umstand aus im Sinne der Opposition, so daß sie erklärten: Man büße auf diese Art jene neuen Erfindungen des Königs, welche den Zorn der Götter geweckt haben.

Die Isländer, den Kjartan in ihrer Mitte, verbrachten den ganzen Winter auch in der Stadt. Hier zeigte sich die Bürgerschaft gespalten. Viele hatten der neuen Christenlehre sich zugewendet, doch die Partei der Gegner war noch um vieles stärker.

Da berief der König eines Tages ein Thing. Die Thingstätte lag vor der Stadt, am Westufer des Niðflusses. Vor einer starken Versammlung empfahl dort der Fürst in langer, wohlgesetzter Rede den neuen Glauben. Als Erwiderung boten die Bauern der Landschaft Thrand-heim, welche mit bewaffnetem Gefolge zur Stelle waren, dafür dem Könige den Kampf an. Doch Oláfr, wenig beunruhigt, ließ ihnen sagen, er erinnere sich, gegen ganz andere Feinde schon im Felde gestanden zu haben, als gegen Dörfler aus Thrandheim!

Diese sichere Haltung imponierte den Leuten derart, daß sie Unterwerfung beschlossen und das Thing endete mit einer starken Vermehrung der Taufkandidaten.

An dem Abend desselben Tages entsandte der König Vertraute zu der Isländer-Herberge mit dem Auftrage, die dortigen Vorgänge und Gespräche zu beobachten.

Die Stimmung unter den Isländern war eine sehr aufgeregte. Man besprach die Geschehnisse des Tages und äußerte sich erbittert besonders darüber, daß der König solchen, welche den neuen Glauben nicht annehmen wollten, mit Gewalt gedroht hätte. Es erschien ihnen geradezu erbärmlich, daß ein Mann nicht lieber den Tod vorzöge, als vor Drohungen sich zu beugen. Kjartan, in Sonderheit, ließ sich hinreißen zu dem Vorschlage, dem Könige lieber das Haus über dem Kopfe anzuzünden, als nachzugeben.

Alles dieses ward dem Könige noch an demselben Abend durch seine Horcher bekannt.

Am nächsten Morgen ließ der Fürst ein zweites Thing ansagen und dazu sämtliche Isländer besonders einladen.

Nach Eröffnung der Versammlung erhob sich Oláfr Tryggvason, um die Erschienenen zu begrüßen und besonders denen zu danken, welche durch Annahme des neuen Glaubens als seine Freunde sich erklärt hätten. Dann aber entbot er die Isländer vor seinen Stuhl und stellte klipp und klar an sie die Frage: Ob sie nun gewillt seien, sich taufen zu lassen? —

Die Antwort war ein „Nein!"

„Nun, dann wählt ihr ein Schicksal, welches euch großen Schaden bringen wird! — Doch, welcher von euch tat denn gestern abend den Vorschlag, mir das Haus über dem Kopfe anzuzünden?"

Da trat Kjartan vor und sprach freimütig: „Du vermutest vielleicht, daß der, welcher solches gesagt hat, nicht kühn genug sein wird, dazu sich zu bekennen? — Hier siehst du ihn!"

„Ja! ich sehe dich!" antwortete der König. „Und zwar als einen solchen, der nicht auf Kleinigkeiten ausgeht. — Indessen, es ist dir nicht beschieden, über meinen Haupthaaren zu stehen!„standa yfir höfudsvördum mínum", eine häufig vorkommende sprichwörtliche Redensart — (höfud-svördr= Kopfhaut, Skalp) —, deren Sinn ist, jemanden „übermannen". — Ich hätte ja allen Grund, dafür zu sorgen, daß du nicht deinen unüberlegten Vorschlag, Könige zu verbrennen, wiederholtest! Da ich indessen nicht weiß, ob dein innerster Sinn bei deinen Worten war, obwohl mannhaft du zu deiner Rede dich bekanntest, so will ich das Leben dir nicht nehmen ob solcher Ursach willen! — Zumal, es ist ja nicht ausgeschlossen, daß du dermaleinst um so fester bekennen wirst, je fester du jetzt, allen voran, dagegen dich stemmst! — Auch dieses fällt bei mir ins Gewicht. Es wird Schiffsladungen wert sein, wenn der Tag anbricht, wo du den christlichen Glauben ergreifest und als ein Nichtgezwungener die Taufe begehrst. Nicht minder werden auch deine Verwandten und Freunde auf Island mit Spannung horchen auf deinen Bericht, wenn du wieder zurückgekehrt sein wirst zu denselben! — Meine Ahnung weissagt mir: Du, Kjartan, wirst von Norwegens Gestaden eine andere Religion in deinem Herzen heimtragen, als wie du sie hergebracht hast! — Für heute geht! — Geht frank und frei, wohin es euch beliebt. Nicht dräng' ich euch den Glauben auf; für heute wahrlich nicht; denn Gott selber hat erklärt, es sei sein Wille, daß nicht irgend jemand im Zwange ihm dienen soll!"

Diese Rede des Königs weckte großen Beifall, sonderlich bei den Christenleuten; aber auch die Heiden hielten es für angemessen, eine Antwort darauf zu geben und beauftragten mit solcher den Kjartan.

Dieser nahm das Wort und sprach: „Wir wollen Euch danken, Herr, daß Ihr uns guten Frieden gebet! — Dies ist der Weg, geneigt zu machen unsere Herzen dem neuen Glauben, nicht aber jenes wirken zu wollen durch Androhung schwerer Pein. Du hast zu uns mit Milde gesprochen an dem heutigen Tage, wo unser Leben verwirkt in deiner Hand lag! — Von mir persönlich aber darf ich hier bekennen: Der neue Glaube hat in Norwegen so weit mich angefaßt, daß, zurückgekehrt nach Island, im kommenden Winter, ich dem Gotte Thor wohl weniger eifrig dienen werde!"

Darauf antwortete der König mit feinem Lächeln: „Ja, Kjartan, dein Charakter ist mir Bürge, daß eignes Schwert- und Selbstvertrauen wohl stärker dich beherrschen mögen, als die Zuversicht auf Thor und Wodan!"

So schloß das Thing.

Als einige Zeit verstrichen war, versuchten etliche Leute aus des Königs Umgebung diesen wiederum scharf zu machen gegen Kjartan und seine Gesellen, indem sie es als eine Gefahr hinstellten, daß solche Heiden, und zwar in so großer Anzahl, in der Stadt geduldet würden.

Der König nahm solch ein Bemühen recht übel auf und entgegnete: „Meine Meinung läuft ganz in das Gegenteil. Es gibt hier viele Christen, welche die tadellose Haltung eines Kjartan und seiner Freunde mich stark vermissen lassen! — Männer von so ausgezeichnetem Werte mag man weit und breit suchen!"

Unter den Verbesserungen, welche der König in diesem Winter Niðaróss zuwandte, stand neben der Stadterweiterung auch ein Kirchenbau. Dieser letztere war fertig zur Weihe am Weihnachtsfeste.

Da schlug Kjartan seinen Gesellen vor einen Gang in die Nähe des Heiligtums, um den Verlauf der christlichen Zeremonien aus der Ferne zu beobachtenIn der Quelle Fornmanna-Sögur II, 37 wird erzählt, es sei dieses ein Nachtgottesdienst gewesen; sicherlich eine Situation, besser geeignet für einen Beobachter, der unerkannt zu bleiben wünscht. Es heißt dort: „Kjartan maelti til sinna manna, at þeir mundi standa upp um nóttina, ok gánga svâ naerr kirkjunni, at þeir maetti sjá ok heyra atferli kristinna manna, hversu þeir flytti fram sín fraeði ok þjönosto við sinn guð.". Dieser Vorschlag ward von vielen aufgegriffen, wenn auch nur um der Belustigung willen.

Man ging, und in dieser Gruppe vornehmer Isländer bemerkte man besonders neben Kjartan auch Bolli und Hallfreðr, den Skalden.

Der König selbst hielt die Weiherede, nicht kurz, aber durchschlagend, und erntete reichen Beifall bei den Christenleuten.

Als jene Gruppe von Isländern heimgekehrt war, entstand in der Herberge ein lebhafter Gedankenaustausch über des Königs Ansprache zu der Feier dieses Tages, welchen die Christen als ihr zweitgrößtes Fest begehen. Man wiederholte dabei besonders folgenden Satz aus des Königs Rede: In dieser Nacht sei jener große Häuptling geboren, dem wir unsere Gefolgschaft zu leisten haben! — Das sei der Kern von des Königs Forderung!

Auch Kjartan sprach sich über das Erlebte aus, und zwar in folgenden Worten:

„Gleich das erstemal, als ich den König zu Gesichte bekam, gefiel er mir sehr. Ich erhielt den Eindruck eines bedeutenden Mannes. Dieser Eindruck hat sich bei jeder späteren Begegnung verstärkt. Doch am aller-eindrucksvollsten erschien seine Persönlichkeit mir an dem heutigen Tage. Und der vollen Meinung bin ich, es wird uns zur ernsten Pflicht, unseren Glauben zuzuwenden dem wahren Gotte, welchen der König empfiehlt. Ja, ich kann wohl sagen: Dem Könige mag nicht mehr daran liegen, daß ich gläubig werde, als mir daran liegt, daß ich mich taufen lasse! — Dieser Plan ist jetzt mein Hauptanliegen. Und wenn ich nicht auf der Stelle zum Könige gehe, so hält nur folgendes mich ab. Der Tag ist hin. Der Fürst wird bereits bei Tafel sitzen. Und eines unangebrochenen Tages bedarf es, falls wir, ich meine unsere ganze Schar, uns taufen lassen."

Bolii begleitete diese Auslassungen Kjartans mit seinem vollen Beifall und forderte ihn auf, über sie alle zu bestimmen.

Ehe noch die Speisetische in Olafs Festhalle abgeräumt waren, hatte der König jenes ganze Gespräch bereits erfahren, denn er hielt in allen, von Heiden bewohnten, Herbergen seine Vertrauensmänner.

Hocherfreut über das Vernommene sagte der Fürst: „An Kjartan erfüllt sich der Spruch: Festtage sind Glückstage!"

Sofort, am kommenden Morgen in aller Frühe, als Oláfr, um zur Frühmesse sich zu begeben, zur Kirche schritt, kreuzte Kjartan seinen Weg. Nicht allein war er, sondern begleitet von einer Anzahl seiner Landsleute.

Kjartan verneigte sich vor dem Fürsten mit aller Ehrerbietung und sagte, ein ernstes Anliegen führe ihn her.

Der König, nach sehr freundlichem Gegengruß, erwiderte, er sei über Kjartans Anliegen bereits vollständig unterrichtet und leicht sei dieser Wunsch zu erfüllen.

Worauf Kjartan bittet, mit der Herbeischaffung des Taufwassers nicht zögern zu wollen, zumal ein großes Quantum davon nicht erforderlich sei.

Diesen letzten Gedanken aufgreifend, erwidert der Fürst, indem seinen Mund ein feines Lächeln umspielte:

„Gewiß! Kjartan, nicht sollte das Geizen und das Kargen über das Mehr oder Weniger des Wassers uns beide entzweien, selbst wenn deine Erwerbung mir noch teurer zu stehen käme!"

Sodann wurde der Taufakt vollzogen an Kjartan, an Bolli und der sämtlichen von den beiden Recken abhängigen Schiffsmannschaft, sowie einer Menge anderer Isländer. Dieses alles geschah am zweiten Weihnachtstage nach der Messe.

Kjartan und Bolli wurden darauf von dem Könige zur Weihnachtsfesttafel geladen.

Als beide ihre weißen Taufgewänder abgelegt hatten, traten sie in das persönliche Gefolge des Fürsten ein und besonders Kjartan erwarb sich des Königs höchste Wertschätzung, nicht bloß wegen seiner edlen Abkunft, sondern besonders auch wegen seiner hervorragenden Tüchtigkeit. Ebenso beliebt war er nicht minder im Kreise seiner neuen Kameraden, und kaum hatte er unter dem fürstlichen Gefolge einen einzigen Gegner.

Alle stimmten darin überein, daß bisher von Islands Gestaden kein Besserer herübergekommen sei! — Unter solchen Ereignissen verstrich der Winter.

Den zahlreichen isländischen Täuflingen an jenem zweiten Weihnachtstage hatte sich nicht angeschlossen der Skalde Hallfreðr. Und der Grund dafür war des Skalden Verlangen, wenn er überträte, dann müsse der König in eigener Person als Pate ihm zur Seite stehenWegen obiger Forderung erhielt der Skalde den Beinamen vandraedaskald, d. h. der Mann der Schwierigkeiten, und unter dieser Bezeichnung „Hallfreðr vandraeðaskáld Óttarsson", allerdings mit hohem Ruhme, da er ein sehr tüchtiger Dichter war, geht er durch die altnordische Literatur. Vgl. I, 556—566 Litteraturs Historie af Finnur Jónsson, Köbenh. 1894..

Hallfreðrs Taufe erfolgte auf Grund dieser Sonderforderung erst später.

 

2. Kjartan nimmt Abschied.

 

Wie der König seinen Willen durchgesetzt hatte bei den jungen nach Norwegen gekommenen isländischen Edelingen, so war es auch jetzt sein Streben, deren Mutterland zur Annahme des Christentums zu bewegen. Das geschah durch Entsendung von theologisch gebildeten Missionaren, dann aber auch durch eine politische Maßregel. Er behielt vier der vornehmsten jungen, bekehrten, isländischen Edelinge als Geiseln an seinem Hofe zurück, während alle die andern die Erlaubnis zur freien Rückkehr erhielten. Unter jenen als Geiseln zurückgehaltenen befand sich auch Kjartan, für welchen des Königs Herz eine warme und tiefe Freundschaft mehr und mehr empfand.

Auch Ingibjörg(Tryggvadóttir), des Königs Schwester, eine der schönsten Jungfrauen des Landes, welche zu jener Zeit am Hofe zu Niðaróss sich aufhielt, ließ ihr Auge mit Wohlgefallen ruhen auf der ritterlich jugendlichen Gestalt des Kjartan, und ihre Seele hegte in ihren verschwiegenen Tiefen aufkeimende Wünsche.

Da ändert sich unerwartet die Lage!

In Island war durch Beschluß des Althings im Sommer des Jahres 1000 die Einführung des Christentums als Staatsreligion zum bindenden Gesetz für die ganze Insel erhoben worden.

So hörte der politische Vorwand für Kjartans ferneres Verbleiben in Norwegen auf, und auch eine in seinem Gemüte bewahrte Jugendneigung zu der hochbegabten Gudrun Osvífrs dóttir auf Laugar im Saelingstale zog ihn stark zurück. Beides trieb zum Abschiede von König Oláfr Tryggvason und auch von dessen Schwester Ingibjörg.

Diese Scene voll großer Zartheit und feiner Kunst der Darstellung soll hier, dem Urtexte entnommen zur Mitteilung kommen.

Als sein Schiff segelfertig dalag, ging Kjartan zu Ingibjörg, des Königs Schwester, um Abschied zu nehmen. Diese empfing ihn freundlich und nötigte zum Niedersitzen an ihrer Seite.

Es begann das Gespräch damit, daß Kjartan auf seine Reisebereitschaft zur Heimfahrt nach Island hinwies.

Ja!" sagte sie, „so ist es! Und wenn du jetzt Norwegen verlassen willst, so folgst du hierin mehr deinem eigenen Triebe, als dem Drängen anderer!"

Dann vergingen beiden die Worte im Gedanken an den kommenden Abschied.

Nun Öffnete Ingibjörg eine TruheIm altn. Texte steht „mjöddrekka", also eigentlich ein Tongefäß. An dieser Stelle sehr auffallend; daher ist meine freie Obersetzung wohl statthaft., welche ihr zur Seite stand, und zog hervor einen weißen mit Goldfäden durchwirkten Schleier. Diesen reichte sie Kjartan hin mit der Aufforderung, solchen um das Haupt zu winden der Gudrún Osvífrs Tochter, als einen passenden Schmuck.

„Dieses Tuch sei die Hochzeitsgabe des Bräutigams an seine Braut! Islands Frauen mögen daran sehen, daß das Weib, dem du hier in Norwegen nahe standest, nicht von unedler Herkunft war!"

Eine Tasche, geschnitten aus kostbarem Stoffe, diente dem Schleier als Umhüllung. So war das Ganze denn ein höchst vornehmes WertstückSolche Kopfschleier, aus feinstem weißen Musselin mit Goldfäden durchwirkt, sind ein indisches Fabrikat und werden noch heute, wie ich von einem dreimaligen Besuche Indiens weiß, in Mädura (Präsidentschaft Madras) für die vornehmen Brahminen-Frauen gewebt. Auch ist es dort Sitte, dieselben in Taschen aus Brokat, welchen man unter „guðvefr" (Fritzner I, 660) gut verstehen kann, aufzubewahren. Ich bin also geneigt, in diesem „ágaetastr gripr" vornehmen Wertstücke eine indische Importware zu suchen. Fragt man, wie eine solche nach Niðaróss kommen konnte, so verweise ich auf die lebhafte Verbindung der Nordlande mit Konstantinopel (Mikligarðr), auf dessen Bazaren sicherlich indische Produkte und Fabrikate nicht fehlten, wohin sie kamen auf dem Land- und Wasserwege durch die, einen lebhaften Handel mit Indien treibenden, Araber..

„Nicht kann ich dir zum Hause hinaus das Geleit geben", schloß Ingibjörg das Gespräch. „Nun leb' denn wohl! — Und nochmals wohl!" — Da erhob sich Kjartan und in großer Bewegung umschlang er Ingibjörg. — O, es war deutlich zu sehen, wie schwer beiden der Abschied voneinander wurde!

Nun schritt Kjartan zum Könige, um auch ihm zu melden, daß er reisebereit sei. Der Fürst gab dem Scheidenden das Geleit hinab bis zum Schiffe, und zwar mit großem Gefolge.

An dem Stege angelangt, der vom Ufer hinüber auf das schwankende Fahrzeug führte, brach der König das Schweigen.

„Hier, Kjartan, nimm dieses Schwert; es ist mein Scheidegruß an dich. Laß diese Waffe dir folgen wie einen Schutzgeist! Solange du dieses Schwert um dich gegürtet trägst, hoffe ich, werden Wunden, von Feindes Hand geschlagen, dich nicht bedecken!"

Das war nun eine hohe Ehrengabe, nicht gerechnet die ausgesucht schöne und kostbare Arbeit.

Kjartan dankte dem Fürsten in den herzlichsten Worten für alle die empfangene Güte und Ehre, ihm bewiesen während seines Aufenthaltes in Norwegen.

„Und nun zum Schluß denn, Kjartan, noch einsl Ein dringend Gebot: Halt fest an deinem Glauben!"

Dann schieden sie in innigster Liebe.

Kjartan ging über den Steg und betrat sein Schiff. — Der König blieb noch lange stehen und schaute sinnend nach dem dahingleitenden Fahrzeuge. Dann sagte er:

„Ein schweres Verhängnis ist beschieden dem Kjartan und seinem Geschlechte! Und wenig des Friedens liegt für dich in des Schicksals Schoß !"

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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