Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Aus der Regierungszeit von König Haraldr hinn hárfagri 860—933:
Von Thorsteinn tjaldstaedingr, dem Zeltspanner.

 

ÚIfr (Wolf) wohnte in Thelamörk und bekleidete dort das Amt eines HersenHersen waren Bauern von großem Grundbesitz, welche zugleich die Vorsteherschaft über einen ganzen Distrikt hatten und damit verbunden das Amt eines obersten Richters und Priesters. Zu damaliger Zeit hatten in Norwegen diese noch die Stellung von unabhängigen Kleinkönigen; aber Haraldr hárfagri (860—933) beseitigte ihre Macht durch die entscheidende Schlacht im Hafrsfjördr (872), nahe bei Stavanger, und legte zum Zeichen dessen ihnen sowohl, wie den ihnen in ihrem Distrikte unterstellten Bauern, den Grundzins auf. — Das war eine der Hauptursachen, welche viele Aristokraten bewog, mit ihren Familien Norwegen zu verlassen und in dem vor kurzem (871) entdeckten Island sich anzusiedeln. Für diese politische Umwandlung ist die hier folgende Erzählung ein charakteristisches Betspiel.. Sein Sohn war Ásgrimr, welcher in der Ehe lebte mit Thorkatla. Nach des Vaters Tode trat Ásgrimr das Erbe an und wurde ein sehr geachteter Mann. Als er eben sich gerüstet hatte, auf Víkingsfahrt auszuziehen, wurde sein Weib abends zuvor von einem Knaben entbunden.

Ásgrimr beschloß, dieses Kind nicht anzuerkennenDas erste und älteste Recht des Vaters äußert im germanischen Altertume sich gleich bei der Geburt des Kindes. Er kann dasselbe aufnehmen, oder aussetzen. Hebt er es auf, so wird es sofort mit Wasser besprengt und erhält von dem Vater seinen Namen.
Jacob Grimm, Deutsche Rechtsaltertümer, Göttingen 1881, S. 45517.
, sondern gab einem Knechte den Befehl, dasselbe zu vergraben.

„Wird es nun nicht rätlich sein, die Grube herzurichten?" fragte der Knecht.

„Das mag wohl seinl" sprach Ásgrimr. Der Säugling lag während dieses Gesprächs auf der Diele. Da hörte man das Kind folgende Strophe sagen:

„An dem Herzen der Mutter,

So weich und so warm,

Stand einst mein Lager! —

Wie kalt und wie hager

Bist du mir, Diele,

Bist du mir, Erde! —

Denn mich hebet

Und mich heget

Keines Vaters liebender Arm! —

Laßt das Schleifen

Eurer Eisen,

Laßt das Graben

Eurer Gruft! —

Denn mich banget

Und mich langet,

Daß ich bleibe.

Daß ich trinke

Sonnenglanz und Luft!"

„Ja, du sollst leben bleiben, mein Junge!" sprach nun sein Vater. „Zuverlässig, du wirst einmal ein berühmter Mann werden. Dafür spricht dieses wunderbare Ereignis." Nun ließ Ásgrimr Wasser über das Kind ausgießen und gab ihm den Namen Thorsteinn.

Zu jener Zeit war Haraldr hárfagrimit dem schönen Haupthaar König über Norwegen und hatte beinahe alles Land sich unterworfen durch Auflegung von Steuern.

Dieser beschied eines Tages zu sich den Thórormr, seßhaft auf Thróma, des Königs Vetter.

„Es ist mir bekannt", begann der Fürst zu ihm, „daß der Grundzins von den Insassen der Thelamörk nicht bezahlt wird. Darum ist es mein Wille, daß du hingehst und aufsuchst den Ásgrimr, des Hersen Úlfr Sohn, denn keinem Manne gegenüber gebe ich auf mein Recht. Beide, Vater und Sohn, sind wohlhabend; denn sie haben mit Eifer und Tüchtigkeit gewirtschaftet, seitdem ich meine Regierung antrat über Norwegen. Ich will jetzt den Zins einfordern nach aller Gebühr!"

Thórormr darauf: „Ich werde deinen Auftrag ausrichten, doch fürchte ich, sie werden nicht zahlen wollen !*

„Nun, dann sollen sie es fühlen, wer von uns der Stärkere ist! — Zunächst doch versuchen wir es mit Milde!" —

Thórormr begibt sich auf die Fahrt, trifft den Ásgrimr daheim, bestellt des Königs Botschaft und fordert den üblichen Zins: „Nun begeht nicht die Ungebühr, dem Könige sein Recht zu verweigern!"

Darauf Ásgrimr: „Da meine ich denn doch, meine Familie sitzt auf steuerfreiem Grunde. Und obwohl dieser König von beispielloser Habsucht ist, so will ich gleichwohl ein freier Mann bleiben, der keine Steuern zahlt."

Thórormr wendet ein: „Und ich meine, das hieße sehr unverständig gehandelt; denn selbst Leuten, stärker an Macht als du, hat es wenig gefrommt, sich in einen Kampf mit Haraldr darüber einzulassen!" —

Thórormr reiste unverrichteter Sache ab, begab sich zum Könige und erstattete Bericht.

„Da werde ich bald Ordnung schaffen", erwidert der Monarch, „sein Land, wie sein Vermögen, werde ich einziehen und ihm von seinem Grund und Boden nicht mehr übrig lassen, als auslangt für sein Grab!"

Zur Vollstreckung dessen berief der König den Thórir, seinen Vogt, und gab ihm den Befehl, Ásgrimr anzugreifen.

Als Thórormr abgereist war, versammelte Ásgrimr das Thing seiner Bauern und sprach sie folgendermaßen an:

„Es stehet sehr zu erwarten, daß dieser König unsere Antwort höchst übel aufnehmen wird. Darum will ich ihm Geschenke übersenden, aber keinen Zins. Dieses geht von mir aus, als dem Fürsten meiner Harde."

Darauf wählte er die Gesandten, welche dem König die Geschenke überbringen sollten. Diese bestanden in einem gotländischen Renner und einer Menge Silbers.

Angelangt, treten die Gesandten vor den Monarchen und sprechen:

„Ásgrimr, der Herse, entbietet Euch und Eurem Reiche freundlichen Gruß. Er hat empfangen Eure Botschaft in Betreff der Steuer. Solche gedenkt er nicht zu zahlen. Indessen hat er hier Euch übersandt reiche Freundschaftsgaben!"

Darauf der Fürst: „Tragt alle eure Freundschaftsgaben wieder heim. Ich will der König sein in diesem Lande, der Gesetz und Recht bestimmt, nicht er."

So müssen denn die Gesandten unverrichteter Sache abziehen.

Zu gleicher Zeit trifft in Thelemarken ein auch Thórir, des Königs Vogt, und Ásgrimr beruft abermals das Thing.

Nach Eröffnung desselben hält Ásgrimr folgende Ansprache an seine Bauern: „Ihr werdet es wissen, daß König Haraldr eine Forderung an uns gestellt hat. Hier ist nun, glaube ich, der größte Teil der stimmberechtigten Bauern aus Thelamörk zur Stelle. Ich fordere eine Abstimmung über diese Sache, und zwar hier im Angesichte von des Königs Boten, damit nicht auf mich allein die Verantwortung falle. Denn dieses ist wohl sicher, daß des Königs Feindschaft besonders den Stimmführer treffen wird! — Gebt mir jetzt eure Antwort!"

Die Bauern riefen, ihn hätten sie zum Anführer sich gewählt und nicht seien sie gesonnen, Zins dem Könige zu zahlen!

Dann trat Thórir, des Königs Vogt vor, und sprach: „Ihr wählt euch das, was das allerschlimmste ist. Es haben den kürzeren gezogen gegen König Haraldr schon Víele, welche nicht weniger vom Glück begünstigt zu sein schienen als ihr, und doch sind sie tief gefallen!

Ásgrimr antwortete darauf mit folgender Erklärung: „Ich trete dem Willen meiner Bauern bei, dieser soll gelten!"

So löste sich das Thing auf, welches am Saume eines Waldes getagt hatte.

Nun gab Thórir seinem Knechte den Befehl: „Auf, töte den Ásgrimr, und nach dem Schlage springe sofort in den Wald."

Der Knecht gehorcht, stürzt sich in die Mitte der Bauern und streckt den Ásgrimr mit einem einzigen Axthiebe zu Boden.

Es geschah das auf des Königs Gebot.

Doch die Bauern hieben den Knecht nieder. Thórir, der Vogt, entkam mit knapper Not in den Wald und flüchtete zu seinem Schiffe. Vor den König getreten, meldet er, was geschehen.

„Traun! — Einen mutigeren Knecht gab es nicht", sprach der König, „darum suchte ich ihn aus zu diesem Stück Arbeit. Denn ich wußte, daß der dem Tode verfallen sei! Aber hart genug werde ich nun mitspielen allen denen, welche mir zu trotzen wagten!"

 

Thorsteinn, der Sohn des Ásgrimr, welcher einst als Säugling jenen Bittvers um sein Leben sang, war inzwischen zu einem Manne herangewachsen, tapfer, groß und stark und befand sich zurzeit draußen auf Víkingsfahrt. — Heimgekommen, meldete man ihm seines Vaters Tod.

„Es bissen ihn gewiß des Königs Ränke!" sagte er. „Und bald wohl würde zerbröckeln unser Geschlecht, wenn König Haraldr allein darüber zu raten hätte."

Nun setzt er sein Vatererbe um in Silber und beweglich Gut und erklärt seinen Entschluß, mit König Haraldr in einen Kampf sich nicht einlassen zu wollen.

Um jene Zeit fand gerade die große Auswanderung nach Island statt. Und die meisten dieser Flüchtlinge verließen Norwegen nur nach harten Taten, durch welche sie ihren Ingrimm am Könige rächten.

Auch Thorsteinn rüstete zu solcher Islandfahrt. Ihm schlossen sich an sein zehnjähriger Bruder Thorgeirr und beider Tante Thórunn, die Pflegemutter des Knaben.

Als das Schiff zur Fahrt bereit lag, sprach Thorsteinn zu seinen Gefolgsleuten:

„Dies wird mein Vater sich gedacht haben, als er mich nicht aussetzen ließ, daß ich dereinst nicht verfehlen werde, ihn zu rächen, falls er nicht den StrohtodUnter „Strohtod", ein Wort, dem etwas Verächtliches anhaftete, verstand man den Tod auf häuslichem Lager ohne Kampf und ohne Wunden. stürbe. Mein Hieb wird zwar nicht an derjenigen Stelle niederfallen, wo er von Rechts wegen hingehört, aber doch verdient es keinen Tadel, wenn ein Mann von gleichen Würden dafür büßt! — Ich denke hierbei an Thórormr auf Thrómal — Laßt uns dorthin aufbrechen!" —

So geschah's.

Sie treffen ein in Thröma um die Mitternachtszeit und finden Thórormr auf seinem Hofe anwesend.

„Hier soll nun mein Vater seinen Rächer finden, ihr Leute! — Und dazu gebrauche ich eure Hilfe." —

Sie erklärten sich nach Kräften bereit.

Dann legten sie Feuer an den Hof und übergaben dem Flammentode den Thórormr samt allen den übrigen Insassen„brenna einn inni", jemandes Haus umstellen, es anzünden und samt Insassen, deren Austritt man mit der Waffe hinderte, verbrennen, war ein oft sich wiederholender Racheakt im altgermanischen Norden.. Am Morgen darauf schlachteten sie das aufgegriffene Víeh und trugen den ProVíant hinab zu ihren Schiffen.

Dann stachen sie in See.

Nun sprach Thorsteinn: ,Jetzt fahre ich freudiger über das Wasser! — Nun kann in Island mir niemand den Vorwurf machen, ich hätte meinen Vater nicht gerächt!" —

Sie landen in Island bei RangáróssKüste und Flußmündung haben im Laufe der Zeit sich hier stark verändert. Der Punkt ist zu suchen an der heutigen Mündung der Thórsá, im Südwesten Islands, unweit der Westmanna-Inseln..

Über jenen Distrikt gebot damals der LandnahmsmannDiesen Ehrennamen führten die ersten Ansiedler. Sie belegten Strecken bis zu 10 Quadratmeilen Landes an Ausdehnung und errichteten darauf sofort wieder jenes Kleinkönigtum mit allen seinen Rechten, dem Haraldr in Norwegen den politischen Tod bereitet hatte. Die späteren Einwanderer, denen sie von ihrem Grundbesitz austeilten, traten zu ihnen dann in das Verhältnis der Hintersassen. Flosi ThorbjarnarsonFlosi hatte Norwegen verlassen aus denselben Gründen wie Thorsteinn; doch er hatte zuvor noch drei Vögte des Königs Haraldr erschlagen! Ober ihn berichtet Landnámabók..

Sofort nahen dem ankommenden Schiffe Reiter, und unter diesen Flosi selbst, welcher Thorsteinn als seinen alten Bekannten begrüßt.

„Was hat dich hinausgetrieben zur Fahrt hierher?" fragte er.

„In ziemlicher Eile verließ ich Norwegen, gleich manchen andern, nach Streit und Streich gegen König Haraldr. Nun will ich hier mich niederlassen und frei sein."

Worauf Flosi: „Das ist das Los der Männer, welche es nicht dulden wollen, daß man sie unter die Füße tritt. Sei hier freundlich willkommen!" —

Nach Flosis Vorschlägen nahm Thorsteinn Land oberhalb des Víkinglaekr (Víkings-Bach) sich erstreckend bis Svinhagi (svin = Schwein, hagi = Weideplatz) und erbaute den Hof SkardEs ist derjenige Landstrich, welcher liegt zwischen dem Oberläufe der beiden Flüsse Thórsi und Rángá. Der Hof besteht noch heute.. Vermählt war er in erster Ehe mit Thórdis, der Tochter des Gunnarr.

Thorsteinn war ein tüchtiger Mann, entschlossen und wohlgesinnt in allen Dingen.

Man erzählt von ihm, wie eines Tages bei Rangáróss ein Schiff angelaufen sei, dessen Besatzung schwer erkrankt war. Man vermied es, dieses Schiff zu besuchen aus Furcht vor Ansteckung. Darüber verstrich eine geraume Zeit.

Thorsteinn hörte davon und verurteilte solches Verhalten der Menschen als unziemlich; denn man dürfe jene Männer doch nicht Hungers sterben lassen.

Dann machte er sich auf, um jene Unglücklichen zu besuchen.

„Worin besteht eure Krankheit?" fragte er sie.

„Von Zauberei rührt sie her!" antworteten sie. „Und darum will niemand uns helfen."

„Nun, so kommt mit mir; das wird das beste sein", sprach Thorsteinn.

Als er mit den Leuten auf seinem Hofe ankam, schrie sein Weib Thórdis auf: „Unerhört ist dein Beginnen. - Ich werde jetzt dein Haus verlassen!"

„Nein, das hast du nicht nötig", sagte Thorsteinn und errichtete für die Kranken ein Zelt, nicht weit ab von seinem Hofe.

Aus diesem Grunde bekam er den Beinamen „tjaldstaedingr", d. h. der Zeltspanner.

Nun verschlimmerte sich der Zustand jener Elenden zusehends, daß niemand mehr es wagte, zu ihnen zu gehen außer Thorsteinn allein.

Gleichwohl war ihr Betragen gegen diesen ihren Wohltäter höchst undankbar; denn der Letztüberlebende von ihnen vergrub einen großen Schatz ihnen gehörenden Silbers, weil er nicht wollte, daß irgend jemand von diesem Gelde Nutzen ziehen sollte.

Thorsteinn lebte später in zweiter Ehe mit Thuríðr, der Tochter des Sigfús. Und beider Sohn war Skeggi.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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