Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit

Historische Einleitung, 2.Teil.

 

Zum Schlusse mag noch einiges gesagt werden über die Kulturverhältnisse, herrschend auf dem Schauplatz unserer Begebenheiten. Dieser Schauplatz umfaßt der Hauptsache nach Norwegen und Island. Nur etliche Szenen versetzen uns nach Dänemark und England.

Norwegen und Island verhielten sich zueinander, wie Mutterland zu Kolonie, aufweisend im großen und ganzen dieselben geographischen Bedingungen, nämlich tief einschneidende Fjorde, sich fortsetzend in weidereichen Tälern, umsäumt von hohen Bergterrassen; aufweisend dieselben ökonomischen Verhältnisse, eine Arbeit, im Großbetriebe, basiert auf Weidewirtschaft und Viehzucht, auf Fischerei und Jagd; aufweisend dieselbe Religion, eine nordische Götterwelt, hüben wie drüben allmählich zerbröckelnd, um Platz zu geben den frischen Impulsen des Christentums, welches auf mannigfachen Missionswegen vordringt; umfassend denselben geistigen Besitzstand, eine gemeinsame historische Überlieferung, zusammenschließend Taten und Erleben der Väter, ohne die Hilfe eines Stiftes, in nie ermüdender Liebe getragen von Mund zu Mund.

Obwohl die Entwicklung des Staatswesens beider Länder eine entgegengesetzte Richtung genommen hatte, so behielt die Kultur hier wie dort doch im Grunde eine aristokratische Färbung. In Island entwickelte sich ein Freistaat mit aristokratischem Grundzuge und in Norwegen sah sich das Einheitskönigtum noch auf lange Zeit hin beschränkt durch einen mächtigen Adel. Großgrundbesitzer, welche mit Vorliebe sich Bauern nannten, wohlhabend und ritterlich gesinnt, bilden im Mutterlande, wie in der Kolonie, des Landes Mark.

In Norwegen erhebt sich der König in seiner Lebensführung nicht wesentlich über den Gesellschaftskreis, dem er entstammte. Denn auch auf den Bauernhöfen herrschte eine materiell üppige Lebensweise, auch dort gab es schöne Gewänder, kostbare Waffen, eine teppichgeschmückte Festhalle und zahlreich besuchte Bankette.

Man redet den König mit „Herr" an, aber uns fällt die freie Sprache auf, welche z. B. der Großbauer Ingimarr gegen König Eysteinn Haraldsson sich gestattet. — Ein Geschenk aus des Königs Hand wird lieber genommen und höher bewertet, als ebendaselbe gereicht von einer Bauernhand; aber doch nehmen die vier Erlingssöhne: Thorbergr, Kálfr, Finnur und Árni keinen Anstand, mit vereinter Flotte breithin vor Niðaróss sich zu legen, um durch solche Machtentfaltung dem Könige Oláfr helgi ein Zugeständnis abzutrotzen, welches er freiwillig nicht gegeben hätte.

Namentlich die Isländer in Niðaróss gefallen sich, auch dem Könige gegenüber, um den Republikaner auszuspielen, in einem freieren Tone und ziehen dadurch oftmals eine Rüge sich zu, wie z. B. von selten des Königs Magnús góði, der sie „höfðinja-djarfr" nennt, d. h. etwas dreist gegen hohe Herren! — Und bezeichnend ist nach dieser Richtung die Instruktion, welche Einar seinem Landsmanne Hrafn kurz vor dessen Vorstellung bei Hofe erteilt: „Benimm dich gegen den König bescheiden (mjúkorðan), aber furchtlos (djarf-maeltan); beantworte seine Fragen wahr (satt) und klar (greiniliga)."

Trotzdem aber, daß dem Könige von den Großbauern keine höhere Dignität eingeräumt wird, als die eines primus inter pares, bleibt doch das königliche Hoflager der gesuchte Mittelpunkt für die zuströmende Aristokratie und deren Söhne.

Der Hof verbrachte die Sommerzeit, wenn nicht der Kriegspfad betreten wurde, auf Reisen im Inlande, indem bald auf den eigenen Krongütern, bald bei Fremden Quartier genommen wurde. Und es war ein Recht des Fürsten, bei den Großbauern als Gast sich anzusagen. Die Wintermonate indessen verweilte der Hof in Niðaróss, dem heutigen Drontheim.

Von Oláfr Tryggvason 996 gegründet, zeigte es damals die ersten bescheidenen Anfänge einer Stadt und wird einfach noch „bygð", d. h. Ansiedelung, genannt; aber seine günstige Lage an der Mündung des Niöflusses versprach ihm ein rasches Aufblühen. Die Zeit für die Entwicklung des Städtewesens brach auch hier im Norden soeben erst an. Aus der ältesten Zeit wird in Norwegen nur Tunsberg genannt, unweit der Gothaelf gelegen. Haraldr hardrádi gründete dann später südlich Osló, am Christiansfjorde, und sein Nachfolger Oláfr kyrri das rasch sich entwickelnde Bergen.

Während auf Island in alter Zeit es weder zur Städtegründung, noch zur Entwicklungeines selbständigen Kaufmannsstandes kam, blühte dieser, umschlossen von einem städtischen Bürgertume, in den genannten norwegischen Handelsplätzen auf; beide besaßen aber zu dieser unserer Zeit noch keinerlei Einfluß auf das öffentliche Leben. Ebensowenig übten diesen Einfluß die niederen Schichten der Gesellschaft. In diesen, als bei Hintersassen, freien Arbeitern, unfreien Knechten schlummerten noch alle Kräfte der Begehrlichkeit in einem naiven Hinleben inmitten der gegebenen Ordnung der Dinge.

So lag denn zu dieser Zeit die Entscheidung in den öffentlichen Dingen neben der Krone lediglich in den Händen des Landadels, der sich dieser Macht auch voll bewußt war.

Sobald die Winterstürme sich gelegt und der Frühling sein Nahen verkündigte, rüsteten zahlreiche Isländer zur Fahrt nach Norwegen. Zuweilen verlieren sie auf diesem Wege von 150 Meilen, noch nicht unterstützt durch einen Kompaß, den Kurs und werden nordwärts nach den Finnmarken verschlagen, wo sie dann nicht selten der Versuchung unterliegen, mit den Finnen in den verbotenen Schmuggelhandel sich einzulassen, um in den Besitz der kostbaren sibirischen Felle zu kommen. — Es wird in einer besonderen Erzählung dieses behandelt.

Doch meist gelingt es, nach fehlerloser Fahrt in NiSaröss zu landen. Hier suchen sie auf verschiedene Weise Unterkunft. Entweder mieten sie sich ein gegen Zins bei Privatpersonen (Hrafn), oder in, für den Fremdenverkehr eingerichteten, Herbergen (Brandr), oder werden Gäste auf benachbarten Bauernhöfen (Gisli), oder finden Stellung bei Hofe, sei es als Skalden, sei es als Sagaerzähler. Aber das Ziel aller Wünsche bleibt schließlich die Aufnahme in das persönliche Gefolge des Königs.

Dieses Königsgefolge (hirð) war eine Haustruppe, von Haraldr hinn harfágri geschaffen und von seinen Nachfolgern festgehalten als eines der Mittel, um das neubegründete Einheitskönigtum zu stärken. Zusammengesetzt aus Aristokratensöhnen, von denen jeder Offiziersrang bekleidete, hatte diese Haustruppe den Sicherheitsdienst für die Person des Fürsten im Frieden und bildete im Kriege den Kern des Heeres, welches dann weiter von den Kontingenten, gestellt durch die Großbauern, formiert wurde. Diese jungen Edelinge hatten ihre Quartiere in der unmittelbaren Nähe der königlichen Wohnung, begleiteten den Fürsten auf kleineren Ausgängen wie größeren Reisen, waren zugleich seine Gesellschafter und speisten täglich an der königlichen Tafel. Von Uniformierung war selbstverständlich keine Rede; jeder kleidete sich nach freier Wahl, aber nach Kräften reich und führte seine eigenen Waffen. Dem Hreidarr, in diesen Kreis aufgenommen, wird von seinem Bruder bedeutet, daß es sich nicht schicke in Vaðmál, das grobe Haustuch, gekleidet dort aufzutreten.

Die Hirdmänner bezogen einen Monatsold aus der königlichen Schatulle, und wir hören gelegentlich von Unzufriedenheit über den zu geringen Silbergehalt der ausgezahlten Münze, sowie auch Klagen über die Knappheit des Essens und die Kürze der Essenszeit.

Bei der Ergänzung dieser Haustruppe scheint neben der schließlich entscheidenden Stimme des Fürsten auch den einzelnen Kavalieren ein beratendes Votum zugestanden zu haben, denn dem Skalden Stüfr, welcher um Aufnahme in diese Truppe bittet, antwortet König Haraldr:

„Da muß ich zuvor die Meinung meiner Hirdmänner hören!"

Tatsache ist, daß viele junge Isländer fortlaufend in diese „hirð" Aufnahme gefunden haben, und man greift wohl nicht fehl, neben der sonstigen ausgezeichneten Qualifikation dieser jungen Leute für einen derartigen Dienst, auch politische Gründe solcher Erscheinung anzunehmen. Denn bei der oft hervorbrechenden oppositionellen Gesinnung des norwegischen Adels gegen die Krone; eine Gesinnung, die zu Zeiten keinen Anstand nahm, selbst in hochverräterische Verbindung mit dem Landesfeinde zu treten; waren diese jungen isländischen Edelinge, entrückt der inneren norwegischen Politik, für den Fürsten ein unbedingt zuverlässiges Element.

In dem Umgange mit dem Könige herrscht auch in diesem engeren Kreise das Recht des freien Wortes, und selbst der Gehorsam gegen die königlichen Befehle findet seine Schranke an dem eigenen Urteil. Denn als Haraldr hardrádi in der peinlichen Szene nach dem Todessturze Hemingrs befiehlt, den Thorsteinn, welcher dem Könige Grausamkeit deswegen vorgeworfen hat, niederzustechen, rührte sich keine Hand unter seinem Gefolge, um diesen Befehl zu vollstrecken. Ein schöner Beweis, wie neben der Mannentreue doch die Mannesehre ihr Recht behielt!

Die Reihe der norwegischen Könige, in deren Regierungszeit und Umgebung die nächstfolgenden 28 Erzählungen fallen, beginnt mit Haraldr hinn hárfagri (860—933), dem Gründer der Dynastie, welchem es gelungen war, nach einer Kette harter innerer Kämpfe, deren letzter in die Entscheidungseeschlacht im Hafrsfjördr (bei Stavangr) — 872 — fiel, das Kleinkönigtum zu brechen und an seine Stelle von der Krone abhängige Verwaltungsbeamte (jarl, plur. jarlar, und hersir, plur. hersar) über das Land hin einzusetzen. Diese, wie die vorher genannte Haustruppe, waren die nicht sehr starken Mittel für die Befestigung des jungen Einheitskönigtumes. Außerdem vollzog sich innerhalb der herrschenden Familie selbst der Thronwechsel nicht immer ohne die Begleiterscheinung innerer Kämpfe.

An diesen Gründer der Dynastie knüpfen sich nun neun seiner Nachfolger, deren Hof und Hofleben in jenen 28 Erzählungen zur Darstellung gelangen. Es sind die folgenden:

Hákon jarl, 965—995.

Oláfr Tryggvason, 995—1000.

Oláfr Haraldsson helgi, 1015—1030.

Magnús Oláfsson góði, 1035—1047.

Haraldr Sigurdarson hardrádi, 1047—1066.

Magnus Oláfsson berbeinn, 1093—1103.

Sigurdr Haraldsson munnr, 1136—1155.

Eysteinn Haraldsson, 1142—1157.

Magnús Erlingsson, 1162 — 1184.

Doch nicht allen wendet sich die Darstellung mit der gleichen Liebe und der gleichen Ausführlichkeit zu. Diesen letzteren Vorzug finden in Sonderheit, wie schon oben bemerkt, die beiden Olafe Tryggvason und helgi, und dann Magnús góði, sowie dessen zeitweiser Mitregent und Oheim Haraldr Sigurdarson. Aus der Regierungszeit des letzteren wird uns der umfangreichste historische Stoff, verteilt in zehn J)aettir, geboten. Darum mag über seinen Lebensgang hier einiges in kurzer Ab-rundung gesagt werden, während bei den andern Herrschern die erforderlichen historischen Notizen als Noten unter den Text gesetzt sind. Das Volk gab ihm den Beinamen hardrädi, welches Wort man übersetzen kann mit zäh, charakterfest, aber auch mit hartherzig.

In seiner Jugend auf Vikingsfahrt hatte er dann mit großer Tapferkeit gegen die aufständischen Aristokraten gefochten in der Schlacht bei Stiklastaðr (1030), welche Oláfr helgi das Leben, und der Dynastie auf fünf Jahre den Thron raubte. Schwer verwundet heilt er sich in der Verborgenheit eines norwegischen Hofes und geht dann nach Rußland zum Großfürsten Jarosleiv I.Ein Sohn des 1015 gestorbenen großen Wladimir. Wie das Schlußkapitel dieses Buches den Nachweis führen wird, stammten auch diese russischen Fürsten aus normännischem Blute. der zwar Haraldrs Schwert annimmt, aber dessen Bewerbung um die Hand seiner Tochter Ellisif (Elisabeth) ablehnt. Dieses treibt ihn weiter nach Konstantinopel.

Auffallend groß, schön, geistig hochbegabt und von fürstlichem Blute, wird er hier von Kaiser Michael Katallaktes wohlwollend aufgenommen und zum Akoluthos (Anführer) der Vaeringer (Eidgenossen)Altnord.: „höfdingi fyrir Vaeringjaliði" ernannt, einer Elitetruppe von 1000 jungen Nordländern, welche seit 990 die Leibwache der griechischen Kaiser bildete. Ihnen war die Hut der kaiserlichen Person und des Kronschatzes anvertraut, und der Akoluthos schritt bei Aufzügen zunächst hinter dem Kaiser, die vergoldete Streitaxt über der Schulter.

In solcher Stellung 12 Jahre tätig, sammelte Haraldr auf Kriegszügen (denn die eine Hälfte jener Elitetruppe war stationär in der Hauptstadt, die andere mobil im Felde), gemacht in Syrien, Palästina, Armenien, Sizilien große Reichtümer, sowie Welterfahrung. Mit beidem kehrt er 1044 zu Jarosleiv zurück und erhält nun Ellisif zur Ehe; doch teilt er mit derselben nur ein Jahr lang die Gemeinschaft, um alsbald nach Norwegen weiter zu eilen, wo inzwischen sein Neffe, Magnús góði, der Herr zweier Reiche, von Norwegen und von Dänemark, geworden war.

Haraldr, dessen Mutter Ásta zugleich des Königs Magnús Großmutter war, fordert auf Grund dieser Verwandtschaft Anerkennung seines Erbrechtes und Reichsteilung. Nach längerer Verhandlung, welche öfters hart an den Ausbruch eines Bruderkrieges streift, kommt es zwischen Neffe und Oheim 1046 zu dem Vertrage von Akr, welcher folgendes festsetzt:

„Es findet eine Teilung statt, nicht des Territoriums, sondern der königlichen Domänen und Gefälle zwischen Magnús und Haraldr, während beide Fürsten gemeinsam die Regierung des Landes führen; mit dem Zusätze, daß bei vereintem Auftreten und Handeln dem König Magnús der Vortritt gebüre. Haraldr dagegen teilt den im Orient erworbenen Schatz mit Magnús."

Denn der Krieg, geführt gegen Dänemark, hatte des Fürsten Mittel derartig erschöpft, daß er nicht mehr des Goldes besaß, als den Ring an seinem Arme.

Diese Zeit gemeinsamer Regierung dauerte nur etwas über ein Jahr. Während desselben kamen Oheim und Neffe selten zusammen nach Niðaróss, meist lebten sie getrennt, jeder umgeben von seinem eigenen Hofe und seinem eigenen Gefolge.

In diese kurze Epoche geteilter Herrschaft fällt die überaus interessante Erzählung von Hreidarr heimskr, welche den unterschiedlichen Charakter beider Fürsten und die zwischen ihnen nicht völlig ausgeglichene Spannung scharf hervorhebt.

Magnús stirbt den 25. Oktober 1047 an einem heftigen Fieber, aufgesammelt im Feldlager an Jütlands Küste, unter Hinterlassung nur einer Tochter, Ragn-hildr, und das Einheitskönigtum geht über auf Haraldr, der 19 weitere Jahre Norwegen mit Kraft beherrscht. — In diese Zeit fallen die mitgeteilten zehn ðaettir, welche uns den Fürsten in verschiedenen Lebenslagen und nach den unterschiedlichen Seiten seines Charakters zeichnen.

Klug und von hohem Selbstgefühl, redegewandt und witzig, majestätisch und dann wieder bequem sich gehen lassend bis zum Burschikosen, zäh festhaltend an dem, was er sich einmal vorgenommen, überaus gütig und dann wieder streng bis zur Grausamkeit; selbst begabter Dichter und ein Liebhaber der Skalden, aber auch ihr strenger Kritiker; den Isländern besonders gewogen; ist er so recht ein Repräsentant jener in den abebbenden Wogen der Vikingerepoche sich bewegenden, an Gegensätzen so reichen Zeit.

Haraldr fand seinen Tod in England. Dorthin hatten ihn gerufen 1066, zur Unterstützung der Ansprüche seines Bruders Tostig, die Kämpfe um den erledigten englischen Thron, aus welchen schließlich Wilhelm von der Normandie als Sieger hervorging. Haraldr fiel in der Schlacht bei Hastings, von einem Pfeile im Halse durchbohrt. Seine Leiche war so durch Wunden entstellt, daß sie kaum erkannt wurde.

Wenn die Staatsform in Sachen der Verwaltung um jene Zeit noch jeder gesicherten Grundlage entbehrte und alles mehr auf den persönlichen, fest durchgreifenden Willen gestellt war, so galt dieses nicht minder auch von der Rechtspflege.

Die Urform dieser Rechtspflege, bei allen Völkern die gleiche, nämlich die Blutrache, stand noch in Geltung. Ihr Wesen ist, daß sie des Totschlägers Bestrafung der Hand des Volkes, oder der Gemeinde, entzieht und in den Schoß der Familie legt. Der nächste Verwandte des Erschlagenen erhält das Recht, ja die Pflicht dieser Bestrafung; Unterlassung derselben zieht ihm Verachtung, selbst Strafe zu.

Erst eine Weiterbildung dieser Rechtsordnung beschränkt den beschädigten Verwandten auf das Klagerecht, legt aber Rechtspruch und Strafvollstreckung in die Hand der Gemeinde, oder des Staates.

Die Zeit, in welche unsere ðaettir fallen, schwankt noch auf der Grenze beider Rechtsauffassungen unentschieden hin und her.

Wir werden eingeführt in geordnete Gerichtsverhandlungen, berufen durch Hornsignale, denen der König mit dem Stabe in der Hand präsidiert, und abgehalten im Freien vor dem zuströmenden Volke. Das Verfahren ist ein ausschließlich mündliches. Kläger und Angeklagter führen persönlich ihre Sache in freier Rede, dabei unterstützt von ihren Freunden. Und wir hören bei solcher Gelegenheit ausgezeichnete rednerische Leistungen. Ich erinnere nur an die Verteidigung des Priesters Jón Ögmundarson, späteren Bischofs von Hólar, zu Gunsten seines Landsmannes, des Angeklagten Gisli Illhugason; der König aber, hier Magnús Oláfson berbeinn, fällt den Spruch.

Auf der andern Seite sehen wir auf den Straßen von Niðaróss wüste Kämpfe zwischen einzelnen Personen, ja ganzen Heerhaufen, welche den Ausgleich des Rechtes mit dem Schwerte in der Faust sich selber suchen. Es sei nur erinnert an den Streit zwischen dem Gull-Ásu-þörðr und Ingimarr. Besonders werden oftmals die dort anwesenden Isländer zu Friedensstörern mit ihrer republikanischen Ungebundenheit und ihrem reizbaren Ehrgefühl. Denn selten versteht sich der Isländer dazu, den rächenden Schlag durch eine Geldzahlung sich abkaufen zu lassen. Man sagt: „Es gezieme sich nicht, seinen Verwandten im Säckel zu tragen!"

— Das sind die Zuckungen des noch nicht überwundenen Vikingergeistes! —

Erst dem Christentume gelang dieser Sieg! — Aber dieses Christentum, welches in Oláfr Tryggvason und Oláfr helgi seine nachdrücklichsten Missionare findet, hatte um jene Zeit unter dem norwegischen Stamme sich noch keineswegs allgemein durchgesetzt. Die reichen Bauern, namentlich der Landschaft Drontheim, wollen ihre steifen Nacken durchaus nicht unter die Kreuzesarme beugen. Und ein interessantes historisches Zeugnis nach dieser Richtung hin ist die in einer der folgenden Erzählungen mitgeteilte große Weihnachtsrede des Königs Oláfr Tryggvason an die als Gäste zu ihm geladenen heidnischen Häuptlinge.

Der Herse Valgautr, Zeitgenosse von Oláfr helgi, wirft seinen Sohn Tófi ins Gefängnis, weil er da draußen auf Vikingsfahrt den christlichen Glauben selbst angenommen hat und ihm, seinem Vater, das gleiche nun zumutet. Nur des edlen Egill hinreißender Beredsamkeit gelingt es, des eingefleischten Heiden hartes Herz zum Schmelzen zu bringen und den Sohn zu retten.

Morgenmesse und Kreuzschlagen sind im Gebrauch, man vertraut der Kraft der Reliquien und eine Romfahrt gilt für ein verdienstvolles Werk; aber das hindert die Kavaliere an König Sveins Hofe nicht, am Ostertage in völlig bezechtem Zustande zum Abendgottesdienste sich zu begeben; und Hákon jarl, unter dessen Regierung eine starke Reaktion zu Gunsten des Heidentumes in Norwegen stattfand, macht seine persönlichen Entschließungen noch abhängig von dem Klange der Gewichte, eingelegt in Zauberschalen. Es war eben eine Aristokratie, vom gemeinen Volke völlig zu schweigen, welche, trotz des äußerlich angenommenen Christentumes, noch lange im innersten Gemüte heidnisch blieb und der blutigen Taten der Vorfahren mit herzlichem Behagen gedachte.

Und wenn auf Island ein überaus kluger Staatsakt auf dem Althing des Jahres 1000 das Christentum auf einen Wurf zur Landesreligion erhob, so brauchten die Gemüter der einzelnen sicherlich noch lange Zeit, um mit den neuen religiösen Ideen sich völlig in Einklang zu setzen. War doch das religiöse Wissen auf ein Mindestmaß beschränkt. Bei den Laien genügte die Kenntnis des Credo, des Paternoster und der Taufformel.

Auf religiösem ebensosehr wie auf politischem Gebiete ist die Epoche, in welche die nachfolgenden Erzählungen fallen, eben eine Zeit der Gärung, begriffen in dem Prozesse einer durchgreifenden historischen Umbildung.

Es ist das Abebben der großen Víkingerzeit. — Sie hatte 250 Jahre lang den ganzen Norden in Bewegung gehalten und auch die südlichen Lande stark in Mitleidenschaft gezogen.

Der Ursachen, welche diese Bewegung schufen, gibt es mannigfache.

Im großen und ganzen greift man wohl nicht fehl, in ihr eine Fortsetzung jener treibenden Kräfte zu sehen, welche einst die historische Völkerwanderung schufen.

Im besonderen mag dann noch folgendes mitgewirkt haben.

Bei einer starken Zunahme der Bevölkerung und einem großen Kinderreichtum in den einzelnen Familien konnte nicht jeder kraftvolle Jüngling darauf rechnen, durch Vatererbe einen eigenen Hausstand zu gründenDr. Wilhelm Thomsen, Der Ursprung des russischen Staates. Gotha, 1879, S. 81. „Während der Periode der älteren und jüngeren Eisenzeit muß in Skandinavien eine solche Zunahme der Bevölkerung stattgefunden haben, daß ihnen zuletzt kein anderes Hilfsmittel blieb, als mit dem Schwerte in der Hand auszuziehen, um für sich einen neuen Wirkungskreis und eine neue Heimat zu gewinnen.". Solche mußten auswärts ihr Glück suchen, indem sie fremden Fürsten ihr Schwert anboten, wie den Großfürsten von Rußland zu Nowgorod und zu Kijew, oder den griechischen Kaisern zu Konstantinopel, oder auch auf Handelsfahrt auszogen.

Mitwirkend waren auch der dem Germanen im Blute steckende Wandertrieb, dessen Reiz mit der Ausübung wächst, neben den idealen Kräften von Wissensdrang und Ehrbegier, sowie das Verlangen nach einem Heldentode auf dem Felde der Ehren, wo die Schwerter sich kreuzen, um, gleich den glorreichen Ahnen, einzuziehen in Walhall. Nicht minder mächtig wirkte mit auch die Sehnsucht des Nordländers nach den Sonnenstrahlen und den Schätzen des Südens.

So war man denn lange bereits in den Nordlanden gewöhnt gewesen, das Meer nicht als Grenze, sondern als Fortsetzung und als Ergänzung der heimischen Gestade zu betrachten.

Um einen unternehmenden jungen Recken, welchen sein Vater, wenn nicht mit Land, welches eine kluge Vorsicht nicht durch Teilung schwächte, so doch mit Schiffsplanken aus den eigenen reichen Waldbeständen kunstreich zusammengezimmert, ausstatten konnte, sammeln sich von gleichen Wünschen getragene Kameraden. Es bilden sich auf diese Weise kleine Flotten bis zu 50 Fahrzeugen, jedes dieser Schiffe bemannt mit etwa 50 Leuten, alle zusammengehalten durch eine stramme Zucht. — Frauen haben sich diesen Zügen niemals angeschlossen. — So zog man aus auf eigene Faust, um das Glück zu suchen. Die Bekleidung war einfach, derbe und kriegsgemäß; alles im eigenen Hause hergerichtet. Das Bein umschloß eine lange Strumpfhose von schwarzem Wollenstoff. Die Füße steckten in einer Art von Schuh aus braunem Leder. Dieses, geschnitten nach der Fußsohle und rings dreifingerbreit überstehend, war über dem Fußblatt und an den Hacken zusammengenommen durch braune Lederriemen, deren Kanten ausgefranst waren. Diese Riemen umspannten, aufsteigend und sich kreuzend, Wade und Schenkel. Zwischen den braunen Karos puffte sich leicht die schwarze Strumpfhose und ließ die kräftigen Formen des Beines hervortreten. Brust und Schultern steckten in einem kurzen Wams von dunkelbrauner Farbe, dessen enge Ärmel bis zum Handgelenk reichten. Den Halsausschnitt zierte eine gestickte Borte. Wams und Strumpfhose liefen unter einem breiten Ledergurt zusammen, welcher besetzt war mit blanken Erzbuckeln und den aufgenähten Zähnen, gebrochen aus dem Maule erlegter Bären. Vom Gürtel herab hing ein Messer und ein kurzes, breites Schwert. Über die Schultern geworfen und auf der rechten Seite durch eine Spange, in Form eines Kleeblattes, zusammengehalten, hing ein doppelfarbiger Mantel, außen schwarz, innen weiß. Durch Zaubersprüche, von einem Finnen hergesagt, waren diese Gewänder hieb- und stichfest gemacht. Den Kopf deckte eine Eisenkappe, welche ein Kinnriemen festhielt. Langes blondes Haupthaar quoll unter dem Eisenrande hervor und ein Vollbart deckte Kinn und Wange. Die linke Hand lehnte sich auf einen breiten, buntbemalten Schild.

Dieses war die stattliche Gestalt eines auf Abenteuer ausziehenden jungen Víkings.

In diese bereits vorhandene Bewegung brachte den stärksten Anstoß die in sämtlichen drei nordischen Reichen ziemlich gleichzeitig, um das Jahr 850, einsetzende Herausbildung des Einheitsstaates; in Schweden durch Eiríkr Eymundarson; in Dänemark durch Gorm, den Alten; in Norwegen durch Haraldr hinn hárfagri. Solche Neubildung vollzog sich in sämtlichen Reichen nicht ohne schwere innere Kämpfe, welche die Überwundenen außer Landes trieben. Viele derselben suchten und fanden neue Wohnsitze in Irland, auf den kleineren Inselgruppen der Nordsee und in jenem soeben aufgeschlossenen Island. Doch viele dieser politisch Mißvergnügten übergaben sich auch einem unstäten Wanderleben, bei dessen Ausübung die Abenteuerlust wuchs. Ein redendes Beispiel ist dafür der alte Egill. Schon als Knabe begeht er einen Totschlag. Rastlos zieht er dann von Land zu Land. Unentwegter Mut, Golddurst und der brutalste Eigennutz stacheln ihn weiter, um endlich den aufgesparten Schatz in einen Sumpf zu versenken. Hier war der Einfluß des beständigen Wanderlebens sicherlich ein verrohender.

Die Vorstöße der Flotten der Víkinger, namentlich gen Süden gerichtet, brachten sie in Berührung mit Ländern von hochentwickelter Kultur und reichem Besitze, aber von politischer Schwäche. Denn die Karolingische Monarchie, deren Glanz verblichen, war im Auflösungsprozeß begriffen.

Weder Kelten noch Angelsachsen noch Franken konnten diesen Víkingerflotten irgend eine nennenswerte Seemacht entgegensetzen; so landeten sie denn ungehindert wo sie wollten. Es wurde ihre Taktik, von den Inseln dem Festlande vorgelagert, die sie besetzten, wie von einem festen Lager aus die Küsten abzusuchen. Um einen Skaldenausdruck zu gebrauchen, sie waren wie Strandtiere gelagert am feindlichen Ufer.

Zunächst traten sie wohl als Handelsleute auf, die das mitgebrachte Vaðmál, ihr Hausmachertuch, welches im Norden den Geldwert darstellte, oder mitgebrachte Rohstoffe in andere Werte umzusetzen dachten. Erst wenn dieses Bemühen scheiterte, setzte wohl der Raub ein, wie ja Gewalttätigkeit der Charakter jener Zeit war. — Sicherlich sind hierbei große Grausamkeiten vorgekommen; aber die irischen, angelsächsischen und frankogallischen Chronisten liefern in ihren einseitigen und übertriebenen Schilderungen doch nur ein getrübtes Bild. Sie haben die Víkinger zu jenen professionellen Raubgesellen gestempelt, als welche sie, mit Unrecht, lange Zeit hin in der Geschichte lebten.

Die Schreiber jener Berichte und der Kreis, den sie vertraten, waren kaum von einem besseren Schlage.

Denn eine Zeit, in welcher selbst ein Karl der Große kein Bedenken trug, 30 Jahre lang mit dem Schwerte in der Hand die christliche Religion zu verkündigen und das weite Sachsenland darob mit Blut zu durchtränken, ist weder hüben noch drüben zu messen nach dem Feingefühl des modernen Völkerrechts und der heute geltenden Weltordnung.

Es war eben eine Zeit überschäumender Kraft, wo das Recht dem Starken gehörte, und niemand zauderte, das eigene Leben ebenso rasch hinzugeben, wie das Fremde zu fordern.

Diese 250 Jahre hindurch waren die Normannen die unbeschränkten Herren des Nordmeeres, zwischen dessen Küsten sie unterhielten den regsten Schiffsverkehr und den lebendigsten Austausch von Kräften materieller wie auch geistiger Art.

Auf Víkingsfahrt zu gehen, galt damals als eine notwendige Kriegsschule für Jünglinge vom Adel und als ein ehrenhafter Weg, um Besitz zu erwerben, Kenntnisse zu sammeln und einen berühmten Namen zu gewinnen, bevor man daheim auf seinem Hofe sich zur Ruhe setzte.

Auch Kronprätendenten, welche nicht durchdringen konnten, gingen auf Vfking, um bessere Zeiten abzuwarten, so Oláfr Tryggvason, Oláfr helgi und Haraldr hardrádi. Ebenso beteiligten sich Skalden an solchen Víkingszügen, wie Ölvir hnúfa und Björn Äsbrandson.

Von diesen Fahrten brachten die Männer heim nicht bloß Gold und Silber, Prachtgewand und Waffen, sondern auch neue Ideen und befruchtende Keime für das eigene nationale Leben. Nicht weniger fanden auf diesen Zügen auch viele Víkinger ihre Bekehrung und Taufe; so Oláfr helgi und der ernstgesinnte Tófi, Valgautrs Sohn, welchen wir in einer der kommenden Erzählungen näher kennen lernen.

Die meisten der Männer, welche die nachfolgenden 28 ðaettir uns zeichnen, sind durch solche Schule des Víkingerlebens hindurchgegangen. Nun, sind sie etwa jene herzlosen Raubgesellen der Chronisten, welche aus dem Sengen, Schänden und Morden ein Geschäft machen? —

Ja! — Ein Einar Fluga, der Herse, welcher beim Weihnachtsbankett am Hofe Haraldrs, und dem Könige als Ehrengast zur Seite sitzend, laut prahlt mit den von ihm begangenen Grausamkeiten; er gehört zu dieser Sorte; aber er muß sich vom Könige dafür auch einen ebenso lauten Tadel gefallen lassen.

Oláfr helgi läßt auf einem Streifzuge durch Dänemark rücksichtslos die jungen Bauern aufgreifen, um sie in die Knechtschaft zu verkaufen; aber Egill löst über Nacht ihre Fesseln, daß sie entweichen, weil sein Herz durschnitten wird von ihren bitteren Klagerufen.

Haraldr hardrádi treibt voll Haß den jungen Hemingr in den Tod, aber König Eysteinn wieder denkt mit feinstem Nachempfinden auf ein Mittel, um den Liebesschmerz seines Skalden Ivar zu heilen.

Es ist eben ein Gemisch von entgegengesetzten Charakterzügen, wie sie die Menschen aller Zeiten und aller Gesellschaftskreise uns entgegenbringen.

Aber wenn wir bedenken den lebendigen Sinn für historische Überlieferung, die Freude an Saga und Sang, unter ihnen so verbreitet, daß der Erzähler und der Dichter beim Bankett niemals fehlen durften, um das Mahl zu würzen; so müssen wir doch sagen, hier lebt ein Geschlecht vor uns, welches neben all dem frohen und derben Sinnengenusse doch eine hohe Schätzung sich erworben hatte für geistige Werte. —

So mögen denn die kommenden Erzählungen, deren künstlerischer Aufbau sicherlich ansprechen wird, uns auch ein Mittel bieten zur Bildung eines gerechteren Urteils über Víkingsfahrt und Víkingerzeit.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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