Professor Dr. E. Christian Dagobert Schoenfeld

An nordischen Königshöfen zur Víkingerzeit

Historische Einleitung, 1.Teil.

 

Vermeidung jeder nicht zur Sache gehörenden Einleitung ist ein Vorzug in der Darstellung der altnordischen Sögursögu, plur. von saga = mündlicher Vortrag. Saga-Zeit steht gegenüber der später eintretenden Schreibe-Zeit.. So soll denn auch hier nur das unbedingt Erforderliche gesagt werden, um den durch historische Studien nicht vorbereiteten Leser zu Verständnis und Würdigung der nachfolgenden Erzählungen zu führen. Sie sind entnommen als bevorzugte Stücke dem Schatze altnordischer Literatur und betreten hier zum ersten Male in möglichst korrekter Übersetzung den deutschen Büchermarkt.

Es sind Ausschnitte, þaettierþaettier, plur. von þattr = Abschnitt, Teil., aus dem großen historischen Sammelwerke der Fornmanna-sögur, oder Nóregs-konunga-sögur, welches die Geschichte Norwegens und seiner Fürsten behandelt. Ausschnitte! — Und doch bieten sie jeder einen in sich voll abgeschlossenen Gegenstand, ein kleines, abgerundetes Lebensbild aus jenen alten Tagen. Man darf sie unsern Novellen vergleichen. Anschaulichkeit, Klarheit des Vortrages, künstlerische Rundung haben diesen Abschnitten bei Kennern die Wertschätzung von „Perlen" altnordischer Literatur eingetragen. Und da sie außerdem eine Fülle charakteristischer Züge aus dem Leben und Handeln, Denken und Empfinden jener groß angelegten Menschen alter Tage in voller Anschaulichkeit uns bringen, so besitzen diese Literaturproben, außer ihrem ästhetischen, auch zugleich einen hohen kulturhistorischen Wert.

Der Hauptheld der Erzählung ist stets ein Isländer, meist aus vornehmem Geschlechte, der eine Auslandsreise unternimmt und auf dieser in Verbindung tritt mit auswärtigen Fürsten, bald in Dänemark, bald in England. Zumeist aber sind es die norwegischen Könige, die Herrscher des nie vergessenen MutterlandesIsland wurde 870 als eine Kolonie von Norwegen aus gegründet., zu denen es diese jungen, isländischen Edelinge hinzieht. Diese Könige und der sie umgebende Hof werden in liebevoller Ausmalung, in scharfumrissenen und plastisch abgerundeten Gestalten uns gezeigt.

Ich habe jenen þaettier eine solche Anordnung gegeben, daß sie von dem Jahre 860 anhebend, bis zum Jahre 1184, also aus einem Zeiträume von mehr als drei Jahrhunderten, die norwegischen Könige, das ist von Haraldr hinn harfagri bis Magnús Erlingsson, demnach zehn aufeinanderfolgende Herrscher und deren eigenartige Umgebung uns vorführen. Und, da diese Epoche teils in die VikingerzeitDer Anfang der Vikinger-Bewegung kann gesetzt werden In das Jahr 790, ihr Ende etwa in das Jahr 1030. Víkinger = Seekämpfer; víking = Seefahrt, verbunden mit Kampf und Raub. Beides abzuleiten von vík = Bucht, wo die Schiffe Hinterhalt und Bergung fanden. selbst, teils in deren unmittelbare Nachwirkungen fällt, so finden wir hier vollauf die Gelegenheit, aus zeitgenössischen Quellen uns selbst zu unterrichten, von welcher Art das Empfinden und das Handeln in den tonangebenden Kreisen jener viel angefochtenen Völkerbewegung gewesen sind. —

Von den 28 im Nachfolgenden mitgeteilten Erzählungen sind es 17, in welchen der als Hauptperson auftretende junge Isländer ein SkaldeEin Wort dunklen Ursprungs, könnte abgeleitet werden von „skjalla" = schallen. Demnach wäre ein Skalde ein Mann, welcher mit lauter Stimme vorträgt, deklamiert. ist. Dieser Umstand macht einige Mitteilungen über diese den Nordlanden eigenen Dichtergestalten erforderlich.

Im Gegensatz zur schlichten Prosa (sundrlaussorþ) bewirkt die Skaldenpoesie (skáld-skapr) ohne Rücksicht auf eine bestimmte Versform den Aufbau von Strophen, welche zum Gegenstande haben historische Personen und Begebenheiten.

Zurückgeführt auf Odin, den Träger aller geistigen Kraft, welcher von den Riesen unter eigener Lebensgefahr, sich erkämpft den Skaldentrank (skáld-mjöþr), um von demselben fortan auszuteilen an wen er will, hatte diese Skaldenkunst unter den Erdensöhnen ihre Pflege gefunden zunächst in Norwegens Südwestprovinzen, welche zu dem Gulathinggebiet gehörten.

Von dieser Pflegestätte aus nehmen die dorther auswandernden Häuptlinge den bereits vorhandenen Liedesschatz, ruhend in mündlicher Tradition, sowie die Fertigkeit und den Antrieb zu dessen Mehrung mit in die neue Heimat auf Island als ein wertvolles geistiges Erbe. Und besonders können wir den alten Skalla-Grímr als solch einen Verpflanzer bezeichnen. Er besiedelte auf Island die Myrar-Harde, welche auch späterhin die eigentliche Heimat dieser Kunst bleibt. Gleich sein Sohn Egill ist einer der bedeutendsten unter den Skalden.

Nach Island war von 870 -910 die große Auswanderung aus Norwegen geschehen. Berühmte Leute aus altem Geschlechte, meist Mitglieder der Hersen-Ari-stokratie, kamen auf eigenen Schiffen mit Gefolgsleuten, Dienerschaft, Haustieren und Kostbarkeiten, um in dem neuentdeckten Lande weite Strecken bis zur Größe von zehn Geviertmeilen aus eignem Recht sich anzueignen und zu kolonisieren. Die Ursache ihrer Auswanderung waren Freiheitsliebe und Stolz, indem sie vor Haraldr hinn hárfagri, welchem es gelungen war, das Einheitskönigtum im Lande durchzusetzen, das Haupt nicht beugen und den eingeforderten Grundzins von ihren Gütern nicht zahlen wollten. — Und ihr Ziel war in der neuen Heimat die Einrichtung eines Lebens, nach den Begriffen jener Zeit, auf großem Fuße, sowie der Aufbau eines Staates nach ihrem mitgebrachten Freiheitsideale; ein Staat, der dann im Jahre 930 durch Gründung des Al-things seine zusammenfassende Abrundung erhielt.

Doch weil diese aus Norwegen ausgewanderten Aristokratengeschlechter in Island niemals aufhörten, sich in einer Art von Verbannung zu fühlen, so hielten sie darum um so treuer fest das hierhin mitgenommene geistige Vatererbe, bestehend in Götter-und Geschlechts-Sagas, festgehalten im Liede.

Die dichterische Begabung dieser Isländer scheint nun eine allgemeine gewesen zu sein. Gelegentliche Verse hören wir auch von Leuten wie Hreidarr heimskr, und selbst Frauen antworten in Skaldenstrophen. Indessen beobachten wir die fortschreitende Skaldenkunst doch auch in besonderer Weise als einen Familienbesitz, in deren Schoß das Talent sich vererbt. So bei den vornehmen Myrar-Leuten mit ihren berühmten Dichtern, als Skalla-Grímr, Egill, Einar-Skulason und bei dem literarisch so hochbegabten Aristokratengeschlcchte der Sturlungen. Allein das Talent knüpfte sich schon damals so wenig, wie heute, an Adel und Geldbesitz. Wir finden auch Leute ohne vornehme Herkunft unter den Skalden, wie z. B. den, von König Haraldr Sigurdarson so hochgeschätzten, Tjódólfr, dessen Vater so arm war, daß er Armengeld erhielt, und seinen schlagfertigen Gegner Halli, der, zurückgekehrt nach Island, von Fischfang sich ernähren mußte.

Mit dieser allgemeinen dichterischen Begabung der Isländer hing auch zusammen ein allgemein verbreiteter kritischer Sinn. Jedermann, ohne Unterschied, verstand es dort wohl, ein gutes Gedicht von einem schlechten zu unterscheiden. Und sollte jemand es unternehmen, mit unzulänglicher Kraft diese Kunst zu versuchen, konnte er sicherlich darauf rechnen, den Spottnamen „skáld-fífl", d. h. Dichter-Narr, sich zuzuziehen.

Indessen die dichterische Anlage (speki) allein, so bedeutend sie auch sein mochte, machte noch keinen Skalden; es mußte auch das Studium (nám) hinzutreten. Denn die Skaldendichtung bleibt, im Gegensatz zu der in der Vorzeit herrschenden Volksdichtung, Kunstpoesie.

Dieses Studium konnte nun geschehen auf zwiefachem Wege. Zunächst durch Selbstunterricht als ein Auswendiglernen und Zergliedern von Musterstücken älterer Skalden. So begegnet man in den Werken späterer Skalden oft den Wendungen und Ausdrücken der früheren. Und sodann auch durch persönliche Unterweisung von selten älterer Skalden an jüngere Schüler. In dieser Weise unterrichtet Egill den Einar. Und solche Lehrverhältnisse werden ziemlich oft stattgefunden haben.

Schon stofflich galt es, mancherlei sich anzueignen, als die alten Göttermythen und die daher abzuleitenden poetischen Umschreibungen; dann den historischen Stoff, entnommen dem Leben der Fürsten und den Kämpfen der Völker. Denn das Skaldenlied bewahrt durchweg seinen historischen Charakter. Es berichtet eben ein Hauptgeschehnis, eine hervorragende Heldentat.

Diesem Ereignisse, an sich ein prosaischer Gegenstand, z. B. einer Schlacht, gilt es nun eine gehobene Auffassung und einen künstlerischen Ausdruck zu geben durch charakteristische Wortwahl und Wortstellung, durch Alliteration und Versbau, durch das kühne, schmückende Beiwort, selbst bis zur Gewagtheit des Ausdrucks!

Sodann, wenn das Lied aufgebaut war, handelte es sich um einen angemessenen Vortrag desselben. Auch für das Altertum galt Goethes Wort: „Der Vortrag macht des Redners Glück!" — Und damals gab es noch keinen Schauspielerstand, der dem Autor zum Leben verhilft. Erst in einer unserer letzten Sögur werden wir an König Magnús Erlingssons Hofe, um das Jahr 1180 solche Schauspieler als fahrende Leute auftreten sehen. Der Skalde mußte sein eigener Rezitator werden! — Da galt es denn, zur Erwerbung einer edlen Sprechkunst die Stimme und den Vortrag zu üben; erstere durch lautes, artikuliertes, klangvolles Sprechen, letzteren durch ein verständnisvolles Durchdringen des Stoffes, um jedes Wort nach seinem Gedanken- und Gefühlswerte zum angemessenen Ausdruck zu bringen. Denn ein geübter Vortragskünstler hat es in der Hand, kraft seiner Kunst, in ein Wort zu legen die aufjubelnde Freude wie den Schall von Trauerglocken.

Endlich, da das komponierte Gedicht nicht aufgeschrieben werden konnte; denn erst mit Einführung des lateinischen Alphabets, um 1117, welches die nur für kürzere Inschriften geeigneten Runen ablöste, ward ein schriftlicher Niederschlag längerer Wortreihen möglich; 80 mußte der Dichter seine eigenen Verse auswendig lernen (festa), um sie für alle Zeit zu behalten. Auch wurde von einem Skalden nicht nur der Vortrag seiner eigenen Gedichte verlangt, sondern auch die Rezitation aus dem Liederschatze älterer Skalden, wie das die kommenden Erzählungen von Stúfr und Máni zeigen werden. Dieses erforderte ein durch anhaltende Übung zu stärkendes Gedächtnis, wenn auch Rhythmus und Stabreim als treffliche mnemonische Hilfsmittel sich darboten.

Dieses alles macht es begreiflich, wenn Egill den Weg eines Dichters als steil und beschwerlich bezeichnet. Wir werden in unseren Erzählungen außerordentlich geschickten Improvisatoren begegnen, die in unterhaltenden Wettkämpfen einander zu überbieten suchen; aber keineswegs allen Skalden wird das Dichten leicht! — So ruft Einar Helgason skálaglamm die Stille der Nacht zu Hilfe, um Vers an Vers zu fügen, und beklagt sich bitter über die Kargheit seines Herrn, des Hákon jarl, welcher solch beschwerlich Mühen zu wenig freigebig lohne.

Die hier beschriebene Skaldenkunst hatte nun mit den auswandernden norwegischen Aristokraten in Island eine neue und besonders fruchtbare Pflanzstätte gefunden.

Wie leicht begreiflich, mußten die Unruhe der ersten Siedelungsarbeit und die Sorge um den Aufbau einer neuen Staatsordnung das geistige Schaffen zurückdrängen. Allein 950 nimmt man in Island und besonders in der Myrar-Harde die Skaldendichtung wieder auf und setzt sie dann so gut wie allein fort, während in dem Mutterlande Norwegen diese Kunstproduktion völlig schwindet. Dafür aber entsteht gerade am norwegischen Königshofe eine Bewertung dieser Dichtkunst wie nirgends anderswo, und die aus Island reichlich zuwandernden Skalden finden hier die wärmste Aufnahme und königliche Belohnung.

Haraldr hinn hárfagri hat, wie er Norwegens politische Zusammenfassung vollzog, so auch die Rang-Stellung der Skalden an seinem Hofe begründet. Und diese von ihm getroffene Einrichtung erhielt sich 300 Jahre am norwegischen Königshofe.

Unter Haraldr dienten folgende Skalden:

Tjódólfr ór Hvini (der Name seines Hofes). Er ist der Verfasser des berühmten Yngling-tal, welches Gedichtes historischen Inhalt Snorri dem ersten Buche seiner norwegischen Königsgeschichte zum Grunde legt.

Thorbjörn hornklofi, welcher einen Siegesgesang auf die Schlacht im Hafrsfjördr zu Haralds Ehren dichtete.

Aulvir hnufa.

Der erste von diesen führte den Titel „höfud-skáld", was wir mit „Dichter-Fürst" übersetzen können. Denn außer einer reichlichen Dotation an Einkünften und Geschenken genoß er hohe Ehren. Er schritt im Gefolge des Königs als erster hinter der Person des Fürsten und nahm bei der Tafel ihm gegenüber den Ehrensitz ein.

Seine Pflicht war es, die körperlichen und geistigen Eigenschaften seines Herrn, sowie dessen Regierungstaten und gewonnenen Schlachten im Liede zu formen, dieses Lied dann die Hofleute zu lehren, um so das Geschehnis, einer mündlichen Tradition überliefernd, für die Nachwelt festzuhalten.

Der Preis durch solch ein Skaldenlied galt unentwegt für eine hohe Ehre. Nur Könige, Jarle, Hersen wurden ihrer teilhaftig, sehr selten Privatpersonen. Nur ein Achill und ein Hector verdienen ihren Homer; aber sie leben für die Nachwelt auch nur durch denselben.

Aus dieser Empfindung heraus erklärt sich die außerordentliche Gunst, in welcher die Skalden an den nordischen Königshöfen standen.

So kann man denn die Tätigkeit eines Höfud-Skalden inhaltlich als die eines Hofhistoriographen bezeichnen. Als solcher befand er sich stets in der nächsten Umgebung des Fürsten, um mit eigenen Augen zu sehen, was vorging, und stand in der Schlacht an seiner Seite, mit der „Wundenflamme" in der Faust, um aus eigener Erfahrung singen und sagen zu können von dem geschehenen „Waffen-Wetter".

Oft bildet sich zwischen König und Höfud-Skald auch ein warmer, persönlicher Freundschaftsbund. Dieser wird jenem ein vertrauter Ratgeber. Solches werden wir in den folgenden Erzählungen beobachten zwischen dem Skalden Sighvatr Thórdarson und seinen beiden fürstlichen Herren, Vater und Sohn, Oláfr enn helgi und Magnus enn góði.

Dennoch, obwohl unter dem Strahle fürstlicher Gunst lebend, sinken diese Skalden niemals zu gemeinen Schmeichlern hinab, sondern bewahren sich stets ihre Freimütigkeit, wie der Historiker Snorri in seiner Heim-skringla es bezeugt: „Es wäre ja Hohn gewesen und kein Lob, einem Manne eine Heldentat anzudichten, die er nie getan hat.

Es ist begreiflich, daß eine solche Ehrenstellung am norwegischen Königshofe viel Verlockendes haben mußte für junge Islandsrecken, welchen aus Odins Skaldenmet ein reichlicher Trunk beschert war.

Ja, eine Fahrt nach Norwegen wurde bald für jeden jungen Isländer, ohne Rücksicht auf seine poetische Begabung, Modesache; eine notwendige Stufe der persönlichen Ausbildung; der Eintritt in die hohe Schule des Lebens, um in der Fremde Land und Leute von anderem Schlage kennen zu lernen, und dort an tüchtiger Männer Muster sich zu bilden. Wer das unterließ, verlor an persönlicher Wertschätzung und erntete den Spottnamen eines „heimskr", eines Klebers an der Scholle.

Nach dieser Richtung hin bietet sich im folgenden dem Leser dar die charakteristische Erzählung von Hreidarr heimskr.

Das Trachten nach der Ferne, der Wunsch nach Abwechslung und Anregung lebt ja in jeder Menschenbrust als ein Gegengewicht zu einem andern, nicht minder starken Triebe, in den Boden einzuwurzeln, auf dem man geboren ist und lebt. Denn in seiner Überspannung wirkt dieses letztere Trachten zum Schaden der persönlichen Entwicklung. Es macht innerlich enge und führt zur geistigen Verarmung.

Jener Zug nach der Ferne war nun ganz besonders berechtigt bei den Bewohnern eines geographisch so isolierten, von rauhen Hochgebirgen durchsetzten, meerumtosten Eilandes.

So wurde es dann alsbald die Sitte, daß Söhne der Großbauern auf Island mindestens drei Jahre im Auslande zubrachten. Dieses erklärt ihre Anwesenheit bis zu 100 Köpfen in Niðaróss. Und zur höchsten Auszeichnung rechneten sie es sich an, dort am Königshofe empfangen, oder gar in die Leibwache des Fürsten aufgenommen zu werden.

Denn obwohl die Väter vor dem erstarkenden Königtume einst im Zorn gewichen waren, um in der neuen Heimat ihr Freiheitsideal zu verkörpern, so hatte doch dieses Königtum, welches von früh an mit seinem Schimmer die Jahrhunderte und Völker durchdrang, auch für sie selbst seine anziehende Kraft nicht verloren.

Der Name „Isländer" galt für die Reisenden jener Zeit schon an sich als eine Empfehlung. Die Isländer waren von männlicher Schönheit und geistig hoch begabt. Körperlich geübt in Sport aller Art, in Gesetzes- und Geschichtskunde wohl erfahren. Dabei gewandt in der Rede und im Benehmen, so daß selbst Leute von niederer Herkunft darauf rechnen konnten, auf ihr Selbstzeugnis: „Ich bin Isländer!" bei Fürsten eine gute Aufnahme zu ßnden; ein Entgegenkommen, dem sie dann auch durch taktvolle Haltung meistens entsprachen. Dieses zeigt die Erzählung von dem schlichten Audun und seinem Besuche bei König Sveinn Úlfsson in Dänemark.

Fühlte der junge Isländer nun Skaldenkunst in sich, so steigerte sich ja seine Aussicht auf einen guten Empfang im Auslande; denn überall in den Nordlanden, und namentlich am norwegischen Königshofe, war der Sänger hochwillkommen, und ein gutes Gedicht galt als der beste Empfehlungsbrief.

Wenn solch ein junger Islandsskalde sich rüstete, zu Schiffe nach Norwegens Hauptstadt Niðaróss den Weg von 150 Meilen zurückzulegen, so nahm er, je nach seinem Vermögen, bald nur einen Platz als Passagier, auf einem Handelsfahrzeuge, bald kaufte er gemeinschaftlich mit einem Kameraden ein Schiff halbpart, bald charterte er ein ganzes Fahrzeug für sich allein.

Stets aber hatte er bereits vor seiner Ausfahrt das Fürstenlied fertig in seinem Kopfe. In Niðaróss angelangt, erfolgte alsbald, meist ohne Schwierigkeit, die Vorstellung bei Hofe, sei es durch einen dort anwesenden Landsmann, oder auch ohne eine solche Einführung, besonders auf Grund des Zeugnisses, daß er ein Skalde sei. Dem Könige wurden nämlich jeden Morgen alle eingelaufenen Schiffe samt den Namen der Schiffseigner und der Mitreisenden amtlich gemeldet.

Der junge Recke trat, wenn er vorgelassen wurde, in die Fürstenhalle ein, schritt vor den Hochsitz des Königs, verneigte sich vor der Person des Monarchen tief, gab dann nach rechts und links zwei leichtere Verbeugungen, geltend dem fürstlichen Gefolge, und trug darauf, zuweilen auf ein Knie sich niederlassend, mit voller, klarer Stimme, unter starker deklamatorischer Hervorhebung von Rhythmus und Stabreim, besonders aber auch der charakteristischen Epitheta ornantia, welche dem Ruhme des Fürsten galten, sein Lied (drápa) vor, welches nicht zu kurz sein durfte und im Vortrage wohl zehn Minuten ausfüllte.

War der König ein sicherer Beurteiler, oder gar selbst ein ausübender Dichter, wie Haraldr Sigurdarson hardrádi, so gab er sofort sein Urteil über die gehörte Leistung ab; andernfalls wandte er sich an seinen Höfud-skäld, der ihm zur Seite stand, mit der Frage nach dem poetischen Werte des Vernommenen. Zu diesem Hilfsmittel greift König Haraldr Godvinson von England in der lustigen Geschichte von dem übermütigen Grautar-Halli.

Fällt das Urteil günstig aus, so erfolgt sofort des Liedes Lohn (kvaeðislaun), bestehend in einem Goldringe, oder einer wertvollen Trutzwaffe, oder einem mit Bildwerk überzogenen Schilde, oder einem goldbeschlagenen Gürtel, oder einem pelzverbrämten und überstickten Mantel. Erwünschter aber noch war als Liedeslohn die Aufnahme in des Königs Leibwache, welches dann zunächst auf ein Jahr geschah.

Lieder, welche besonders gefielen, mußten sofort von dem gesamten Hofgesinde auswendig gelernt werden, damit sie, im Besitze aller bleibend, gesichert auf die Nachwelt kämen. Dieses Auswendiglernen leitet der Skalde durch wiederholtes Vorsprechen, und wir haben in dem Nachfolgenden eine reizende Erzählung, wo den Hofleuten dieses Auffassen und Behalten herzlich schwer fällt. Von einer in Gegenwart des Königs Sigurdr Haraldsson munnr (1136—55) auf der Schiffsbrücke zu Bergen von dem Skalden Einar Skulason improvisierten siebenzeiligen Strophe hatten die Hofleute, nachdem eine Wette über die Stärke ihres Gedächtnisses abgeschlossen war, schließlich nichts behalten und der König selbst nur zwei Zeilen.

Kann oder will der Dichter so lange nicht bei Hofe verweilen, bis dieses Geschäft des Auswendiglernens beendigt ist, so erfolgt ein Abzug an seinem Liedeslohne, und wir werden einen solchen sehr komisch wirkenden Zug im folgenden finden.

Neben dem Fürstenskalden, welcher als Hofhistoriograph den ersten Platz behauptet, waren am Hofe verpflichtet zeitweise auch andere Dichter mit der Aufgabe, für die geistige Unterhaltung des Fürsten und der Hofgesellschaft zu sorgen. Denn „at kveða" galt damals gleichbedeutend mit „at skemta", d. h. die Zeit verkürzen, oder sich unterhalten. Besonders belebt finden wir nach dieser Richtung hin den Hof des Haraldr Sigurdarson hardrádi, eines persönlich hochbegabten und durch langen Aufenthalt im Orient feingebildeten Fürsten. Ein warmer Freund und Gönner der Skalden, der ihre Tugenden wie auch Schwächen genau kannte, liebte er es, um ihre Kräfte zu spornen, ihnen Preisaufgaben zu stellen, welche durch schnelles Improvisieren um die Wette gelöst werden mußten. Dabei schürte er ihre Künstlereifersucht, welche damals nicht weniger sich regte, als heute. Er verabreicht fürstliche Geschenke, läßt nach allen Seiten Witz und Laune sprühen, wobei es nicht übel ausgelegt wird, wenn der Ton zuweilen stark ins Burschikose fällt. Ja, es belustigt ihn, wenn die Skalden ihm persönlich stark doppeldeutige Worte in Reimform zuwerfen, falls er nur bei guter Laune ist. — Zehn sehr charakteristische Erzählungen, in seine Regierungszeit fallend und an seinem Hofe spielend, bringt das folgende Buch.

In der Regel blieben die jungen Edelinge, welche nicht zu Fürstenskalden ernannt waren, einen Winter in Niðaróss und erhielten dann Urlaub zur Weiterreise auch an andere Fürstenhöfe, unter denen die von Dänemark und England die beliebtesten waren. Selten wendet sich ein Skalde an den Hof von Schweden. Die Freizügigkeit des Dichters im Altertume blieb anerkannt. Er war der fahrende Sänger, aber auch der Träger des geistigen Lebens, der Vermittler des historischen Stoffes für die Mit- und Nachwelt. Nicht minder danken wir ihm den Einblick in das Leben und die Lebensweise, in die Sprache und den Empfindungskreis unserer germanischen Vorfahren, wofür anderswo die Quellen fehlen.

Doch, um dem starken Bedürfnis nach geistiger Unterhaltung zu genügen, tritt neben dem Skalden in unseren Erzählungen auch noch eine andere Persönlichkeit auf, der SagamannSaga, von segja = vortragen, ist jedes Geschehnis, gleichgültig, ob heroischer oder erotischer Art, ob historisch oder mythisch, ob kurz oder lang, welches, in gefällige Prosa gefaßt, zum mündlichen Vortrage sich eignet..

Bot der Skalde Geschichte in rhythmischer Form, so der Sagamann Geschichte in glatter Prosa. War der Skalde selbst Autor, in der angeborenen Kraft tief zu denken, klug aufzufassen, schön zu formen; so war der Sagamann nur ein reproduzierender Künstler, der einen ihm zugeflossenen, bereits geformten historischen Stoff lediglich in seinem erstarkten Gedächtnis, zu einer jederzeitigen Verwendung, festhielt und mit klangvoller Stimme zum Vortrage brachte.

In einer Epoche, wo man weder schrieb, noch druckte, wo jedermann des Lesens unkundig, lediglich auf sein Ohr angewiesen war, wo der literarische Schatz nur im Gedächtnis lebte, und sich fortpflanzte nur durch den Mund: waren diese Sagamänner für die damalige Welt, welche einen sehr lebendigen Bildungstrieb besaß, dasjenige, was uns heute die Bücher sind, Quellen der Belehrung und Unterhaltung.

Auch die Sagamänner sind, so gut wie die Skalden, zumeist Isländer und kann ihr erstes Auftreten im Mutterlande gesetzt werden in das Jahr 970. Auch sie werden zu fahrenden Künstlern, suchen Norwegen und die Nachbarländer auf, um Gold und Ehre zu gewinnen, bleiben aber stets nur Vortragskünstler zweiten Ranges, welche die hohe gesellschaftliche Wertschätzung der Skalden niemals erreichten.

Sie waren, im breitesten Flusse, Vermittler der historischen Stoffe für die damalige Zeit!

Doch woher floß ihnen dieser Stoff zu? —

Auch dessen Geburtsstätte ward Island. Am Rande seiner grünen Fjorde, am Fuße seiner schneebedeckten Jökul ist derselbe geboren, gesammelt und geformt.

Die auswandernden Edelinge hatten in die neue Heimat, unter den mitgenommenen Wertstücken, gebracht vor allem ihren Stammbaum, aufgezeichnet in Runen, den heilig gehüteten Beweis ihrer vornehmen Abstammung, nicht selten bis zu den Göttern aufsteigend. — Ein Wertstück von besonderem Gewicht in einer Zeit, welche des Menschen Würde nicht nach Besitz, sondern nach Charakter und Herkunft berechnete.

An die verzeichneten einzelnen Namen dieser Stammbäume knüpfte ein mündlicher Bericht die zugehörenden Taten und Leiden. Es gab außerdem ein von diesen Vorfahren geschwungenes, mit Wunderkraft ausgestattetes Schwert, einen mit Bildwerk reich überdeckten Schild, einen kostbaren, in besonderer Weise erworbenen Mantel, ein selbstverfaßtes Gedicht; Dinge, deren jedes seine besondere Geschichte besaß. Hieraus weben sich zusammen kleinere Lebensbilder, welche, als ein Gut der Vorzeit warm gehütet, den Unterhaltungsstoff in den betreffenden Familien bildeten.

Und nun das neubegonnene Leben auf Island! — Der Akt der Landnahme; die Abgrenzung des so entstehenden neuen Eigentums; der Aufbau der Goden-bezirke, in welchen Einrichtung und Macht der altnorwegischen Häuptlinge sich fortsetzte; die Zusammenfassung dieser einzelnen Rechtskreise abschließend in das Althing: dies alles bot der Reibungsflächen genug für Streit und Kampf, zumal der mitherübergewanderte alte Vfkings-Geist sich nicht sofort zur Friedensarbeit einer schlichten Gutsverwaltung umstimmen konnte.

All dieses Erleben und Geschehen, aus Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft, ergab einen historischen Stoff, der zunächst nur den Wert und Charakter gesonderter Familiengeschichten besaß.

Auf diese Weise sind entstanden die 34 Aettaaett = Geschlecht; aett-madr = Geschlechtsgenosse; aettar-tala = Geschlechtsregister.-Soegur, welche unbestritten den wertvollsten Teil der isländischen Prosaliteratur bilden. Es sind biographische Charakterbilder von entzückender Frische und treuester Darstellung in Bezug auf Seelenleben und Sitten, Zustand und Rechtsverhältnisse der Menschen aus jener heroischen ZeitZwei von diesen Aetta-Soegur sind von mir bearbeitet: die Grettis-saga, erschienen Berlin 1806 unter dem Titel „Gretter der Starke, einer alten islindischenUrkunde nacherzählt**, und die Laxdoelasaga, erschienen Jena 1898 unter dem Titel „Kjartan und Gudrun", ein kulturhistorischer Roman von der Wende des 10. Jahrhunderts auf Island..

Aus diesen einzelnen Familienbildern der tonangebenden Geschlechter wob sich nun leicht zusammen die Geschichte des Staats, und es entstanden so in größerem Umfange die Islendinga-Soegur.

Dieser in der Gesamtheit bestehende historische Stoff ergoß sich dann in den breiten Fluß einer mündlichen Tradition, aus welchem, sich begeisternd zu neuen Heldentaten, man mit Vorliebe schöpfte die Unterhaltung auf den Islandshöfen bei Hochzeiten, Erbebieren, Pferdekämpfen, Eisbelustigungen und in den an diese Feste sich knüpfenden Trinkgelagen. Denn auch beim Trinkhorne sitzend legte der Nordmann höchsten Wert auf geistige Anregung und gute Unterhaltung.

Da nun bei solchen Anlässen der Ohren genug es gab, begierig zu hören, der Zungen aber viel weniger, welche geschickt waren, mit klangvoller Stimme und gutem Ausdruck aus einem starken und treuen Gedächtnis heraus zu erzählen: so entwickelte sich für dieses Tun ein besonderer Stand, der Sagamann; der Familienchronist, der Prosaist in mündlicher Darstellung, dessen Verdienst lediglich in der Sammlung, der Bewahrung und geschmackvollen Wiedergabe des, ohne sein Zutun entstandenen, historischen Stoffes bestand. Denn erst um 1117 trat die Feder in Tätigkeit und es erfolgten die ersten schriftlichen Aufzeichnungen.

Unter den folgenden 28 ðaettir finden wir eine Erzählung, überschrieben: „Von dem Sagavortrage eines Isländers", welche uns einen Repräsentanten dieser Klasse zeigt. Daß der Mann nicht mit seinem Namen uns vorgestellt wird, was doch bei den Skalden niemals unterbleibt, beweist schon die geringere Einschätzung. Er hat auf seiner Kunstreise ins Ausland Stellung gefunden an König Haraldrs Hofe mit der Verpflichtung, den Fürsten und die Hofleute, sobald es verlangt wird, durch historische Vorträge zu unterhalten. Dieser Aufgabe war der Mann monatelang nachgekommen, und wir staunen über den großen Vorrat seines Erzählungsstoffes und die Kraft seines Gedächtnisses. Da, nahe dem Gipfel der winterlichen Festzeit, welcher durch das Jól(Weihnachts)fest gebildet wird, überfällt den Rezitator eine Schwermut, welche dem aufmerksamen Auge des Königs nicht entgeht und es stellt sich heraus, daß sein historischer Stoff erschöpft ist, nun wo er gerade am notwendigsten ihn brauchte für die Bankette der kommenden Festtage. Nur ein einziger Erzählungsstoff ist ihm noch übrig geblieben, den er aber nicht vorzubringen wagt, nämlich Haraldrs persönliche Erlebnisse und Taten im Orient. Doch der König läßt diesen Vortragsstoff für die Weihnachtszeit zu, und es wird derselbe so geschickt in einzelne Abschnitte zerlegt, daß die Festtage damit ausgefüllt werden.

Für uns ist zugleich überaus wichtig das Bekenntnis des Mannes vor dem Könige, wie er in den Besitz dieser letzten historischen Tatsachen gekommen sei. — Er hat zu diesem Zwecke einen Fahrtgenossen Haraldrs, nämlich Halldörr, den Sohn des Coden Snorri, eigens und wiederholt auf dem Althing besucht, um aus seinem Munde abschnittweise jenes historische Wissen zu sammeln und sich einzuprägen.

Überaus interessant für den Eifer der Isländer, auch solche Dinge in den Kreis ihres geistigen Besitzes zu ziehen, welche über den Rahmen der eigenen Lokalgeschichte weit hinauslagen.

Um so weniger kann es uns verwundern, daß mit einer ganz besonderen Wärme auch die Geschehnisse des ehemaligen Mutterlandes Norwegen von den Isländern ergriffen und gestaltet wurden. Denn um des persönlichen Ruhmes willen durften sie es nicht unterlassen, das Andenken an die gemeinsamen Väter und Verwandten zu bewahren. Daraus ergab sich denn leicht für die isländische Literatur eine zusammenhängende Darstellung aus Norwegens Vorzeit. Auf diese Weise entstanden die Fornmannaforn-madr, plr. forn-menn, gen. „manna" = der Vorfahr. — konúngr, plr. konúngar, gen. konánga = der König.-Soegur, welchen sich dann anschlössen die Noregs-konunga-Soegur, die Geschichte der norwegischen Könige, unter welchen die beiden Oláfe, Tryggvason und helgi, und dann Magnús góði und sein Oheim Haraldr Sigurdarson hardrádi, um deren Person schon damals ein reicher Legendenkranz sich zu legen begann, die breitere Behandlung fanden.

Diese Bemeisterung historischer Stoffe wurde so sehr ein anerkanntes Recht der Isländer, daß die norwegischen Könige Sverre (1177—1202) und Magnus lagaboetir (1263—1280) sich eigens Isländer an ihren Hof beriefen, um als Historiographen unter ihren Augen zu arbeiten.

Aus jenen historischen Sammelwerken der Fornmanna und der Noregs-konunga-Soegur, deren Verfasser nur teilweise wir kennen, sind nun die im folgenden mitgeteilten Erzählungen die Ausschnitte (þaettir), nicht in willkürlicher Abtrennung, sondern sie selber heben sich in ihrer Eigenart aus dem Texte heraus wie sorgsam gepflegte Blumenbeete aus der Mitte schlichter Rasenflächen.

In ihnen unterbricht nämlich der Verfasser seine chronologisch geordnete, kritisch gesichtete Darstellung, um nun seiner Neigung zu historischer Kleinmalerei mit besonderer Liebe sich hinzugeben und auf diese Weise den Charakter des Königs, von dem das Geschichtswerk gerade handelt, oder der Personen seiner Umgebung scharf zu beleuchten.

Wir besitzen in diesen ðaettir, um es noch einmal zu wiederholen, nach dem Urteile aller Kenner, Musterstücke, welche den Höhepunkt altnordischer Literatur uns darstellen.

Wie der Isländer es liebt, mit wenig Worten viel zu sagen, so ist auch in diesen Musterstücken die Darstellung eine knappe. Ohne Einleitung werden die wichtigeren unter den handelnden Personen sofort eingeführt, ihre Gestalt und ihr Gesicht, ihr Charakter und Kostüm werden in sprechenden Zügen veranschaulicht; gehören sie zum Adel, so fehlt ihr Stammbaum nicht. Der Schauplatz der Begebenheit wird geographisch umrissen und die Zeitumstände in charakteristischen Merkmalen gezeichnet.

Die Handlung setzt unmittelbar ein. Während der Verfasser völlig zurücktritt, nichts von Abhandlung und Reflektion sich breit macht, treten die handelnden Personen sofort selbst, sprechend, auf in einem Dialog, gewürzt durch Witz und Sprichwort, wo Rede und Gegenrede gleich Axtschlägen einander folgen. Alles gestaltet sich in lebendigster Anschauung zu einem blutwarmen Geschehnis, ohne daß irgendwo bleiche und langatmige Referate uns ermüden.

Der Aufbau des epischen Stoffes beruht auf dem Gesetze der Steigerung. Die entgegengesetzten Charaktere werden in scharfen Linien einander gegenübergestellt. Das Erscheinen des Haupthelden wird, um die Erwartung zu steigern, mit großer Kunst vorbereitet. Man denke an Hemingr in der gleichnamigen Erzählung. Die einzelnen Kapitel enden stets mit einem Problem, auf dessen Beantwortung man gespannt wird. Sodann gegen den Schluß des Ganzen, wenn der Konflikt auf das schärfste zugespitzt erscheint und die Erwartung ihren Höhepunkt erreicht hat, setzt die Lösung ein mit einer oftmals ganz überraschenden Wendung, welche aber nichts Erzwungenes hat.

Das Motiv der Verwicklung ist meist ein umstrittenes Recht, ein verpfändetes Wort, das verletzte Ehrgefühl oder ein Schwertschlag, der Sühne heischt.

Erotik, welche die moderne Novelle fast ausschließlich beherrscht, fehlt hier gänzlich. Denn die Frauen treten in diesen Erzählungen stark zurück. Treten sie auf, so zeigen auch sie, dem Charakter der Zeit gemäß, einen fast männlichen Sinn. Der Inhalt ihres Lebens ist nicht Putz und Spiel und Flirt, sondern die Pflege von des Hauses Besitzstand und Ehre. Sind sie Witwen, oder sind die Männer draußen auf Víking, so führen sie daheim die umfangreiche Gutswirtschaft mit fester Hand. Knechte werden zur drängenden Sommerarbeit, um die karge Gunst der kurzen Sonnenstrahlen auszunützen, rasch hinausgesandt, und Mägde müssen in den langen Winterabenden die gewonnenen Rohprodukte verarbeiten, so besonders die aufgesammelte Wolle zu Vaðmál, welches neben dem Werte eines Bekleidungsstoffes für Familiengenossen und Gesinde auch die Stelle des baren Geldes vertritt. Prachtstücke ausgenommen, wird wenig für den Bedarf des Hauses von auswärts bezogen. Der Gast, der Flüchtling, welcher den Schutz des Hauses suchte, wird auch von den Frauen heldenhaft verteidigt. Solche tüchtige Naturen sind in den folgenden Erzählungen Gudrún, Hrafns Mutter und Ragenhildr, Erlings Tochter.

Bei den Männern, von denen wir hier Nachricht erhalten, zeigt sich vor allem die Eigenschaft der Unerschrockenheit, sei es gegenüber dem Aufruhr der Elemente auf dem Meere, sei es gegenüber dem Feinde in der Schlacht. Die Schärfung der Sinne, die Geschicklichkeit der Hände und Füße, die volle Beherrschung des gesamten Körpers durch einen starken Willen erwarb man durch beständige Übung in Wettspielen aller Art. Bis zu welcher erstaunlichen Fertigkeit die Edelinge jener Zeit es hierin gebracht haben, zeigt mit vollster Anschaulichkeit die Erzählung von Hemingr, dem Sohne des Aslákr.

Das Gefühl für Anstand scheint den Männern angeboren, aber auch durch gute Erziehung gepflegt, so daß Söhne isländischer Großbauern, nach Niðaróss kommend, ohne eine Zwischenstufe, des Königs Kavaliere werden können und doch selten Gefahr laufen, gegen die Hofsitte zu verstoßen. Nur wenige Ausnahmen davon machen sich bemerkbar, wie bei dem ausgelassenen, etwas zynisch veranlagten Halli und dem steifnackigen Halldórr, dem Sohne des Goden Snorri.

Die geistige Ausbildung umschließt Geschichtskunde, Gesetzeskenntnis, Beredsamkeit und bei besonders Beanlagten die Skaldenkunst.

Der Edelmut der Gesinnung findet seinen Ausdruck vor allem in einem unbedingten Worthalten. Die dargereichte Hand, das gegebene Wort binden fester als Eidschwüre. Einar Thambarskelfir ist eher bereit, auf die Gunst seines königlichen Freundes Magnús góði zu verzichten, als dem zu ihm geflüchteten Thorsteinn, das gegebene Wort zu brechen.

Dann zeigt sich die Noblesse der Gesinnung auch in der Freude am Schenken. Wie die Skalden fürstlich belohnt wurden, sahen wir; aber überhaupt kein noch so schlichter Gast verläßt ohne ein Geschenk das Haus. Und mit welch einer Feinheit wird dasselbe verabreicht! — Wie steigert König Sveinn dem scheidenden Audun gegenüber das Angebot der ihm mitzugebenden Andenken mit einer geradezu hinreißenden Wärme seiner Beredsamkeit. Und Eysteinn legt zu dem Scharlachmantel, welchen er seinem Gaste Thormóðr verehrt, noch einen goldenen Armring mit der feinen Bemerkung: „Dieses gereiche dir zum Ausgleich dafür, daß meine spendende Hand keine Fürstenhand ist, wie die des Königes Haraldr!"

Freilich die Kehrseite von dem allen ist das zeitweise Hervorbrechen des alten Vikinger-Geistes in Zügen von erschreckender Roheit. So schlägt Thorgrímr seinen friedlichen Nachbar Sighvatr zu Boden, nur, weil er sein Recht brauchte und dessen Kühe von den eigenen Heudiemen abwehrte. — Steinn ersticht des Königs Oláfr Vogt auf der Stelle, weil er nicht sofort ihm seinen Willen tun und Pferd mit Schlitten zur Weiterreise stellen mag. — Und wie unbarmherzig quält nicht König Haraldr den jungen Hemingr durch Stellung immer neuer und schwieriger Aufgaben in Sportleistungen aller Art, bis er ihn schließlich damit in den Tod getrieben hat!

Diese 28 in deutscher Übersetzung hier zum ersten Male erscheinenden Ausschnitte bietet der altnordische Text in einer klassisch schönen Sprache. Sicherlich vermag keine Übersetzung ein Original zu ersetzen; aber doch war es mein Streben, beides zu erreichen, dem altnordischen Kunstbau so gut, wie auch dem deutschen Sprachgenius gerecht zu werden, um einen treuen und doch fließend lesbaren Text zu liefern. Wer indessen die kurze und sententiöse Art der altnordischen Ausdrucksweise kennt, wird von vornherein zugeben, daß vieles hier nur durch Umschreibung sich wiedergeben läßt.

 

Quellen:
Professor Dr. E. Christian Dagobert, An nordischen Königshöfen zur Vikingerzeit
Erschienen 1910 im Karl J. Trübner Verlag

 

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