Adam von Bremen

Hamburgische Kirchengeschichte
(Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum)

Viertes Buch - Beschreibung der Inseln des Nordens, Kap. 1 - 14.
(Descriptio insularum aquilonis, Capitula I-XIV.)

 

Hiermit beginn' ich, beliebt's, das vierte der Bücher des Werkes.

 

Karte der nördlichen Länder nachAdam von Bremens Beschreibung

Karte der nördlichen Länder nach
Adam von Bremens Beschreibung.
(A. A. Bjørnbo, 1909)

1. Das Land der Dänen ist beinahe ganz in Inseln zertheilt, wie das auch im Leben des heiligen Anscar (K. 25) zu lesen ist. Dieses Dännemark aber trennt von unseren Nordelbingern der Fluß Egdore, welcher in einem sehr tiefen Walde der Heiden, Isarnho[1] genannt, entspringt, der sich längs des barbarischen Meeres[2] bis an den Slia-See[3] erstrecken soll. [SCH. 95.] Uebrigens strömt der Fluß Egdore hinab bis an den friesischen Ocean, welchen die Römer den britannischen heißen.

 

Der erste Theil Dännemarks aber, welcher Judlant genannt wird, erstreckt sich von der Egdore aus gen Norden der Länge nach, indem man einen Weg von drei Tagen hat, wenn man auf die Insel Fune abbiegt. Wenn man aber die Entfernung von Sliaswich nach Alaburg[4] dem geraden Wege nach mißt, so hat man einen Weg von fünf bis sieben Tagen. Das ist die Straße Kaiser Otto’s bis zum äußersten Meere von Wendila[5], welches seit dem Siege des Königs bis auf den heutigen Tag Ottinsand genannt wird[6]. Die Breite von Judlant aber ist jenseits der Egdora weiter ausgedehnt, von da an jedoch zieht sie sich allmählich zusammen in Form einer Zunge zu dem Winkel, der Wendila genannt wird, wo Judland ein Ende hat. Von da aus ist die kürzeste Ueberfahrt nach Nordmannien. Das Land daselbst ist unfruchtbar; außer den dem Flusse naheliegenden Ländereien, erscheint fast alles wie eine Wüste; es ist ein Land der Salzwüste[7] und weiten Einöde. Ferner, während das ganze Gebiet Germaniens von tiefen Wäldern starrt, so ist doch Judland schreckenerregender, als alle übrigen; denn zu Lande flieht man es wegen des Mangels an Feldfrüchten, zur See aber wegen der Anfälle der Seeräuber. Kaum an einigen Orten findet man es bebaut, kaum ist es für Menschenwohnungen geeignet. Wo aber die Arme des Meeres entgegenkommen, da hat es sehr große Städte.

 

Dieses Land also machte einst Kaiser Otto zinspflichtig und theilte es in drei Bisthümer, indem er das eine zu Sliaswig gründete, welches auch Heidiba heißt und von einem Arme des Meeres der Barbaren bespült wird, welchen die Eingeborenen Slia nennen, woher auch die Stadt den Namen hat. Von diesem Hafen aus pflegen Schiffe nach Sclavanien oder Schweden oder nach Semland, ja bis nach Griechenland hin entsandt zu werden. Ein zweites Bisthum errichtete Kaiser Otto in Ripen, [SCH. 96.] welche Stadt von einem zweiten Gewässer umgeben ist, welches vom Ocean hereinströmt und auf dem man nach Fresien segelt, oder auch nach England [SCH. 97.] oder nach unserem Sachsenlande hin.

 

Das dritte Bisthum entstand nach seinem Willen in Arhusan. Diese Stadt trennt von Fune ein sehr schmaler Sund, welcher, von der Ostsee her eintretend, sich in langen Krümmungen zwischen Fune und Judlant nach Norden zu erstreckt bis eben zur Stadt Arhusan, von wo aus man nach Fune oder Seland fährt, oder nach Schonen, oder bis nach Norwegen.

 

2. Späterhin aber, als dies Bisthum, welches wir als das dritte aufgeführt haben, einging, behielt Judlant nur zwei Bisthümer, das von Schleswig [SCH. 98.] nämlich und das von Ripen, bis, nachdem neulich Wal[8], der Bischof von Ripen, [SCH. 99.], [SCH. 100.] gestorben, jene Diöcese in vier Bisthümer eingetheilt ist, wozu der Erzbischof seine Zustimmung gewährte. Dieser weihete bald für Ripen den Oddo, für Arhusan den Christian, für Wiberch [SCH. 101.], [SCH. 102.], [SCH. 103.] den Heribert, für Wendila den Magnus, der, als er nach seiner Ordination heimkehrte, in der Elbe durch Schiffbruch umkam, worauf der Erzbischof den Albrich an seine Stelle setzte. Diesen vier Bischöfen ward damals durch die Verleihung des Königs Suen die Diöcese Ripen zu Theil.

 

3. Der Erzbischof aber ordinirte aus der Zahl seiner Kleriker für Sliaswig den Ratolf, für Seland den Willelm, für Fune den Eilbert, der, wie man erzählt, ein bekehrter Seeräuber war[9] und die Insel Farria, welche in der Mündung des Elbflusses in ferner Einsamkeit im Ocean verborgen liegt [SCH. 104.], zuerst entdeckt und durch Anlegung eines Klosters daselbst bewohnbar gemacht haben soll. Diese Insel liegt Hadeloe gegenüber. Die Länge derselben erstreckt sich auf kaum acht Meilen, die Breite auf vier. Die Bewohner bedienen sich zum Brennen des Strohes und der Schiffstrümmer. Es geht die Rede, daß Seeräuber, wenn sie einmal von da auch nur die geringste Beute hinweggeführt hätten, entweder bald darauf durch Schiffbruch umgekommen, oder im Kampfe erschlagen seien; keiner sei ungestraft heimgekehrt. Daher pflegen sie den dort lebenden Eremiten mit großer Ehrfurcht den Zehnten ihrer Beute darzubringen.

 

Diese Insel aber ist sehr fruchtbar an Getraide, eine sehr reiche Ernährerin von Vögeln und Vieh. Sie hat einen einzigen Hügel, keinen Baum, ist von den schroffsten Klippen eingeschlossen, hat keinen Zugang außer nur einem, wo auch süßes Wasser sich befindet; ein allen Seefahrern, zumal aber den Seeräubern ehrwürdiger Ort. Daher hat sie den Namen Heiligland bekommen. Aus dem Leben des heiligen Willebrord[10] lernen wir, daß die Insel Fosetisland genannt werde und auf der Gränze zwischen den Dänen und Friesen liege. [SCH. 105.]

 

Es liegen auch noch andere Inseln Friesland und Dännemark gegenüber, aber keine von ihnen ist so merkwürdig.

 

4. Fune ist eine nicht unbedeutende Insel, welche hinter der, welche Wendila genannt wird, in der Mündung des barbarischen Meerbusens sich befindet. Sie liegt dicht bei dem Lande, welches Judlant heißt, von wo aus man eine sehr kurze Ueberfahrt nach derselben an jeder Seite hat. [SCH. 106.] Dort liegt die große Stadt Odansue.

Ringsum im Kreise liegen viele kleine Inseln, alle reich an Feldfrüchten. Und zu merken ist: wenn man über Judland nach Fune hin will, so hat man geradeswegs nach Norden zu gehen[11]; geht man aber über Fune nach Seland, so hat man den Osten im Gesichte. Es gibt zwei Uebergänge nach Seland; der eine geht von Fune, der andere von Arhusan aus; beide Orte sind gleichweit von Seland entfernt. Das Meer ist von Natur stürmisch und voll von doppelter Gefahr, da man nämlich sowohl glücklichen Wind haben muß, als auch dann nur mit Mühe den Händen der Seeräuber entflieht. [SCH. 107.]

 

5. Seland ist eine im inneren Busen des baltischen Meeres gelegene Insel von sehr großer Ausdehnung. [SCH. 108.] Diese, hochberühmt sowohl ob der Tapferkeit ihrer Männer als ob ihrer Fruchtbarkeit hat eine Länge von zwei Tagereisen und eine beinahe gleiche Breite. Die größte Stadt derselben, Roschald, ist der Königssitz der Dänen. Diese Insel, welche gleichweit von Fune und von Sconien entfernt liegt, ist in einer Nacht zu durchwandern und hat im Westen Judlant, die Stadt Arhusan oder Alaburg und Wendila; im Norden, wo sie auch wüst ist, die Meerenge von Nortmannien; im Süden aber das vorerwähnte Fune und den sclavanischen Sund; im Osten ist sie dem Vorgebirge von Sconien zugekehrt, wo die Stadt Lundona liegt.

 

6. Daselbst ist viel Gold, welches durch Seeraub zusammengebracht wird. Denn die Seeräuber selbst, welche jene Wichinger, die Unseren Ascomannen nennen, zahlen dem dänischen Könige Tribut, dafür, daß es ihnen freisteht, von den Fremden, welche um dieses Meer herum in großer Anzahl wohnen, Beute zu machen. Daher kommt es auch, daß sie die Erlaubniß, welche sie in Bezug auf die Feinde empfangen haben, oft gegen die Ihrigen mißbrauchen; so sehr sind sie ohne einige Treue gegen einander selbst, und ohne Erbarmen verkauft Jeder den Andern, sobald er ihn gefangen genommen hat, als Knecht an einen Genossen oder Fremden.

 

Auch noch viele andere Eigentümlichkeiten haben die Dänen, welche sowohl den Gesetzen, als den Sitten und dem Recht und der Billigkeit zuwiderlaufen, wovon ich jedoch nichts zu erwähnen für nöthig halte, als nur den Brauch, daß Weiber, wenn sie Ehebruch begehen, sofort verkauft werden. Die Männer aber wollen, wenn sie entweder des Verrates königlicher Majestät schuldig oder auf irgend einem Verbrechen ertappt sind, sich lieber enthaupten als schlagen lassen. Es giebt dort keine andere Art Strafe, als das Beil [SCH. 109.] oder die Knechtschaft, und dann, wenn man verurtheilt ist, froh zu sein, gilt für Ruhm. Denn Thränen und Wehklagen und andere Bezeigungen der Reue, welche wir für heilsam erachten, verabscheuen die Dänen so, daß es sich ebenso wenig für einen schickt, über seine Vergehungen, wie über theure Verstorbene zu weinen.

 

7. Von Seland nach Sconien sind viele Ueberfahrten; die kürzeste führt nach Halsinpurgh, welche auch mit den Augen abzusehen ist.

Sconien ist von Anblick die schönste Landschaft Dännemarks, woher sie auch ihren Namen hat; es ist wohlgerüstet an Männern, [SCH. 110.] reich an Feldfrüchten, begütert an Waaren und jetzt voll von Kirchen. Sconien ist zweimal so groß an Umfang, wie Seland, es hat nämlich dreihundert Kirchen, während Seland nur die Hälfte, Fune nur ein Drittel dieser Anzahl hat. Sconien ist der äußerste Theil Dännemarks, beinahe eine Insel; denn es ist von allen Seiten vom Meere umgeben, außer einer Landenge, welche, im Osten Festland, Schweden von Dännemark trennt. Dort sind tiefe Wälder und sehr schroffe Berge, durch welche der Weg von Sconien nach Gothland notwendig gehen muß, so daß man in Zweifel ist, ob es leichter ist, durch die Gefahr zur See der Fährlichkeit zu Lande zu entfliehen [SCH. 111.], oder diese jener vorzuziehen.

 

8. In eben dieser Landschaft Sconien war bisher noch kein Bischof eingesetzt, sondern es kamen nur deren manche von anderen Seiten und besorgten mitunter jene Diöcese[12] [SCH. 112.]. Darauf regierte der Bischof von Seland, Gerbrand, und nach ihm Avoco beide Kirchen zugleich. Neuerdings aber, nachdem Avoco gestorben war[13], theilte König Suein den Sconer Sprengel in zwei Bisthümer, von denen er das eine dem Heinrich, das andere dem Egino übertrug. Letzteren ordinirte der Erzbischof in aller Form; Heinrich aber war schon vorher auf den Orchaden Bischof und, wie es heißt, vordem Capellan des Königs Chnud in England gewesen. Er überbrachte darauf dessen Schätze nach Dännemark und führte ein üppiges Leben. Ja, man erzählt von ihm, daß er, von der heillosen Gewohnheit, sich den Leib vollzutrinken, verlockt, endlich erstickt und auseinandergeplatzt sei. Dasselbe haben wir auch von Avoco in Erfahrung gebracht und Aehnliches von Anderen. Egino aber, der ein wissenschaftlich gebildeter und durch Keuschheit ausgezeichneter Mann war, widmete sich mit brennendem Eifer ganz der Bekehrung der Heiden. Daher gewann er Christo viele noch dem Götzendienste ergebene Völker, besonders die Barbaren, welche Pleicaner[14] heißen, und die, welche auf der Insel Hulm[15] in der Nähe der Gothen leben. Diese alle sollen, durch seine Predigt zu Thränen gerührt, die Reue über ihren Irrwahn dadurch bewiesen haben, daß sie auf der Stelle die Götzenbilder zerbrachen und sich freiwillig wetteifernd zur Taufe drängten. Bald legten sie dann auch ihre Schätze und was sie hatten, dem Bischof zu Füßen, und fleheten, er möge es doch annehmen; der Bischof aber verweigerte das, und lehrte sie von eben diesem Gelde Kirchen bauen, die Armen unterhalten und die Gefangenen lösen, deren in jenen Landen viele sind.

 

9. Derselbe hochherzige Mann soll in der Zeit, wo in Schweden die heftigste Verfolgung der Christen entbrannt war, die Scaraner Kirche und die übrigen Gläubigen, da sie eines Hirten entbehrten, häufig besucht haben, indem er denen, die an Christum glaubten, Trost brachte und den Ungläubigen das Wort Gottes beharrlich darbot. Da schlug er auch das vielberühmte Bild des Frikke in Stücke. Wegen dieser Beweise seines inneren Werthes ward dieser Mann Gottes vom Dänenkönige in hohen Ehren gehalten und erhielt alsbald nach dem Tode Heinrichs des Dicken beide Bisthümer von Sconien, sowohl das von Lundona, als das von Dalboe zu verwalten. [SCH. 113.] Er errichtete darauf seinen Wohnsitz zu Lundona, zu Dalboe aber stiftete er eine Propstei für seine nach der Regel lebende Brüder. Als so der hochberühmte Mann Egino zwölf Jahre in seinem Priesteramte rühmlich vollbracht hatte, wanderte er, von der Stadt Rom heimgekehrt, bald nachdem er glücklich nach Hause gekommen war, zu Christo hinüber. Sein und des Funer Bischofs Tod fiel in dasselbe Jahr, in welchem unser Metropolit verstarb. [SCH. 114.]

 

10. Jetzt aber scheint es, weil sich die Gelegenheit darbietet, dieser Oertlichkeiten zu erwähnen, passend, etwas von der Natur des baltischen Meeres [SCH. 115.] zu sagen. Da ich oben (B. II., K. 16) bei der Geschichte des Erzbischofs Adaldag dieses Gewässers mit einer Anführung aus den Schriften Einhards[16] Erwähnung gethan habe, so verfahre ich als Erklärer, indem ich das, was jener in kurzem sagt, ausführlicher für die Unseren entwickele. „Ein Meerbusen, sagt er, erstreckt sich vom westlichen Ocean aus gegen Morgen.“ Jener Meerbusen wird von den Einwohnern der baltische genannt, darum weil er sich wie ein balteus, d. h. Gürtel, in langem Zuge durch die scythischen Gegenden nach Griechenland hin erstreckt. Er wird auch das barbarische Meer oder die scythische See genannt nach den barbarischen Völkern, deren Ufer er bespült. Der westliche Ocean aber scheint der zu sein, den die Römer den britannischen nennen, dessen ungeheure, schreckliche und gefährliche Breite im Westen Britannien umfaßt, welches jetzt England genannt wird, im Süden aber die Friesen berührt nebst dem Theile von Sachsen, der zu unserer Hammaburger Diöcese gehört. [In diesem Ocean liegt die kleine Insel Heiligland, deren oben gedacht ist.] Im Osten berührt dieser Ocean die Dänen und die Mündung des baltischen Meeres und die Nordmannen, die jenseits Dännemark wohnen; im Norden aber strömt er bei den orchadischen Inseln vorbei; darnach umkreist er in unbegrenzten Weiten den Erdkreis, indem er links Hibernien hat, das Vaterland der Scoten, welches jetzt Irland genannt wird, rechts aber die Klippen Nordmanniens, weiterhin aber Island und Grönland; dort endet der Ocean, welcher das finstere Meer (caligans) heißt[17].

 

11. Wenn aber Einhard das baltische Meer einen Busen von unerforschter Länge nennt, so ist das neuerdings bestätigt worden durch die Geschicklichkeit der beiden sehr tapferen Männer, des Ganuz Wolf[18], Befehlshabers der Dänen, und Haralds (des Harten), des Königs der Nordmannen, die, aus einem mit großer Mühseligkeit verbundenen Wege und mit vieler Gefahr für ihre Gefährten, den Umfang dieses Meeres durchforschend, zuletzt durch doppelte Verluste, welche sowohl widrige Winde als Seeräuber ihnen drohten und zufügten, in ihrem Muthe gebeugt und überwunden heimkehrten. Die Dänen aber versichern, die Länge dieses Meeres sei häufig und von Mehreren untersucht worden, und Einige seien mit glücklichem Winde in einem Monat von Dännemark nach Ostrogard in Ruzzien[19] gelangt. [SCH. 116.] Die Breite aber giebt er so an, daß sie nirgends hunderttausend Schritte übersteige, an manchen Stellen aber, wie er sagt, noch enger zusammentretend befunden werde. Dies ist an der Mündung jenes Meerbusens zu sehen, dessen Eingang vom Ocean her zwischen Alaburc, dem Vorgebirge Dännemarks[20], und den Klippen Nordmanniens so eng befunden wird, daß in einer leichten Ueberfahrt in einer Nacht Segelböte hinüberkommen. Ebenso aber streckt dasselbe Meer, sobald es über das Gebiet der Dänen hinaustritt, seine Arme weithin aus, zieht sie aber den Gothen gegenüber, welche die Wilzen zur Seite[21] haben, wieder zusammen. Darnach strömt es, je weiter es ins Innere vordringt, desto weiter nach beiden Seiten auseinander.

 

12.Ferner sagt Einhard: „Um diesen Meerbusen wohnen ringsum viele Nationen; Dänen nämlich und Schweden, die wir Nortmannen nennen, haben sowohl das nördliche Ufer inne, als alle Inseln in demselben. Die südliche Küste aber bewohnen Sclaven, Haisten nnd verschiedene andere Nationen, unter denen die Welataben die vorzüglichsten sind, die auch Wilzen genannt werden.“[22] Die Dänen und die Schweden und die übrigen Völker jenseits Dännemarks werden von den Geschichtschreibern der Franken alle Nortmannen genannt, während die römischen Schriftsteller dergleichen Völker Hyperboreer nennen, welche Martianus Capella mit hohen Lobsprüchen erhebt.[23]

 

13. Die Ersten nun, die an der Mündung des erwähnten Meerbusens am südlichen Ufer nach uns zu wohnen, sind die Dänen, die man Judden nennt, bis an den Sliasee. Von da an beginnen die Grenzen des Hammaburger Kirchsprengels, die sich durch die Küstenvölker der Sclaven in langem Zuge bis zum Panefluß hin erstrecken; dort ist die Grenzmark unserer Diöcese. Von da an haben die Wilzen und die Leutizen ihre Sitze bis an den Oddarafluß; jenseits der Oddara aber, haben wir erfahren, wohnen Pomeraner. Darauf breitet sich in sehr großer Ausdehnung das Land der Polanen aus, dessen äußerste Grenze mit dem Reiche Ruzzien verbunden sein soll. Das ist die äußerste und größte Landschaft der Winuler, welche auch diesem Meerbusen ein Ende macht.

 

14. Kehrt man aber von Norden her zurück an die Mündung des baltischen Meeres, so treten einem zuerst die Nortmannen entgegen[24]; dann ragt Sconien hervor, die Landschaft der Dänen, und über dasselbe hinaus wohnen in weiter Ausdehnung die Gothen bis Birca. Weiter hinaus aber herrschen in weiten Länderräumen die Schweden bis zum Lande der Weiber[25]. Ueber diese hinaus fallen die Wizzen[26], Mirren[27], Lamen[28], Skuten[29] und Turken[30] wohnen bis nach Ruzzien hin, wo wiederum jener Meerbusen ein Ende hat. So haben denn die Seiten dieses Meeres im Süden die Sclaven, im Norden die Schweden in Besitz genommen.

 

Scholien

Schol. 95. Der Wald Isarnho beginnt beim See der Dänen, welcher Slia heißt, und erstreckt sich bis nach der Stadt der Sclaven hin, die Liubice[31] heißt, und bis an den Fluß Travenna.

Schol. 96. Von Ripen nach Flandern, nach Cincfal[32] kann man in zwei Tagen und ebensoviel Nächten segeln, von Cincfal nach Prol[33] in England in zwei Tagen und einer Nacht. Dies ist die letzte Spitze Englands gegen Süden, und die Fahrt dahin von Ripen aus ist winkelig und schwankt zwischen Süd und West. Von Prol gehts nach St. Mathias (Cap St. Mathieu) in Britannien (Bretagne) in einem Tage, von da nach Far bei St. Jacob (Ferrol bei Santiago de Compostela) in drei Tagen und drei Nächten. Von da nach Leskebone (Lissabon) in zwei Tagen und zwei Nächten und diese Fahrt ist ganz winkelig zwischen Süd und West. Von Leskebone nach Narwese[34] in drei Tagen und drei Nächten, in winkelförmiger Fahrt zwischen Ost und Süd. Von Narwese nach Arragun (Tarragona) in vier Tagen und vier Nächten, in winkelförmiger Fahrt zwischen Nord und Ost. Von Arragun nach Barzalun (Barcelona) in einem Tage, in ähnlicher Weise zwischen Nord und Ost. Von Barzalun nach Marsilien (Marseille) in einem Tage und einer Nacht, beinah ganz nach Osten, jedoch ein wenig nach der Südseite zugekehrt. Von Marsilien nach Mezcin (Messina) in Sicilien in vier Tagen und vier Nächten, in winkelförmiger Fahrt zwischen Ost und Süd. Von Mezcin nach Accharon (St. Jean d’Acre) in vierzehn Tagen und ebensoviel Nächten, indem man sich mehr dem Osten nähert.

Schol. 97. Nach England hin entfaltest Du mit günstigen Südostwinden die Segel.

Schol. 98. Der erste Bischof von Schleswig war Harold, der zweite Poppo, der dritte Rodolph.

Schol. 99. Der erste Bischof zu Ripen war Lyafdag, der zweite Othencar, der dritte Wal, der vierte Odo.

Schol. 100. Zwischen Arhusan und Wendila in der Mitte liegt Wiberch bei ..ta..

Schol. 101. Zwischen dem Ocean und dem Meere von Wendile liegt das Vorgebirg Skagen, welches den nördlichen Inseln zugekehrt ist.

Schol. 102. Wendila, eine aus drei Theilen bestehende Insel, an der Mündung der Meerenge, wo diese vom oceanischen Meere her eintritt.

Schol. 103. Der erste Bischof in Wendile war der Mönch Magnus, der zweite Albrich.

Schol. 104. In diesem Ocean, der bereits vorher (Kap. 1) erwähnt wurde, liegt die Insel, welche eigentlich Fosetisland heißt, jetzt aber den Namen Farria oder Heiligland führt. Sie ist von England um eine Ruderfahrt von drei Tagen entfernt. Uebrigens liegt sie dem Lande der Friesen nahe und unserer Wirraha (Weser), so daß man sie von da aus liegen sehen kann. (Es folgt noch ein Satz, von welchem nur einzelne Buchstaben lesbar sind)

Schol. 105. Im Leben Liudgers wird erzählt, daß zu Zeiten Karls ein gewisser Landrich vom Bischof getauft sei.

Schol. 106. Der erste Bischof in Fiunien war Rehinher, der zweite der Mönch Eilbert.

Schol. 107. Zwischen Seland und Fune liegt eine kleine Insel, die man Sproga (Sprogöe) nennt: dies ist eine Höhle der Räuber, ein Gegenstand großen Schreckens für alle Hinüberfahrenden.

Schol. 108. Der erste Bischof in Seland war Gerbrand. der zweite Avocco, der dritte Willelm.

Schol. 109. Das Beil hängt öffentlich auf dem Markte, den Schuldigen mit dem Todesurtheil drohend, nach dessen Empfang man denjenigen, welchen es nun einmal getroffen hat, eben so frohlockend zum Tode gehen sieht, als ginge er zum Gastmahl.

Schol. 110. Der erste Bischof in Sconien war Bernhard, der zweite Heinrich und Egino.

Schol. 111. Von dieser Insel sind zuerst die Longobarden oder Gothen ausgegangen[35], und sie wird von den Geschichtschreibern der Römer Scantia oder Gangavia[36] oder Scandinavien genannt. Die Metropolis derselben ist die Stadt Lundona, welche der Besieger Englands Chnud, zu einer Nebenbuhlerin des britannischen Lundona bestimmte.

Schol. 112. Den Schweden verkündigten das Evangelium Lifdag, Poppo, der ältere Odinkar, Gotebald, der auch den Norwegern predigte.

Schol. 113. Lundona, die erste Stadt Sconiens, ist ebensoweit vom Meere entfernt, wie von Dalboe.

Schol. 114. Jener Funer war wegen eines Criminalprocesses vom Erzbischofe vom Amte suspendirt und starb auf der Reise, als er sich nach Rom zum Gerichte begeben wollte.

Schol. 115. Das östliche oder barbarische oder scythische oder baltische Meer ist ein und dasselbe Meer, welches Marcian und die alten Römer die scythischen oder mäotischen Sümpfe oder die Einöden der Geten oder das scythische Ufer nennen. Dieses Meer nun, welches vom westlichen Ocean her zwischen Dännemark und Norwegen eintritt, erstreckt sich in bisher unerforschter Länge gen Osten.

Schol. 116. Ruzzien wird von den Barbaren Ostrogard genannt, weil es, im Osten gelegen, gleichwie ein durchwässerter Garten an allem Guten Ueberfluß hat. Es wird auch Chungard genannt, weil dort zuerst der Sitz der Hunnen war.

 

Anmerkungen der Übersetzung von J. C. M. Laurent

  1. Jetzt der dänische Wohld. Vergl. Schol. 14.
  2. D. i. die Ostsee.
  3. D. i. der Meerbusen Schlei.
  4. Aalborg.
  5. Jetzt Benfyssel, ein Theil des nördlichen Jütlands, jenseits des Lymfiord.
  6. Adam erzählt oben Buch II, Kap. 3 dasselbe, nennt aber den Ottinsand Ottinsund. Dahlmann, Gesch. von Dännemark, Buch I, Seite 80, sagt, der Ottensund liege gegenüber der Halbinsel Thyt. Es ist ein Theil des Lymfiord, und soll seinen Namen von einer Odde, d. i. Landzunge, haben. Adam meint Otto I., es hat aber nur Otto II. einen solchen Feldzug unternommen. W.
  7. Ueber terra salsuginis siebe oben Seite 108, Anm 1.
  8. Siehe oben B. II, Kap. 70 und B. III, Kap. 23.
  9. Conversum a pyratis, was Lappenberg erklärt: divertentem, fugientem a piratis. Mir scheint das sprachlich nicht möglich zu sein. W.
  10. Siehe Alkuins Leben des heiligen Willebrord und das Leben des heiligen Liudger, Buch I, Kap. 19.
  11. Hieraus, wie auch schon aus Kap. 2 zu schließen war, erhellt, daß Adam Fünen zu nördlich setzt.
  12. Wie z. B. Bernhard. Siehe oben Band II, Kap. 58.
  13. Nämlich um’s Jahr 1060, wie aus den zwölf Amtsjahren, die im folgenden, neunten Kapitel dem Egino zugeschrieben werden und aus Adams Worten, Buch III, Kap. 24, zu schließen ist.
  14. Ihr Name ist noch erhalten in der Provinz Blekingen.
  15. Bornholm
  16. Im Leben Karls des Großen, Kap. 12.
  17. Das nördliche Eismeer wurde mit einem uralien mythologischen Namen Dumbshaf genannt, woher die Araber es das Meer Tumi nennen. S. Rasmussen über den Verkehr des Orients mit Rußland und Scandinavien Kap 27. L. Vergl. unten Kap. 33
  18. Vermutlich ist zu lesen Gamul Wolf, Wolf der Alte. Lappenberg. - In der lateinischen Ausgabe findet sich jedoch diese Vermutung nicht. Man vermuthet in ihm den auch sonst bekannten Jarl Ulf.
  19. Siehe oben Buch II, Kap. 10, Seite 70.
  20. Skagen, Vendilsskagen.
  21. Sollte richtiger heißen: „denen die Wilzen gegenüberliegen“.
  22. Die letzten Worte stehen bei Einhard schon vorher.
  23. Siehe De nuptiis philologiae I, VI, p. 214 editionis H. Grotii. Vergl. Solin, Kap. 16.
  24. Er unterscheidet also das Kattegat nicht vom baltischen Meere. Siehe unten Kap. 30.
  25. Von den Amazonen siehe unten Kap. 19.
  26. Von den Wizzen oder Albanern, siehe unten Kap 19.
  27. Diese nennt Jordanes, Kap. 23, Merener, Restor Buch II, Kap. 24, Merja. Sie waren ein Stamm der östlichen Finnen und wohnten um den Rostower und Kleschtschiner See. Siehe Zeuß, Die Deutschen, Seite 688, 690.
  28. Ein Stamm der nördlichen Esthen. Siehe Zeuß a. a. O, Seite 681 f.
  29. Restor Buch II, Kap. 24 nennt sie Tschud.
  30. Die Stadt Abo wird von den Finnen Turku genannt. Siehe Zeuß a. a. O.). Vergl. Schol. 118.
  31. Ist Alt-Lübeck, Olden Lubeke, von dem die Urkunde König Conrads III. vom 5. Januar 1139 nachzusehen ist. Von demselben spricht auch oben Schol. 13.
  32. So oder Sindfal hieß einst die Mündung der Maas, später het Zwin bei Damme.
  33. Praule oder Prawle in Devonshire, unweit Dartmouth und Plymouth. Es ist das Berolion des Ptolemäus, welches nicht Landsend ist.
  34. Ein Meeresarm bei Gibraltar, den die Scandinavier Rioervasund, d. i. enges Meer, nannten, was Albert von Stade unter dem Jahre 1152 auch bemerkt. S. Orkneynga Saga Saga Sigurd Jorsalafar.
  35. Daß die Longobarden von der Insel Scandinavien hergekommen seien, erzählt Paul Warnefrid in der Geschichte der Langobarder, Buch I, Kap. 1, Seite 11 f; daß die Gothen aus dem Innern der Insel Scanzia hervorgetreten, berichtet Jordanes in der gotischen Geschichte.
  36. Gangavia nennt Solin, Kap. 20, die größte der germanischen Inseln.

Quellen:
Hamburgische_Kirchengeschichte - Viertes_Buch

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

Zurück zur Übersicht oder direkt Zum Tor

 

6,100,450 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang