Brennu-Njáls Saga - Die Njalssaga
11. Kapitel:
Von dem Brande auf Bergthorshvol

Die Versammlung in der Almannagjaa.

Der Troll reitet durch den Feuerring

Der Troll reitet durch den Feuerring.
Illustration von Andreas Schroeter Schelven Bloch, 1898.

Flose berief sofort alle seine Mannen zu einer Versammlung in der Almannagjaa. Dort fanden sich im ganzen fünf mal zwanzig Mann ein. „Was kann ich in dieser Sache für Euch thun, nach Eurem höchsten Wunsch?“ fragte Flose die Sigfussöhne. Gunnar Lambesohn antwortete: „Wir werden nicht eher froh, bis diese Brüder, Nial's Söhne, gefallen sind.“ Flose versetzte: „Das Versprechen gebe ich Euch Sigfussöhnen, daß ich von dieser Sache nicht ablassen will, bis ein Theil dem anderen unterliegt. Ich wünsche nun zu wissen, ob jemand unter uns ist, der nicht bis zu diesem Ende mitfolgen will.“ Alle versprachen, sie wollten ihm folgen. „So tretet denn heran und schwöret mir, daß niemand sich ausschließen wird,“ sagte Flose, worauf sie alle zu ihm kamen und schworen. Er fuhr fort: „Wir müssen uns ebenfalls alle unter einander durch Handschlag verpflichten, daß derjenige Gut und Leben verwirkt hat, welcher unsre Sache verläßt, bevor sie beendigt ist.“ Als das endlich geschehen war, sagte Flose zu den Sigfussöhnen: „Wählt nun denjenigen zum Anführer, der Euch als der geeignetste erscheint, denn einer muß an der Spitze stehen.“ Ketil von Mörk erwiderte: „Sollen wir Brüder die Wahl haben, so küren wir Dich sogleich, denn Du bist ein Mann aus großem Geschlecht und ein großer Häuptling, klug und unwiderstehlich, und wir hoffen, Du wollest die Sache auf Dich nehmen zu unsrem Besten.“ Flose versetzte: „Es ist billig, daß ich auf Eure Bitte hin mich bereit finden lasse; so will ich Euch denn sagen, wie wir zu verfahren haben.“ Er legte ihnen nun seinen Plan vor und befahl, denselben geheim zu halten, da das Leben auf dem Spiel stehe. Selbst seinem Schwiegervater Hald wollte Flose nichts mittheilen, da er wußte, derselbe würde von jeglicher Anwendung von Macht und Gewalt abrathen. Er ließ sofort seine Pferde satteln und ritt heim, ohne auf jemand zu warten. Als die übrigen fertig waren, ritten auch sie fort, jeder zu den Seinigen.

 

Ingjald von Kelde.

Auf dem Hofe Kelde an der Ostrangau nördlich von Trehörninghals wohnte ein Mann namens Ingjald Höskuldsohn. Er war ein angesehener Mann, groß und stark und schnell zur That, wortkarg, aber freigebig gegen seine Freunde. Er war verheiratet mit einer Tochter von Flose's Bruder Egil. Als Flose Männer sammelte als Begleiter zum Ting, um wegen Höskuld des Goden von Hvidenes Klage zu erheben, hatte er auch Ingjald zu sich berufen. Dieser war erschienen mit funfzehn Mann, die alle zu seinem Gesinde gehörten; er war Flose gefolgt während des ganzen Rechtsstreits und hatte auch theil genommen an dem Bunde, der in der Almannagjaa geschlossen wurde und gleich den übrigen denselben vor Flose beschworen. Aber er war von Anbeginn an doch nicht recht geneigt gewesen, zu Flose zu halten, denn er war ein Bruder von Hrodny Höskuldstochter, der Mutter von Nial's Sohn Höskuld. Bald nachdem Ingjald vom Ting zurückgekehrt war, erschien Hrodny bei ihm. Er empfing sie freundlich, allein sie erwiderte seinen Gruß nicht, sondern bat ihn, vor das Haus zu kommen zu einer Unterredung. Als sie sich außerhalb des Hofes befanden, erfaßte sie seine Hand, und sie setzten sich beide. „Ist es wahr,“ fragte sie ihn, „daß Du geschworen hast, Nial zu überfallen und ihn und seine Söhne zu tödten?“

„So ist es,“ antwortete er. „Dann bist Du ein elender Bube,“ rief sie, „Du, den Nial dreimal davor behütet hat, Waldgänger zu werden.“

„Aber es gilt mein Leben, wenn ich zurücktrete,“ versetzte er. „Mit nichten,“ sagte sie, „Du wirst Dein Leben erhalten und um so höher geachtet werden, falls Du denjenigen nicht verlässest, dem Du am meisten verpflichtet bist.“ Mit diesen Worten zog sie eine leinene Kappe aus der Tasche, welche blutig und durchlöchert war. „Diese Kappe trug Dein Schwestersohn, als sie ihn erschlugen,“ fuhr sie fort, „und es ist schlecht von Dir, denjenigen beizustehen, die mit seinen Mördern verwandt sind.“

„Es kann wohl sein,“ erwiderte er, „daß ich, was auch daraus entspringen mag, nicht gegen Nial ziehe.“

„Du kannst Nial und seinen Söhnen einen großen Dienst erweisen,“ sprach sie, „wenn Du ihnen mittheilst, was gegen sie geplant ist.“

„Nein,“ sagte er, „mannhaft ist es, aus dem Bunde zu treten, zumal ich weiß, daß die Rache über mich kommen wird; verrathe ich aber, was meiner Ehrenhaftigkeit anvertraut ist, dann werde ich verachtet von jedermann. Sage Du aber zu Nial und seinen Söhnen, sie mögen sich vorsehen während des ganzen Sommers und viele Männer bei sich haben.“ Darnach begab sich Hrodny sofort nach Bergthorshvol und erzählte Nial alles, was sie mit ihrem Bruder geredet hatte. Nial dankte ihr und sagte, sie habe brav gehandelt. „Denn,“ versetzte er, „Ingjald würde eine größere Unthat begehen, als alle anderen, wenn er gegen mich zieht.“ Darauf theilte er die Nachricht seinen Söhnen mit. Er hatte während des ganzen Spätsommers gegen dreißig waffenkundige Männer bei sich. Kaare war auch mit ihm vom Ting nach Bergthorshvol gezogen. Nial hatte ihn gefragt, ob er nicht nach seinem Hofe reiten und nach seinem Haushalt sehen wolle. „Nein,“ war Kaare's Antwort gewesen, „Dein und Deiner Söhne Loos will ich theilen!“ worauf Nial ihm dankte und sagte, von ihm könne man solches erwarten.

 

Säun's Prophezeiung.

Auf Bergthorshvol befand sich ein Weib, namens Säun. Sie war sehr alt und die Nialsöhne nannten sie eine alte Närrin, weil sie immer so viel zu schwatzen hatte. Aber sie verstand sich auf viele Dinge und schaute in die Zukunft, so daß manches eintraf, was sie voraussagte. Eines Tages ergriff sie einen Stock, ging um das Haus herum zu einem Schober Vogelgras und begann ihn mit dem Stock zu bearbeiten. Skarphedin wurde dessen gewahr, lachte und fragte, warum sie denn gegen den Schober so erzürnt sei. „Diesen Schober wird man dazu benutzen, Feuer anzulegen, wenn man Nial und meine Hausmutter Bergthora verbrennen will. Nimm ihn und wirf ihn ins Wasser oder verbrenne ihn sobald als möglich.“

„Nein,“ sagte Skarphedin, „ist es so vorherbestimmt, dann findet sich wohl anderes, um Feuer anzulegen, selbst wenn der Schober entfernt ist.“ Das Weib aber fuhr fort, den ganzen Sommer hindurch darüber zu reden, daß man doch den Schober unter Dach bringen möchte, allein es geschah nicht.

 

Der Zug gegen Bergthorshvol.

Flose und seine Genossen blieben den ganzen Sommer über auf ihren Höfen und bestellten ihre Feldarbeit. Der Anfang des Winters oder der Wintertag, wie er genannt wurde, fiel im Jahre 1011 auf den dreizehnten October. Etwa sechs Wochen vor diesem Tage rüstete sich Flose zum Auszug und entbot alle Männer zu sich, die ihm zu folgen gelobt hatten. Jeder erschien mit zwei Pferden und guten Waffen. Früh morgens am Sonntag den zweiten September ließ Flose für sich und seine Männer auf Svinefjeld eine Messe lesen. Darauf ging er zu Tische und nahm das Frühstück mit ihnen ein; er wies seinem Gesinde an, was sie in seiner Abwesenheit zu thun hätten und ritt dann fort mit seinem Gefolge. Als er ungefähr ein Drittel des Weges zurückgelegt hatte und bei dem Hofe Kirkeböj angelangt war, ging er wiederum zur Kirche und sprach ein Gebet mit seinen Mannen; alsdann stieg er wieder zu Pferde und ritt weiter westwärts. Er nahm seinen Weg nördlich vom Öfjeldsjökul nach dem Markarfluß, ritt während der ganzen Zeit scharf vorwärts und am Montag einige Stunden nach Mittag langte er in Trehörninghals an; denn hier sollten nach seiner Anordnung alle Bundesgenossen an diesem Tage zusammentreffen. Sie erschienen auch alle gegen Abend, nur Ingjald von Kelde kam nicht. Die Sigfussöhne gaben ihrem Zorn in harten Worten Ausdruck. „Laßt uns ihn nicht schelten, während er nicht zugegen ist,“ sagte Flose, „später wollen wir ihm seinen Lohn geben.“ Darauf ritten sie südwärts, um Bergthorshvol vor dem Abendessen zu erreichen; sie bildeten eine Schaar von ungefähr hundert Mann.

 

Vorzeichen auf Bergthorshvol.

Am Montag Morgen ritten Nial's Söhne Grim und Helge nach einem Hofe, wo sich Kinder von ihnen in Pflege befanden und sagten zu ihrer Mutter, sie würden erst am nächsten Tage wiederkehren. Am Abend desselben Tages sprach Bergthora zu ihrem Gesinde: „Diesen Abend theile ich Euch Eure Mahlzeit nicht zu; Ihr dürft selbst wählen, so daß ein jeder erhält, was ihm am liebsten ist. Es wird wohl der letzte Abend sein, daß ich meinem Gesinde die Mahlzeit vorsetze.“

„Das sei ferne,“ meinten diese. „Es wird doch so kommen, wie ich sage,“ versetzte sie; „ich könnte mehr davon erzählen, wenn ich wollte. Wünschet Ihr ein Zeichen, daß ich die Wahrheit rede, so werden meine Söhne Grim und Helge diesen Abend zurückkehren, bevor Ihr gesättigt seid; trifft das ein, so geschieht mehr von dem, was ich vorausgesagt habe.“ Darauf setzte sie das Essen auf den Tisch. Bald nachher sagte Nial: „Es ist doch wunderbar: mir scheint, ich blicke über den ganzen Raum des Hauses hin; die Giebelwand ist fort, aber der Tisch und das Mahl schwimmt in lauter Blut.“ Alle entsetzten sich, Skarphedin aber bat sie, nicht üble Nachrede hervorzurufen durch Klagen und unziemliche Geberden. „Uns kommt es mehr als anderen zu, Muth und mannhaftes Herz zu zeigen,“ äußerte er. Ehe die Tische weggenommen worden waren, kehrten Grim und Helge zurück. Da wurde allen unheimlich zu Muthe. Nial fragte sie, weshalb sie so bald wiederkämen. Sie versetzten, sie hätten einige Weiber angetroffen, die ihnen mittheilten, sie hätten alle Sigfussöhne, fünfzehn Mann stark, in voller Waffenrüstung auf Trehörninghals zureiten sehen; Grane Gunnarsohn und Gunnar Lambesohn mit einer anderen Schaar hätten dieselbe Richtung verfolgt. „Da meinten wir,“ sagte Helge, „Flose müßte von Osten gekommen sein, um mit ihnen zusammenzutreffen; darum wollten wir nirgends anders sein, als wo unser Bruder Skarphedin ist.“ Nun gebot Nial, daß niemand zu Bette gehen dürfe, sondern alle sollten gute Wache halten.

 

Der Angriff auf Bergthorshvol.

In der Nähe von Bergthorshvol befand sich ein Thal. Dahin ritten Flose und seine Mannen und banden ihre Pferde dort an. Auch warteten sie an diesem Ort, bis die Nacht hereinbrach. Jetzt sagte Flose: „Nun wollen wir gegen den Hof hinangehen; wir müssen uns aber dicht geschlossen halten und langsam einherziehen, damit wir sehen, welchen Plan sie fassen.“ Nial stand draußen vor dem Hause mit seinen Söhnen und Kaare und allen Dienstmannen, etwa dreißig an der Zahl. „Bleiben sie draußen, dann kann es uns nie gelingen, auf sie einzudringen,“ sagte Flose und blieb stehen. „Dann ist es ein klägliches Unternehmen, was wir vorhaben, falls wir sie nicht anzugreifen wagen,“ rief Grane Gunnarsohn. „Dahin soll es auch nicht kommen,“ versetzte Flose, „wir wollen sie angreifen, selbst wenn sie draußen bleiben; aber wir werden dann solche Verluste erleiden, daß nicht viele werden erzählen können, wer den Sieg davontrug.“

„Sie machen halt,“ sprach Skarphedin; „sie fürchten, es werde übel für sie ablaufen, falls sie uns angreifen.“

„Es wird ihnen noch schwerer werden, uns anzugreifen, wenn wir in das Haus gehen,“ erwiderte Nial, „und das wollen wir thun; unser Haus ist eben so stark wie das auf Hlidarende, und doch ging es nur langsam mit dem Angriff auf Gunnar, obwohl er allein war.“

„Seine Gegner waren wohldenkende Männer,“ entgegnete Skarphedin; „sie wollten lieber wieder abziehen, als ihn verbrennen. Aber diese werden uns sofort mit Feuer heimsuchen, wenn sie in andrer Weise keinen Erfolg haben. Sie meinen, und darin haben sie recht, es werde ihr Tod sein, wenn wir ihnen entgehen. Ich aber spüre keine Lust, mich wie ein Fuchs in seiner Höhle räuchern zu lassen.“

„Jetzt wollen meine Söhne mir Rathschläge geben,“ sprach Nial; „als Ihr jünger waret, befolgtet Ihr meine Rathschläge, und damals gelang Euch alles wohl.“

„Laßt uns nach unsres Vaters Willen thun,“ sagte Helge, „das frommt uns am meisten.“

„Dessen bin ich doch nicht zu sicher,“ äußerte Skarphedin, „ihm ist nun der Tod beschieden; aber ich kann schon meinem Vater darin zu Willen sein, mich mit ihm verbrennen zu lassen; ich fürchte den Tod nicht.“ Darauf wandte er sich an Kaare und sprach: „Laßt uns bei einander bleiben, Schwager, und uns nicht von einander trennen.“

„So habe ich auch gedacht,“ antwortete Kaare; „aber ist es uns anders beschieden, dann wird es geschehen und ich kann es nicht ändern.“

„Dann räche Du uns,“ versetzte Skarphedin, „wie wir Dich rächen, wenn wir Dich überleben.“

„So sei es!“ sprach Kaare, worauf sie alle hineingingen und sich in der Thür aufstellten. „Jetzt sind sie des Todes,“ rief Flose, „laßt uns nun vorwärts eilen und uns unmittelbar vor der Thür aufstellen, damit keiner entweicht, denn das würde uns den Tod bringen!“ Sie zogen darauf einen Kreis um das Haus für den Fall, daß es einen geheimen Ausgang habe, Flose aber und seine Mannen näherten sich der Vorderseite des Hauses. Alsbald erhob sich ein Speerkampf. Der erste aus Flose's Schaar, welcher einen Speer entsandte, fiel sogleich durch Rimegyge. „Ihn trafst Du bald,“ sagte Kaare zu Skarphedin, „Du bist der trefflichste unter uns allen.“

„Dessen bin ich doch nicht ganz sicher,“ versetzte Skarphedin und lächelte. Er aber und seine Brüder, sowie auch Kaare verwundeten sehr viele, und Flose und seine Männer konnten nichts ausrichten.

 

Nial's Tod.

"Großen Schaden haben wir erlitten,“ sagte Flose, „wir haben sowohl Verwundete als auch Todte. Durch Waffengewalt bezwingen wir sie nimmer. Es scheint aber auch, daß mancher jetzt langsam zum Angriff ist, welcher zuvor mit dem Munde am eifrigsten war; ich denke hierbei zunächst an Grane Gunnarsohn und Gunnar Lambesohn. Jetzt haben wir die Wahl, entweder fortzuziehen, aber das wird unser Tod sein, oder wir müssen uns des Feuers bedienen; damit indessen laden wir eine große Verantwortung auf uns, zumal wir Christen sind. Gleichwohl müssen wir zu diesem Mittel greifen.“ Sie machten also Feuer und errichteten einen großen Scheiterhaufen vor der Thür. „Soll jetzt gekocht werden, Kinder?“ rief Skarphedin. „Es soll so warm werden wie nöthig ist, um Dich zu backen!“ antwortete Grane Gunnarsohn. Skarphedin versetzte: „Dann lohnst Du mir wie ein elender Bube dafür, daß ich Deinen Vater rächte.“ Inzwischen brachten die Weiber Molken und Wasser herbei und gossen es ins Feuer, so daß dieses ausgelöscht wurde. Da sagte der Brudersohn von Hald von Sida, Kol Thorstensohn zu Flose: „Ich habe bemerkt, daß auf die Querbalken ein Bretterboden gelegt ist; laßt uns den Schober von Vogelgras anzünden, welcher auf der Rückseite des Hauses steht und ihn durch das Luftloch auf den Boden werfen.“ Dieser Rath wurde befolgt, und die, welche drinnen waren, merkten nichts, bevor alles über ihren Häuptern in lichten Flammen stand, während Flose und seine Mannen große Scheiterhaufen vor allen Thüren anzündeten. Da begannen alle Weiber zu jammern und zu klagen. „Geberdet Euch doch nicht so trostlos,“ sprach Nial; „dieses Ungemach geht bald vorüber und es kommt dergleichen nicht wieder; sollen wir brennen in dieser Welt, dann wird Gott wohl so barmherzig gegen uns sein, daß er uns bald aus dem Feuer befreit in jener Welt.“ Mit solchen Trostworten suchte er sie während der ganzen Zeit zu ermuthigen. Alsbald aber begann das ganze Haus zu brennen. Nial ging nach der Thür und fragte, ob Flose so nahe sei, daß er seine Worte vernehmen könne, worauf Flose mit Ja antwortete. „Willst Du einen Vergleich mit meinen Söhnen eingehen,“ fragte Nial, „oder jemandem den Ausgang gestatten?“

„Auf einen Vergleich mit Deinen Söhnen lasse ich mich nicht ein,“ antwortete Flose; „ich weiche nicht vom Platze, bis sie alle todt sind, ich will jetzt mit einem Schlage der Sache ein Ende machen. Aber Weibern, Kindern und Dienstmannen will ich den Ausgang gestatten.“ Da ging Nial ins Haus und gebot, diejenigen sollten hinausgehen, denen es zugestanden sei. „Gehe Du hinaus, Thorhalle Asgrimstochter,“ sprach er zu Helge's Gattin. Thorhalle versetzte: „Ich muß mich anders von meinem Eheherrn trennen, als ich es erwartete, aber ich will von meinem Vater und von meinen Brüdern Rache fordern.“

„Möge es Dir wohl ergehen,“ sagte Nial; „Du bist ein braves Weib.“ Darauf ging Thorhalle hinaus und mit ihr eine große Schaar. Nach ihr wollte Grim's Weib Astrid hinausgehen. „Gehe Du mit mir,“ bat sie Helge Nialsohn, „ich will Dich in einen Weibermantel hüllen und Dir ein Kopftuch umbinden.“ Helge war anfangs nicht dazu bereit, aber später gab er doch nach um ihrer Bitten willen. Astrid band ihm ein Kopftuch um den Kopf und Skarphedin's Gattin Thorhilde hing ihm den Mantel um, und er ging nun hinaus, die beiden Frauen an seiner Seite, auch folgten ihm Nial's Töchter Thorgjerde, die mit Ketil auf Mörk verheiratet war und Kaare's Gattin Helga. „Dies Weib da ist hochgewachsen und breitschultrig,“ rief Flose, als er sie erblickte; „ergreift sie und haltet sie fest.“ Helge schleuderte sogleich den Mantel weg, griff nach seinem Schwert, das er unter demselben verborgen trug und hieb einem Mann den Fuß ab. Da kam Flose herbei und hieb Helge in den Hals, daß sein Haupt zur Erde flog. Dann ging er zur Thür, rief Nial und Bergthora und sagte, er wolle mit ihm reden. Nial erschien in der Thür. „Ich will Dir anbieten hinauszugehen, Nial,“ sprach Flose; „es ist nicht recht, daß Du verbrennst.“

„Ich gehe nicht hinaus,“ antwortete Nial; „ich bin jetzt ein alter Mann, so daß ich nicht geeignet bin, meine Söhne zu rächen; mit Schande aber will ich nicht leben.“

„So gehe Du denn hinaus, Hausfrau,“ wandte sich Flose an Bergthora, „Dich möchte ich um keinen Preis verbrennen.“

„Jung wurde ich Nial angetraut,“ versetzte sie, „und ich habe ihm gelobt, Wohl und Wehe mit ihm zu theilen.“ Mit diesen Worten gingen sie in das Innere des Hauses zurück. „Was sollen wir jetzt thun?“ fragte Bergthora Nial. „Wir wollen zu unsrer Ruhe eingehen,“ antwortete er; „lange habe ich mich nach Ruhe gesehnt.“ Bergthora aber wandte sich zu Kaare's kleinem Sohn Thord, den Nial zu sich genommen hatte, um ihn zu erziehen und gebot, er solle hinausgetragen werden, damit er nicht umkäme. Der Knabe antwortete: „Du hast mir versprochen, Großmutter, daß wir uns nie trennen sollten, so lange ich bei Dir bleiben wolle, und es dünkt mich viel schöner, mit Dir und Nial zu sterben, als Euch zu überleben.“ Da trug Bergthora den Knaben zu ihrem und Nial's Lager. Nial aber rief seinen vertrautesten Sklaven zu sich und sagte zu ihm: „Jetzt magst Du wohl acht geben, wohin wir uns legen und wie wir uns bereiten; denn ich gedenke mich nicht von der Stelle zu rühren, wie sehr ich auch durch Rauch und Hitze gepeinigt werde. Dann weißt Du später, wo unsre Gebeine zu finden sind.“ Er befahl ihm nun, die frische Haut eines Ochsen, den sie vor kurzem geschlachtet hatten, zu nehmen und über sie hinzubreiten, wenn sie sich niedergelegt hätten. Alsdann legten sich Nial und Bergthora auf das Lager und den Knaben Thord legten sie zwischen sich. „Unser Vater geht frühzeitig zur Ruhe,“ sprach Skarphedin, als er sie sich niederlegen sah; „aber es läßt sich ja denken, denn er ist ein alter Mann.“ Nial aber und Bergthora zeichneten sich und den Knaben mit dem Kreuz und befahlen ihre Seele in Gottes Hände. Das waren die letzten Worte, die man von ihnen vernahm. Der Sklave nahm die Haut, breitete dieselbe über sie und ging dann zur Thür, um hinauszugehen. Ketil von Mörk empfing ihn und half ihm hinaus. Ketil forschte ihn aufs genaueste aus über seinen Schwiegervater Nial und der Sklave berichtete ihm den Sachverhalt. „Schweres Leid ist uns beschieden, daß wir soviel Unglück erleben müssen!“ rief Ketil. Von Nial aber, von Bergthora und Thord Kaaresohn vernahm man keinen Laut mehr, weder Stöhnen noch Husten.

 

Kaare's Flucht.

Von dem brennenden Dach und dem Bretterboden fielen fortwährend Feuerbrände in das Gemach. Skarphedin, Kaare und Grim erhoben sie ebenso schnell als sie niederfielen und warfen sie nach den Draußenstehenden, und das währte eine Weile. Die Gegner begannen jedoch sie mit Speeren zu bewerfen, sie aber fingen dieselben im Fluge auf und schleuderten sie zurück, so daß Flose seine Gefährten bat, mit dem Schießen innezuhalten. „Jeglicher Speerwechsel mit ihnen wird uns schwer fallen,“ meinte er, „Ihr könnt schon warten, bis das Feuer sie zur Ruhe bringt.“ Da fiel das Dach und die großen Balken herab. Bei dem einen Giebel blieb ein Querbalken schräg liegen mit dem einen Ende auf der Hausdiele und dem anderen auf der Krone der Wand, in der Mitte aber war er stark verbrannt. Dahin eilten die drei Männer. Kaare sagte zu Skarphedin: „Hier können wir entwischen; laufe Du den Balken hinan, bevor er ganz durchbrennt; ich will Dir hinaufhelfen und folge Dir dann sofort. Sind wir erst draußen, dann entkommen wir leicht, ohne daß sie uns gewahr werden, denn der Rauch zieht nach jener Seite hin und wir müssen uns in seiner Richtung halten.“

„Springe Du voran,“ versetzte Skarphedin, „ich folge Dir auf dem Fuße.“

„Nein,“ sagte Kaare, „ich gelange schon an einer anderen Stelle ins Freie, falls es mir hier nicht glückt.“

„Ich springe nicht zuerst hinunter,“ sprach Skarphedin, „Du mußt vorangehen.“ Kaare erwiderte endlich: „Es ist die Pflicht eines jeden Mannes, sein Leben zu retten, wenn die Gelegenheit da ist, und ich will es thun. Wir aber sehen uns nicht mehr, denn komme ich erst ins Freie, dann habe ich wenig Lust, ins Feuer hineinzuspringen, um Dich zu retten, dann muß jeder seinen eignen Weg gehen.“

„Es sollte mich freuen, wenn Du ihnen entkommst, Schwager,“ sagte Skarphedin, „Du wirst mich dann rächen.“ Kaare ergriff ein brennendes Brett der Wandbekleidung und lief den Balken hinan. Als er auf die Wand hinaufkam, schleuderte er das brennende Brett auf die Draußenstehenden hinab, so daß diese zur Seite wichen. Seine Kleider und Haare brannten lichterloh, in diesem Zustand sprang er von der Wand hinab und lief fort in der Richtung des Rauches. „Sprang da nicht ein Mann von der Wand herab?“ rief einer von den Zunächststehenden. „Keineswegs,“ antwortete ein andrer; „es wird wohl Skarphedin gewesen sein, der einen Feuerbrand nach uns schleuderte.“ Sie faßten also keinen Argwohn. Kaare aber rannte weiter, bis er zu einem Bache kam; in diesen warf er sich nieder und löschte das Feuer. Darauf lief er weiter mit dem Rauche bis zu einem Graben, wo er sich niederlegte, um auszuruhen.

 

Skarphedin's Tod.

Skarphedin lief unmittelbar nach Kaare den hinuntergefallenen Querbalken hinan; als er aber an die Stelle kam, wo derselbe am stärksten verbrannt war, brach er unter ihm, so daß Skarphedin hinunterstürzte. Er machte einen neuen Versuch und kroch die Wand hinan, aber es stürzte ein andrer Balken auf ihn herab, so daß er zurückfiel. „Nun sehe ich, wie es kommen soll,“ sagte er und ging längs der Außenwand dem Ausgange zu. Da kroch Gunnar Lambesohn von außen auf die Wand und erblickte ihn. „Weinst Du jetzt, Skarphedin?“ rief er. „Nein, bewahre,“ versetzte Skarphedin, „aber soviel ist gewiß, der Rauch beißt in den Augen.“

„Aber höre ich recht,“ setzte er hinzu, „so lachst Du?“

„Freilich lache ich,“ erwiderte Gunnar, „und es ist das erste Mal, daß ich es thue, seit Du Thraen auf dem Markarflusse erschlugst.“

„Da hast Du eine Gabe zur Erinnerung daran,“ sprach Skarphedin und zog aus seiner Tasche einen Backenzahn Thraen's, den er aufgehoben hatte, als er über das Eis hinrollte und schleuderte ihn Gunnar ins Auge, so daß dieses heraussprang und ihm über die Wange herabhing. Gunnar Lambesohn stürzte von der Wand herab. Skarphedin eilte zu seinem Bruder Grim, und sie faßten sich an der Hand und versuchten das Feuer niederzustampfen. Als sie aber in die Mitte des Raumes kamen, sank Grim leblos zur Erde. Skarphedin eilte nun nach dem Ende des Hauses. Da ertönte ein furchtbares Krachen, das ganze Dach stürzte ein und Skarphedin wurde zwischen dasselbe und die Giebelwand eingezwängt, so daß er nach keiner Seite hin auch nur einen Schritt thun konnte. Flose aber und seine Genossen blieben bei dem Feuer, bis der Morgen hereinbrach. Da kam ein Mann auf sie zugeritten. Er sagte, er heiße Gejrmund und sei ein Verwandter der Sigfussöhne. „Es ist eine große That, die Ihr hier vollbracht habt,“ äußerte er. „Man wird sie einerseits groß, andrerseits nichtswürdig nennen,“ versetzte Flose, „aber dem mag nun sein, wie es will.“

„Wie viele haben hier das Leben lassen müssen?“ fragte Gejrmund. Flose nannte Nial und Bergthora, alle ihre Söhne, Kaare Sölmundsohn und seinen Sohn Thord. „Du nennst einen Mann todt, mit dem ich diesen Morgen geredet habe,“ erwiderte Gejrmund. „Wer ist das?“ fragte Flose. „Es ist Kaare Sölmundsohn,“ antwortete Gejrmund; „sein Haar und seine Kleider waren versengt und die Klinge seines Schwertes war blau geworden, aber er sagte, er werde sie wieder härten in Flose's und der übrigen Mordbrenner Blut.“ Flose versetzte: „Du bringst uns eine Zeitung, die uns keinen Frieden und Ruhe verspricht, und wir wissen nun im voraus, daß viele von uns ihr Leben werden lassen müssen und andre all ihr Gut. Denn der Mann ist entkommen, der Gunnar von Hlidarende in allen Stücken am nächsten steht.“ Unterdessen sang Modolf Ketilsohn ein Lied und bekundete darin seine Freude über Nial's Tod. „Darum wollen wir nicht prahlen,“ äußerte Flose; „daß Nial verbrannt ist, gereicht uns wenig zur Ehre.“ Darauf bestieg er die Giebelwand mit einigen anderen. Da hörten sie, daß zu ihren Füßen im Feuer ein Lied gesungen wurde. „Hat Skarphedin dieses Lied lebend oder todt gesungen?“ fragte Grane Gunnarsohn, als das Lied zu Ende war. „Darüber will ich mir nicht den Kopf zerbrechen,“ entgegnete Flose. „Laßt uns nach Skarphedin's Leib suchen und der übrigen, die hier verbrannt sind!“ sprach Grane. „Mit nichten,“ antwortete Flose, „solches kann nur Narren wie Dir einfallen, jetzt, wo man Mannschaft gegen uns aufbietet im ganzen Gau; gar bald wird dem, welcher jetzt so gute Laune hat, so angst und bange sein, daß er nicht weiß, wohin er sich wenden soll. Mein Rath ist, daß wir alle schleunigst fortreiten.“ Damit eilte er zu seinen Pferden und alle seine Genossen folgten seinem Beispiel.

 

Ingjald von Kelde.

"Was ist nun Euer Wunsch hinsichtlich Ingjald's?“ fragte Flose die Sigfussöhne; „sollen wir ihm verzeihen oder sollen wir gegen ihn ziehen und ihn tödten?“ Jene wollten alle gegen ihn ziehen und ihn tödten. Da sprang Flose auf sein Pferd, die anderen thaten das Gleiche, und so ritten sie fort. Flose ritt voran, lenkte sein Pferd zur Rangau und verfolgte ihren Lauf aufwärts. Bald sah er einen Mann auf der anderen Seite der Au abwärts reiten und erkannte ihn als Ingjald. Er rief ihn an und Ingjald hielt an. „Du hast Dein Wort gebrochen,“ rief Flose, „und Leben und Gut verspielt. Die Sigfussöhne wollen Dich darum tödten. Mir aber scheint, Du bist in einer schlimmen Lage gewesen und ich will Dir Dein Leben schenken, sofern Du mir es überlässest, Deine Strafe zu bestimmen.“

„Ehe ich das thue, will ich hinreiten, um mich Kaare anzuschließen,“ entgegnete Ingjald; „den Sigfussöhnen aber will ich antworten, daß ich sie nicht mehr fürchte, als sie mich.“

„So halte stille, wenn Du Dich nicht fürchtest,“ rief Flose. „Das will ich thun,“ erwiderte Ingjald. Flose ließ sich von seinem Brudersohn Thorsten Kulbensohn, der ihm zur Seite ritt, einen Speer reichen und schleuderte ihn über die Au. Derselbe traf Ingjald auf der linken Seite, drang durch seinen Schild in den Schenkel oberhalb der Kniescheibe und tief in den Sattel, wo er stecken blieb. „Traf ich Dich?“ rief Flose. „Freilich trafst Du mich,“ rief Ingjald zurück, „aber das nenne ich nur eine Ritze und keine Wunde.“ Mit diesen Worten riß er den Speer aus der Wunde. „So halte Du denn nun still, wenn Du Dich nicht fürchtest,“ rief er Flose zu und sandte den Speer über die Au zurück. Flose erkannte, daß derselbe gerade gegen seine Brust heranflog und zog sein Pferd zurück. Der Speer sauste vorbei und traf Thorsten mitten in den Leib, so daß er todt vom Pferde sank. Ingjald aber sprengte fort in den Wald, so daß sie ihn nicht erreichen konnten. „Wir haben einen schweren Verlust erlitten,“ sprach Flose zu seinen Mannen, denn Thorsten war einer der tapfersten Männer in seinem Gefolge und sehr beliebt gewesen, „und wir mögen daraus wohl erkennen, wie wenig Glück wir haben. Ich rathe jetzt, daß wir sogleich hinaufreiten auf den Berg Trehörninghals; unsre Feinde bieten schon Mannschaft gegen uns auf; dort aber werden sie uns am wenigsten suchen und wir können von dort aus jede Bewegung im ganzen Gau übersehen. Dort wollen wir drei Tage verweilen, bis wir ohne Gefahr fortreiten können. Für Euch Sigfussöhne aber ist es nicht rathsam, daß jemand von Euch auf seinem Hofe hier im Flußthal bleibt, denn dort würde man Euch bald heimsuchen. Darum lade ich Euch ein, mit mir nach Svinefjeld zu kommen.“ Alle erklärten, Flose's Rath befolgen zu wollen und dankten ihm für sein Anerbieten. Darauf ritt die ganze Schaar zum Trehörning hinauf.

 

Quellen:
Text:
Hans Henrik Lefolii: Nial Saga, 1866. Aus dem Dänischen übersetzt 1878 von Johannes Claussen - gemeinfrei -
Bild:
Wikimedia Commons - gemeinfrei -

 

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