Brennu-Njáls Saga - Die Njalssaga
10. Kapitel:
Von Flose Thordsohn und Nial

Mörd Valgardsohn's Ränke.

Aasgrim folgt dem Goden Snorri zu seinem Zelt

Aasgrim folgt dem Goden Snorri zu seinem Zelt

An demselben Morgen, wo Höskuld erschlagen wurde, erwachte Hildegunne und merkte, daß Höskuld nicht im Gemache sei. Sie hatte schwere Träume gehabt und ließ sogleich durch das Gesinde Höskuld auf dem Hofe suchen. Inzwischen kleidete sie sich an. Als das Gesinde zurückkehrte, ohne Höskuld gefunden zu haben, ging sie selbst mit ihnen hinaus. Sie ging zu dem Zaun und fand dort Höskuld erschlagen. Kurz darnach kam auch Mörd Valgardsohn's Schafhirte und erzählte, er sei den Nialsöhnen begegnet. „Sie kamen von hier,“ sagte er, „und Skarphedin rief mich zu sich und zeigte den Mord als sein Werk an.“

„Es wäre eine mannhafte That gewesen,“ sprach Hildegunne, „wenn ihrer nicht viele gewesen wären gegen einen einzelnen.“ Sie nahm Höskuld den Mantel ab, trocknete damit alles Blut von den Wunden und rollte ihn zusammen, und darauf trug sie ihn in ihr Gemach und verwahrte ihn in ihrer Lade. Sie sandte sogleich einen Mann ab an Höskuld's Mutter Thorgjerde auf Grytaa, um ihr den Mord zu verkünden. Mörd war dort, denn er war von der Unglücksstätte dorthin geritten und hatte alles verkündet, nur nicht daß er selbst dabei gewesen sei und Höskuld verwundet habe. Bald darauf kam auch Thraen's Bruder Ketil von Mörk herbei. Thorgjerde erinnerte ihn an sein Gelöbniß, das er gegeben habe, als er Höskuld mitnahm, um ihn zu erziehen. „Es mag sein,“ versetzte Ketil, „daß ich damals mehr versprach, als ich jetzt halten kann; damals glaubte ich nicht, daß solche Tage kommen würden, wie sie jetzt da sind; denn die Nase ist den Augen nahe, da ich mit einer Tochter Nial's verheiratet bin.“

„Willst Du denn, daß Mörd die Sache in die Hand nimmt?“ fragte Thorgjerde. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Ketil, „denn von ihm geht mehr Böses als Gutes aus, wie ich glaube.“ Später traf er selbst mit Mörd zusammen. Da ging es ihm denn wie den anderen, daß er glaubte, Mörd würde treu und ohne Falsch sein. Sie verabredeten nun, daß Mörd die Sache in die Hand nehmen und alle Vorbereitungen für das gerichtliche Verfahren auf dem Ting treffen solle. Jetzt ruhte Mörd nicht. Er ritt sogleich mit zehn Männern nach Vorsaböj. Er versammelte die Männer, die der Unglücksstätte am nächsten wohnten, neun an der Zahl, zeigte ihnen die Wunden, die Höskuld erhalten hatte und rief sie zu Zeugen auf. Denn so wollte es das Gesetz auf Island, wenn eine gerichtliche Klage wegen eines Todtschlages eingeleitet werden sollte und keine Männer zur Stelle waren, die als Zeugen der That selbst auftreten konnten. Dann mußte der, welcher den Urheber desselben vor Gericht belangen wollte, Zeugen stellen, die da bezeugten, daß sie die Wunden an der Leiche gesehen hätten. Mörd nannte nun den neun Nachbarn den Urheber einer jeden Wunde Höskuld's mit Ausnahme einer einzigen; was diese betraf, so gab er vor, er wisse nicht, wer sie geschlagen habe; es war nämlich die, welche er selbst ihm zugefügt hatte. Er sagte, Skarphedin sei der Todtschläger, seine Brüder aber und Kaare hätten Höskuld alle verwundet. Schließlich lud er die neun Nachbarn zum Erscheinen vor dem Gericht als Blutzeugen oder Nenner, wie sie genannt wurden. Darnach ritt er heim. Während der nächstfolgenden Zeit kam er fast niemals zu den Nialsöhnen, und wenn sie zusammentrafen, schienen sie sich gram zu sein. So war es unter ihnen zuvor verabredet. Damals als er von der Unglücksstätte forteilte, hatte er selbst Skarphedin mitgetheilt, er wolle die Klage vor Gericht übernehmen, sofern Thorgjerde ihn darum ersuche, und Skarphedin hatte es gebilligt. Denn es gab ein Gesetz, daß jemand, der selbst bei einem Todtschlag betheiligt war, die übrigen Betheiligten deshalb nicht belangen konnte, und falls es dennoch geschehe und vor dem Gericht erwiesen werde, daß der Kläger selbst schuldig sei, dann sei die erhobene Klage nichtig. Darum glaubte Skarphedin, es sei die leichteste Weise, wie man der Sache entgehen könne, wenn Höskuld's Sippe Mörd zum Kläger annehme. Mörd selbst aber wünschte nur, daß die ihm übertragene Sache vor Gericht verloren würde; denn alsdann konnte er darauf rechnen, daß die vielen kampfmuthigen Verwandten Höskuld's Blutrache an Nial und seinen Söhnen nähmen, und dann würde es so kommen, wie Valgard vorausgesagt habe, so daß er selbst seine frühere Goden- und Häuptlingsstelle zurückempfinge.

 

Flose Thordsohn.

Als Flose auf Svinefjeld Höskuld's Tod erfuhr, wurde er tief betrübt und ergrimmt zugleich, aber er blieb ruhig dabei. Indessen entsandte er sogleich einen Boten an seinen Schwiegervater Hald und dessen Sohn Liot, sie möchten mit zahlreicher Mannschaft auf dem nächsten Ting erscheinen. Hald war ein großer Häuptling und ein sehr angesehener Mann; er wohnte auf Sida zwischen dem Markarfluß und Svinefjeld, und von seinem Sohn Liot meinte man, er würde einer der besten Häuptlinge in der Umgegend werden. Dieselbe Bitte that Flose an viele andre Häuptlinge, und sie versprachen alle zu kommen. Er selbst ritt herum bei vielen in derselben Absicht. „Du bist sonst heiterer gewesen als jetzt,“ äußerte ein Bauer ihm gegenüber, „aber es ist ja auch genügender Grund vorhanden, daß dem so ist.“

„Freilich,“ antwortete Flose, „ich würde all mein Gut hingeben, wenn das nicht geschehen wäre, was sich nun ereignet hat; eine böse Saat ist ausgesäet und böse Frucht wird daraus ersprießen.“ Bei Runolf Ulfsohn auf Dal erfuhr er, daß Mörd die Sache in die Hand genommen, den Mord verkündet und Zeugen berufen habe. „Ist er zuverlässig?“ fragte Flose. „Er ist mein Verwandter,“ erwiderte Runolf; „wenn ich aber die Wahrheit sagen soll, so verursacht er mehr Böses als Gutes. Aber darum will ich Dich bitten, daß Du Deinen Grimm zügelst und dem Rathe folgst, der am wenigsten Unheil hervorruft. Nial selbst betrübt sich ob seines Pflegesohnes Tod so sehr wie kein andrer und wird darum gute Anerbietungen machen.“

„Dann reite Du mit mir zum Ting,“ entgegnete Flose, „Deine Rathschläge sollen viel bei mir gelten, falls nicht schlimmere Dinge eintreten.“ Runolf versprach es, und Flose ritt nach Vorsaböj. Als Hildegunne ihn kommen sah, sprach sie: „Jetzt sollen alle meine Mannen vor der Thür stehen, wenn Flose in den Hof hineinreitet, die Frauen aber sollen das Haus bereiten, das Wohngemach zelten und einen Hochsitz für Flose bereiten.“ Bei festlichen Gelegenheiten behängte man nämlich die Wände mit Teppichen, welches man _zelten_ nannte. Darauf ritt Flose in den Hofplatz hinein. Hildegunne ging ihm entgegen und rief: „Heil und Glück Dir, Vetter, Deine Ankunft erfreut mein Herz.“

„Wir wollen hier das Frühstück einnehmen,“ antwortete Flose, „und dann weiterreiten.“ Er trat ein in das Wohngemach und ließ sich nieder, aber das Hochsitzpolster schleuderte er von sich auf die Bank. „Ich bin weder ein König noch ein Jarl,“ sagte er, „deshalb soll man mir keinen Hochsitz bereiten und nicht seinen Spott mit mir treiben.“

„Wir thaten das aus gutem Willen,“ versetzte Hildegunne, „und es thut mir leid, wenn es Dir mißfällt.“ Flose antwortete: „Meinst Du es gut mit mir, dann wird Dein Verfahren sich selbst loben, falls es gut ist, aber sich selbst tadeln, falls etwas Böses dahinter steckt.“ Hildegunne lachte kalt und sagte: „Wir sind nicht bei dem Größten angelangt, das Ende ist noch nicht da, wir werden vorher noch mehr mit einander zu schaffen haben.“ Darauf ließ sie sich neben ihm nieder, und sie unterredeten sich lange Zeit hindurch leise. Dann ging sie hinaus. Das Essen wurde aufgetragen, und Flose begann mit seinen Männern demselben zuzusprechen. Hildegunne trat wieder in das Gemach; sie stellte sich vor Flose hin, strich sich das Haar aus den Augen und begann zu weinen. „Du bist betrübt, Muhme,“ sprach Flose zu ihr, „doch ist es recht, denn Du beweinst einen guten Mann.“

„Was willst Du in dieser Sache thun?“ fragte ihn Hildegunne. Flose antwortete: „Ich will sie nach Brauch und Recht vor Gericht anhängig machen oder nach guter Männer Rath einen Vergleich anbahnen, so daß es uns in jeglicher Weise zur Ehre gereicht.“

„Wärest Du getödtet worden, dann wäre Höskuld zur Rache geschritten,“ sagte sie. Flose versetzte: „Ich sehe, worauf Du hinauswillst; Grausamkeit hast Du genug.“

„Deine Brüder erschlugen den Mann, der sich geringer gegen Deinen Vater vergangen hatte,“ entgegnete sie. Darauf ging sie zu ihrer Lade, nahm Höskuld's Mantel heraus und warf ihn Flose über den Kopf, so daß das trockene, geronnene Blut ihn bedeckte. „Diesen Mantel gabst Du an Höskuld,“ sprach sie, „hiermit gebe ich Dir ihn zurück, in ihm wurde Höskuld erschlagen. Und nun rufe ich Gott und alle guten Männer zu Zeugen auf, daß ich Dir auferlege, alle Wunden zu rächen, die er empfing, so wahr Du glaubst an Christi Kraft und für einen Mann gelten willst; wo nicht, so soll jedermann Dich einen Buben schelten.“

„Du bist ein Teufel,“ rief Flose, indem er den Mantel hinwegriß und ihn ihr ins Gesicht schleuderte; „am liebsten wäre es Dir, wenn wir da Hand anlegten, wo es uns am schlimmsten ergehen würde. Ja, rücksichtslos ist Weibersinn.“ Er war dabei so erschüttert, daß sein Angesicht manchmal roth wie Blut, manchmal fahl wie Heu und manchmal blau wie Hel wurde. Von Vorsaböj ritt Flose nach Holtavad, wo er mit den Sigfussöhnen zusammentreffen sollte. Diese kamen auch bald dahin zugleich mit den Männern, die sie zu begleiten pflegten. Flose fragte Ketil von Mörk, wie er in der Sache zu thun gedächte. Ketil antwortete: „Am liebsten sähe ich, wenn es zum Vergleich käme; doch habe ich geschworen, daß ich von dieser Sache nicht ablassen will, ehe sie zum Austrag gebracht ist, wie auch der Ausgang sein mag, und ich will dafür mein Leben einsetzen.“

„Du bist ein braver Mann,“ versetzte Flose; „es ist gut solche Männer auf seiner Seite zu haben.“ Da ergriffen Grane Gunnarsohn und Gunnar Lambesohn zugleich das Wort und forderten Landesverweisung oder Mannbuße. „Es ist aber nicht sicher, daß wir allein alles nach unsren Wünschen lenken können,“ meinte Flose. Grane jedoch fuhr fort: „Seitdem sie Thraen auf dem Markarfluß und darnach seinen Sohn erschlugen, habe ich mir vorgenommen, niemals einen ehrlichen Vergleich mit ihnen zu schließen; gern aber wäre ich dabei, wenn alle getödtet würden.“ Flose antwortete: „Sogleich hättest Du Rache nehmen können, falls es Dir an Muth und mannhaftem Sinn nicht gebrochen hätte; das was Du jetzt begehrst, wirst Du einst schwer bereuen. Selbst wenn es uns gelänge, Nial und seine Söhne zu tödten, würde es uns gar schwer fallen, dem Unheil zu entrinnen, das daraus folgt. Viele werden ihr Gut verlieren, wenn sie Buße für dieselben entrichten sollen; und viele werden Gut und Leben einbüßen.“ Jetzt kam auch Mörd herbei, und versprach Flose, mit allen seinen Männern ihm zum Ting zu folgen. Flose aber begehrte, ihn durch eine Heirat in ihrer Sippe fester an sich zu knüpfen; er wünschte, daß Mörd seine Tochter einem seiner Brudersöhne geben sollte. Mörd meinte, das würde sich machen lassen. Sie ritten zusammen zum Ting und unterredeten sich täglich, ohne daß jemand erfuhr, worüber sie sprachen. Auf dem Ting selbst bat Hald von Sida Flose nochmals, einen Vergleich und Frieden zu schließen, aber Flose wollte nichts Bestimmtes zusagen. Hald fragte, wer ihm Beistand versprochen habe. Flose nannte Mörd Valgardsohn und setzte hinzu, er habe um Mörd's Tochter für seinen Brudersohn angehalten. „Das Mägdlein ist wohl ein werthvoller Besitz,“ sagte Hald, „aber mit Mörd ist nicht gut zu thun zu haben, das wird Dir einleuchten, ehe das Ting beendet ist.“

 

Nial's Ritt zum Ting.

Bald nach Höskuld's des Goden von Hvidenes Tod ritten die Nialsöhne zu dem alten Freunde ihres Vaters Asgrim Ellidagrimsohn auf Tunge, der auch Helge Nialsohn's Schwiegervater war. Sie baten ihn um Hülfe, und Asgrim erwiderte, sie hätten Ursache, in allen bedeutenden Angelegenheiten Hülfe von ihm zu erwarten. „Mein Herz aber weissagt Euch nichts Gutes in dieser Sache,“ sprach er; „viele werden Klage gegen Euch erheben, und man redet übel von Eurer That in allen Häusern.“ Im Verlauf der späteren Zeit fragte sie Nial eines Tages, wie sie und Kaare vorzugehen gedächten. Skarphedin antwortete: „In den meisten Dingen zaudern und bedenken wir uns nicht lange, sondern gehen am liebsten gerade zu. Um es Dir aber mitzutheilen, so wollen wir auf Tunge bei Asgrim Ellidagrimsohn einkehren und von dort zum Ting reiten. Wie aber gedenkst Du zu verfahren, Vater?“

„Ich reite zum Ting,“ versetzte Nial; „meine Ehre fordert, daß ich mich nicht von Euch trenne, so lange ich lebe. Dort werde ich Euch stets zum Nutzen, niemals zum Schaden sein.“ Nial's Pflegesohn Thorhald, ein Sohn von Asgrim Ellidagrimsohn, war bei dieser Unterredung gegenwärtig. Er trug einen Mantel mit rothbraunen Streifen. Die Nialsöhne lachten über ihn und fragten, wie lange er denn diesen Mantel tragen würde. Er erwiderte: „Ich werde ihn ablegen, sobald ich wegen des Mords an meinem Pflegevater Klage erheben werde.“ Nial sagte darauf: „Du wirst Dich am bravsten erweisen, wenn es am meisten noth thut.“ Sie machten sich alle bereit, fortzureiten; sie waren beinahe dreißig Mann stark und ritten, bis sie zur Thjorsau kamen. Hier stießen drei Männer zu ihnen, Söhne von Nial's Halbbruder Holtathore, namens Thorleif Kraak, Thorgrim der Große und Thorgejr Skorargejr; sie boten den Nialsöhnen die Mitfolge und gewaffnete Hülfe an, und ihr Anerbieten wurde freudig angenommen. Sie ritten darauf alle zugleich über die Thjorsau und als sie an das Ufer der Laxau kamen, lagerten sie sich. Dort kam Hjalte Skjeggesohn zu ihnen. Die Nialsöhne nahmen ihn sogleich bei Seite und unterredeten sich lange Zeit leise mit ihm. Hjalte sprach: „Allzeit werde ich zeigen, daß meine Gedanken das Licht nicht scheuen; Nial hat mich um Hülfe gebeten und ich habe sie ihm versprochen. Er hat mich auch im voraus belohnt mit seinen guten Rathschlägen wie viele andre.“ Darnach theilte Hjalte Nial Flose's Vorgehen mit. Sie sandten nun Thorhald Asgrimsohn voraus nach Tunge, um Asgrim mitzutheilen, daß sie gegen Abend anlangen würden. Asgrim ließ sogleich alles zum Empfang zurüsten, und als Nial in den Hofplatz einritt, stand er vor der Thür. Nial trug einen blauen Mantel, einen niedrigen Hut auf dem Haupte und eine Handaxt in der Hand. Asgrim half ihm selbst vom Pferde, führte ihn ins Haus und auf seinen Platz, und darauf traten die Nialsöhne und Kaare mit ihrem Gefolge ein, Asgrim aber ging wieder hinaus. Hjalte wollte wieder fortreiten, denn ihm schien, es seien ihrer zu viele drinnen, aber Asgrim ergriff sein Pferd am Zügel und sagte, er würde nicht dulden, daß er fortreite; er ließ das Pferd abführen, führte Hjalte hinein und ließ ihn bei Nial niedersitzen. Thorleif aber und seine Brüder mit ihren Mannen saßen auf der gegenüberstehenden Bank. Asgrim selbst nahm einen Stuhl und setzte sich vor Nial hin. „Was weissagst Du uns über unsre Sache?“ fragte er. „Nichts Gutes,“ antwortete Nial, „ich fürchte, die haben nur wenig Glück, die daran Theil haben. Aber es wäre mir lieb, mein Freund, wenn Du Deine Tingmannen entbötest und mit uns zum Ting rittest.“

„Das habe ich mir selbst vorgenommen,“ antwortete Asgrim, „und gebe Dir das Versprechen, daß ich niemals Eure Sache verlassen werde, so lange ich einen Mann mit mir führen kann.“ Alle Anwesenden dankten ihm und äußerten, er habe wie ein braver Mann gesprochen. Sie übernachteten nun alle auf Tunge; am folgenden Morgen kamen Asgrim's Tingmannen herbei, und darauf ritten alle weiter, bis sie zum Ting kamen, woselbst sie ihre Hütten zelteten.

 

Asgrim's und der Nialsöhne Rundgang auf dem Ting.

Einst führten Asgrim und Nial lange eine leise Unterredung. Darauf sprang Asgrim auf und sprach zu den Nialsöhnen: „Jetzt müssen wir herumgehen und uns Freunde werben, damit wir nicht der Uebermacht erliegen, denn unsre Feinde werden diese Sache mit großem Nachdruck betreiben.“ Er ging nun hinaus und ihm folgten die übrigen, zuerst Helge Nialsohn, dann Kaare Sölmundsohn, Grim Nialsohn und nach ihm als der fünfte in der Reihe Skarphedin; nach ihm kam Thorhald Asgrimsohn, darauf Thorgrim der Große und endlich Thorleif Kraak. Sie gingen zuerst nach Gissur Hvide's Hütte und traten ein. Gissur erhob sich, empfing sie und bat, sich niederzulassen und einen Trunk zu thun. „Wir haben ein andres Anliegen als das,“ versetzte Asgrim; „wir möchten wissen, welche Hülfe wir von Dir erwarten dürfen, Oheim.“ Asgrim's Mutter Jörund war nämlich Gissur's Schwester. Gissur antwortete: „Meine Schwester Jörund wird der Ansicht sein, ich dürfe Dir keine Hülfe verweigern; und so soll es denn auch sein jetzt und fürder, daß wir zwei mit einander dasselbe Loos theilen.“ Asgrim dankte ihm und ging fort. „Wohin sollen wir uns jetzt wenden?“ fragte Skarphedin, als sie draußen waren. „Zu Skapte Thorodsohn,“ erwiderte Asgrim. Skapte saß auf der Bank, als sie kamen, bot Asgrim willkommen und hieß ihn sich niederlassen. Asgrim aber brachte sein Anliegen vor. „Ich hätte nicht geglaubt, daß Euer Unheil sich in meine vier Pfähle verirren sollte,“ entgegnete Skapte. Asgrim versetzte: „Das ist eine arge Ausrede, Männern am wenigsten Hülfe gewähren zu wollen, wenn sie am meisten derselben bedürfen.“ Skapte hatte unterdessen seine Augen fortwährend auf Skarphedin gerichtet, wie er dastand im blauen Gewand, blaugestreiften Beinkleidern, schwarze Schuhe mit hohen Absätzen an den Füßen und einen silbernen Gürtel um die Hüften gegürtet; in der Hand hielt er seine Axt Rimegyge, an dem Arm hatte er einen leichten Schild, um den Kopf trug er eine seidene Binde und hatte das Haar hinter die Ohren zurückgestrichen; er sah sehr kampffertig aus, so daß er allen auffallen mußte. „Was ist das für ein Mann,“ fragte Skapte, „der fünfte in Eurer Reihe, der große, bleiche, finstere Mann, der einem Jötun gleicht und das Unglück zum Begleiter zu haben scheint?“ Skarphedin antwortete: „Skarphedin heiße ich, und Du hast mich oft auf dem Ting gesehen. Aber ich bin soviel klüger als Du, daß ich nicht nach Deinem Namen zu fragen brauche. Du heißest Skapte Thorodsohn. Früher aber nanntest Du Dich Börstekuld, damals als Du Ketil von Elda getödtet hattest. Da strichst Du Dich selbst schwarz an und salbtest Dein Haupt mit Theer ein, ferner verbargst Du Dich in einem Erdloch und als Du das Land räumen wolltest, ließest Du Dich in einem Mehlsack an Bord tragen.“ Darauf entfernten sich Asgrim und Skarphedin mit den anderen. „Wohin gehen wir nun?“ fragte Skarphedin. „Zum Goden Snorre,“ versetzte Asgrim. Snorre war ein großer Häuptling am Hvamsfjord und mit Asgrim befreundet; er war der klügste Mann auf Island unter denen, die nicht in die Zukunft schauten; er war liebreich gegen seine Freunde, aber schonungslos gegen seine Feinde. Snorre empfing Asgrim und sein Gefolge freundlich, wollte ihnen aber keine Hülfe versprechen, nur sagte er, er wolle ihnen nicht entgegen sein. „Aber wer ist dieser Mann, der fünfte in Eurer Reihe, der bleiche Mann dort mit den scharfen Zügen, welcher spöttisch lächelt und seine Axt so hoch trägt?“ fragte Snorre. „Ich heiße Hedin,“ war die Antwort, „manche aber nennen mich Skarphedin mit vollem Namen. Was hast Du mir mehr zu sagen?“

„Du siehst muthig aus,“ versetzte jener, „und gewaltig, aber ich glaube, die längste Zeit Deines Glückes ist dahin und Deine Tage sind gezählt.“

„Das ist eine Schuld, die wir alle zu bezahlen haben,“ erwiderte Skarphedin, „Du aber solltest lieber Deinen Vater rächen als mir Böses weissagen.“

„Dasselbe haben viele vor Dir gesagt,“ antwortete Snorre, „darum will ich Dir nicht zürnen.“ Bei ihm fanden sie also auch keinen Beistand und gingen fort. Sie wandten sich an Haf den Reichen. Als Asgrim ihn um Hülfe bat, antwortete er, er wolle keinen Theil an ihrem Unglück haben. „Wer aber ist der fünfte in Eurer Reihe, der bleiche Mann, der so grimmig dreinschaut, als wäre er ein Jötun von den Klippen des Meers?“ fragte er. Skarphedin sprach: „Was kümmert es Dich, Du Milchfratze, wer ich bin? Ich wage frei einherzugehen, wo Du im Hinterhalt liegst und auf mich lauerst. Suche lieber Deine Schwester, die aus Deinem Hause entführt wurde, ohne daß Du einen Finger zu rühren wagtest.“

„Laßt uns gehen,“ fiel Asgrim ihm ins Wort, „hier dürfen wir keine Hülfe erwarten.“ Sie gingen zur Hütte Gudmund's des Mächtigen. Gudmund wohnte auf Madrevalle am Öfjord im Nordlande, war ein reicher und großer Häuptling und hatte ein Gesinde von hundert Personen in seinem Hause. Er hatte allen Häuptlingen in dem Nordlande ihre Macht genommen, so daß manche um seinetwillen ihre Wohnung oder ihre Godenstelle aufgeben und manche gar das Leben lassen mußten. Er war Asgrim Ellidagrimsohn's Freund, und kam ihnen darum auch bereitwillig entgegen. „Ich will Dir nicht entgegen sein,“ antwortete er, als Asgrim seine Bitte vorbrachte, „finde ich es aber für gut, Dir zu helfen, dann können wir immer darüber reden.“ Asgrim dankte ihm. „Es ist ein Mann unter Deiner Schaar,“ sagte Gudmund, „den ich eine Weile angeblickt habe und der mir schrecklicher vorkommt, als die meisten Männer, die ich je gesehen habe.“

„Wen meinst Du?“ fragte Asgrim. „Ich meine den fünften Mann in Eurer Reihe,“ versetzte Gudmund, „mit dem braunen Haar und dem bleichen Angesicht; hoch gewachsen ist er und muthig sieht er aus und so bereit zu kühner That, daß ich ihn lieber hätte in meiner Schaar als zehn andre; und doch sieht er aus wie einer, der das Unglück mit sich bringt.“ Skarphedin antwortete: „Ich bin es, den Du meinst; jeder von uns hat sein Unglück. Mich schmäht man, weil ich Höskuld den Goden von Hvidenes erschlug, über Dich aber dichtete Thorkel Haak ein Spottlied, und das ist Dein Kummer.“ Damit verließen sie das Haus. „Wohin gehen wir jetzt?“ fragte Skarphedin. „Zur Hütte des Ljosavetninger,“ war Asgrim's Antwort. Diese Hütte gehörte Thorkel Haak aus Ljosavatn im Nordlande östlich vom Öfjord. Er hatte Fahrten ins Ausland, nach Norwegen, nach dem Süden und den Ostseeküsten gemacht und viele Kämpfe gegen Räuber sowie auch Drachen und andre Ungeheuer bestanden und nach seiner Heimkehr hatte er alle diese Heldenthaten auf der Bretterwand über seinem Wandbett und auf dem Stuhl vor seinem Hochsitz ausschnitzen lassen. Auf dem Gauting der Ljosavetninger waren er und sein Bruder einst mit Gudmund dem Mächtigen im Kampf gewesen und nach dem Siege hatte er ein Spottlied über Gudmund gedichtet. Er pflegte zu sagen, es sei kein Mann auf Island, mit welchem er einen Einzelkampf aufnehmen, aber auch keiner, dem er jemals den Rücken zuwenden werde. Mit wem er aber zu thun hatte, den schonte er weder in Wort noch That, wovon er denn auch den Zunamen „Haak“ erhielt, der seinen Uebermuth in Wort und That anzeigte. Ihn wollte Asgrim nun um Hülfe ansprechen. „Diese Hütte gehört einem gewaltigen Streiter,“ sagte er, als sie unterwegs waren, „und wenn wir ihn für uns gewinnen könnten, würde es uns großen Vortheil bringen. Er ist aber eigensinnig und sonderbar, weshalb wir in jeder Weise vorsichtig sein müssen. Darum will ich Dich auch bitten, Skarphedin, daß Du Dich nicht in unsre Unterredung hineinmischest.“ Skarphedin lächelte. So traten sie denn in die Hütte ein. Thorkel saß auf der Mitte der Bank und seine Mannen zu beiden Seiten. Asgrim begrüßte ihn und Thorkel erwiderte den Gruß freundlich. „Wir sind hierhergekommen,“ nahm Asgrim das Wort, „um Dich zu bitten, mit uns zum Gericht zu gehen und uns beizustehen.“ Thorkel versetzte: „Ihr seid ja schon bei Gudmund gewesen, und er hat Euch doch wohl Hülfe versprochen, was bedürft Ihr dann meiner?“

„Gudmund wollte uns keine Hülfe leisten,“ antwortete Asgrim. „Dann hat Gudmund Eure Sache für eine unsaubere angesehen,“ sagte Thorkel, „und das ist sie auch, denn es ist die ärgste That, die je geübt wurde. Es ist mir daher auch unverständlich, wie es Euch einfallen kann, zu mir zu kommen. Wie konntet Ihr glauben, Ihr würdet mich leichter dazu bewegen, eine schlechte Sache zu unterstützen, als Gudmund?“ Asgrim sagte kein Wort; es schienen ihm hier keine guten Aussichten für sein Anliegen zu sein. Thorkel aber fuhr fort: „Wer ist dieser Mann, der fünfte in Eurer Reihe, der große, häßliche Mann mit den bleichen, scharfen Zügen, der so unselig und schrecklich dareinschaut?“ Da nahm Skarphedin das Wort: „Ich heiße Skarphedin, Du aber solltest Dich hüten, mich zu verhöhnen. Ich habe niemals meinen eignen Vater bedroht oder mit ihm gezankt, wie Du es dem Deinigen gegenüber thatest. Nur selten bist Du auf dem Ting gewesen und hast nur wenig theil genommen an Tingsachen, darum magst Du auch nur lieber daheim bleiben und Deine Kühe hüten. Wenigstens hättest Du, ehe Du hierher kamst, Deine Zähne reinigen sollen von dem Pferdefleisch, welches Du nach heidnischem Brauch aßest, bevor Du zum Ting rittest, so daß sogar Deine Sklaven daran Aergerniß nahmen.“ Thorkel sprang auf, zog sein Schwert und rief: „Dieses hat schon vieler Helden Blut gekostet und es soll das Deinige kosten, sobald wir wieder zusammentreffen; solchen Lohn sollst Du empfangen für Dein loses Maul.“ Skarphedin lachte, hob Rimegyge hoch und erwiderte: „Mit dieser Axt in der Hand sprang ich zwölf Ellen weit über den Markarfluß und erschlug Thraen Sigfussohn; acht Männer standen mir gegenüber, aber keiner vermochte mich zu treffen, jedesmal aber, wo ich sie schwang, hat sie ihren Mann niedergestreckt.“ Darauf schob er seine Brüder und seinen Schwager Kaare zur Seite, sprang auf Thorkel zu und rief: „Jetzt thust Du eins von beiden, Thorkel Haak, stecke Dein Schwert ein und setze Dich nieder, oder ich schlage Dir mit der Axt den Kopf ein und spalte Dich bis zu den Hacken.“ Thorkel steckte sein Schwert in die Scheide und setzte sich nieder; solches geschah ihm weder zuvor noch hernach. Asgrim entfernte sich mit seiner Umgebung. „Wohin gehen wir jetzt?“ fragte Skarphedin. „Zurück nach unsrer Hütte,“ antwortete Asgrim. „So sind wir denn wohl der Bettelei müde,“ versetzte Skarphedin. Asgrim sagte: „An manchen Orten warst Du ziemlich scharfzüngig, aber Thorkel gabst Du seinen verdienten Lohn.“ Darauf gingen sie heim und erzählten Nial den Verlauf ihrer Angelegenheit. Nial meinte: „Jetzt muß es kommen, wie es das Schicksal will.“ Als aber Gudmund der Mächtige hörte, wie Skarphedin und Thorkel zusammengerathen seien, freute er sich über die Schande und die Schmach, die dem letzteren zugefügt worden war und sagte zu seinem Bruder Ejnar von Querau: „Du mußt mit meiner ganzen Schaar ausziehen und den Nialsöhnen beistehen, wenn das Gericht eingesetzt wird, und bedürfen sie der Hülfe im nächsten Sommer, dann werde ich selbst erscheinen.“ Ejnar willigte ein und ließ es Asgrim wissen. „Gudmund übertrifft die meisten Männer an edler Sinnesart,“ versetzte dieser und theilte es darauf Nial mit.

 

Der Tingstreit.

Am folgenden Tage versammelten sich Nial's Helfer Asgrim, Gissur Hvide, Hjalte Skjeggesohn und Ejnar von Querau. Thorhald Asgrimsohn, der von seinem Pflegevater Nial in den Gesetzen unterrichtet worden war, war ebenfalls zugegen. Asgrim nahm das Wort und sagte zu ihnen: „Ihr wißt, daß Mörd die Sache anhängig gemacht hat; er ist indessen selbst bei dem Mord an Höskuld betheiligt; die Wunde, für die kein Urheber genannt wurde, hat er ihm selbst geschlagen; die Klage ist also unrichtig erhoben und die Sache muß als ungesetzlich abgewiesen werden.“

„Dann wollen wir sogleich Einspruch erheben und diesen Umstand geltend machen,“ meinte Hjalte. „Mit nichten,“ versetzte Thorhald, „das darf nicht so bald geschehen, denn dann können sie ihren Fehler noch ändern und noch auf diesem Ting eine gesetzliche Klage erheben.“

„Dein Rath ist gut,“ sagten die anderen, „wir wollen ihn befolgen.“ Sie gingen zu ihren Hütten zurück und theilten niemand mit, was sie verabredet hatten. Die Zeit verfloß, man suchte einen Vergleich anzubahnen, aber Flose war dagegen und seine Genossen noch mehr. Am Fasttag oder Freitag sollte das Gericht abends zusammentreten. Auf der einen Seite stand Flose mit seiner Mannschaft, Hald von Sida, Runolf Ulfsohn und die übrigen, auf der anderen Asgrim Ellidagrimsohn, Gissur Hvide, Hjalte Skjeggesohn und Ejnar von Querau mit ihren Schaaren. Die Nialsöhne aber waren bei ihrer Hütte mit ihrem Schwager Kaare und ihren Vettern Thorlejf Kraak, Thorgrim dem Großen und Thorgejr Skoragejr; sie hatten ihre Waffen bei sich und es wagte sich so leicht keiner daran, sie anzufallen. Als die Richter ihren Sitz eingenommen hatten, erhoben die Sigfussöhne die Klage, denn Mörd hatte nun die Sache abgegeben und sie hatten sie in die Hand genommen. Man war schon weit gediehen mit der Aufstellung und Vereidigung von Zeugen, als Thorhald hervortrat und gegen die Weiterführung der Sache Einspruch that, zumal der Mann, welcher zuerst die Klage vorbereitet habe, der Strafe des Gesetzes verfallen sei als ein geächteter Mann. „Wen meinst Du?“ fragte Flose. Thorhald antwortete: „Ich meine Mörd Valgardsohn, welcher selbst an dem Ueberfall gegen Höskuld theilnahm und ihm die Wunde versetzte, für die er den Urheber nicht nannte.“ Dieser Einwurf konnte nicht niedergeschlagen werden, so daß für Flose nur die Blutrache übrig blieb, falls er Höskuld rächen wollte, und damit hatte denn Mörd ja sein Ziel erreicht. Da erhob sich Nial und bat Hald von Sida, Flose und alle Sigfussöhne sowie auch seine eignen Anhänger, zu bleiben und auf seine Worte zu hören. Sie thaten es, und er sprach: „Mir scheint, diese Klage muß nun abgewiesen werden, und es geschieht damit recht, denn sie ist aus böser Wurzel entsprossen. Aber das will ich Euch sagen, ich liebte Höskuld mehr als alle meine eignen Söhne, und als ich seinen Tod erfuhr, da meinte ich, mein süßester Trost sei mir geraubt und ich hätte lieber alle meine Söhne verloren, wenn er nur am Leben geblieben wäre.“ Er bat nun um die Vergunst, ihm für seine Söhne wegen des Mordes an Höskuld einen Vergleich zu gewähren. Gissur und Ejnar baten Flose, darauf einzugehen, er aber versprach nichts. Da bat Hald ihn endlich ebenfalls darum und Flose antwortete: „Ich weiß, Du wirst mich nur um das bitten, was mir zur Ehre gereicht!“ und wandte sich nun an die übrigen und sagte: „Um meines Schwiegervaters Hald und der anderen braven Männer willen will ich ihn und die besten Männer auf beiden Seiten das Urtheil fällen lassen. Ich denke, Nial ist es wohl werth, daß ich ihm dieses gewähre.“ Nial dankte ihm und den anderen, die zur Erfüllung seines Wunsches beigetragen hatten. Es wurden zwölf Schiedsmänner, sechs von Flose und sechs von Nial gewählt, und darauf reichten sich Nial, Flose und alle Sigfussöhne die Hand, und Nial gelobte für seine Söhne Unterordnung unter die Entscheidung, welche die Schiedsmänner treffen würden. Diese nahmen nun ihren Sitz ein, während alle anderen den Platz verließen. Der Gode Snorre befand sich unter den von Nial gewählten Schiedsmännern; er ergriff zuerst das Wort und rieth eine Geldbuße festzusetzen, denn es würde nur neuen Unfrieden hervorrufen, falls jemand des Landes oder des Gaues verwiesen würde. „Aber ich wünsche,“ setzte er hinzu, „daß die Gelbdbuße so hoch angesetzt werde, daß niemand hier im Lande jemals schwerer gebüßt wird als Höskuld.“ Seine Worte fanden Anklang, und es wurde durch das Loos bestimmt, wer zuerst die Größe der Buße nennen solle, das Loos aber fiel auf Snorre. Er schlug eine dreifache Mannbuße oder achtzehn Mark Silber (etwa 216 Thlr.) vor und die übrigen stimmten ihm bei. „Aber ich füge die Bedingung hinzu,“ sagte Snorre, „daß alles Geld sofort hier auf dem Ting entrichtet werden muß.“

„Das läßt sich nicht machen,“ meinte Gissur, „so viel Geld haben sie hier nicht bei sich.“ Da nahm Gudmund der Mächtige das Wort und sprach: „Ich errathe, was Snorre will; er will, daß wir Schiedsmänner nach Belieben und gutem Willen beisteuern; dann wird mancher andere ebenso thun.“ Für dieses Wort dankte ihm Hald von Sida und versprach, er wolle selbst ebensoviel beitragen wie der, welcher am meisten gebe. Die anderen Schiedsmänner erklärten sich gleichfalls mit Gudmund einverstanden. Darnach wurde das Zeichen zur allgemeinen Versammlung gegeben und jedermann ging zum Gesetzberg. Hald trat auf und sagte: „Wir sind in der Sache, die unsrer Entscheidung übergeben wurde, zu einem einmüthigen Beschlusse gekommen. Wir haben eine Buße von achtzehn Mark Silber angesetzt. Wir Schiedsmänner sind gewillt, die Hälfte zu bezahlen; es ist aber meine Bitte und Begehr an die versammelte Gemeinde, daß jedermann etwas gebe um Gotteswillen.“ Alle erklärten sich bereit, und es wurden Zeugen berufen für das Erkenntniß, daß niemand es brechen dürfe. Nial dankte für die Entscheidung; Skarphedin stand neben ihm, schwieg und lächelte. Die Nialsöhne und Kaare gaben das Silber her, was sie hatten; es betrug drei Mark. Nial legte weitere drei Mark hinzu. Dieses Silber wurde im Gericht gesammelt, und andre Männer legten nun soviel hinzu, daß auch kein Pfennig an der nöthigen Summe fehlte. Nial aber legte einen langen seidenen Mantel und ein Paar Prunkstiefel auf den Haufen als Ehrengabe für Flose. Nun holte Hald Flose und Nial seine Söhne herbei, damit sie sich gegenseitig Frieden und Sicherheit geloben sollten. Unterwegs bat Nial seine Söhne, den Vergleich nicht zu verscherzen. Skarphedin antwortete nicht, sondern strich sich über die Stirn und lächelte. „Das ist viel schönes Geld,“ sagte Flose, als er alles gezählt hatte. „Wer aber hat dies hinzugelegt?“ rief er aus, indem er den Mantel ergriff und ihn in der Luft schwenkte. Niemand antwortete, Flose aber wiederholte seine Frage mit Hohnlachen, aber auch diesmal erhielt er keine Antwort. „Wagt es denn niemand zu sagen, wer diesen Weiberstaat besessen hat?“ rief er endlich. „Wen meinst Du damit?“ fragte Skarphedin. Flose antwortete: „Wenn Du es wissen willst, so ist es wohl Dein bartloser Vater, ihm steht solcher Tand an; sieht man ihn, so weiß man nicht, ob er ein Weib oder ein Mann ist.“

„Uebel thust Du, so von einem alten Ehrenmann zu reden,“ entgegnete Skarphedin, „aber Söhne hat er, die niemals vor der Rache zurückbebten.“ Er nahm den Mantel an sich und warf dafür ein Paar blaue Beinkleider Flose vor die Füße; die könne er besser gebrauchen, sagte er, da er in jeder neunten Nacht ein Weib würde und mit dem Teufel Zusammenkünfte hätte auf Svinefjeld. Da stieß Flose mit dem Fuße nach dem Gelde und wollte keinen Pfennig annehmen. „Entweder soll Höskuld ungebüßt bleiben, oder er soll blutig gerächt werden!“ rief er aus. Damit wandte er sich an die Sigfussöhne und sagte: „Laßt uns jetzt heimgehen und zusammenhalten wie ein Mann!“ worauf sie in ihre Hütten zurückkehrten. „Zu große Unglücksmänner haben Theil an dieser Sache,“ äußerte Hald. Nial kehrte mit seinen Söhnen in seine Hütte zurück. „Jetzt trifft es ein, was mir lange Zeit vorschwebte,“ sagte er. „Nach Landesgesetz können sie uns nimmer belangen,“ meinte Skarphedin. „Darum wird sich noch Schlimmeres für uns ereignen,“ antwortete Nial. Die Männer, welche Geld beigesteuert hatten, sprachen davon, es zurückzunehmen. Aber Gudmund der Mächtige rief: „Den Schimpf will ich nicht auf mich laden, zurückzunehmen, was ich einmal verschenkt habe, weder jetzt noch in Zukunft!“

„Er hat Recht!“ versetzten die übrigen, und so wollte denn niemand etwas zurücknehmen. „Ich rathe dazu,“ sagte der Gode Snorre, „daß Gissur und Hjalte das Silber bis zum nächsten Alting in Verwahrung nehmen; eine Ahnung sagt mir, daß wir seiner bedürfen können.“ So nahmen denn diese beiden je die Hälfte an sich, worauf alle zu ihren Hütten gingen.

 

Quellen:
Text:
Hans Henrik Lefolii: Nial Saga, 1866. Aus dem Dänischen übersetzt 1878 von Johannes Claussen - gemeinfrei -
Bild:
Wikimedia Commons - gemeinfrei -

 

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