Brennu-Njáls Saga - Die Njalssaga
8. Kapitel:
Von den Nialsöhnen und Thraen Sigfussohn

Thraen Sigfussohn's Aufenthalt bei Hakon Jarl in Norwegen.

Skarphedinn Njálsson tötet Thrain Sigfusson

Skarpheðinn Njálsson tötet Thrain Sigfusson.
Illustration von Andreas Schroeter Schelven Bloch, 1898.

In demselben Jahre, in welchem Kulskjäg Island verließ, war auch sein und Gunnar's Oheim Thraen in die Fremde gezogen. Er kam nach Norwegen, und als Hakon Jarl auf Hlade vernahm, daß er ein Verwandter Gunnar's sei, nahm er ihn freundlich auf.

„Viele isländische Männer habe ich gesehen,“ sagte er, „aber keinen, der Gunnar gleich kam.“ Thraen aber blieb bei ihm den Winter über. Ein smaaländischer (Smaaland ist eine Provinz Schwedens) Viking, Namens Kol, plünderte und verheerte dazumal die Küste des jetzigen Christianiafjords, weshalb der Jarl ihn in die Acht gethan hatte.

„Wäre Gunnar jetzt hier, dann würde er diesen Wegelagerer schon tödten,“ äußerte der Jarl.

„Ich bin kein Gunnar,“ sprach Thraen, „jedoch will ich diese Fahrt auf mich nehmen.“ Hakon's Sohn Erich meinte, es sei ein gefährliches Unternehmen, aber Thraen blieb bei seinem Wort, und der Jarl gab ihm fünf Schiffe. Mit diesen segelte Thraen aus, allein Kol war gerade nach Dänemark gefahren. Thraen traf ihn vor Helsingborg, überwand ihn und brachte dem Jarl seinen Kopf. Hakon dankte ihm, Erich aber sagte, die That verdiene einen besseren Lohn als blose Worte, weshalb Hakon dem Thraen ein neues und treffliches Schiff schenkte mit Namen Greif, weil es am Bug einen Greifenkopf führte; „hierzu füge ich meine Freundschaft,“ sprach der Jarl, „denn Du bist ein trefflicher Mann und ich wünsche Dich bei mir zu behalten, so lange es Dir gefällt.“ Thraen verweilte noch einen Winter in Norwegen. Im nächsten Sommer erzählte man von Gunnar's Tod, und der Jarl meinte, es sei für Thraen nicht räthlich, nach Island zu fahren, weshalb Thraen noch einen Winter über blieb.

 

Die Nialsöhne bei Sigurd dem Jarl der Orkneyinseln.

Die Nialsöhne Grim und Helge waren in demselben Sommer wie Thraen von Island abgesegelt. Ein heftiger Nordwind trieb sie von ihrem Ziel ab, so daß sie nach Schottland kamen. Als sie hier aber in einen Meerbusen einfahren wollten, kamen ihnen dreizehn Schiffe entgegen. Die Befehlshaber dieser Flotte waren Verwandte des schottischen Königs Melkolf und hießen Grjotgard und Snäkolf. Sie ließen den Isländern die Wahl, entweder das Schiff zu verlassen und es ihnen mitsamt der Ladung zu übergeben, oder sich eines Angriffes und des gewissen Todes zu gewärtigen. Aber sowohl die Nialsöhne wie auch die Besatzung des Schiffes verbanden sich dahin, sich nicht zu ergeben, so lange sie sich zu wehren vermöchten. Damit begann der Kampf. Snäkolf durchstieß mit seinem Speer den Steuermann Olaf, Grim aber traf Snäkolf so heftig mit seinem Speer, daß er über Bord fiel. Nun kam Helge herbei und er und sein Bruder trieben die Vikinger von Bord und waren stets dort, wo es am meisten noth that. Gerade als der Kampf am heftigsten entbrannte, segelten, von Süden kommend, zehn Schiffe an der Landspitze vorbei. Schild stand an Schild den Bord entlang auf ihnen allen; sie ruderten aus Leibeskräften und steuerten nach der Stelle, wo der Kampf raste. Auf dem Schiff aber, welches voranfuhr, stand ein Mann am Mast mit langem, prächtigen Haar; er trug ein seidenes Koller, auf dem Haupte einen goldnen Helm und in der Hand einen goldbeschlagenen Speer.

„Wer kämpft hier diesen ungleichen Kampf?“ rief er. Die Nialsöhne nannten ihre Namen.

„Einen berühmten Namen tragt ihr und euer Vater!“ antwortete er. Darauf sagte er ihnen, er heiße Kaare Sölmundsohn und komme von den Südinseln, die wir jetzt Hebriden nennen; er hatte dort den Zins geholt für den Jarl der Orkneyinseln Sigurd Hlödvesohn, dessen Dienstmann er war. Die Nialsöhne baten ihn um Hülfe, und er sagte zu. Da begann der Kampf auf's neue. Snäkolf war wieder auf ein Schiff hinaufgeklettert, Kaare sprang auf dasselbe hinüber und beide stürmten auf einander ein. Snäkolf erhob sein Schwert, Kaare aber sprang eiligst zurück über einen Balken, der quer über das Schiff ging, und Snäkolf's Schwert traf den Balken, so daß die ganze Schneide hineindrang. Kaare hieb nun nach Snäkolf und traf ihn in die Achsel, und so furchtbar war der Hieb, daß er den ganzen Arm spaltete und Snäkolf sogleich todt umsank. Da schleuderte Grjotgard seinen Speer auf Kaare, dieser aber sah ihn kommen und sprang in die Höhe, so daß der Speer ihn verfehlte. Nun kamen Helge und Grim herbei, und Helge sprang auf Grjotgard zu und jagte ihm den Speer durch den Leib, daß er den Tod fand. Darauf drangen sie vor, auf beiden Seiten des Schiffsbords entlang gehend; die Besatzung bat um Gnade und erhielt sie, die ganze Ladung aber und die Schiffe nahmen die Sieger. Die Nialsöhne zogen mit Kaare zu Sigurd Jarl auf Rosö (jetzt Rowsa), und Kaare verschaffte ihnen eine freundliche Aufnahme. Sie verweilten dort einen Winter über. Im folgenden Sommer folgten sie dem Jarl auf einem Zuge gegen die Schotten und stritten so tapfer, daß der Jarl ihnen nach seiner Heimkehr gute Gaben gab und sie unter seine Dienstmannen aufnahm. Im nächsten Sommer machten sie Heerzüge mit Kaare; sie plünderten weit und breit und waren immer siegreich. Auch während des dritten Winters waren sie bei dem Jarl, im folgenden Herbst aber baten sie den Jarl um Urlaub, um nach Norwegen zu fahren. Der Jarl war ihnen zu Willen und gab ihnen ein gutes Schiff und tüchtige Männer. Kaare sagte, er werde in demselben Sommer nach Norwegen kommen mit dem Zins von Sigurd Jarl für Hakon, dann würden sie sich treffen. Nach dieser Verabredung stachen die Nialsöhne in See und segelten nach Norwegen und kamen nördlich von Drontheim an Land.

 

Die Nialsöhne in Norwegen.

In demselben Sommer, als die Nialsöhne nach Drontheim kamen, besuchte der Jarl Hakon seinen Freund Gudbrand im Thal. Dieser hatte vor drei Wintern einen Isländer namens Hrap aufgenommen, der wegen eines Mordes von Island geflohen war. Hrap aber hatte seine Tochter Gudrun bethört und seinen Werkführer Asvard erschlagen, welcher den Auftrag hatte, heimliche Zusammenkünfte zwischen ihm und Gudrun zu verhindern. Gudbrand hatte sich an Hrap zu rächen gesucht, konnte ihn aber niemals in seine Gewalt bekommen, so daß er endlich dem Jarl seine Noth klagte, und dieser hatte Hrap für vogelfrei erklärt und einen Preis auf seinen Kopf gesetzt. Während nun der Jarl Gudbrand's Gast war, kam Hrap zur Nachtzeit zu einem Tempel, den Gudbrand gemeinschaftlich mit dem Jarl besaß. Er betrat denselben und beraubte Thor, Thorgjerde Höldabrud und Irpa, deren Bildsäulen dort standen, ihrer goldenen Ringe und ihres übrigen Schmucks, darauf schleppte er die Altarbilder hinaus und zündete das Gebäude an. Als er bei seiner Flucht über einen Acker kam, sprangen ihm sechs Männer entgegen, er aber erschlug drei von ihnen, verwundete den vierten tödlich und jagte die übrigen in den Wald. Vier von den Mannen des Jarl's kamen zur Stätte, wo die Erschlagenen lagen und brachten nun dem Jarl die Kunde, was Hrap gethan hatte. Der Jarl vermuthete sogleich, daß er auch den Tempel angezündet habe, und suchte daher nach ihm mit vielen Männern. Allein Hrap entkam und eilte nach Hlade. Dort lagen sowohl Thraen's wie auch der Nialsöhne Schiffe zur Ausfahrt bereit im Hafen, und Hrap wandte sich zuerst an die Nialsöhne, die am Ufer standen und bat sie, ihn zu verbergen. Aber Helge sah manchmal mehr als andre Menschen; „Du bist ein Unglücksvogel,“ sagte er zu Hrap, „und übel wird es dem ergehen, der Dich aufnimmt.“

„Möge Euch alles Böse treffen um meinetwillen,“ erwiderte Hrap und eilte zu Thraen.

„Es ziemt sich kaum für mich,“ sagte Thraen, „Dich aufzunehmen, da der Jarl mir so viele Wohlthaten erwiesen hat.“ Da zeigte ihm Hrap alle Kostbarkeiten, die er aus dem Tempel geraubt hatte und wollte sie ihm schenken, indessen Thraen wollte sie nicht annehmen, ohne sie mit Geld zu bezahlen.

„Dann werde ich hier stehen bleiben und mich vor Deinen Augen erschlagen lassen,“ sprach Hrap. In diesem Augenblick sahen sie den Jarl mit seinen Mannen herankommen. Da ruderte Thraen in einem Boote mit Hrap nach seinem Schiffe und verbarg ihn dort. Der Jarl ging zuerst zu den Nialsöhnen und fragte sie, ob Hrap bei ihnen gewesen wäre. Sie bejahten es, als er aber weiter fragte, wohin sich Hrap gewendet habe, erwiderten sie, sie wüßten es nicht. Der Jarl entfernte sich von ihnen, aber der Sicherheit wegen ruderten sie sogleich mit ihrem Schiffe nach einer Insel im Hafen, um hinauszufahren, sobald der Wind günstig wäre. Der Jarl nahm ein Langschiff und fuhr auf den Hafen hinaus zu seinem Freunde Thraen, denn er erwartete, er werde von ihm die Wahrheit erfahren. Thraen ließ den Jarl das Schiff durchsuchen, aber derselbe fand Hrap nicht und fuhr wieder an Land. Da fiel ihm ein, daß an der Seite des Schiffes zwei Tonnen im Wasser geschwommen hätten, mit den Enden einander zugekehrt; diese hatte er ununtersucht gelassen und glaubte nun, Hrap müsse sich in ihnen befinden. Hrap lag auch wirklich in den Tonnen, denn Thraen hatte von beiden einen Boden ausschlagen lassen, damit Hrap in ihnen Raum fände. Als aber Thraen den Jarl zurückkehren sah, nahm er die Tonnen auf und verbarg Hrap in dem Haufen von Säcken, welche die Waaren enthielten, die das Schiff geladen hatte. Der Jarl fand ihn daher wiederum nicht. Als er aber wieder an Land kam, erinnerte er sich, daß er zwei Säcke auf dem Deck hatte liegen sehen, die aus dem Haufen genommen worden waren, und meinte nun, daß Hrap in dem Haufen sein müsse, zu welchem sie gehörten. Er fuhr zum dritten Male hinaus, aber Thraen holte nun Hrap aus dem Haufen hervor und schnürte ihn in das Segel, das unter die Raae gebunden war, die beiden Säcke aber ließ er auf dem Deck liegen. Der Jarl suchte zum dritten Mal, allein er fand Hrap auch diesmal nicht. Erst nachdem er an Land gekommen war, wurde es ihm klar, daß Hrap in dem Segel gesteckt haben müsse. Inzwischen jedoch bekam Thraen günstigen Wind und stach in See.

„So mögen sie denn hinfahren,“ sprach der Jarl, „wird doch diese Gemeinschaft beiden ein blutiges Ende bereiten.“ Er war aber überaus zornig. Er fuhr sofort mit vier Langschiffen zu den Nialsöhnen hinaus, denn er hielt sie für mitschuldig an Thraen's Verrath. Sie sahen ihn kommen und da sie nichts Gutes von ihm erwarteten, hielten sie sich zur Gegenwehr bereit. Der Jarl befahl ihnen, sich zu ergeben und verhieß jedem Schonung, der die Waffen nicht gegen ihn erhebe. Aber die Nialsöhne selbst wollten sich nicht ergeben, und von ihren Mannen wollte keiner sie im Stiche lassen. Der Kampf entbrannte. Helge erschlug den Bannerträger des Jarl's und Grim streckte einen anderen von seinen besten Männern nieder, der gewaltig auf sie eingedrungen war und dreimal ihr Schiff erklommen hatte. Schließlich stürmte der Sohn des Jarl's, Svend das Schiff und nun wurden sie zwischen die Schilde eingepreßt und gefangen genommen. Der Jarl wollte sie sogleich tödten lassen, aber Svend widerstand ihm um ihres Muthes und ihrer Mannhaftigkeit willen und weil Hinrichtung in der Nacht Mord und Büberei sei. So wurden sie denn gebunden, um am anderen Morgen den Tod zu erleiden. Aber in der Nacht durchschnitt Grim seine Banden mit einer Axt, die mit aufwärts gekehrter Schneide dalag; er befreite darauf Helge und dann glitten sie leise über Bord, schwammen an Land und gelangten auf die andre Seite der Insel. Dort fanden sie beim Morgengrauen ein Schiff; es war Kaare Sölmundsohn, welcher angekommen war. Ihm erzählten sie die Gewaltthätigkeiten und die unziemliche Behandlung, die ihnen um Thraen's willen widerfahren war und ihre Absicht, gegen den Jarl zu ziehen, um an ihm Rache zu nehmen. Davon rieth er ihnen jedoch ab, und als er dem Jarl den Zins brachte, sprach er zu ihm von dem Unrecht, das er den Nialsöhnen zugefügt habe. Der Sohn des Jarl's, Erich stand ihm dabei zur Seite, und beide brachten es dahin, daß sein Vater den Nialsöhnen einen Vergleich anbot. Helge aber sagte, er wolle mit dem Jarl nichts zu schaffen haben; mit dessen Sohn Erich dagegen wolle er einen Vergleich eingehen und jegliche Ehre, die er ihnen erweise, annehmen. In Folge dessen lud Erich sie zu sich ein, und bei ihm verweilten sie, bis Kaare bereit war, nach den Orkneyinseln hinauszufahren. Sie fuhren mit ihm, wurden vom Jarl Sigurd wohlwollend aufgenommen und blieben bei ihm den Winter über. Im Frühling bat sie Kaare, mit ihm Heerzüge zu machen und Grim willigte ein gegen das Versprechen, daß Kaare mit ihnen nach Island fahren wolle. Während des Sommers plünderten sie nun auf Angelsea, den Südinseln (Hebriden) in Schottland, in Bretland, dem heutigen Wales und auf der Insel Man; überall waren sie siegreich und gewannen viel Gut. Darnach verblieben sie noch einen Winter bei dem Jarl Sigurd und rüsteten sich im folgenden Sommer, nach Island zu fahren. Der Jarl Sigurd gab ihnen gute Gaben und sie schieden von ihm in großer Freundschaft.

 

Der Zwist der Nialsöhne mit Thraen Sigfussohn.

Thraen Sigfussohn hatte eine schnelle Fahrt gehabt von Norwegen nach Island. Sobald er an Land kam, ritt er heim nach seinem Hofe Grytaa. Seine ganze Sippe hielt ihn jetzt für ihren Anführer und Häuptling, so daß er ein angesehener Mann war. Er hatte immer fünfzehn waffenkundige Männer auf seinem Hofe, und wurde überall, wo er auftrat, von acht Männern begleitet. Er war sehr prachtliebend und trug gewöhnlich einen blauen Mantel, über den er das Schwert gegürtet hatte, einen goldenen Helm, einen prächtigen Schild und einen Speer, den er von dem Jarl Hakon empfangen hatte. Unter seinem Gefolge befanden sich meistens seine Brudersöhne Gunnar Lambesohn und Lambe Sigurdsohn und ebenfalls Gunnar von Hlidarende's Sohn Grane. Wer ihm aber immer am nächsten war, das war Hrap. Während des ersten Winters nach der Heimkehr war derselbe auf Grytaa geblieben, da Thraen viel auf ihn hielt; in dem folgenden Frühling hatte ihm Thraen eine Wohnung auf Hrapstad gegeben, indessen hielt er sich meistens auf Grytaa auf und es war, als wenn er dort alles verdürbe. Es herrschte auch große Freundschaft und Vertraulichkeit zwischen ihm und Halgjerde, und manche sagten, es sei mehr zwischen ihnen, als recht und schicklich sei. Zwei Winter nach Thraen's Heimkehr kamen nun auch die beiden Nialsöhne und Kaare nach Island; sie ritten sogleich nach Bergthorshvol, wo man sie mit großer Freude empfing. Kaare verblieb bei Nial den Winter über. Im folgenden Frühling warb er um Nial's Tochter Helga und Grim und Helge unterstützten seine Werbung, so daß die Hochzeit einen halben Monat vor Mittsommer stattfand. Er weilte noch einen Winter bei Nial mit seiner Frau; im folgenden Sommer aber kaufte er sich Land auf Dyrhol im Mydal östlich von Bergthorshvol und baute ein Haus daselbst; sie ließen aber die Wirthschaft durch einen Mann und eine Frau führen und lebten selbst meistentheils bei Nial. Eine andre Tochter Nial's war mit Thraen's Bruder Ketil verheiratet, welcher auf dem Hofe Mörk östlich vom Markarfluß wohnte. Als dieser einst auf Bergthorshvol war, erzählten ihm die Nialsöhne von den Gewaltthätigkeiten, die ihnen um Thraen's willen in Norwegen widerfahren waren, und äußerten, sie könnten deshalb große Buße von Thraen fordern. Nial meinte, es sei am besten, wenn Ketil mit seinem Bruder darüber rede. Das that er dann auch; als sie ihn aber nachher fragten, wie jener es aufgenommen habe, sagte er, er wolle lieber verschweigen, was Thraen geantwortet habe. Die Nialsöhne glaubten nun vorauszusehen, daß die Sache recht schwierig werden würde, und fragten ihren Vater um Rath, denn sie meinten, sie könnten dieselbe nicht auf sich beruhen lassen.

„Auf Eurer Seite ist das Recht,“ sagte er, „und wird Thraen erschlagen, dann ist es ein bußfreier Tod. Hättet Ihr aber anfangs davon zu mir geredet, dann würde die Angelegenheit gar nicht zur Sprache gekommen sein, und ihr hättet doch keine Schande davon gehabt. Jetzt ist die Sache vor die Oeffentlichkeit gebracht und muß auch zu Ende geführt werden. Am besten ist es aber, mit Weile zu eilen, denn ist die That erst geschehen, dann kann sowohl beifällig als auch übel davon geredet werden; und selbst wenn man Euch nachsagt, Ihr seiet langsam zur That, dann mögt Ihr Euch eine Zeit lang darein finden; zum Schluß erhebt Ihr doch das Schwert; aber schwierig ist es, den Ausgang vorauszuschauen. Indes müssen wir zuerst dafür sorgen, daß die Gegner ihren Sinn deutlich kund thun, und darnach, daß wir soviel wie möglich Zeugen für ihre Worte finden. Zunächst möge nun Kaare mit Thraen darüber reden, er ist ein Mann, der bedachtsam vorgeht.“ Kaare wollte ungern nach Grytaa reiten mit solchem Auftrag, doch that er es, weil Nial dazu rieth. Als er aber zurückkam, wollte er nicht Thraen's Worte wiederholen; „selbst möget Ihr sie anhören,“ sagte er. Die Nialsöhne baten ihn daher, mit ihnen nach Grytaa zu ziehen und schließlich that er es. Es befand sich ein Weib draußen, welches sie herankommen sah und es Thraen ansagte. Er hieß seinen Mannen ihre Waffen nehmen und mit ihm in die Vorhalle treten; dieselbe war so breit, daß viele Männer neben einander dort stehen konnten. Thraen selbst trat in die Mitte der Thür und zu seinen Seiten standen Hrap und Grane Gunnarsohn, die ihn stets am meisten gegen die Nialsöhne reizten. Neben ihnen standen Gunnar Lambesohn und Lambe Sigurdsohn und außerdem seine Mannen dicht geschaart; auch Halgjerde war dort und stand in leisem Gespräch mit Hrap. Jetzt kamen die Nialsöhne zum Hofe hinauf. Voran ging Skarphedin, nach ihm kam Kaare, dann Höskuld, dann Grim und Helge zuletzt. Niemand von denen, die in der Vorhalle standen, begrüßte sie.

„Wir mögen Euch alle willkommen sein,“ sprach Skarphedin.

„Niemand heißt Euch willkommen,“ antwortete Halgjerde.

„Deine Worte gelten nichts,“ rief Skarphedin ihr entgegen, „ein Auswurf bist Du unter den Weibern, wenn nicht etwas Schlimmeres.“

„Diese Worte sollen Dir vergolten werden, ehe Du heimkehrst,“ rief Halgjerde. Da sprach Helge: „Ich bin gekommen, Thraen, um mit Dir zu reden, ob Du uns Ersatz geben willst für die Gewalt, die wir in Norwegen um deinetwillen ertrugen.“

„Ich wußte nicht, daß Ihr Brüder Euren Mannesmuth für Geld feil habt,“ erwiderte Thraen.

„Mancher Mann wird doch sagen, Du schuldest uns Erstattung,“ fuhr Helge fort; „wir retteten Dein Leben, mußten aber selbst dafür leiden.“

„Das war das Glück, welches waltete,“ warf Hrap ein.

„Dann war Thraen's Glück nicht groß,“ entgegnete Helge, „da er dem Jarl Treue und Glauben brach und Dich dafür empfing.“

„Meinst Du nicht, Du habest Erstattung bei mir zu fordern?“ sagte Hrap weiter.

„Es lohnt sich nicht, mit Hrap der Worte zu wechseln, dem wollen wir seinen Pelz blutig färben,“ rief Skarphedin dazwischen.

„O, schweige Du, Skarphedin,“ entgegnete Hrap, „Dir spalte ich mit der Axt den Schädel.“

„Ja, wenn Du nur nicht vorher mit Rimegyge Bekanntschaft machst,“ versetzte Skarphedin. So fuhren sie eine Weile auf beiden Seiten fort, sich in harten Worten und Drohungen zu überbieten. Da rief Halgjerde: „Zieht Ihr nur heim, Ihr Mistbärte, zu dem bartlosen Knicker, den Ihr dort habt.“ Die Nialsöhne aber wichen nicht, bis auch die übrigen durch Wiederholung dieser Spottnamen sich verschuldet hatten, mit Ausnahme von Thraen, der sie zu wiederholen verbot. Dann erst kehrten sie nach Hause zurück und berichteten ihrem Vater alles.

„Nahmt Ihr Zeugen für diese Worte?“ fragte er.

„Nein,“ entgegnete Skarphedin, „denn wir wollen diese Sache nur auf dem Kampfplatze zum Ausgleich bringen.“

„Niemand wird es Euch zutrauen, daß Ihr jetzt die Waffen zu erheben wagt,“ meinte Bergthora. Da erwiderte Kaare: „Stehe Du nur davon ab, Hausfrau, Deine Söhne zu reizen; sie sind ohnehin heißblütig genug.“ Darauf unterredete Nial sich lange mit seinen Söhnen und seinem Schwiegersohn Kaare mit leisen Worten.

 

Thraen Sigfussohn's Tod.

Drei Wochen nach Winters Anfang ritt Thraen Sigfussohn zu einem Gastmahl seines Freundes Runolf Ulfsohn auf Dal östlich vom Markarfluß. Mit ihm zogen Hrap und Grane, Gunnar Lambesohn und Lambe Sigurdsohn und außerdem noch drei Männer; überdies waren sowohl Halgjerde wie auch Thorgjerde mitgeritten. Ketil von Mörk war gleichfalls auf Dal, und er und Runolf suchten Thraen zu einem Vergleich mit den Nialsöhnen zu bewegen. Er aber sagte, er wolle ihnen niemals Geld zahlen.

„Ich bin bereit, es mit ihnen aufzunehmen, wo wir auch zusammentreffen,“ äußerte er.

„Das mag schon sein,“ versetzte Runolf, „aber mir scheint, es kommt niemand ihnen gleich, seitdem Gunnar von Hlidarende gefallen ist.“ Als das Gastmahl zu Ende war und Thraen Abschied nehmen wollte, bat Runolf ihn, zu einer anderen als der von ihm festgesetzten Zeit heimzukehren.

„Das würde feige gehandelt sein,“ versetzte Thraen, „das thue ich nicht!“ und darauf ritt er am Abend fort mit den Gaben, die er beim Abschied empfangen hatte. Am nächsten Morgen erwachte Nial in der Frühe und hörte Skarphedin's Axt an der Bretterwand erklingen, und er erhob sich sogleich und ging hinaus. Da erblickte er seine vier Söhne und Kaare vollständig gewappnet.

„Wohin, mein Sohn?“ rief er Skarphedin zu.

„Schafe wollen wir suchen,“ antwortete dieser.

„Das sagtest Du schon früher einmal,“ versetzte Nial, „da jagtet Ihr aber Männer.“ Skarphedin lachte, Nial aber ging ins Haus zurück. Die andern stiegen nun hinauf nach Rödeskride, von wo man den Weg von Dal her überschauen konnte. Man hatte nämlich auf Bergthorshvol erfahren, wann Thraen zurückkehren wollte; Bergthora hatte es von einigen Bettelweibern gehört, denen er und sein Gefolge auf dem Hinwege über den Markarfluß geholfen hatte. Es währte denn auch nicht lange, bis Thraen den Fluß entlang geritten kam.

„Es blitzen Waffen im Sonnenschein dort oben auf Rödeskride,“ bemerkte Lambe Sigurdsohn.

„Dann wollen wir nicht hier den Fluß überschreiten, sondern weiter hinabreiten,“ sprach Thraen; „wollen sie mit uns anbinden, dann werden sie schon zu uns herüberkommen.“

„Jetzt haben sie uns erblickt,“ rief Skarphedin; „denn sie lenken vom Wege ab; nun müssen wir über den Fluß und ihnen entgegengehen.“ Der Fluß war mit Eis bedeckt, nur in der Mitte war eine offene Rinne in einer Breite von zwölf Ellen, weiter stromabwärts aber reichte das Eis von Ufer zu Ufer. An dieser Stelle wollten sie den Fluß überschreiten, um dann zurückzugehen und Thraen zu begegnen, und begannen darum rasch zu laufen. Da sprang Skarphedin's Schuhschnalle, und er blieb zurück, um sie zu befestigen.

„Laßt uns voran eilen,“ rief Kaare den andern zu; „er kommt doch nicht später als wir!“ und damit ging es weiter. Als Skarphedin aber fertig war, erhob er seine Axt Rimegyge und rannte aufs Eis hinaus. Als er an die Rinne kam, sprang er in einem gewaltigen Satze über sie hinweg. Auf der anderen Seite war das Eis so glatt wie Glas, und Thraen stand etwas weiter abwärts mit seinem Gefolge. Mit dichtgeschlossenen Füßen sauste Skarphedin über das Eis auf ihn zu, so schnell wie ein Vogel fliegt. Thraen hatte seinen Helm abgenommen, ehe er ihn aber wieder aufsetzen konnte, traf Rimegyge sein Haupt und spaltete es bis zu den Zähnen, so daß diese auf dem Eise umherrollten. Skarphedin bewegte sich so rasch, daß niemand ihn treffen konnte. Ein Mann schob ihm einen Schild vor die Füße, er aber setzte über denselben hinweg und eilte in fliegender Fahrt dahin, wo seine Brüder und Kaare standen.

„Das war eine kühne That,“ sprach Kaare.

„Jetzt ist die Reihe an Euch!“ sagte Skarphedin, und so gingen sie denn alle fünf gegen Thraen's Gefolge hinan. Grim und Helge drangen auf Hrap ein. Er hieb nach Grim mit seiner Axt, aber Helge kam ihm zuvor und schlug ihm die Hand ab.

„Daran thatest Du gut,“ sprach Hrap, „diese Hand hat manchem Mann Schaden und Tod gebracht.“

„Dem wollen wir nun ein Ende machen,“ erwiderte Grim und durchstieß Hrap mit dem Speer, so daß er entseelt niedersank. Inzwischen erschlug Kaare einen andren von Thraen's Mannen. Skarphedin aber fing Gunnar Lambesohn und Grane Gunnarsohn.

„Hier habe ich zwei Hündlein gefangen,“ rief er; „was soll ich nun mit denen anfangen?“

„Du magst sie beide tödten, wenn Dir daran liegt,“ entgegnete Helge.

„Ich kann doch nicht zugleich Högne's Freund sein und seinen Bruder tödten,“ versetzte Skarphedin.

„Die Zeit wird aber kommen, wo Du wünschen wirst, ihn getödtet zu haben,“ sagte Helge.

„Ich fürchte mich weder vor ihm noch vor einem der übrigen,“ antwortete Skarphedin, und damit wurde allen, die noch am Leben waren, ihre Freiheit geschenkt. Gunnar Lambesohn führte Thraen's Leiche mit sich nach Grytaa, wo ein Hügel über ihr aufgeworfen wurde. Die Nialsöhne aber kehrten heim und erzählten ihrem Vater, was sie gethan hatten.

„Das sind große Ereignisse, die Ihr verkündet,“ sprach er; „sie werden ohne Zweifel den Tod eines meiner Söhne nach sich ziehen, wenn nicht mehr daraus hervorgeht.“ Indessen folgte vorläufig kein Unfrieden darauf. Ketil von Mörk war Thraen's nächster Anverwandter, und er war ja Nial's Schwiegersohn. Er ritt bald nachher zu Nial und fragte ihn, ob er für seinen Bruder Buße zu entrichten gesonnen sei. Nial war dazu bereit und bat ihn, die übrigen Sigfussöhne zum Vergleich zu veranlassen. Högne Gunnarsohn unterstützte Ketil in dieser Sache und es wurde ausgemacht, man solle Schiedsrichter wählen, um die Sache zu schlichten. Alle diejenigen, die gesetzlichen Anspruch hatten, empfingen Bußen, und man machte Frieden und sagte sich Sicherheit zu. Aber ungefähr um diese Zeit trug sich etwas zu, was nicht unerwähnt bleiben darf. Der König von Norwegen Olaf Trygvesohn sandte Thangbrand aus dem Sachsenlande nach Island, damit er dort den Glauben an Christus verkünde. Nial und sein Haus waren unter den ersten, die den neuen Glauben annahmen, und es dauerte nicht viele Jahre, bis das Christenthum auf dem Alting rechtsgiltig angenommen wurde.

 

Quellen:
Text:
Hans Henrik Lefolii: Nial Saga, 1866. Aus dem Dänischen übersetzt 1878 von Johannes Claussen - gemeinfrei -
Bild:
Wikimedia Commons - gemeinfrei -

 

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