Brennu-Njáls Saga - Die Njalssaga
5. Kapitel:
Von Gunnar und Otkel

Der Diebstahl auf Kirkeböj.

Hinterhalt an der Rangau

Gunnar bekämpft den Hinterhalt an der Rangau und tötet 14 Männer.
Illustration von Andreas Schroeter Schelven Bloch, 1898.

Kurz nach den Begebenheiten, die zuletzt erzählt worden sind, kam Miswachs über ganz Island, so daß die Einwohner großen Mangel hatten sowohl an Lebensmitteln, wie an Viehfutter. Da mußte man sich gegenseitig aushelfen, je nachdem man guten Willen und Vorrath hatte. Viele wandten sich an Gunnar auf Hlidarende, und er half jedem aus, der zu ihm kam, sowohl mit Heu als auch mit Lebensmitteln. Schließlich begann er selbst an diesen Dingen Mangel zu leiden. Es wohnte aber auf dem Hofe Kirkeböj (Kirchecke d. h. die Ecke, wo der Weg nach der Kirche abbog) zwischen den beiden Rangauen nordwestlich von Hlidarende ein reicher Bauer namens Otkel Skarfsohn. Zu ihm ritt Gunnar eines Tages, begleitet von seinem Bruder Kulskjäg, Halgjerde's Schwiegersohn Thraen Sigfussohn und dessen Brudersohn Lambe Sigurdsohn. Er rief Otkel zu sich heraus und sagte zu ihm, die Noth zwinge ihn, ihn aufzusuchen, um Heu und Lebensmittel zu kaufen, falls er Vorrath habe. „An beidem habe ich Vorrath,“ antwortete Otkel, „doch will ich Dir nichts davon verkaufen.“

„Willst Du es mir denn schenken,“ fragte Gunnar, „und mir es überlassen, wie ich Dir lohnen soll?“

„Auch das nicht,“ versetzte Otkel und wurde unterstützt von einem anderen Bauern, seinem Freunde, einem argen, zanksüchtigen und lügnerischen Manne namens Skamkel von Hof, der mit ihm aus dem Hause getreten war. „Eigentlich wäre es das Beste,“ rief Thraen Sigfussohn, „wenn wir selbst nähmen, soviel als wir bedürfen und das Geld dafür da ließen.“

„Nein,“ erwiderte Gunnar, „rauben will ich nicht.“ Otkel aber fragte Gunnar, ob er ihm einen Sklaven abkaufen wolle und als Gunnar einwilligte, gab er ihm einen Menschen namens Melkolf, aus Irland gebürtig, einen faulen Knecht, den niemand leiden konnte. So kam Gunnar zurück mit einem hungrigen Munde mehr, aber ohne Lebensmittel und Viehfutter. Indessen wurde er bald damit versehen, denn als Nial vernahm, wie man auf Kirkeböj sich gegen Gunnar benommen habe, versetzte er, es sei übel gethan, Gunnar einen Handel abzuschlagen. Bergthora meinte, es wäre eine gute That, wenn Nial ihm Heu und Lebensmittel verschaffe. „An beiden hast Du ja Ueberfluß,“ sagte sie zu ihm. „Du hast Recht,“ entgegnete Nial, und kurz darauf ritt er mit seinen Söhnen nach Thorolfsfjeld und belud fünfzehn Pferde mit Heu und fünf mit Lebensmitteln. Dieses brachte er Gunnar, schenkte es ihm und sprach: „Wenn Du nach meinem Wunsche handeln willst, so wende Dich an keinen andern außer mir, falls Du etwas bedarfst.“

„Deine Gaben sind gut,“ erwiderte Gunnar, „was aber werthvoller ist, das ist die Freundschaft, die Du und Deine Söhne uns erweisen.“ Halgjerde aber wollte den Schimpf rächen, den Otkel Gunnar angethan hatte. Während des Sommers, als dieser auf dem Alting war, rief sie eines Tages Melkolf zu sich und sagte: „Ich habe ein Geschäft für Dich; Du sollst nach Kirkeböj reiten; im Speicher sollst Du zwei Pferdelasten an Butter und Käse stehlen und dann den Speicher in Brand stecken, damit niemand merkt, daß dort gestohlen ist.“

„Viel Böses habe ich schon verübt,“ entgegnete der Sklave, „niemals aber war ich ein Dieb.“

„Was man doch alles hören muß!“ spottete Halgjerde, „Du willst Dich weiß brennen und bist doch ein Dieb und ein Mörder? Du sollst nach meinen Worten thun, sonst lasse ich Dich tödten.“ So nahm denn der Sklave in der Nacht zwei Pferde und ritt nach Kirkeböj. Der Hund bellte ihn nicht an, da er ihn kannte; er aber ging zum Speicher, belud die Pferde, legte Feuer an im Speicher, schlug den Hund todt und ritt heim. Es dauerte nicht lange bis die Bauern vom Alting heimritten. Oestlich von dem Berghang am Flusse, jenseits des großen Gletschers, aus dem der Markarfluß entspringt, lag ein Landstrich, der Sida genannt wird. Gunnar hatte die Bauern aus dieser Gegend eingeladen, auf dem Rückwege vom Alting bei ihm einzukehren, sie aber folgten der Einladung. Halgjerde deckte den Tisch für sie und unter den Speisen, die aufgetragen wurden, befanden sich auch Käse und Butter. „Wo stammt das her?“ fragte Gunnar, denn er wußte, daß dergleichen auf Hlidarende nicht vorhanden sei. Halgjerde antwortete: „Nirgends stammt es her, Du magst es ruhig essen. Uebrigens kommt es nicht den Männern zu, Küchenmeister zu sein.“ Gunnar wurde zornig und rief: „Uebel wäre es, wenn ich Diebshehler sein sollte,“ und schlug sie dabei auf die Wangen. „Das sollst Du mir büßen,“ sprach Halgjerde und eilte hinaus und Gunnar that desgleichen. Darnach wurde alles wieder abgetragen und statt dessen Fleisch auf den Tisch gesetzt. Da meinten die Gäste, es geschehe das wohl, weil man den Käse und die Butter nicht auf so gute Weise erworben habe wie das Fleisch; und kurz darauf zogen sie ab.

 

Mörd Valgardsohn's Schlauheit.

Als die Leute auf Kirkeböj am Morgen, nachdem Melkolf dort gewesen war, aus dem Hause traten, sahen sie, daß der Speicher niedergebrannt war. Sie sandten die Nachricht an Otkel auf dem Ting, er aber nahm es auf die leichte Achsel und meinte, es sei wohl daher gekommen, daß der Speicher zu nahe am Backhaus gelegen habe. Nachdem er aber heimgekehrt war, ritt Skamkel eines Morgens aus, um nach einigen Schafen zu sehen. Während er an der Rangau entlang ritt, sah er etwas blinken auf dem Wege; er nahm es auf und sah, daß es ein Messer und ein Gürtel sei. Diese Dinge gehörten Melkolf; er hatte sie auf dem Rückwege von Kirkeböj verloren, war seinen Verlust aber erst gewahr geworden, als er nach Hlidarende gelangt war und hatte nun nicht gewagt, umzukehren, um darnach zu suchen. Skamkel erkannte die Gegenstände sofort wieder und zeigte sie Otkel; dieser erkannte sie gleichfalls und sagte, daß sie Melkolf zugehörten und das Gleiche sagten viele andere, denen sie sie zeigten. Nun aber wußte weder Otkel noch Skamkel, wie sie es anfangen sollten, um in der Sache klar zu sehen. „Wir müssen bei Mörd Vagardsohn uns Rath holen,“ meinte Otkel endlich. Dieser Mörd Valgardsohn wohnte auf dem Hofe Hof an der Ostrangau und von ihm hätte man übrigens am allerwenigsten erwarten sollen, daß er Gunnar Schaden bringe. Denn er war ein Sohn von Unne Mördstochter, welcher Gunnar zu ihrer Mitgift verholfen hatte, als sie ihren Mann Rut Herjulfsohn verlassen hatte. Damals hatte sie selbst erklärt, daß sie und ihre Sippe jetzt vor allen andern dem Gunnar zum Beistand verpflichtet sei. Jedoch sie hatte sich später mit einem reichen, aber argen und falschen Bauern namens Valgard der Falsche verheiratet. Sie hatte sich vorher nicht mit Gunnar oder sonst jemand aus ihrer Sippe darüber berathen, und Gunnar und Nial waren daher auch übel zufrieden mit ihrer Wahl. Noch ärger aber machte es ihr Sohn Mörd, den sie mit Valgard hatte, denn er war hinterlistig und arg gegen jedermann, am meisten aber gegen Gunnar, dem er den größten Haß zeigte. So suchten denn Otkel und Skamkel mit gutem Grunde Rath bei ihm, wie sie Gunnar an den Kragen wollten. Mörd erkannte gleichfalls sowohl das Messer als auch den Gürtel. „Was habt Ihr aber vor?“ fragte er, „glaubt Ihr vielleicht, daß Ihr auf Hlidarende etwas zu fordern habt?“

„Schwer ist es für uns,“ entgegnete Skamkel, „mit so mächtigen Leuten anzubinden. Indessen soll es Dein Schaden nicht sein, wenn Du unsere Sache übernehmen willst.“

„Euer Geld könnte mir theuer zu stehen kommen,“ meinte Mörd. Sie aber gaben ihm drei Mark Silber. Da gab er ihnen den Rath, sie sollten einige Weiber mit Kurzwaaren in dem Gau herumschicken und den Hausfrauen davon mittheilen, und was sie dafür als Entgelt empfingen, sollten sie zu ihm bringen. „Denn,“ sagte er, „birgt jemand gestohlenes Gut, so ist dies das erste, was er fortgiebt, wenn die Gelegenheit da ist. Habe ich aber ans Licht gebracht, was Ihr zu wissen wünscht, dann will ich nichts mehr mit der Sache zu thun haben."

Die Weiber blieben einen halben Monat aus und als sie zurückkamen, hatten sie schwer zu tragen an dem, was sie empfangen hatten. Mörd fragte sie, wo sie das meiste empfangen hätten, und sie erwiderten, auf Hlidarende. Halgjerde sei am großmüthigsten gegen sie gewesen, denn sie hätte ihnen viele Scheiben Käse gegeben. Diese ließ Mörd sich geben und verwahrte sie, und bald nachher ritt er zu Otkel und bat um seiner Frau Käseform. Er legte die Scheiben hinein und diese paßten genau, und es fand sich, daß die Weiber einen ganzen Käse empfangen hatten. „Jetzt ist es klar,“ sprach Mörd, „daß Halgjerde Käse bei Euch gestohlen hat.“ Zugleich erklärte er, er wolle mit der Sache nichts weiter zu thun haben und ritt heim.

 

Skamkel's Rath.

Rings in dem Gau redete man bald von nichts anderem, als daß Halgjerde auf Kirkeböj gestohlen und den Speicher angezündet habe. Einst redete Kulskjäg mit Gunnar davon, und dieser äußerte, er glaube selbst, daß die Sache sich so verhalte. „Doch was läßt sich dabei machen?“ sagte er. „Du bist der nächste, der für Dein Weib büßen muß,“ entgegnete Kulskjäg, „mir scheint, Du müßtest zu Otkel gehen und ihm gute Anerbietungen machen.“

„Dein Rath ist gut,“ versetzte Gunnar, „ich will ihm folgen.“ Kurze Zeit nachher ritt er, von Kulskjäg, Thraen, Lambe und acht andern Männern gefolgt, nach Kirkeböj. Hier sandte er zu Otkel und bat ihn, er möge hervorkommen. Skamkel befand sich gerade bei Otkel. „Ich will mit Dir hinausgehen,“ sagte er zu ihm, „jetzt nimm alle Schlauheit zusammen; Du mußt aber die Nase hoch tragen und große Worte machen.“ Außer ihm nahm Otkel seine beiden Brüder Halkel und Halbjörn mit sich hinaus. Sie grüßten Gunnar und er erwiderte ihren Gruß. „Ich bin gekommen,“ wandte er sich an Otkel, „um mit Dir über den großen Schaden zu sprechen, den mein Weib durch den Sklaven, den ich von Dir kaufte, Dir zugefügt hat.“

„Solches konnte man von Dir erwarten,“ versetzte Halbjörn. Zu Otkel gewandt, fuhr Gunnar fort: „Ich schlage Dir vor, daß die besten Männer des Gaues über unsre Sache das Urtheil sprechen mögen.“ Da aber ergriff Skamkel das Wort und sagte: „Dieses Anerbieten läßt sich hören; indessen ist es doch nicht ganz billig, denn Du bist beliebt bei den Bauern, während Otkel keine Freunde unter ihnen hat.“

„Dann will ich Dir anbieten,“ sprach Gunnar, „daß Du mir das Urtheil zugestehst und zwar will ich es sogleich sprechen: doppelte Buße will ich zahlen und sogleich den Betrag entrichten und endlich dazu meine Freundschaft legen.“ Skamkel aber sagte zu Otkel: „Auf diese Bedingung darfst Du nicht eingehen; schimpflich wäre es für Dich, Gunnar das Urtheil zuzugestehen, denn Dir kommt es zu.“ Darauf sprach Otkel zu Gunnar: „Keineswegs will ich Dir das Urtheil zugestehen.“

„Jetzt sehe ich schon,“ erwiderte Gunnar, „wer hier Rathschläge ertheilt, jedoch magst Du das Urtheil sagen.“

„Welche Antwort soll ich nun geben?“ fragte Otkel auf Skamkel blickend. Dieser versetzte: „Das Anerbieten ist gut, Du magst es annehmen, allein Du mußt Deine Sache Gissur Hvide (der Weiße) und Gejr Gode übertragen.“ So antwortete Otkel dem Gunnar: „Du machst mir ein gutes Anerbieten, doch mußt Du mir Zeit lassen, zuerst mit Gissur Hvide zu reden.“

„Thu' wie Du willst,“ entgegnete Gunnar, „allein man wird sagen, Du wissest nicht, was Dir selbst zur Ehre gereicht, da Du den Vorschlag nicht annimmst, den ich Dir mache.“ Damit ritt er heim. Als er aber fort war, sagte Halbjörn zu seinem Bruder, er handle übel, so gute Anerbietungen zurückzuweisen, zumal wenn sie von einem so mächtigen und braven Manne wie Gunnar gemacht würden.

 

Skamkel's Lügen.

Gissur Hvide war ein großer Häuptling und wohnte auf Mosfjeld nordwestlich von Kirkeböj jenseits der Thjorsau und Hvidau, welche letztere westlich von der Thjorsau fließt und wie diese ihren Lauf von Nordost nach Südwest nimmt. Gejr Gode wohnte auf dem Hofe Hlid in der Nähe von Mosfjeld, und es waren diese beiden Männer mit einander eng verbunden und unterstützten sich gegenseitig in allen Sachen. Bei Gissur wollte sich Otkel also Rath holen und sogleich, nachdem Gunnar fortgeritten war, ließ er sein Pferd vorführen und schickte sich zur Reise an. Skamkel begleitete ihn auf dem Wege. Als sie eine Strecke vom Hofe entfernt waren, sprach er zu Otkel: „Kurzsichtig bist Du und dem Reisen abgeneigt; ich erbiete mich, diese Fahrt für Dich zu thun.“

„Das nehme ich an,“ entgegnete Otkel, „jedoch bleibe bei der Wahrheit.“

„Das wird nicht fehlen,“ sagte Skamkel, und empfing darauf Otkel's Pferd und Reisekleider und ritt weiter, während Otkel zu Fuß nach Hause zurückkehrte. „Uebel ist es, einen Sklaven zum Freund zu haben,“ rief sein Bruder Halbjörn aus, als er ihn erblickte, „und unklug gehandelt, den lügnerischen Mann in einer Angelegenheit zu entsenden, die schließlich Blut kosten kann.“

„Schon jetzt fürchtest Du Dich,“ erwiderte Otkel, „wie wirst Du erst beben, wenn Du Gunnar's Hellebarde geschwungen siehst.“

„Nicht leicht ist es, voraus zu wissen, wer dann am furchtsamsten sein wird,“ versetzte Halbjörn, „doch zürnt Gunnar erst, dann ist er nicht lässig, die Hellebarde zu schwingen; das wirst Du empfinden!“

„Alle seid ihr Feiglinge, nur Skamkel nicht,“ antwortete Otkel; und beide waren heftig erzürnt. Skamkel aber kam nach Mosfjeld und erzählte Gissur alles, wie es sich zugetragen hatte. „Gute Anerbietungen machte Gunnar; warum nahm Otkel sie nicht an?“ fragte Gissur. Skamkel antwortete: „Das that er darum nicht, weil er Dir die Ehre erweisen und Dich um Rath bitten wollte, denn Deine Rathschläge sind stets die besten.“ Gissur ließ nun Gejr Gode herbeiholen und besprach mit ihm die Angelegenheit. Sie trauten Skamkel nicht und ließen sich die Sache nochmals erzählen. Da indessen der zweite Bericht mit dem ersten übereinstimmte, sagten sie, sie würden die Sache auf's beste zu vermitteln suchen, so daß ein Vergleich zu Stande käme. „Denn wir glauben, daß Du die Wahrheit gesprochen hast,“ sagte Gissur zu Skamkel, „obwohl ich stets einen argen Mann in Dir gefunden habe. Bist Du jedoch wirklich ein braver Kerl, dann kann man freilich den Hund nicht immer an den Haaren erkennen.“ Darnach ritt Skamkel nach Kirkeböj zurück. Er brachte Otkel einen Gruß von Gissur und Gejr und sagte, es sei ihre Meinung, man dürfe in dieser Sache keinen Vergleich schließen, sondern Otkel möge Halgjerde wegen Diebstahls und Gunnar wegen Hehlerei belangen. „Auch sie waren hocherfreut,“ setzte er hinzu, „daß Du Dich so stolz benommen habest in dieser Sache; aber ich that auch mein bestes, um ihnen zu zeigen, daß Du wie ein großer Mann gehandelt habest.“ Otkel erzählte seinen Brüdern, welche Antwort Skamkel gebracht habe. „Das wird seine größte Lüge sein,“ sagte Halbjörn.

 

Vergleich zwischen Gunnar und Otkel.

Als der Zeitraum beinahe verflossen war, innerhalb dessen man nach gesetzlicher Bestimmung zum Rechtsstreit und Urtheil auf dem Alting laden mußte, bat Otkel seine Brüder und Skamkel, mit ihm nach Hlidarende zu reiten. Halbjörn meinte, es werde nicht lange dauern, daß diese Fahrt sie gereuen werde, indessen versprach er doch mitzuziehen. So ritten sie denn davon, eine Schaar von zwölf Mann. Gunnar befand sich draußen, als sie kamen, doch ward er sie nicht eher gewahr, als bis Otkel ihm die Ladungsworte mit lauter Stimme entgegenrief. Da wandte er sich zu Skamkel und sprach: „Die Stunde wird kommen, wo ich Dich an diese Fahrt und Deine Rathschläge erinnern werde.“

„Kaum wird uns das schaden, so lange Deine Hellebarde nur nicht erhoben ist,“ erwiderte Skamkel. Gunnar aber war sehr zornig und trat in sein Haus ein. Bald nachher ritt er nach Bergthorshvol und sagte Nial an, was geschehen sei. „Das mag Dich nicht kümmern,“ sagte Nial; „vor Schluß des Tinges wirst Du es sein, der die größte Ehre davon trägt; alle wollen wir Dir folgen und mit Rath und That Dir Beistand leisten.“ Als der Alting herankam, hatte Gunnar, wo er ging und stand, stets im Gefolge seinen Bruder Kulskjäg, Thraen und dessen Brüder, die alle gewaltige Streiter waren, und endlich Nial und dessen Söhne, so daß jedermann sagte, nie habe man je eine so kriegerische Schaar beisammen gesehen. Nach Nial's Rath ging Gunnar zu Höskuld Dalekolsohn und dessen Halbbruder Rut und bat sie um Rath. „Sofern die andern Männer Dir nicht überlassen, daß Du selbst den Urtheilsspruch sagest,“ versetzte Rut, „so magst Du Gissur Hvide und Kulskjäg Gejr Gode zum Holmgang fordern; dann werden sich schon Männer finden, die gegen Otkel und die Seinigen gehen; wir haben jetzt so viel Mannschaft beisammen, daß Du durchsetzen kannst, was Du willst.“ Was aber so zwischen Rut und Gunnar beredet worden war, kam Gissur zu Ohren. Dieser begab sich sofort zu Otkel und fragte ihn, wer ihm gerathen habe, Gunnar vor Gericht zu laden. „Skamkel behauptete, es sei Dein Rath,“ erwiderte Otkel. „Wo ist der Elende?“ rief Gissur. „Er liegt krank in der Hütte darnieder!“ versetzte Otkel. „Möge er nie wieder aufstehen!“ rief Gissur. Auf sein Gebot gingen nun sogleich alle nach Gunnar's Hütte. Man verkündete Gunnar, daß sie herankämen und er eilte darauf sogleich vor die Thür mit allen seinen Mannen und ordnete sie wie zum Kampf. Gissur Hvide trat vor und sagte, sie wollten ihm anbieten, daß er selbst urtheile. „So war es nicht Dein Rath, daß man mich vor Gericht lade?“ fragte Gunnar. Gissur antwortete: „Weder ich noch Gejr haben solchen Rath gegeben.“ Gunnar verlangte nun, er sollte sich mit einem Eide reinigen und Gissur war auch willig dazu, falls Gunnar das Urtheil übernehmen wolle. Dazu war Gunnar indessen gar nicht geneigt, doch gab er nach auf Nial's Ermahnung. Höskuld und Rut wurden herbeigeholt und als sie erschienen, schwuren Gissur und Gejr den Reinigungseid. Darauf sprach Gunnar selbst das Urtheil, ohne jemand als Berather herbeizuziehen. Er sagte, es komme ihm zu, den Werth des Speichers und der Lebensmittel, die in demselben gewesen waren, zu bezahlen. „Daneben aber meine ich,“ fuhr er fort, „es war nur zum Hohn, daß Ihr mich ludet; für diesen Hohn müßt Ihr Buße zahlen und diese soll bestehen in dem vollen Werth des Speichers und dessen, was mit demselben verbrannte. So habe ich denn das Urtheil gesprochen,“ schloß er, „dünkt es Euch aber, es sei besser, daß wir keinen Vergleich schließen, sondern die Sache ihren gesetzlichen Gang gehen lassen, dann habe auch ich in solchem Fall festgesetzt, was ich thun will.“

„Nein,“ erwiderte Gissur, „wir sind zufrieden damit, daß Du dem Otkel keine Buße zahlst, doch möchten wir Dich bitten, Du wollest in Zukunft sein Freund sein.“

„Niemals, so lange ich lebe,“ rief Gunnar aus, „Skamkel möge sein Freund sein, der ja schon längst seine rechte Hand gewesen ist.“

„So wollen wir denn Dir ganz nachgeben und doch die Sache abschließen,“ versetzte Gissur, und darauf reichten sie sich die Hand auf diesen Vergleich hin. Schließlich sagte Gunnar noch zu Otkel, es sei für ihn räthlich, wenn er zu seiner Sippe ziehe. „Willst Du aber neben mir in dem Gau bleiben,“ fügte er hinzu, „dann lasse mich fürder in Ruhe.“ Gissur erklärte, das sei ein wohlgemeinter Rath, dem Otkel folgen möge. So endete denn die Sache zur größten Ehre für Gunnar, und so saß er denn nachher eine Zeit lang ruhig auf seinem Hofe.

 

Otkel verwundet Gunnar.

Auf dem Hofe Dal östlich vom Markarfluß, dort wo derselbe sich südwärts wendet, wohnte ein Bauer namens Runolf, welcher ein Sohn von Ulf Örgode, dem Bruder von Valgard dem Falschen war. Auf dem Rückwege vom Alting kehrte er bei Otkel auf Kirkeböj ein. Beim Abschied schenkte ihm Otkel einen neunjährigen Ochsen von schwarzer Farbe und zum Entgelt lud Runolf Otkel ein, ihn zu besuchen, wann er wolle. Erst im nächsten Frühling gedachte Otkel der Einladung zu folgen und er nahm Skamkel, seine beiden Brüder und vier andere Männer mit sich. Otkel besaß zwei Pferde, hellgelb von Farbe mit schwarzer Mähne und Schweif und schwarzem Streif längs dem Rückgrat. Es waren die besten Reitpferde in dem Gau und dieselben hingen so sehr an einander, daß das eine stets dem andern folgte. Auf dem einen derselben ritt Otkel, das andere aber lief ledig nebenher. Der Weg führte an dem Berghang am Markarflusse entlang und die Furt, wo Otkel denselben überschreiten mußte, lag in der Nähe von Hlidarende. Während Otkel an Gunnar's Feldern vorüberritt und seinen Begleitern voraus war, wurden beide Pferde scheu und jagten den Berghang hinan. Gunnar befand sich gerade auf seinem Acker und säete - Gerste wird er gesäet haben, denn andres Korn konnte nicht gedeihen auf Island; seine Axt und seinen Mantel hatte er neben sich auf die Erde gelegt. Otkel sprengte gewaltsamer einher, als ihm selbst lieb war, und Gunnar stand gerade zur Erde gebeugt, so daß keiner den andern bemerkte. Erst in dem Augenblick, als Otkel unmittelbar vor Gunnar sich befand, richtete sich dieser empor. Otkel ritt ihn daher um und sein Sporn riß Gunnar eine tiefe Wunde an seinem einen Ohr, so daß das Blut sogleich hervorströmte. Gleich darauf kamen Otkel's Begleiter heran. Gunnar rief sie zu Zeugen auf, wie unziemlich Otkel ihn behandle. „Zuerst ladest Du mich vor Gericht,“ sprach er, „jetzt reitest Du mich um, trittst mich mit Füßen und verwundest mich blutig.“ Skamkel ergriff sogleich das Wort und sagte: „Der Schade ist nicht so groß, Bauer, wenngleich Du jetzt fast ebenso zornig bist, als auf dem Alting, wo Du mit der Hellebarde in der Hand dastandest und das Urtheil sprachst.“

„Beim nächsten Mal, wo ich Dich finde, wirst Du die Hellebarde kosten,“ versetzte Gunnar, und damit schieden sie von einander. Gunnar ging heim und erzählte niemandem, was geschehen war, und keiner verfiel auf den Gedanken, daß die Wunde am Ohr ihm von einem zweiten geschlagen worden sei. Einst besprach er indessen die Angelegenheit mit seinem Bruder Kulskjäg und auf dessen Anrathen erzählte er auch seinen Nachbarn davon, da es ihm nicht räthlich erschien, wenn niemand darum wisse, falls größere Dinge darauf folgen sollten. Otkel aber war unterdessen nach Dal gekommen und Skamkel erzählte Runolf, was zwischen ihnen und Gunnar sich ereignet habe. Ein Mann fragte zufällig, wie Gunnar sich dabei benommen habe. Skamkel erwiderte: „Wäre es ein geringer Mann gewesen, dann hätte man ohne Scheu gesagt, er habe geweint.“

„Eine üble Rede ist das,“ fiel Runolf ein, „und das wirst Du erfahren bei Eurem nächsten Zusammentreffen, daß Weinen und Klagen nicht Gunnar's Sache ist. Drum können wir uns Glück wünschen, wenn nicht bessere Männer für Deine Bosheit büßen müssen.“ Darauf wandte er sich an Otkel und sagte: „Rathsam erscheint es mir jetzt, daß ich Euch das Geleit gebe auf der Heimfahrt, denn mir wird Gunnar kein Leid thun.“ Otkel aber wollte das Anerbieten nicht annehmen und sagte, er werde den Fluß in seinem unteren Lauf überschreiten, so daß er nicht in die Nähe von Hlidarende komme. Nachdem er eine Woche auf Dal gewesen war, beschloß er heimzukehren. Beim Abschied gab ihm Runolf gute Gaben und sagte, sie würden sich nie wieder sehen. Otkel bat ihn, in diesem Falle sich seines Sohnes anzunehmen.

 

Der Kampf an der Rangau.

Eines Tages stand Gunnar vor seinem Hause auf Hlidarende. Da sah er seinen Schafhirten auf den Hof zusprengen. Derselbe ritt hinein auf den umzäumten Platz, der das Haus umgab und sagte zu Gunnar: „Acht Männer sah ich den Markarfluß entlang reiten und ihrer vier trugen farbige Kleider; da gedachte ich meiner Treue gegen Dich, darum sage ich Dir es jetzt an.“

„Das wird Otkel sein,“ versetzte Gunnar; der Hirte erzählte ihm die schmählichen Worte, die Skamkel auf Dal über ihn gebraucht habe und fügte hinzu: „Uebel scheint es mir, daß arge Männer solche Reden führen dürfen.“

„Ein Wort wollen wir uns nicht allzunahe gehen lassen,“ entgegnete Gunnar, „von jetzt an aber sei es Dir gestattet, nur die Arbeit zu thun, die Du selbst thun willst.“

„Soll ich es nicht Kulskjäg ansagen?“ fragte der Hirte. „Das werde ich selbst thun,“ antwortete Gunnar und hieß ihn sich schlafen legen. Darauf nahm er das Pferd des Hirten und legte ihm seinen Sattel auf; er holte seinen Schild hervor, umgürtete sich mit dem Schwert, welches er von Ölve auf Hisingen empfangen hatte, bedeckte sein Haupt mit dem Helm und ergriff die Hellebarde. Laut klang die Hellebarde, so daß seine Mutter Ranvejg es vernahm; sie kam herbei und sprach: „Zornig bist Du jetzt, mein Sohn, wie ich Dich nie vordem sah.“ Gunnar ging hinaus, stemmte die Hellebarde gegen den Erdboden, warf sich in den Sattel und ritt fort. Seine Mutter Ranvejg aber trat in das Wohngemach, wo lautes Gespräch herrschte. „Laut redet Ihr zwar,“ sprach sie, „noch lauter aber erklang die Hellebarde, als Gunnar hinausging.“

„Das bedeutet eine große That,“ sagte Kulskjäg. „So ist es recht,“ sprach Halgjerde, „jetzt werden sie erfahren, ob er weint, wenn er von ihnen scheidet.“ Kulskjäg holte gleichfalls seine Waffen, suchte sich ein Pferd aus und folgte Gunnar so eilig er vermochte. Dieser war westwärts geritten und kam zur Furt über die Ostrangau bei Mörd Valgardsohn's Hof. Dort sprang er vom Pferde und band es an. Gleich darnach kamen Otkel und seine Begleiter dahin. „Wehrt Euch,“ rief er ihnen entgegen, „hier ist die Hellebarde und ich will Euch zeigen, ob ich vor Euch weine.“ Da sprangen alle von den Pferden und drangen auf Gunnar ein, Halbjörn voran. „Dir möchte ich am wenigsten etwas Böses zufügen,“ sprach Gunnar zu ihm. „Ich kann nicht ruhig zusehen, wenn Du meinen Bruder tödten willst,“ antwortete Halbjörn und stieß mit beiden Händen mit einem großen Speer nach Gunnar. Dieser deckte sich mit dem Schild und der Speer durchbohrte denselben; Gunnar aber stieß den Schild so kräftig auf den Erdboden, daß er stehen blieb und zugleich schwang er sein Schwert so schnell, daß niemand dessen Bewegungen zu folgen vermochte und hieb Halbjörn die Hand ab. Skamkel kam von hinten gegen Gunnar und hieb nach ihm mit einer großen Axt. Gunnar aber drehte sich blitzschnell um, schlug mit der Hellebarde Skamkel die Axt aus der Hand, so daß sie in die Au hinaus flog und wieder erhob er die Hellebarde, durchstieß Skamkel, schwang ihn empor und schleuderte ihn kopfüber in den Morast an der Seite des Weges. Ein Normann oder - wie die Isländer zu sagen pflegten - ein Ostmann namens Ödulf, der in Otkel's Gefolge war, warf seinen Speer nach Gunnar, dieser aber ergriff denselben im Fluge und sandte ihn sogleich zurück, so daß er Ödulf's Schild und diesen selbst durchbohrte und noch tief in die Erde eindrang. Nun wollte Otkel selbst mit seinem Schwert einen Streich gegen Gunnar führen und zielte nach dessen Bein unterhalb des Knies, Gunnar aber sprang so hoch empor, daß der Hieb fehl ging; darnach stach er mit der Hellebarde nach Otkel und durchbohrte ihn. In diesem Augenblick kam Kulskjäg herbei und streckte sogleich Otkel's Bruder Halkel nieder und endlich tödteten sie auch die drei Männer, die noch übrig waren. Mörd hatte unterdessen vernommen, was sich vor seinem Hofe zutrage, denn eine von den Mägden hatte ihm es gesagt und ihn gebeten, die Kämpfenden zu trennen. „Meinetwegen mögen sie sich gern gegenseitig niedermetzeln,“ war seine Antwort. „Das kann nicht Dein Ernst sein,“ erwiderte sie, „denn es ist Dein Vetter Gunnar und Dein Freund Otkel.“

„Du schwatzest einmal wieder, Du Närrin,“ schalt er und blieb ruhig drinnen. Nach gethanem Werk ritten Gunnar und Kulskjäg heim. „Es mag sein, daß ich weniger schnell zu blutiger That bin als andre Männer,“ sagte Gunnar, „für weniger tapfer, glaube ich, wird man mich darum nicht halten.“ Kurze Zeit darnach ritt er nach Bergthorshvol. „Eine große That hast Du vollbracht,“ sagte Nial zu ihm, „aber Du warst auch schwer gereizt. Die Sache,“ fuhr er fort, „wird vor das Ting kommen, aber Du wirst die größte Ehre davon tragen. Dies wird indessen die Ursache zu weiteren Blutthaten sein, die Du zu vollbringen genöthigt sein wirst. Tödte aber nie mehr als einen Mann aus demselben Geschlecht; brich auch niemals einen Vergleich, den gute Männer mit Dir schließen, und am allerwenigsten, wenn jenes Dir geschieht, wovor ich Dich zuerst warnte.“

„Solches, glaubte ich, werde bei anderen eher eintreten als bei mir,“ antwortete Gunnar. „Es mag sein,“ versetzte Nial, „das aber halte fest; trifft es sich so, wie ich soeben gesagt habe, dann hast Du bald am längsten gelebt; sonst wirst Du ein hohes Alter erreichen.“ Der Tingstreit verlief übrigens, wie Nial verkündet hatte. Diejenigen, welche die nächsten daran waren, wegen Otkel's Tod die gerichtliche Klage zu erheben, waren Gissur Hvide und Gejr Gode; aber beiden fehlte der Muth zur Uebernahme der Sache. Sie ließen daher das Loos unter sich entscheiden, wer die Klage anhängig machen solle und es entschied für Gejr. Dieser traf nun alle Vorbereitungen, die das Gesetz gebot; über alle Gauen verbreitete sich die Kunde davon und man erwartete, es werde große Aufregung auf diesem Ting geben. Aber alle Bauern in dem Flußthale des Markarflusses und in Rangauvalle vereinigten sich dahin, daß sie Gunnar folgen wollten, denn er war sehr beliebt. Der Ting war deshalb stark besucht; Gejr erhob die Klage und die Sache wurde auf beiden Seiten mit Eifer betrieben. Da trat Nial dazwischen. Er sagte, daß Gunnar dem nicht entgehen könne, für einige der Erschlagenen zu büßen; er erinnerte aber auch Gejr daran, daß er selbst eine Sache gegen ihn habe, die wohl aufgeschoben, aber nicht aufgehoben sei und er könne durch das Gericht die Acht über ihn verhängen lassen und ihn zum Waldgänger, wie man es nannte, machen. Andere riethen nun Gejr zum Vergleich, Gissur selbst redete diesem das Wort und so wurde denn das Ende der ganzen Verhandlung, daß man sich dahin einigte, es sollten sechs Männer den Schiedsspruch thun. Diese entschieden, daß Gunnar für Skamkel keine Buße zahlen sollte, Otkel's Tödtung und der Spornhieb sollten einander aufwiegen, für die übrigen Erschlagenen aber wurden die entsprechenden Bußen festgelegt. Gunnar empfing Geld von seinen Freunden, so daß er alle Bußen sogleich auf dem Ting erlegte und zuletzt kamen Gissur und Gejr zu ihm und sagten ihm Frieden und Sicherheit zu. Darnach ritt Gunnar heim; er dankte seinen Mannen für ihre Hülfe und theilte Gaben aus an viele, so daß er die größte Ehre dadurch gewann und seitdem in noch höherem Ansehen auf seinem Hofe saß.

 

Quellen:
Text:
Hans Henrik Lefolii: Nial Saga, 1866. Aus dem Dänischen übersetzt 1878 von Johannes Claussen - gemeinfrei -
Bild:
Wikimedia Commons - gemeinfrei -

 

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