Brennu-Njáls Saga - Die Njalssaga
3. Kapitel:
Von Halgjerde Höskuldstochter

Halgjerde's Kindheit.

Handschrift der Njal Saga aus dem Mödruvallabók

Handschrift der Njal Saga aus dem Möðruvallabók etwa 1350

Die Erzählung greift nun wiederum in die Vergangenheit zurück. Höskuld Dalekolsohn auf Höskuldstad im Laxauthal hatte eine Tochter namens Halgjerde. Schon als Kind war sie hochgewachsen und schön von Angesicht, ihr Haar war so fein wie Seide und so lang und schwer, daß es ihr bis zum Gürtel herabwallte. Einst geschah es, daß Höskuld seine Freunde zum Mahle bei sich versammelt hatte; sein Halbbruder Rut Herjulfsohn war dabei und saß ihm zur Seite. Halgjerde spielte auf der Diele mit einigen anderen Mädchen. „Komm' zu mir her,“ sagte Höskuld zu ihr, und sie kam sogleich. Er faßte sie unter das Kinn und küßte sie, worauf sie wieder fortlief. „Was dünkt Dich über das Mägdlein,“ wandte sich Höskuld an Rut, „ist es nicht ein liebliches Kind?“ Rut schwieg und Höskuld wiederholte seine Frage. Da antwortete Rut: „Sehr schön ist sie, und mancher wird dafür büßen müssen. Aber ich kann mir nicht erklären, woher die Diebsaugen in unser Geschlecht gekommen sind.“ Da zürnte Höskuld und es verging geraume Weile, ehe sich wieder ein gutes Verhältniß zwischen den Brüdern anbahnte.

 

Halgjerde's Heirat mit Thorvald Osvifsohn.

Als Halgjerde heranwuchs, wurde sie ein sehr schönes Weib; sie war hochgewachsen, weshalb sie den Spitznamen die Lange erhielt; ihr Haar war prächtig und so schwer, daß sie sich ganz darein zu hüllen vermochte. Sie war freigebig und verstand es gut, jedermann für sich zu gewinnen; dabei war sie aber eigensinnig und trotzköpfig und vergaß nicht leicht Beleidigungen. Auch wurde ihre Sinnesart nicht besser dadurch, daß sie oft bei einem Manne namens Thjostolf sich Rath einholte. Dieser war ein starker Mann und waffenkundig, doch hartherzig und eigensinnig, und hatte viele Männer getödtet, ohne je dafür Buße bezahlt zu haben. Er hatte Halgjerde in ihrer Kindheit erzogen und seitdem pflegte sie sich zu ihm zu halten.

Westlich von Höskuldstad, nach dem Strande zu, wohnte ein reicher Bauer, Thorvald geheißen; er war ein starker Mann, von feinen Sitten, aber etwas heftiger Sinnesart. Sein Vater Osvif redete ihm einst zu, er möge sich eine Frau suchen, und Thorvald war nicht abgeneigt. Als sie sich aber auch beredeten, welche Frau am besten passen möchte, konnten sie lange kein Mädchen finden, das ihnen gefiel. Zuletzt kamen sie auf die lange Halgjerde. „Sie will ich zu gewinnen suchen,“ meinte Thorvald. „Das taugt nichts,“ erwiderte Osvif, „denn sie ist heftig und Du bist hart und eigensinnig.“

„Dennoch lasse ich mich von meinem Vorhaben nicht abbringen,“ sagte Thorvald, „es bleibt bei dem, was ich beschlossen habe.“

„Meinetwegen,“ erwiderte Osvif, „denn Du allein wagst etwas dabei,“ und so machten sie sich denn auf die Werbung nach Höskuldstad. Sie wurden freundlich empfangen und brachten sogleich ihr Anliegen vor. Höskuld erwiderte darauf: „Eure Stellung kenne ich und Wesen und Art meiner Tochter könnt Ihr selbst sehen, doch will ich Euch nicht verhehlen, daß sie einen etwas harten Sinn hat.“

„Das soll kein Hinderniß sein,“ versetzte Thorvald, „gieb Du nur die Bedingungen an.“ Das Ende der Verhandlung wurde denn, daß der Brautkauf abgeschlossen wurde und Thorvald Osvifsohn sich mit Halgjerde verlobte. Höskuld hatte sie selbst nicht befragt, denn er wollte sie gern verheiraten. Nachdem aber Thorvald und dessen Vater fortgeritten waren, erzählte er ihr den Handel. „Jetzt sehe ich,“ sagte sie, „was ich längst gemerkt habe: Du liebst mich nicht so sehr, wie Du stets gesagt hast, da Du es nicht für der Mühe werth hieltest, mich zu befragen. Auch scheint es mir keine so günstige Heirat zu sein, wie Du sie mir versprochen hast.“ Höskuld antwortete: „Dein Stolz soll mich in meinem Handel nicht hindern; sind wir nicht einig, so bin ich es, der zu bestimmen hat und nicht Du.“ Sie entgegnete darob: „Allzeit herrschte großer Stolz in Dir und Deinem Geschlecht, darum ist es kein Wunder, daß auch ich meinen Theil davon erhalten habe.“ Darnach ging sie fort. Sie ging geradenwegs zu ihrem Pflegevater Thjostolf und erzählte ihm voller Betrübniß, was im Werke sei. „Sei nur guten Muthes,“ tröstete sie Thjostolf, „es ist nicht das letzte Mal, daß Du verheiratet wirst und nächstes Mal wird man Deine Meinung schon einholen; ich werde Dir stets zu Diensten sein, wenn ich nur nicht Deines Vaters oder Rut's Widerpart zu sein brauche.“ Nach diesen Worten redeten sie nicht mehr über die Sache. Höskuld aber bereitete das Hochzeitsfest vor und ritt herum, um die Gäste zu laden. Er kam auch nach Rutstad und lud Rut ein. „Auch möchte ich Dich bitten,“ sprach er, „es mir nicht zu verargen, daß ich Dich nicht um Rath fragte, als ich diesen Handel schloß.“

„Am liebsten bleibe ich ganz unbetheiligt bei der Angelegenheit,“ erwiderte Rut, „sie bringt kein Glück, weder ihm noch ihr; doch will ich zum Mahle kommen, wenn Du es als eine Ehre für Dich ansiehst.“

„Allerdings,“ versetzte Höskuld und ritt darauf heim. Osvif und Thorvald luden auch Gäste, so daß nicht weniger als hundert Fremde da waren. Einen Gast lud Halgjerde, nämlich einen Oheim mütterlicherseits, namens Svan, der auf Svanshol am Bärenfjord im Nordlande wohnte. Er war zauberkundig, zanksüchtig und ein böser Gesellschafter. Thjostolf hatte sie zu ihm gesandt, um ihn zu laden, und bald waren die beiden Männer enge Freunde. Beim Mahle saß Halgjerde auf der Querbank und war sehr vergnügt; Thjostolf kam oft zu ihr und flüsterte mit ihr, und bisweilen auch mit Svan, was den Leuten sehr sonderbar vorkam. Im übrigen verlief das Mahl ungestört. Höskuld zahlte Halgjerde's Mitgift ganz baar aus. „Soll ich noch einige Gastgeschenke vertheilen?“ fragte er Rut beim Ende des Mahles. „Nein, thue das nicht,“ antwortete Rut, „Du wirst Gelegenheit genug haben, Dein Gut um Halgjerde's willen hinzugeben.“ Als Thorvald mit seiner Frau heimritt, folgte ihnen Thjostolf; er schritt daher an Halgjerde's Seite und redete leise mit ihr, wobei Halgjerde sehr ausgelassen war. „Wie seid ihr mit einander ausgekommen?“ fragte Osvif seinen Sohn. „Sehr wohl,“ versetzte dieser, „sie erwies mir ungetheilte Liebe. Du kannst ja auch sehen, daß sie zufrieden und froh ist, denn sie lacht bei jedem Wort, welches sie spricht.“

„Dies Lachen gefällt mir schlecht, und es wird sich schon zeigen, daß ich Recht habe,“ sprach Osvif. Nach der Heimkehr saß Halgjerde des Abends neben ihrem Eheherrn, Thjostolf aber räumte sie den Platz an ihrer Seite ein, am weitesten von der Thür, wie sie ihm denn alle schuldige Ehre erwies. Thorvald und Thjostolf aber ließen sich nur wenig mit einander ein und wechselten im Laufe des Winters nur wenige Worte.

 

Thorvald's Tod.

Halgjerde war verschwenderisch und verbrauchte viel. Als der Frühling nahte, war deshalb auch Mangel in der Haushaltung und es fehlte an Mehl und getrockneten Fischen. Sie fuhr darum Thorvald unwirsch an, weil er nicht herbeischaffe, was des Hauses Bedarf sei. „Niemals habe ich vordem mehr beschafft und doch hat es bis in die Mitte des Sommers hin ausgereicht,“ antwortete er. Sie entgegnete: „Was geht es mich an, wenn Du so geizig gewesen bist, Dich selbst und Deinen Vater Hunger leiden zu lassen.“ Da aber wurde Thorvald zornig und schlug sie in's Gesicht, so daß sie blutete, dann ging er fort, nahm sechs von seinen Hausgenossen mit sich und ruderte hinaus nach einigen Inseln, die er im Hvamsfjord besaß und die den Namen Bäreninseln trugen; daselbst hatte er Vorräthe an Mehl und getrockneten Fischen. Halgjerde setzte sich vor das Haus und war sehr niedergeschlagen. Thjostolf kam hinzu und bemerkte, daß sie im Gesicht Wunden habe und fragte sie, woher dieselben rührten. „Mein Eheherr that es,“ versetzte sie, „doch kümmert Dich das nur wenig, da Du mir nicht einmal zu Hilfe kamst.“

„Ich wußte es ja nicht,“ erwiderte Thjostolf, „doch will ich es jetzt rächen.“ Er holte seine Axt, sprang in ein Boot und ruderte nach den Bäreninseln. Dort stand Thorvald in seinem Boot und verstaute die Ladung, während seine Leute ihm dieselbe zutrugen. Thjostolf sprang sogleich hinüber in Thorvald's Boot und fing an, mitzuarbeiten. „Ich muß Dir nur beistehen,“ sagte er dabei, „denn zu langsam bist Du bei dieser Arbeit und außerdem wird schlecht gethan, was Du thust.“

„Kannst Du es besser machen?“ fragte Thorvald. Thjostolf antwortete: „Eins giebt es, was ich besser machen kann als Du: das Weib, das Du hast, ist unglücklich vermählt und übel ist es, daß Euer Zusammenleben so lange dauert.“ Da ergriff Thorvald ein Fischermesser, das neben ihm lag und hieb nach Thjostolf. Thjostolf aber schlug wieder mit seiner Axt und traf Thorvald's Arm, so daß dieser zerbrach und das Messer ihm entfiel. Wiederum schwang Thjostolf die Axt und zerschmetterte Thorvald das Haupt, so daß er gleich seinen Geist aufgab. In demselben Augenblick kamen Thorvald's Knechte zum Boote herab mit einer Bürde, die in dasselbe gelegt werden sollte. Doch Thjostolf war nicht rathlos. Mit beiden Händen hieb er ein großes Loch in den Bordrand von Thorvald's Boot, so daß die dunkle See in mächtigem Schwall hineinströmte und sprang rasch in sein eignes Boot, während das des Thorvald mit der Ladung und der Leiche versank. Die Männer sahen nicht, wie übel zugerichtet ihr Herr war, daß er aber todt sei, das sahen sie. Sie riefen Thjostolf Flüche nach; er aber ruderte an Land, zog sein Boot auf's Trockene und ging geraden Wegs zum Hofe hinauf mit der blutigen Axt auf der Schulter. Halgjerde saß noch draußen. „Blutig ist Deine Axt,“ sprach sie, „was hast Du gethan?“

„Ich sorgte dafür, daß Du zum zweiten Male Dich vermählen kannst,“ erwiderte Thjostolf. „Dann ist Thorvald todt,“ sagte sie. „So ist es,“ entgegnete er, „doch sorge Du nun für meine Sicherheit.“

„Das will ich,“ versetzte sie und hieß ihn nordwärts zu Svan reiten. Thjostolf bestieg sogleich sein Pferd und ritt fort. Svan empfing ihn mit offenen Armen, rühmte seine Kühnheit und sprach: „Schande werden sie ernten von ihrer Fahrt, die, welche Dich bei mir suchen wollen."

Halgjerde aber wollte jetzt zu ihrem Vater heimreiten; sie ging zu ihrer Lade und schloß sie auf, rief dann ihre Hausgenossen herbei und gab jedem eine Gabe und alle waren höchst unzufrieden damit, daß sie sie verlieren sollten; darnach ritt sie nach Höskuldstad. Dort traf sie ihren Vater und Rut und diese empfingen sie froh, denn sie wußten noch nicht, was geschehen war. „Warum kommt Thorvald nicht mit Dir?“ fragte Rut. „Er ist todt,“ sprach Halgjerde. „Dann war es Thjostolf, der ihn tödtete,“ sagte Höskuld und als sie es bejahte, fuhr er fort: „So hatte Rut doch Recht, als er sagte, diese Heirat werde großes Unglück im Gefolge haben; allein geschehene That ist nicht zu ändern."

Als Osvif den Tod seines Sohnes erfuhr, erkannte er sogleich den Zusammenhang; er sammelte Mannschaft und ritt nordwärts nach dem Bärenfjord. Aber Svan hatte ein Vorgefühl davon, daß er herankomme. „Jetzt nahen Osvif's Schutzgeister,“ sagte er, ging vor das Haus und zauberte einen dichten Nebel hervor. Als nun Osvif und seine Mannen auf die Höhe des Bergrückens in der Nähe von Svanshol gelangt waren, kam ein dichter Nebel ihnen entgegen; es wurde finstre Nacht vor ihren Augen, sie stürzten von den Pferden und fanden diese nicht mehr, sie verloren ihre Waffen und geriethen entweder in die Brüche oder in den Wald, so daß sie in Gefahr waren, Leib und Leben zu verlieren. „Wenn ich nur meine Pferde und meine Waffen wiederfinden könnte, so wollte ich umkehren,“ sagte Osvif endlich. Da begann es sogleich etwas hell zu werden und sie fanden Pferde und Waffen wieder. Viele äußerten nun den Wunsch, weiter zu reiten nach Svanshol. Allein es geschah dasselbe Wunder und so wiederholte es sich dreimal, so daß sie zuletzt umkehrten und heimritten. Osvif jedoch ritt nach Höskuldstad und rief Höskuld und Rut heraus zu einer Unterredung. Sie erschienen, und Osvif forderte Buße für seinen Sohn. Höskuld antwortete: „Ich war es nicht, der Deinen Sohn tödtete, auch war es nicht mein Anschlag; indessen ist es natürlich, daß Du Entgelt forderst.“ Rut sagte: „Die Nase ist den Augen nahe, Bruder; Du kannst nicht anders als jeder üblen Nachrede den Weg verlegen und ihm Buße für seinen Sohn geben, damit Du also die Sache Deiner Tochter wieder gut machest; und es ist desto besser, je weniger Worte darüber gewechselt werden.“

„Willst Du denn die Buße festsetzen?“ fragte Höskuld Rut. „Das will ich,“ entgegnete dieser, „und will Dich nicht schonen, denn gerade heraus gesagt, es war Deiner Tochter Anschlag, welcher Thorvald den Tod brachte.“

„Wohl ist der Vergleich nicht billig,“ sprach Osvif zu Höskuld, „wenn Dein Bruder die Buße festsetzt; allein er hat so trefflich gesprochen, daß ich wohl das Vertrauen hegen darf, er werde nach Recht und Billigkeit schätzen.“ Darauf stand er auf und faßte Höskuld's Hand, und sie verglichen sich dahin, daß Rut die Buße bestimmen solle. Er setzte sie auf 6 Mark Silber, etwa 72 Thaler, oder, wie es auch hieß „zweihundert in Silber“ fest, denn das hielt man damals für gute Mannbuße; und Höskuld zahlte sie sogleich baar aus. Außerdem schenkte Rut Osvif einen guten Mantel, womit Osvif zufrieden war und heimritt; ebenso wurden keine Schwierigkeiten erhoben bei der Theilung von Thorvald's Erbe. Halgjerde nahm darnach ihren Aufenthalt bei ihrem Vater und ihr Gut vermehrte sich stark. Lange aber redete man von dem Mord an Thorvald.

 

Halgjerde's Heirat mit Glum Olafsohn.

Auf dem Hofe Varmaläk in der Nähe des Borgefjord wohnten zwei Brüder namens Thoraren und Glum. Sie waren Söhne von Olaf dem Lahmen, angesehene Männer und sehr begütert. Thoraren war ein sehr verständiger Mann, und Glum war groß, stark und gesund und war lange auf Reisen gewesen. Einst fragte Thoraren Glum, ob er außer Landes zu ziehen gedenke, wie er gewohnt sei. Glum antwortete, er habe eher daran gedacht, ganz aufzuhören mit seinen Handelsreisen. „Was hast Du denn vor?“ fragte Thoraren, „willst Du Dir eine Frau suchen?“

„Wohl möchte ich es,“ erwiderte Glum, „falls ich eine vortheilhafte Heirat schließen könnte.“ Da zählte Thoraren die Jungfrauen auf, die um den Borgefjord herum wohnten und fragte Glum, ob er eine von diesen zum Weibe begehre, denn er wollte mit ihm auf die Brautwerbung ausreiten. „Nein,“ versetzte Glum, „keine von diesen begehre ich.“

„So nenne doch die, welche Du erkoren hast,“ sagte Thoraren. Glum antwortete: „Wenn Du es gern wissen willst, sie heißt Halgjerde Höskuldstochter.“

„Hier trifft das Sprichwort nicht zu, daß einer durch andren Mannes Schaden klug geworden ist,“ rief Thoraren aus. „Schon einmal war sie verheiratet und ließ ihren Mann elend hinmorden.“

„Mir wird das nicht geschehen,“ versetzte Glum, „und willst Du mir eine Ehre anthun, so reite mit mir und wirb mit mir um sie.“ Thoraren meinte: „Da läßt sich nichts dagegen machen, was geschehen soll, das geschieht.“ Glum beredete sich noch oft mit Thoraren über die Angelegenheit und dieser suchte lange Zeit sich ihr zu entziehen, zuletzt aber sammelten sie Mannschaft und ritten zehn Mann stark nach Höskuldstad. Sie fanden gute Aufnahme und blieben die Nacht über. Am nächsten Morgen sandte Höskuld in der Frühe Boten zu Rut, um ihn zu holen und er war selbst draußen, als Rut in den Hof hereinritt. Höskuld erzählte ihm, welche Gäste bei ihm weilten. „Was sie wohl wollen?“ fragte Rut. „Sie haben ihr Anliegen noch nicht vorgebracht,“ erwiderte Höskuld. „Sie wollen um Halgjerde bitten,“ sprach Rut, „was wirst Du ihnen antworten?“

„Was räthst Du mir?“ sagte Höskuld. Rut sagte: „Gieb ihnen günstige Antwort, doch sage ihnen mit den Tugenden auch die Untugenden des Weibes.“ Die Brüder hatten ihre Unterredung noch nicht vollendet, als die Gäste aus dem Hause traten. Sie brachten ihre Werbung an und Höskuld folgte Rut's Rath. „Das soll uns kein Hinderniß sein,“ antwortete Thoraren; „die zweite Ehe wird schon glücklich werden, wenn auch die erste zum Unglück führte, war doch hiervon Thjostolf der Urheber.“ Da nahm Rut das Wort und sagte: „Gern möchte ich Euch einen Rath ertheilen. Wenn dieser Handel abgeschlossen wird, so darf Thjostolf Halgjerde nicht auf Glum's Hof folgen und niemals darf er länger als drei Nächte dort verweilen ohne Glum's Erlaubniß; doch will ich Glum nicht rathen, sie ihm zu gewähren. Weilt Thjostolf dort länger ohne Glum's Bewilligung, so sei es Glum gestattet, ihn todt zu schlagen. Außerdem dürfen wir diesmal nicht wiederum die Sache ohne Halgjerde's Wissen und Willen abmachen, sondern sie muß befragt werden und Glum sehen, so daß sie selbst sich entscheiden kann, ob sie ihn will oder nicht.“

„Deine Rathschläge sind stets gut,“ sprach Thoraren. Man ließ sogleich Halgjerde holen und sie erschien begleitet von zwei anderen Frauen. Sie trug einen blauen gewirkten Mantel, darunter einen Rock von Scharlachtuch und einen silbernen Gürtel; das Haar wallte ihr zu beiden Seiten der Brust herab, und sie trug es unterhalb des Gürtels geknotet. Sie ließ sich nieder zwischen ihrem Vater und Rut und hatte für alle ein freundliches Wort. Glum theilte ihr mit, was sie unter einander beredet hätten in Bezug auf seine Ehe, „und nun magst Du entscheiden,“ sagte er, „ob Du mich willst oder nicht.“

„Ich bin es zufrieden,“ versetzte sie, „und ich weiß, daß ich nun besser verheiratet werde als voriges Mal.“ Darauf schätzte man ab, wie viel Halgjerde's Gut werth sei und bestimmte, Glum solle den gleichen Werth hinzulegen, und es solle Halbscheid zwischen ihnen sein. Man berief Zeugen, Glum verlobte sich mit Halgjerde, und ritt darauf mit seinem Bruder heim. Späterhin wurde auf Höskuldstad die Hochzeit gefeiert und es waren viele Gäste dort versammelt. Höskuld und Rut besetzten die eine Langbank, der Bräutigam und sein Gefolge die andere und Halgjerde saß auf der Querbank und benahm sich gut. Thjostolf ging umher mit erhobener Axt, doch alle thaten, als sähen sie es nicht und das Mahl nahm einen fröhlichen Verlauf. Als es zu Ende war, ritt Halgjerde mit ihrem Eheherrn und Thoraren südwärts nach Varmaläk. Thoraren fragte, ob sie dort die Haushaltung übernehmen wolle, doch lehnte sie es ab. Sie beherrschte sich den Winter über und war gern gesehen von jedermann. Bei Frühlingsanfang zog Thoraren nach einem andren Hofe, namens Lögarnes, und ließ sich dort nieder, während Glum allein Varmaläk behielt und Halgjerde dort die Haushaltung übernahm. Sie und Glum lebten friedlich mit einander. Im Laufe des Sommers gebar sie eine Tochter, welche nach heidnischer Sitte mit Wasser begossen und Thorgjerde genannt wurde; dieselbe begann im Aeußeren ihrer Mutter zu gleichen.

 

Glum's Tod.

Nachdem Halgjerde mit Glum Olafsohn verheiratet worden war, war Thjostolf auf Höskuldstad geblieben und hatte sich gut aufgeführt. Eines Tages aber schlug er einen der Hausleute auf dem Hofe, worauf Höskuld ihm ankündigte, er wolle ihn nicht länger herbergen. Thjostolf nahm sein Pferd und seine Waffen und sagte zu Höskuld: „Jetzt ziehe ich fort und komme nie wieder.“

„Das wird uns allen eine Ursache großer Freude sein,“ entgegnete Höskuld. Thjostolf aber ritt nach Varmaläk, wo er von Halgjerde wohl und von Glum nicht unfreundlich aufgenommen wurde. Er erzählte Halgjerde, daß ihr Vater ihn fortgejagt habe und bat sie, für ihn zu sorgen. Sie antwortete, sie könne ihm keine Aufnahme versprechen, ehe sie sich mit Glum darüber beredet habe. „Lebt Ihr denn so einträchtig beisammen?“ fragte Thjostolf. „Ja, einträchtig und liebevoll,“ erwiderte sie. Darauf ging sie zu Glum, schlang ihre Arme um seinen Hals und sprach: „Du wirst mir nicht abschlagen, um was ich Dich bitte.“

„Was ich mit Ehren thun kann, das will ich für Dich thun,“ versetzte er; „was ist Dein Begehr?“

„Thjostolf ist fortgejagt worden,“ sagte sie, „und ich möchte gern, daß Du ihm erlaubtest, hier zu verweilen; ist es Dir aber zuwider, dann will ich nicht darauf bestehen.“ Glum versetzte: „Weil Du so schön darum bittest, so will ich nicht dawider sein; sobald er aber Böses im Schilde führt, soll er sogleich das Haus räumen.“ So blieb denn Thjostolf auf Varmaläk. Eine Zeit lang beherrschte er sich, aber bald war es, als wenn er alles verderbe; er verschonte niemand außer Halgjerde, obgleich sie ihn niemals in Schutz nahm, wenn er mit andren Streit anfing. Glum merkte wohl, daß die Sache übel stehe, und sein Bruder Thoraren sagte, es werde ein böses Ende nehmen, wenn er Thjostolf nicht fortjage; er aber folgte seinem eignen Kopfe und ließ ihn bleiben. Einst hatte man viel Mühe, das Vieh von den Bergweiden, wo es im Sommer frei herumlief, herunter zu treiben, und Glum vermißte einige Hammel. Er hieß nun Thjostolf mit den Hausleuten hinausgehen, um sie zu suchen. „Ich habe keine Lust, hinter Deinen Sklaven her zu rennen,“ entgegnete dieser, „geh' selbst hinaus, dann will ich Dir folgen.“ Es erhob sich nun ein langer, heftiger Wortwechsel zwischen ihnen. Glum ging alsbald zu Halgjerde und sagte, jetzt habe sich Thjostolf so benommen, daß er fort müsse. Halgjerde wollte Thjostolf in Schutz nehmen und es kam zu harten Worten zwischen ihr und Glum, so daß er sie zuletzt schlug. „Ich will nicht länger Dein Keifen hören,“ sprach er und ging darauf fort. Sie hielt viel von ihm und konnte sich nun nicht beruhigen, sondern weinte laut. Als aber Thjostolf sich ihr nahte und seinen Unwillen äußerte über die Behandlung, die ihr widerfahren sei, fuhr sie ihn an, er möge sich nicht in Angelegenheiten mischen, die nur sie und Glum beträfen. Da entfernte sich Thjostolf mit häßlichem Lächeln. Inzwischen ging Glum mit einigen Männern aus, um die Schafe zu suchen, und Thjostolf folgte nach. Wie nun die anderen sich nach verschiedenen Seiten hin zerstreuten, geschah es, daß Glum und Thjostolf allein blieben. Sie trafen einige Schafe und wollten sie gegen eine Felswand hintreiben, um sie so zu fangen, aber die Schafe entgingen ihnen und gelangten auf die Felswand hinauf. Da machten sie sich gegenseitig Vorwürfe deswegen. Thjostolf sagte, Glum sei nie da zu finden, wo es männlicher Tüchtigkeit und Thatkraft bedürfe. „Von Dir will ich keine höhnenden Worte hören, Du verlaufener Sklave,“ schalt Glum. „Du wirst es schon fühlen müssen, daß ich kein Sklave bin,“ höhnte Thjostolf. Da erwachte Glum's Zorn, und er hieb nach ihm mit der Handaxt. Aber Thjostolf fing den Hieb auf mit seiner Axt, schwang sie darauf und traf Glum in die Schulter, so daß der Knochen zerbrach und das Blut stromweis hervorschoß. Glum faßte ihn mit der andern Hand so fest, daß er hinstürzte, aber in demselben Augenblick kam der Tod über ihn selbst. Thjostolf zog ihm einen Goldring ab, deckte seine Leiche mit Steinen zu und ging nach Varmaläk. „Glum ist todt; was sagst Du dazu?“ sagte er zu Halgjerde. „Dann warst Du es, der ihn tödtete,“ erwiderte sie. „Du sagst es,“ sprach er. Sie lachte über ihn und versetzte: „Mit Dir ist nicht zu spaßen.“

„Was räthst Du mir nun?“ fragte Thjostolf. „Ziehe zu meinem Oheim Rut,“ antwortete sie, „und laß ihn für Dich sorgen.“

„Kaum wird mir das zum Vortheil gereichen,“ meinte er, „doch will ich hierin Deinem Rathe folgen,“ und so holte er sein Pferd hervor und ritt nach Rutstad. Er langte dort zur Nachtzeit an, band sein Pferd hinter dem Hause fest, trat an die Thür und that einen starken Schlag gegen dieselbe. Rut erwachte und sprang aus dem Bette, zog seinen Rock und seine Schuhe an, ergriff sein Schwert und ging hinaus. Er erkannte sogleich Thjostolf und fragte, was im Werke sei. „Glum ist getödtet,“ erwiderte dieser. „Wer war der Thäter?“ fragte Rut. „Ich schlug ihn,“ entgegnete Thjostolf. „Was suchst Du denn hier?“ fragte Rut weiter. „Halgjerde hat mich hergesandt,“ versetzte Thjostolf. „Dann hat sie keine Schuld an dem Morde Glum's,“ rief Rut und schwang sein Schwert. Thjostolf sah es, er wollte nicht zurückbleiben und hieb sogleich nach Rut. Dieser aber wandte sich so schnell, daß er dem Hieb entging, und in demselben Augenblick schlug er mit der Linken Thjostolf die Axt aus der Hand, sprang rasch auf ihn ein und versetzte ihm zwei Wunden; der eine Hieb trennte ihm das eine Bein fast vom Leibe, der andre saß in seinem Kopfe und nahm ihm das Leben. Darnach ritt Rut nach Höskuldstad und meldete Höskuld die beiden Blutthaten. Als er wieder heimgeritten war, erschien Thoraren mit elf Mann vor Höskuldstad; er wurde freundschaftlich aufgenommen von Höskuld und dieser sandte sofort nach Rut. Als aber Thoraren fragte, ob Höskuld Buße für Glum entrichten wolle, antwortete Höskuld: „Ich war es nicht, der Deinen Bruder schlug; auch fiel er nicht auf meiner Tochter Anschlag; aber sobald Rut die traurige Kunde erhielt, tödtete er Thjostolf.“ Da schwieg Thoraren und forderte keine Buße mehr. Rut aber rieth, ihm gute Gaben zu geben und ihm alle schuldige Ehre anzuthun, da er ja wirklich großen Verlust erlitten habe. Dies geschah denn auch, und Thoraren ritt heim. Im Laufe des Herbstes wechselten er und Halgjerde den Aufenthalt, so daß sie südwärts nach Lögarnes, Thoraren aber nach Varmaläk zog.

 

Quellen:
Text:
Hans Henrik Lefolii: Nial Saga, 1866. Aus dem Dänischen übersetzt 1878 von Johannes Claussen - gemeinfrei -
Bild:
Wikimedia Commons - gemeinfrei -

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

Zum Inhaltsverzeichnis der Njalssaga oder direkt Zum Tor

 

6,100,480 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang