Brennu-Njáls Saga - Die Njalssaga
1. Kapitel:
Rut Herjulfsohn und Unne Mördstochter

Rut's Brautwerbung.

Handschrift der Njal Saga

Handschrift der Njal Saga aus dem Sögubók von 1698

In der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts lebte auf Island ein angesehener und mächtiger Bauer, namens Höskuld. Sein Hof hieß Höskuldstad und lag an der Laxau nicht weit von der Stelle, wo dieselbe in den Hvamsfjord ausmündet; dieser Fjord aber ist wiederum ein Arm des Bredefjord, welcher einen großen Theil der Westküste des Landes einnimmt. Höskuld's Vater Dalekol war anfangs Freimann in Norwegen; aber damals als Harald Schönhaar (Haarfager) sich dort zum Alleinherrscher machte, zog er fort mit seinem Weibe Thorgjerde, seinen Kindern und all seinem Gut und wanderte aus nach Island, gleich wie viele andere der reichen Bauern des Landes. Er ließ sich nieder im Thale der Laxau und nach seinem Tode wurde sein Sohn Höskuld dort Häuptling. Thorgjerde aber konnte nun nichts mehr an Island fesseln. Sie zog deshalb zurück zu ihrer Sippe in Norwegen. Da sie noch gut aussah und auch noch nicht alt war, warb ein königlicher Lehensmann namens Herjulf um sie. Sie heiratete ihn und es wurde ihnen ein Sohn geboren, dem sie den Namen Rut beilegte. Thorgjerde verlor indessen auch ihren zweiten Mann. Darnach wollte sie ihren ältesten Sohn besuchen. Sie begab sich wieder nach Island und blieb bis zu ihrem Tode bei Höskuld. Rut weilte eine Zeit lang in Norwegen und nach Thorgjerde's Tod verwaltete Höskuld Dalekolsohn auch sein Erbe. Später kam Rut Herjulfsohn selbst nach Island und nahm sein Eigenthum in Besitz. Er baute sich einen Hof im Laxauthal, welcher Rutstad genannt wurde. Höskuld war verheiratet, Rut nicht. Eines Tages waren beide Brüder auf dem Alting. Dieses wurde nämlich jährlich im Juni auf dem Tingfeld am Tingvallesee im südwestlichen Theile des Landes abgehalten und es versammelten sich dann dort von allen Seiten Häuptlinge und Bauern, um Gesetze anzunehmen und ihre Zwistigkeiten durch Urtheilsspruch beilegen zu lassen. Dort sagte Höskuld eines Tages zu Rut, daß es ihm lieb und erwünscht wäre, wenn Rut an seines Hauses Wohlfahrt dächte und sich eine Frau erwählte. „Lange habe ich selbst daran gedacht,“ antwortete Rut, „aber ich habe nicht mit mir selbst eins werden können. Indessen will ich thun nach deinem Gutdünken. Wo sollen wir denn Anfrage thun?“

„Jetzt sind viele Häuptlinge auf dem Ting,“ antwortete Höskuld, „und es ist große Auswahl; da ist denn auch eine Maid, an die ich gedacht habe. Sie heißt Unne und ist eine Tochter Mörd Gige's, welcher ja ein sehr kluger Mann ist; er befindet sich hier auf dem Ting und seine Tochter ebenfalls; Du kannst sie also selbst sehen, wenn Du es wünschest.“

Mörd Gige, von dem Höskuld redete, war ein mächtiger Mann, erfahren in Rechtssachen und so gesetzeskundig, daß kein Urtheil für gesetzlich angesehen wurde, welches er nicht mit gefällt hatte. Er wohnte auf dem Hofe Valle im Südlande, in Rangauvalle zwischen den Flüssen Ost- und Westrangau. Seine Tochter Unne war ein schönes Mädchen, von guten Sitten und brav, und kein Mann, meinten die Leute, konnte in Rangauvalle eine bessere Wahl treffen.

Am Tage darauf nachdem Höskuld und Rut, wie erzählt, sich beredet hatten, und als sie mit den anderen Männern zum Gesetzberg gingen, wo die Gesetze angenommen wurden, sahen sie einige Frauen vor einer der Hütten stehen, wo sich die Bewohner von Rangauvalle aufhielten. Denn die Bauern, welche zum Ting kamen, hatten Hütten, in welchen sie während der vierzehntägigen Dauer des Tings wohnten. „Schau hin, dort steht Unne Mördstochter, von welcher ich zu Dir geredet habe,“ sagte Höskuld zu Rut, als sie an den genannten Frauen vorbeigingen; „wie gefällt sie Dir?“

„Wohl,“ antwortete Rut; „indessen weiß ich nicht, ob wir zusammen glücklich sein werden.“ Als aber die Versammlung für den Tag geschlossen war, gingen beide Brüder nach Mörd's Hütte und traten ein. Mörd saß im Hintergrunde. Sie grüßten ihn. Er erhob sich, ging ihnen entgegen, faßte Höskuld's Hand und ließ ihn neben sich setzen, während Rut neben Höskuld saß. Sie unterredeten sich eine Weile, zuletzt aber sprach Höskuld: „Ich will mit Dir über einen Handel sprechen, (denn als solchen betrachteten die Bewohner des Nordens stets die Ehe). Rut wünscht Dein Schwiegersohn zu werden und Deine Tochter zu kaufen. Ich meinerseits werde bei dieser Gelegenheit nicht knickern.“ Mörd antwortete: „Von Dir weiß ich, daß Du ein großer Häuptling bist; aber Dein Bruder ist mir unbekannt.“

„Er ist ein besserer Mann als ich,“ antwortete Höskuld. „Du wirst genöthigt sein, ihm eine gute Mitgift zu geben,“ fuhr Mörd fort, „denn ihr fällt das ganze Erbe nach mir zu.“

„Ich brauche nicht lange zu sinnen, wieviel ich versprechen will,“ entgegnete Höskuld und gab darauf an, wieviel er Rut an Gut und an Land mitzugeben gedenke. Mörd gab darauf gleichfalls die Mitgift seiner Tochter an und wie er die Anordnung des beiderseitigen Eigenthumsrechts auf Hof und Gut wünsche. „Mit diesen Bedingungen bin ich zufrieden,“ sagte Rut, „laßt uns nun dafür Zeugen berufen.“ So standen sie auf und legten die Hände ineinander. Mörd verlobte seine Tochter Unne mit Rut; die Hochzeit sollte bei ihm einen halben Monat nach Mittsommer gefeiert werden. Darauf ritten sie fort vom Ting und begaben sich auf den Heimweg.

 

Rut und Gunhilde, die Königsmutter.

Rut war noch nicht zu Hause angelangt, als er vernahm, daß sein Oheim, seines Vaters Bruder Össur von Norwegen gekommen sei und ihn baldigst zu sprechen wünsche. Das Schiff lag im Borgefjord, einem Arm des Faxefjord an der Westküste südlich vom Bredefjord. Rut bat Höskuld, mit ihm dorthin zu gehen. Er empfing seinen Oheim freundlich und liebenswürdig und bat ihn, er möge mit ihm ziehen und den Winter über bei ihm verweilen. „Das wird Dir nicht dienlich sein, Vetter,“ entgegnete Össur, „denn die Botschaft bringe ich Dir, daß Dein Halbbruder Eyvind todt ist, nachdem er auf dem Ting Dich zu seinem Erben eingesetzt hat; kommst Du aber jetzt nicht selbst zur Stelle, dann nehmen Deine Widersacher alles Gut.“

„Was ist hier am besten zu thun, Bruder?“ fragte Rut Höskuld, „da komme ich in Noth, zumal ich jetzt meine Hochzeit anberaumt habe.“

„Du mußt hinreiten,“ antwortete Höskuld, „mit Mörd reden und ihn bitten, das Uebereinkommen dahin zu ändern, daß seine Tochter drei Winter hindurch als Deine verlobte Braut wartet.“ Rut zeigte sich geneigt, dem Rathe zu folgen; er ließ seine Pferde vorführen und ritt nach Rangauvalle, Höskuld aber ritt heim. Rut fand freundliche Aufnahme bei Mörd und erzählte ihm die Sache, indem er ihn um Rath fragte. „Wie groß ist das Erbgut?“ fragte Mörd. Rut meinte, es möge hundert Mark Silber betragen, wenn er es ganz in die Hände bekäme, oder nach unsrem Gelde etwa 1200 Thlr., was für damalige Zeiten wenigstens zehnmal soviel bedeutete als jetzt. „Das ist eine große Summe gegen das Erbtheil von mir,“ sagte Mörd, „wenn es Dir recht ist, so rathe ich Dir, abzureisen.“ Darauf trafen sie ihre Verabredung, daß Unne drei Winter hindurch als verlobte Braut warten solle. Rut ritt zum Schiffe; er blieb dort während des Sommers, bis alles bereit war. Er bat Höskuld, seinen Hof und sein Gut in Obacht zu nehmen während seiner Abwesenheit und stach darauf bei günstigem Wind in See. Drei Wochen befanden sie sich auf dem Meere und landeten endlich auf der Insel Hern in der Nähe des jetzigen Bergen. Von dort segelten sie nach der Bucht (Vigen), denn das war der Name der Küste, welche den Meerbusen, der jetzt Christianiafjord heißt, umgiebt. Damals nämlich herrschte König Harald Graufell (Graafeld) über Norwegen und er und seine Mutter Gunhilde hatten in der Zeit ihren Wohnsitz in Kongehelle an der Götaelv, welche damals die Grenze zwischen Norwegen und dem südlichen Theil des jetzigen Schwedens war, wo die Gothen wohnten. Dort suchte Rut sie auf. Rut war ein schöner Mann, groß, stark und waffengewandt, von milder Sinnesart und sehr klug. Gunhilde gewann ihn alsbald lieb und versprach auch, ihm zu seinem Erbe zu verhelfen, falls er nach ihrem Willen thun wolle. Rut wagte nicht, ihr zuwider zu sein, denn sonst würde sie Rache gegen ihn geplant haben, ihm sein Gut geraubt und ihn selbst aus dem Lande gejagt haben. So versprach er denn ihr zu Diensten zu sein und sie verhalf ihm zu des Königs Gunst und zu einer angesehenen Stelle in seinem Gefolge. Er genoß viel Ehre, stand in hohem Ansehen beim König und durch Gunhilde's Hülfe erreichte er die Auszahlung seines Erbes; was er aber empfing, gab er ihr zur Hälfte. Als nach dem zweiten Winter allmählich der Frühling herankam, wurde er sehr still und in sich gekehrt. Gunhilde merkte es wohl und als sie einmal allein beisammen waren, sprach sie: „Was ficht Dich an, Rut, bist Du gemüthskrank?“ Rut meinte, er könne es nicht leugnen. „Dem heimatslosen Mann blühen nur wenig Freuden,“ sprach er, denn es trieb ihn zurück nach Island. „Hast Du eine Braut drüben?“ fragte sie. „Das nicht!“ entgegnete er. „Dennoch weiß ich, daß es der Fall ist,“ sprach sie. Indessen redeten sie für diesmal nicht mehr davon. Rut trat vor den König und grüßte ihn. „Was ist Dein Begehr, Rut?“ fragte der König. Er antwortete: „Ich bitte Dich, Herr, gieb mir Urlaub, um nach Island zu fahren.“

„Wird Dein Ansehen dort größer sein als hier?“ fragte der König. „Das wohl nicht,“ erwiderte Rut, „aber jeder muß auf seinem Platze wirken.“

„Vergeblich würden wir ihn zurückhalten,“ sprach Gunhilde zum König; „laß ihn ziehen, damit ist ihm am besten gedient.“ Es war damals Theurung im Lande, indessen schenkte Gunhilde Rut soviel Mehl als er begehrte. Nachdem er sich zur Abfahrt fertig gemacht hatte, ging er hinauf zum König und Gunhilde. Diese führte ihn abseits und sagte zu ihm: „Hier ist ein Goldring, den ich Dir geben will!“ und streifte denselben auf seinen Arm. Darauf schlang sie ihre Arme um seinen Hals, küßte ihn und sprach: „Habe ich Dich so in meiner Gewalt, wie ich es glaube, so lege ich Dir hiemit das Geschick auf, daß Du kein Glück findest an der Seite des Weibes, an welches Du denkst.“ Rut lachte darüber und ging fort. Darauf trat er vor den König, um ihm zu danken. Der König empfing ihn freundlich und wünschte ihm gute Fahrt. Rut ging alsbald zu Schiffe, es wehte ein günstiger Wind, und er gelangte glücklich in den Borgefjord. Sobald der Anker ausgeworfen war, ritt Rut heim, während sein Oheim Össur, der ihm auf seinem Zuge gefolgt war, beim Schiffe blieb, bis es entladen war. Es wurde ans Land gezogen und ein Dach darüber gebaut zum Schutz vor den Winterstürmen. Alles Gut aber wurde nach dem Laxauthal hinaufgeführt.

 

Rut's Ehe.

Bald nach seiner Heimkehr ritt Rut zu seinem Bruder und erzählte ihm von seiner Fahrt. Sie sandten Boten an Mörd Gige, er möge sich auf die Hochzeit bereiten, und sechs Wochen vor Winters Anfang, welcher in der Mitte des Monats, den wir October nennen, eintrat, machten sie sich schließlich selbst bereit, zur Hochzeit zu reiten. Sie hatten ein Gefolge von sechzig Mann. Vor ihnen war schon eine Menge von Hochzeitsgästen eingetroffen. Die Männer ließen sich nieder auf den Langbänken längs den Seiten des Hauses, die Frauen setzten sich auf die Querbank oder die Hochbank auf einer Erhöhung an der Giebelseite. Das Fest nahm einen guten Verlauf, aber die Braut sah nicht froh aus. Mörd händigte die Mitgift seiner Tochter aus, und sie ritt mit Rut heim. Auf Rutstad ließ er sein Weib über das ganze Haus walten, so daß niemand sich darüber aufhalten konnte, allein das Verhältniß zwischen ihm und ihr war nicht gut. Im Jahre nach ihrer Hochzeit, als die Zeit des Altings herankam, fragte sie ihn, ob er zum Ting zu reiten gedächte. „Warum fragst Du darnach?“ entgegnete er. „Ich möchte gleichfalls zum Ting, um meinen Vater zu sprechen,“ antwortete sie. „Dann reiten wir mit einander,“ versetzte Rut, und Unne gab sich zufrieden. Als sie zum Ting kamen, ging Unne zur Hütte ihres Vaters. Er empfing sie freundlich, doch meinte er, ihre frühere Fröhlichkeit sei von ihr gewichen. Da brach sie in Thränen aus, jedoch ohne ein Wort zu sagen. „Weshalb kamst Du zum Ting,“ schalt Mörd, „wenn Du mir nicht Vertrauen schenken und offen reden willst? Gefällt es Dir etwa nicht dort im Westlande?“

„Ich würde meine ganze Habe hingeben, wenn ich nur niemals dorthin gekommen wäre,“ sprach sie weinend. „Darin wollen wir bald klar sehen,“ sagte Mörd und sandte Männer aus, um Höskuld und Rut zu holen, worauf diese alsbald erschienen. Mörd erhob sich, empfing sie freundlich und hieß sie sich niederlassen. Sie unterredeten sich lange und recht freundschaftlich. Endlich sagte Mörd zu Höskuld: „Was ist es, was meiner Tochter zuwider ist dort im Westlande?“ Rut nahm das Wort und sprach: „Selbst möge sie ansagen, ob sie Klage wider mich führen kann.“ Indessen wurde nichts derartiges gegen ihn vorgebracht. Da ließ Mörd Rut's Nachbarn und seine Hausgenossen darüber ausfragen, wie er ihr begegne. Diese aber gaben ihm alle ein gutes Zeugniß und sagten aus, sie habe in allen Dingen freien Willen. Schließlich redete Mörd seiner Tochter zu, sie möge mit Rut heimkehren und freundlich gegen ihn sein, „denn,“ sagte er, „alle Zeugnisse sprechen besser für ihn als für Dich.“ So folgte sie denn Rut vom Ting und während dieses Sommers kamen sie gut mit einander aus. Als aber der Frühling wiederkam, begann der alte Unfrieden auf's neue zwischen ihnen und wurde schlimmer und schlimmer. Im darauffolgenden Sommer ritt Rut nicht zum Ting, denn er beabsichtigte eine Fahrt westwärts nach den Fjorden und segelte ab, ohne daß seine Frau etwas dagegen sagte. Während seiner Abwesenheit aber bewog sie, als die Zeit des Tings heran kam, Össur's Sohn Sigmund dazu, mit ihr zum Ting zu reiten. Ihr Vater Mörd war da; er nahm sie wohl auf und bot ihr während der Dauer des Tings seine Hütte als Aufenthalt an, was sie gern annahm. „Wie bist Du jetzt auf Deinen Gatten Rut zu sprechen?“ fragte er sie. Sie antwortete, sie könne nur Gutes von ihm reden, soweit er seinem eigenen Willen folge; es sei aber ein Zauber auf ihn gelegt. Nachdem sie ihm nun auseinandergesetzt hatte, was das gute Verhältniß zwischen ihnen störte, sagte Mörd: „Du hast wohl daran gethan, mir das zu sagen. Jetzt will ich Dir einen Rath geben, der Dir helfen wird, falls Du ihn ausführen kannst, ohne in irgend etwas davon abzuweichen. Erstlich mußt Du vom Ting wieder heimreiten; dann wird Dein Gatte zurückgekehrt sein und Dich wohl empfangen. Du mußt freundlich gegen ihn sein und ihm nach dem Munde reden. Dann wird es ihm scheinen, daß eine Veränderung zum guten stattgefunden hat. Du darfst auch weder Kälte noch Unwillen zeigen. Wenn aber das nächste Frühjahr kommt, mußt Du Dich krank stellen und nicht vom Bette aufstehen. Rut wird nicht darnach forschen, was Dir fehlt oder sich deswegen irgendwie grämen. Vielmehr wird er alle Hausgenossen bitten, Dich so gut wie möglich zu hüten und zu pflegen. Sobald dann die Zeit des Tings naht, wird er nach den Fjorden westwärts segeln gleichwie in diesem Jahre und Sigmund als Begleiter mitnehmen und ebenfalls nicht bis zur Tingzeit zurückkommen. Wenn aber die Männer zum Ting reiten und alle Leute aus euren Thälern fortgezogen sind, dann mußt Du von Deinem Bette aufstehen und einige Männer aufrufen, um Dir zu folgen. Hast Du Dich dann ganz fertig gemacht, dann geh zu Deinem Bette mit den Männern, welche Dich begleiten sollen. Bei dem Bette Deines Gatten mußt Du dann Zeugen berufen und Dich von ihm geschieden erklären durch gesetzliche Scheidung, so wie sie durch Urtheilsspruch des Altings und Gesetz des Landes durchgeführt werden kann. Dieselben Zeugen sollst Du bei der Thür der Männer in deinem Hause berufen und dann fortreiten. Schlage aber nicht den gewöhnlichen Weg hierher ein, denn man wird nach Dir suchen.“ Darauf nannte er ihr den Weg, welchen sie nehmen solle. „Reite nur weiter,“ fuhr er dann fort, „bis Du zu mir kommst, ich werde die Sache in meine Hand nehmen, so daß Du niemals in Deines Gatten Gewalt kommen sollst.“ Mit diesen Rathschlägen kehrte Unne vom Ting heim. Rut war zurückgekehrt und empfing sie wohl. Sie nahm das gut auf und war freundlich gegen ihn und in diesem Jahr bestand ein gutes Verhältniß zwischen ihnen. Als es aber Frühling wurde, schützte sie Krankheit vor und legte sich zu Bett. Rut fuhr nach den Fjorden im Westen, gebot aber vor seiner Abreise, sie wohl zu pflegen. Als die Zeit erschien, wo man zum Ting auszog, machte sie sich bereit, verfuhr in allen Dingen nach dem Rath ihres Vaters und ritt zum Ting. Man suchte sie wohl, indessen ohne sie zu finden. Mörd nahm sie freundlich auf und fragte sie, wie sie seine Rathschläge befolgt habe. „Ich bin in nichts von ihnen abgewichen,“ erwiderte sie. Darauf ging sie zum Berg, wo die Gerichtssitzungen gehalten wurden und erklärte sich geschieden von Rut. Die Leute meinten, das sei eine schlechte Sache, die man nimmer erwartet habe; Unne aber zog heim mit ihrem Vater und kam darauf niemals wieder in das Westland.

 

Mörd's Tingstreit mit Rut.

Als Rut heimkam, war seine Frau verschwunden. Wohl runzelten sich seine Brauen bei der Meldung, doch sagte er kein Wort und hielt sich ein ganzes Jahr lang zu Hause, ohne mit jemand darüber zu reden. Den folgenden Sommer ritt er zum Alting, sein Bruder Höskuld mit ihm, und sie führten viel Mannschaft mit sich. Als Rut zum Ting kam, fragte er, ob Mörd Gige dort sei. Man bejahte seine Frage, indessen redete Rut nicht mit ihm über seine Angelegenheit. Eines Tages aber trat Mörd auf den Versammlungsberg hervor, berief seine Zeugen und brachte eine Klage gegen Rut vor. Er habe eine Forderung an ihn, das Gut seiner Tochter betreffend; Rut müsse ihm 270 Mark Silber an baarem Gelde (etwa 3240 Thlr.) und dazu Buße auszahlen, weil er ihm dasselbe so lange vorenthalten habe. Rut erwiderte ihm: „Mehr aus Geiz und Zanksucht bringst Du diese Klage ein, als aus ehrlicher und männlicher Gesinnung. Dem will ich aber auch entgegentreten, denn Du hast noch nicht das Gut, welches sich in meinen Händen befindet, in Deiner Gewalt. So sage ich denn, so daß alle, die sich auf dem Versammlungsberg befinden, des Zeugen sind, daß ich Dich zum Holmgang fordere. Der Einsatz sei das Gut Deiner Tochter und dem setze ich ebensoviel entgegen. Dem Sieger möge das Gut zufallen; willst Du aber nicht mit mir kämpfen, so erlischt jede Forderung deinerseits auf das Gut.“ Mörd schwieg eine Weile und berieth sich mit seinen Freunden über den Holmgang. Jörund Gode sagte: „Du bedarfst nicht unseres Raths in dieser Sache. Kämpfst Du mit Rut, so weißt Du selbst voraus, daß Du Leben und Gut verlierst. Er hat sich wie ein braver Mann benommen und seine Sache steht günstig. Dazu ist er selbst groß und stark und tapfer wie kein zweiter.“ Darauf verkündete Mörd laut, daß er nicht mit Rut kämpfen wolle. Da erhob sich ein großes Geschrei und gewaltiger Lärm auf dem Versammlungsberg, und Mörd hatte wenig Ehre davon. Darauf ritten die Männer heimwärts vom Ting. Auf dem Heimwege kehrten die Brüder Höskuld und Rut bei einem Bauer namens Thjostolf ein, um bei ihm zu übernachten. Es war an dem Tage viel Regen gefallen. Die Männer waren durchnäßt und es wurden auf der Mitte der Diele zwischen den beiden Langbänken große Feuer angezündet. Der Hausherr Thjostolf saß zwischen Höskuld und Rut. Auf der Diele aber liefen zwei kleine Knaben umher, welche bei Thjostolf erzogen wurden, und spielten und ein kleines Mädchen spielte mit ihnen. Die Kinder faselten allerlei in kindischem Unverstand. Einer von den Knaben sagte: „Jetzt will ich Mörd sein und Dich zwingen, Dich von Deinem Weibe zu scheiden und ich will das zum Vorwand nehmen, daß Du ihr kein guter Eheherr gewesen bist.“

„Und ich will Rut sein,“ entgegnete der andere, „und jegliche Forderung deinerseits auf das Gut für nichtig erklären, falls Du nicht mit mir kämpfen willst.“ Das wiederholten sie mehrmals, und es erhob sich großes Gelächter darüber unter Thjostolf's Hausgenossen. Höskuld aber wurde zornig und schlug mit einem Stecken nach dem Knaben, welcher sich Mörd nannte; der Stecken traf ihn ins Antlitz und schlug ihn blutig. „Fort mit Dir,“ rief Höskuld, „und mache uns nicht zum Spott.“ Rut aber rief den Knaben zu sich und dieser kam. Rut zog einen goldenen Ring vom Finger, gab ihm den und sprach: „Geh' hin und beleidige hernach niemand mehr.“

„Niemals werde ich Dir vergessen, wie gütig Du gegen mich gewesen bist,“ sprach der Knabe dankend und lief fort, Rut aber erwarb sich dadurch einen guten Namen. Darauf zogen sie heimwärts in's Westland und damit nahm der Streit zwischen Rut und Mörd ein Ende.

 

Quellen:
Text:
Hans Henrik Lefolii: Nial Saga, 1866. Aus dem Dänischen übersetzt 1878 von Johannes Claussen - gemeinfrei -
Bild:
Wikimedia Commons - gemeinfrei -

 

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