Die wilden Götter

Sagenhaftes aus dem hohen Norden - Kapitel 11: Loki

Von Tor Åge Bringsværd

 

Idun - Göttin der ewigen Jugend

Idun - Göttin der ewigen Jugend

Das Meer kocht und brodelt. Ein schreckliches Haupt, groß wie ein Berg, erhebt sich langsam aus den Wellen. Das schuppige Ungeheuer streckt seinen Hals und sperrt schnaubend das Maul auf. Ein saurer Hauch dringt wie eine Windfahne aus seinem Rachen. Alles Lebendige ergreift die Flucht, die Fische im Wasser und die Vögel unter dem Himmel.

Es ist die Mitgardschlange, das Untier, das sich um die ganze Welt ringelt, und sich in den eigenen Schwanz beißt. Den riesenhaften Kopf wiegt sie spähend, lauschend, witternd hin und her. Langsam, aber zielsicher bewegt er sich auf einen fernen Schimmer zu. Es ist die Burg des Seekönigs, die dort glitzert und leuchtet. Hier herrscht Ägir, der mächtigste unter den Meeresriesen. Heute Abend wird dort ein Fest gefeiert.

Die Schlange zischt. Sie weiß, dass sich dort hinter den festen Balken des Hauses ihre schlimmsten Feinde versammelt haben. Denn Ägir ist ein Freund der Götter. Jedes Jahr lädt er sie zu einem großen Festschmaus ein. Hier sitzen die Asen lachend und ausgelassen unter den Riesen des Meeres und dessen Frauen.

Die großen Nüstern der Schlange zittern vor Gier. Alle sind da, denkt sie. Nur einer fehlt. Alle warten auf Thor. Der Donnergott kämpft hoch im Norden mit den Trollen. Bald wird auch er kommen und nach dem Trinkhorn greifen, wenn er die Riesenschädel in den Staub geworfen hat.

Die Mitgardschlange züngelt vor Ungeduld. Sie kann es nicht erwarten, Ägirs Burg über den Haufen zu werfen, jeden Balken zu zermalmen und sich über Haus und Hof zu wälzen. Aber dann fällt ihr ein, was ihr Hel, ihre Schwester, die Königin des Totenreichs eingeschärft hat. „Warte“, hat sie ihr geraten. „Warte bis ich dir ein Zeichen gebe! Dann ist uns der Sieg sicher.“ – „Was für ein Zeichen?“ wollte sie wissen.

„Ich habe einen kohlschwarzen Hahn“, flüstert Hel. „Wenn du ihn krähen hörst, dann weißt du, dass der Anfang vom Ende gekommen ist. Dann werden die Sterne erlöschen und die Berge erzittern. Die Bäume werden entwurzelt, und alles, was fest ist, verliert seinen Halt. Dann erst ist deine Stunde gekommen.“

Die Mitgardschlange schließt die Augen und seufzt. Sie windet sich heftig und versinkt im Meer. Es gluckst und dampft, und ein mächtiger, saugender Wirbel bleibt zurück.

Die Schlange ist für diesmal verschwunden.

 

Keiner in Ägirs Burg ahnt, was geschehen ist. Asen und Seeriesen spaßen miteinander. Auf dem tangbedeckten Boden wird fröhlich getanzt. Nicht Kerzen und brennende Fackeln erleuchten den Saal, sondern schimmerndes Gold. Es hängt in ganzen Klumpen von der Decke, es schmückt die Wände und liegt in glitzernden Haufen auf den Tischen. Die Diener laufen umher und kümmern sich darum, dass es keinem an Essen mangelt. Das Bier aber schenkt sich selber ein. Ein gewaltiger Kessel schwebt über den Tischen hin und her und sorgt dafür, dass kein Trinkhorn leer bleibt.

Die neun Töchter des Seekönigs singen und tanzen für die Gäste. Die Asen schlagen den Takt dazu und singen mit. Nur Odin sitzt still da und sagt kein Wort. Er rührt das Essen nicht an und trinkt nur Wein. Alle wissen, dass es nicht klug wäre, ihn zu stören, wenn er sinnt und grübelt.

Er hat die Augen geschlossen und denkt an die Welt. Die Welt, denkt er, gleicht einer Scheibe aus Holz mit kräftigen Jahresringen. In der Mitte wohnen die Asen, im nächsten Ring leben die Menschen, und ganz draußen am Rand hausen die Trolle.

Dann wieder kommt ihm die Welt wie eine Eierschale vor, die auf dem großen wilden Meer schwimmt, oder wie eine Daune, die in der Luft hierher und dorthin tanzt, die so lange in der Schwebe bleibt, wie der Atem der Götter reicht. So verletzlich ist das Ganze, so leicht zu zerstören, so nahe daran zu kippen und verlorenzugehen.

Er denkt an die alten Zeiten, da alles erschaffen wurde. Wie lange ist das her! Damals erschlugen er und seine Brüder den ungeheuren Riesen Ymer und erschufen aus dem Leichnam die ganze Welt. Aus seinem Blut wurde das Meer, aus seinem Fleisch das Land, aus seinen Knochen entstanden Berge und Klippen, aus seinem Haar wuchsen die Bäume und das Gras. Seinen Schädel haben sie damals wie eine große Kuppel über alles Erschaffene gesetzt. Er wurde zum Himmel. Odin lächelt, wenn er daran denkt.

Damals war er jung und ausgelassen wie ein Fohlen. Stolz wie ein Hahn, stark wie ein Ochse, spitzfindig wie ein Fuchs. Das ist lange her. Odin fühlt sich alt. Sein Bart ist weiß geworden. Wenn er morgens aufsteht, knacken seine Gelenke. Sein Auge trieft und schmerzt ihn. Jetzt lächelt er nicht mehr.

Er wird aus seinen Gedanken gerissen, denn drüben am Feuer hat Loki Streit mit einem Diener des Seekönigs angefangen. Loki geht auf ihn los, und ehe die andern sich´s versehen, schlägt und tritt er auf ihn ein. Der Diener versucht ihm zu entkommen, aber es ist zu spät, er stürzt mit dem Kopf gegen eine Tischkante. Obwohl er sich nicht mehr rühren und mit offenen Augen am Boden liegt, versetzt Loki ihm noch einen Tritt.

Voller Abscheu haben es die Asen mit angesehen. „Schande über dich, Loki!“ rufen sie. Als hätte er jetzt erst begriffen, was er getan hat, krümmt er sich und wimmert: „Das habe ich nicht gewollt. Es war seine Schuld. Ich winkte ihn herbei, doch er hat mich nicht beachtet. Er hat mich wie Luft behandelt! Er hat mich beleidigt! Ich kann nichts dafür!“

Einige von den Seeriesen treten ihm drohend entgegen. Doch Sigyn, Lokis Frau, kommt ihm zu Hilfe. „Mein Liebster“, ruft sie, „was hast du nur? Bist du verletzt?“ Ängstlich läuft sie herbei und stellt sich den Riesen in den Weg. „Lasst ihn! Es war ein Unglück. Das müsst ihr doch einsehen!“

Nun hat auch Odin sich erhoben. Alle weichen zur Seite und lassen ihn durch. Langsam geht er auf Loki zu. „Ich erwarte eine Erklärung“, sagt er. „Antworte!“ Loki schlägt die Augen nieder. „Ich habe es nicht gewollt“, jammert er. „Aus Versehen ist es geschehen, ich weiß nicht wie!“

Odin schüttelt den Kopf. „Ich verstehe dich nicht“, sagt er leise. „Vielleicht habe ich dich nie verstanden.“

Ägir ist wütend. „Ihr habt versprochen, dass dies eine geheiligte Freistatt sein soll!“ ruft er. Odin nickt. „Ich selber werde euch das Wergeld bezahlen! Ich gebe dir mehr, als du verlangst.“ – „Und Loki soll sich nie wieder hier blicken lassen“, bellt Ägir. „Mit Knüppeln soll er verjagt werden“, antworten die Gäste wie aus einem Munde. Loki ringt die Hände. „Milchbruder!“ bettelt er, doch Odin wendet ihm den Rücken zu. „Du bist dein eigner Feind“, sagt er. „Nun kann auch ich dir nicht mehr helfen.“

Schon sind zwei Seeriesen zur Stelle. Sie schlagen auf Loki ein und treiben ihn vor sich her aus dem Festsaal. Loki versucht, Kopf und Gesicht zu schützen, so gut es geht. „Loki“, ruft seine Frau, „warte ich komme mit!“ Aber die andern Frauen halten sie zurück. Sigyn fängt an zu weinen. Ihre beiden Sohne, Narwe und Wale, versuchen sie zu trösten. Da pocht Ägir mit seiner großen hölzernen Forke auf den Boden. „Lasst euch das Fest nicht verderben von diesem Störenfried!“ ruft er. „Es gibt noch reichlich zu essen, und an Met soll es nicht fehlen. Keiner soll sagen, dass er hungrig vom Tisch des Seekönigs aufstehen musste!“

Ale suchen nach einem scherzhaften Wort, oder sie stimmen ein Lied an. Aber die fröhliche Stimmung will nicht wiederkehren. Erneut wendet sich das Gespräch Loki zu. „Immer macht er eine gute Figur“, sagen sie, „aber im Grunde ist er boshaft und heimtückisch.“ Ägir seufzt: „Wer hätte sich träumen lassen, dass es soweit kommen musste? Habe ich nicht immer meine Ehre darein gesetzt, ein guter Gastgeber zu sein?“ – „Du hättest sie nie einladen sollen“, zischelt seine Frau. „Hör auf meine Worte: Von den Göttern kommt nie etwas Gutes.“ Sie heißt Ran und ist ein gefährlicher Wassertroll. Sie verachtet ihren Mann, weil er so gerne Odins Freund sein möchte.

 

Aber wo ist Loki geblieben? Ist er nach Asgard heimgeritten? Oder sucht er in Jotunheim Trost? Nein er sitzt unweit von Ägirs Burg auf einer Schäre und bläst Trübsal. Er sieht die Lichter und hört das Gelächter der Gäste. Er ballt die Fäuste und hat Tränen in den Augen; denn Loki fühlt sich ungerecht behandelt.

Nur weil er von den Riesen abstammt, glauben alle, dass sie mit ihm umspringen können, wie sie wollen. Hat er nicht das gleiche Recht wie alle andern Götter? Doch die Asen halten sich immer für was Besseres. Aber sie werden schon sehen! Er, Loki wird es ihnen zeigen!

Ein Raunen geht durch den Festsaal, als die Tür aufgerissen wird und Loki von neuem auftaucht. „Muss ich dich noch einmal mit dem Knüppel davonjagen?“ schnaubt Ägir. Aber Loki lacht nur und sagt: „Ihr glaubt gar nicht, wie durstig ich bin.“ – „Nie wieder wirst du unter den Asen sitzen“, ruft sein Halbbruder Brage. „Schande über dich!“ Doch Loki achtet nur auf Odin und spricht zu ihm: „Soll ich dich daran erinnern, wie wir in der Morgenfrühe der Zeit Blutsbrüderschaft getrunken haben? Damals schworen wir einander, dass keiner einen Trunk schmecken sollte, der nicht uns beiden geboten würde. Denk daran Milchbruder! Oder willst du wortbrüchig werden?“ Odin nickt müde. „Ich erinnere mich“, sagt er. „Ich erinnere mich allzu gut daran.“ – „Wenn ich wirklich fortgehen soll, dann will ich es aus deinem eigenen Mund hören“, fährt Loki fort. „Ein Wort von dir, und ihr seid mich los. Oder ein anderes Wort, und wir setzen uns an einen Tisch, wie wir es seit jeher getan haben.“

Odin zaudert. Ägir zuckt mit den Schultern. „Du hast mir versprochen, das Wergeld zu zahlen, Odin. Wenn du also mit so einem trinken möchtest...“ – „Ach, bitte, Odin, lass ihn doch hier bleiben“, wimmert Sigyn. Odin atmet schwer. Endlich sagt er: „Gut, schenkt ihm einen neuen Krug ein.“ Aber nun schüttelt Brage seine Faust und ruft hitzig: „Das lasse ich mir nicht gefallen!“ – „O doch!“ grinst Loki, „Du hast dir immer alles gefallen lassen, Brage Stubenhocker. Keiner unter den Asen ängstigt sich so wie du vor Kampf und Streit. Wenn du mir nicht glaubst, dann komm her und beweise, dass du Mut hast!“

Brage möchte es mit ihm aufnehmen, aber Iduna, seine Frau, hält ihn zurück. „Lass Loki in Ruhe“, sagt sie. „Er ist es nicht wert, dass du dich mit ihm einlässt.“ – „Du bist selber nicht viel wert, Iduna“, höhnt Loki. „Denn wenn Brage der Feigste unter den Männern ist, dann bist du die Geilste unter den Frauen!“

„Hört auf!“ rufen die Asen. Doch Loki ist nicht mehr zu bremsen. „Dein lieber Brage ist ja unser großer Dichter“, giftet er. „Aber wir andern haben auch keine Mühe gescheut, um dir mit unserm Stift eine kleine Freude zu machen.“ Da bricht Iduna in Tränen aus. „Kannst du ihm nicht das Maul stopfen, Odin?“ fleht sie. „Da bist du gerade an den Richtigen geraten“, grinst Loki. „bei dem weiß niemand, mit wem er es gerade hält. Oft genug hat er irgendeinem Lumpenkerl den Sieg gegönnt. Kein Wunder! Einäugig wie er ist!“

Jetzt hat Odin sich erhoben. „Weißt du noch“, hält er Loki vor, „wie du acht Winter lang als Magd gedient und unter der Erde Kühe gemolken hast?“ – „Ach was“, antwortet Loki, „du bist doch selber oft genug als Weib unter die Leute gegangen, damals, als wir jung und grün waren!“ Schon will er zu einer langen Geschichte ausholen, da unterbricht ihn Frigga.

„Was ihr beide in der Morgenfrühe der Zeiten alles getrieben habt, ist eure Sache“, sagt sie. „Lasst uns damit zufrieden!“ – „Das könnte dir wohl passen“, schnappt Loki zu. „Denn als wir beide unterwegs waren, Odin und ich, da bist du mit seinen beiden Brüdern unter die Bettdecke gekrochen.“ – „Schweig endlich!“ ruft Frigga. „Ja, da hältst du dir die Ohren zu“, antwortet Loki triumphierend.

Frigga ist jetzt außer sich vor Zorn, und die Tränen treten ihr in die Augen. „Wenn mir nur mein Baldur zur Seite stünde! Der würde dich in die Schranken weisen.“ – „Also habe ich gut daran getan, dafür zu sorgen, dass er nicht mehr unter uns ist.“

Ein lautes Murren geht bei diesen Worten durch den Saal. „Du weißt nicht mehr, was du redest“, ruft Freia. „Du hast wohl den Verstand verloren!“ – „Du warst auch nicht mehr ganz bei Trost, Freia, damals als ich dich auf deinem eigenen Bruder reiten sah!“ Nun verliert auch Tyr die Geduld. „Wage es ja nicht, Loki, dir das Maul über Frei und Freia zu zerreißen!“ droht er. Aber Loki lacht ihn aus. „Du willst mich daran hindern? Mit deinem einen Arm? Weißt du noch, wie der Fenriswolf dir die Hand abgebissen hat?“

„Dafür ist der Wolf nun für immer an allen vieren gebunden. Und so, wie er nun daliegt und sich in seinen Ketten windet, so werden wir auch dich fesseln, wenn du nicht das Maul hältst“, sagt Frei. Loki spuckt vor ihm aus und bellt: „So redet einer, der sein eigenes Schwert verkauft hat, nur um mit einer Trolltochter herumzuhuren! Hört, was ich euch sage: Wenn der Tag kommt, an dem die Söhne von Muspilheim durch den dunklen Grenzwald reiten, wird Frei wehrlos dastehen, ohne eine Waffe zu der er greifen kann!“ – „Du bist betrunken und du hast genug gesagt“, ruft Heimdall. Aber Loki hält nicht inne. Er tänzelt durch den Saal, hält hier an und dort, und er beschimpft jeden, vor dem er stehenbleibt.

Odin hat wieder Platz genommen. Er beugt den Kopf und schweigt. „Warum werfen wir ihn nicht vor die Tür?“ fragt Heimdall. „Weil dies eine geheiligte Freistatt ist“, antwortet ihm Siv. „Wir haben Ägir, unserem Gastgeber, geschworen, Frieden zu halten, solange wir in seinem Haus sind. Loki will uns nur soweit bringen, dass wir unseren eigenen Schwur brechen.“ – „Oh, meine Siv mit dem goldenen Haar“, grinst Loki, beugt sich über sie und zupft an ihren langen Flechten. „Weißt du noch, wie schön wir es miteinander hatten, damals als dein Thor aus dem Haus war?“

In diesem Augenblick dröhnt ein Donnerhall durch den Saal, und ein lärmender Wagen, gezogen von zwei scharfen Böcken, rollt durch die Pforte. Es ist Thor, der nach vielen Faustkämpfen, blutend und schmutzstarrend, mit wehendem Bart und Haar, zu den Festgästen stößt. In der Faust schwingt er seinen Hammer Mjölner. „Noch ein Wort von dir, du Ratte, und ich zerknicke dich wie einen verrotteten Zweig!“ – „Verrotten magst du selber“, antwortet Loki mit kalter Miene. „Ich weiß noch gut, wie viel Angst du hattest, damals im Osten von Utgard, als wir im Fausthandschuh eines Riesen übernachten mussten.“ Thor packt Loki am Nacken und droht ihm mit dem Hammer. „Ich schlage dir den Kopf ab!“ ruft er.

Da springt Sigyn herbei und schlägt mit ihren kleinen Fäusten auf Thor ein. „Lass ihn los, du Ochse! Nimm die Pfoten von meinem Loki!“ Thor brummt und sieht sich fragend um. „Lass ihn gehen“, sagt Odin müde. Thor hebt Loki hoch und lässt ihn krachend zu Boden fallen. „Tut es weh, mein Lieber? Hat er dir etwas angetan?“ jammert Sigyn und nimmt ihn in die Arme. „Was musstest du auch so schlimme Dinge sagen?“ Loki schiebt sie von sich und steht auf. „Das erste Mal“, sagt er, „habt ihr mich mit Knüppeln davongejagt. Das zweite Mal gehe ich aus freien Stücken.“ Er richtet einen kalten Blick auf Odin. „Was ich euch zu sagen hatte, habe ich gesagt. Nun wissen wir, was wir voneinander zu halten haben.“ Dann wendet er den Asen den Rücken zu und geht zur Tür.

„Wenn wir uns wiedersehen, hast du meinen Hammer im Genick“, ruft Thor ihm nach. Unter der Tür dreht Loki sich noch einmal um. Er wendet sich an den Seekönig. „Dir Ägir, sage ich: Nie wieder wirst du ein Fest geben, weder den Asen, noch den Riesen. Und alles was du besitzt, soll in Flammen aufgehen.“ Dann ist er verschwunden.

 

Joerd

Jörd ist eine Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin. Ihr Beiname ist „Mutter Erde”.
Sie verkörpert die unbändige und ewig haltende Kraft der Erde und der Natur.

Nach einer Weile nehmen auch die Asen Abschied. Am Meeresstrand holt Frei aus seiner Gürteltasche eine kleine Decke hervor. Er breitet sie aus und wirft sie aufs Wasser. Sogleich wird ein mächtiges Schiff daraus. Die Asen gehen an Bord des Skidbladner und segeln heimwärts.

Odin steht am Steven und spürt den Wind im Gesicht. Er denkt an Loki und an die alten Zeiten, als sie alles miteinander geteilt hatten. Viel Freude hat er mit diesem Sohn der Trolle erlebt, und oft haben sie miteinander gelacht. Doch nun ist das Fest vorbei. Loki ist keiner mehr von den Asen.

Ohne dass er es merkte, hat Frigga sich zu ihm gesellt. Jetzt lehnt sie den Kopf an seine Schulter. „Wie konnte ich mich nur so in ihm täuschen?“ grübelt Odin. „Solche Fehler bleiben keinem erspart“, antwortet Frigga und birgt ihr Gesicht in seinem rauen Mantel.

 

Die Stimmung in Asgard ist gereizt. Alle reden über Loki. Jetzt erinnert sich niemand mehr an seine guten Dienste. Wie oft haben seine Einfälle den Asen geholfen, als Not am Mann war! Wie oft haben sie über seine Scherze gelacht! Aber das ist alles vergessen. Jetzt lässt keiner mehr ein gutes Haar an Loki. Nicht nur, dass er uns zum Narren gehalten und hinters Licht geführt hat, heißt es; nicht nur, dass er Schuld ist an Baldurs Tod; er hat auch dafür gesorgt, dass sein Halbbruder nicht von den Toten zurückkehren durfte. „Er ist auch noch stolz auf seine Untat“, sagt Heimdall. „Er macht sich lustig über uns!“ – „Ich zerschmettere ihm den Schädel“, ruft Thor.

Nur Sigyn hält ihm die Stange. „Ihr vergesst, dass ich ihn liebhabe“, sagt sie. „Ach Sigyn“, raten ihr die andern Trauen, „was hast du davon? Nichts als Ärger! Warum suchst du dir nicht einen andern?“ Aber Sigyn schüttelt den Kopf und geht ihrer Wege. „Das Herz hat keine Wahl“, sagt sie. „Niemand kann sich seine Liebe aussuchen.“

Odin befiehlt, dass Loki bei lebendigem Leibe gefangen und bestraft werden soll. Er schickt seine Raben Hugin und Munin aus nach Mitgard und nach Jotunheim und bittet Zwerge und Alben um Hilfe bei der Suche. Die Walküren reiten über Berg und Tal, Meer und Wolken. Er selber hält Ausschau von seinem Thron hoch über der Götterburg. Ich habe dich geliebt, denkt er voll Bitternis, während er den Blick über die Welt schweifen lässt. Er starrt hinaus, bis ihm die Augen tränen.

Loki ist weit in die Wildnis gegangen. Auf dem Gipfel eines hohen Berges hat er sich ein Haus gebaut, ein Haus mit vier Türen, damit er von seinem Stuhl aus den Blick frei hat in alle Himmelsrichtungen. Nicht weit davon stürzt ein Wasserfall in die Tiefe. Jeden Morgen verwandelt er sich in einen Lachs, der im rauschenden Wasser spielt. Niemandem wird es einfallen, nach einem Fisch zu suchen, denkt er. Bald werden es die Asen müde werden, nach mir zu suchen. Bald haben sie mich vergessen und dann ist meine Zeit gekommen! Dann will ich endlich meinen Sohn, den Fenriswolf, zu mir rufen, mein Kind, die Mitgardschlange, und Hel, meine mächtige Tochter, die über das Reich der Toten herrscht! Und dann nehmen wir Rache und werden dieser ganzen Welt ein Ende machen!

Doch wenn er dann am Abend ganz allein am Feuer sitzt, nach einem langen Tag im kalten Wasser, wenn er Schuppen und Flossen abgelegt und sich an den glatten, heißen Steinen aufwärmt, wenn er dann durch die vier Türen hinaus in die Dunkelheit späht, dann beschleicht ihn die Angst. Wie mit leichten, unruhigen Flügelschlägen zuckt es in seiner Brust, und ohne dass er es merkt, fangen seine Finger an, sich zu regen. Er hält einen leinenen Faden in der Hand und zupft und nestelt daran, bis ein Netz aus engen Maschen daraus wird. Was treibt er da? Hat er nicht allen Grund, das Garn zu fürchten, das er knüpft.

 

Die Asen aber haben die Fahndung nach Loki nicht aufgegeben. Eines Tages sieht er in der Ferne eine lange Kette von Gestalten, die das Gebirge absuchen. Mit jedem Schritt kommen sie näher. Rasch wirft Loki das Netz ins Feuer, nimmt seine Fischgestalt an und springt glatt und zappelnd in den Wasserfall.

Die Asen finden das Haus leer, aber sie sind sich ganz sicher, dass kein lebendiges Wesen bei ihrer Suche durchgeschlüpft ist. Sie untersuchen die Asche im Herd und entdecken das Muster des verbrannten Netzes. Da wissen sie sogleich, wonach sie zu suchen haben. Sie knüpfen ein neues Netz und werfen es in den Fluss. Thor hält es am einen Ende, das andere Ende halten die übrigen Asen fest Nun durchkämmen sie watend den Fluss. Loki schwimmt vor dem Netz her, so tief wie möglich am Grund des Wassers, hält still, legt sich flach zwischen zwei Steine und hält den Atem an. Er spürt im Rücken, wie das Netz in streift. Auch die Asen haben bemerkt, wie etwas in den Maschen zuckt. Sie binden schwere Steine an das Garn, bevor sie es von neuem auswerfen. Da flüchtet Loki und stürzt in die Tiefe. Mit einem Satz kehrt er um, macht einen Luftsprung über das Netz und schwimmt zurück zum Wasserfall.

Doch nun haben die Asen ihn gesehen. Sie teilen sich in zwei Gruppen, von denen jede ein Ende des Netzes hält. Thor watet in der Mitte des Flusses. So ziehen sie Schritt für Schritt das Netz nach unten. Noch einmal wagt Loki einen Sprung über das Garn, aber diesmal ist Thor schneller. Wie ein hungriger Bär wirft er sich nach vorn und greift nach ihm. Beinahe wäre der glatte Leib ihm durch die Finger geschlüpft, doch es gelingt ihm, den Lachs am Schwanz zu packen. „Lasst mich los!“ zetert der zappelnde Fisch. Da deutet Freia auf ihn und ruft: „Du, der du dich in Fischgestalt verbirgst - ich befehle dir, komm her und zeige dich! Sei, der du bist!“ Sogleich liegt Loki wimmernd zu ihren Füßen. „Hast du vergessen“, sagt Freia, „wer dich vor langer, langer Zeit, alle deine Künste lehrte? Jetzt bereue ich es, denn du warst es nicht wert, dass ich meine Zeit mit dir vergeudet habe“ Sie wendet sich an Odin. „Was soll mit ihm geschehen?“ fragt sie. Doch Odin wendet sich ab und schüttelt den Kopf. „Tut mit ihm, was getan werden muss“, antwortet er müde.

Auch Sigyn findet keine Worte mehr. Sie steht wie angewurzelt da und streckt die Arme nach ihrem Mann aus. Nur Wale und Narwe, seine beiden Söhne, versuchen Loki zu Hilfe zu kommen. Sie stürmen brüllend auf ihn zu, doch die Asen halten sie mit Leichtigkeit zurück.

Plötzlich stößt Thor einen Schmerzensschrei aus. „Der kleine Köter hat mich gebissen“, ruft er. „Schaut nur, seine Zähne! Sie wachsen und wachsen! „sagt Brage. Wahrhaftig! Wale sprießen lange schwarze Haare im Gesicht, er knurrt und fletscht die Zähne, ein Fell wuchert ihm auf der Brust und auf den Armen. „Lasst ihn los“, ruft Freia, „lasst sie los, alle beide!“

Die Asen haben Lokis Söhne umringt. Unter ihren Augen verwandelt Wale sich in einen Wolf. Er zeigt den Göttern die Zähne und schnappt nach ihnen. Dann fällt er über seinen eigenen Bruder her, setzt ihm die Hauer an die Kehle und beißt ihn tot. Die Asen weichen zurück, und der Wolf entkommt. „Mein Kind“, ruft Sigyn ihm nach, „was tust du?“ Wale wendet sich zu ihr um und zeigt ihr die Zähne. Aus seinem Rachen rinnt Blut. „Hinke fort nach Jotunheim, räudiges Graubein“, ruft Freia. „Dort gehörst du hin! Eines Tages wirst du bitter bereuen, was du getan hast. Nie sollst du Trost und Vergessen finden!“

Die Asen ziehen aus Narwes zerfleischtem Leib die Gedärme und fesseln damit Loki an Händen und Füßen. Sie legen ihn auf den Rücken, so dass er auf drei scharfen Steinen zu liegen kommt: ein Stein unter der Schulter, einer unter den Hüften, und einer unter den Kniekehlen, und sogleich verwandeln die blutigen Gedärme sich in eiserne Ketten.

Da liegt er nun und heult und jammert. Er ruft nach dem Fenriswolf und nach der Mitgardschlange, er ruft nach Hel, doch niemand antwortet ihm. Eine ganz andere Schlange windet sich vor seinem Gesicht. Es ist Schad, Njörds Frau, die das Gewürm in der Hand hält und das Gift auf Loki träufeln lässt. „Das könnt ihr doch nicht mit ihm machen“, ruft Sigyn verzweifelt, doch Schad lacht nur und lässt die Schlange über Lokis Augen baumeln. „Eine Schlange bist du“, flüstert sie ihm ins Ohr, „und eine Schlange soll dir Gesellschaft leisten.“

Die Asen brechen auf, doch Sigyn bleibt bei ihrem Mann. „Liebst du ihn denn so sehr“, fragt Schad sie und sieht zu, wie sie eine Schale über ihren Mann hält, um das Gift aufzufangen. „Ich habe keinen ander“, sagt sie. Seine Ketten kann sie nicht sprengen, und nach dem Kopf der Schlange wagt sie nicht zu greifen. Als die Schale überfließt, wendet sie den Kopf ab, um sie auszugießen, und da trifft ein Spritzer auf Lokis Gesicht. Er wälzt sich so stark in seinem Schmerz, dass der Boden unter ihm erzittert. Das ist es, was die Menschen ein Erdbeben nennen.

So wird Loki nun liegenbleiben bis ans Ende der Welt. Erst wenn es gekommen ist, heißt es, sollen die Ketten von ihm abfallen wie verdorrtes Gras. Dann, so heißt es, wird nicht nur Loki freikommen; auch der mächtige Fenriswolf wird sich losreißen und mit offenem Rachen, aus dem der Schaum wie Wolken über die Erde treibt, über Land und Meer hetzen. Auch die große Mitgardschlange wird sich dann über die Ufer des Weltmeeres wälzen, und der Erdboden wird sich auftun, so dass Hel an der Spitze ihres gewaltigen Totenheeres ihren letzten Ritt antreten kann. So ist es vorherbestimmt. So wird es geschehen.

Daran muss Odin denken. Er weiß es. Und dennoch fehlt ihm Loki. Er denkt an ihn wie an einen toten Bruder, und er vermisst ihn.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum "Nordische Mythologie" dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

 

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