Die wilden Götter

Sagenhaftes aus dem hohen Norden - Kapitel 10: Wolfszeit

Von Tor Åge Bringsværd

 

Ve und Vili

Ve und Vili erschufen zusammen mit Odin das erste Menschenpaar Askr und Embla.
Odin hauchte ihnen Leben ein, Vil gab ihnen Verstand und Gefühl (Bewegung) und Ve gab ihnen Gehör, Sprache und Antlitz (und warems Blut?).

Seit es die Welt gibt, hetzen Tag und Nacht zwei Wölfe über den Himmel. Der eine jagt hinter dem Sonnenwagen her, der andere schnappt nach dem Mond. Sie knurren und geifern mit blutunterlaufenen Augen und ihrem Ziel kommen sie immer näher.

In Mitgard verdorrt das Gras auf der Wiese. Nachtfrost sucht Äcker und Felder heim, und ständig bläst ein kalter Wind. Die Wolken treiben wie Rauch über die Baumwipfel. Ab und zu dunkelt es mitten am Tag.

In Asgard geht der blinde Hod umher und wartet auf seine Stunde. Er weiß, dass er sterben muss, denn es war seine Hand, die den Pfeil abschoss, den Baldur getötet hat; und er weiß, was alle Asen sich geschworen haben: Ein solcher Tod muss gesühnt werden, auch wenn es kein Mord war. Denn nie hat Hod seinem Bruder etwas Böses antun wollen. Doch was geschehen ist, kann niemand ungeschehen machen.

Die andern Asen gehen ihm aus dem Weg. Sie denken: Wer von uns wird der Rächer sein? Keiner will der Henker seines Bruders sein und das Richtschwert gegen ihn führen. Aber Sühne muss sein.

 

Ein alter Mann reitet durch den Nachtschwarzen Wald. Er spricht laut vor sich hin. Er ballt die Faust gegen den Sturm. Er hört die beiden Wölfe heulen und klagt über sein Schicksal. Es ist Odin. Wirre Gedanken gehen ihm durch den Kopf. Keiner unter den Lebenden kann ihm raten, was er tun soll, und die Nornen lächeln nur, wenn er sie fragt, und schweigen. Nun will er die Toten um Hilfe bitten. Er reitet in den hohen Norden, auf der Suche nach einem Grab.

Dort liegt die klügste aller Wahrsagerinnen tief unter der Erde. Es ist die Volve, die einst so viele Geheimnisse kannte. Nun braucht Odin sie; denn sie ist die einzige, die ihm helfen kann. Auf einem Hügel lässt er sich nieder und singt. Es sind Zauberlieder, die so stark sind, dass sie die Toten zum Leben erwecken können. Leise und vorsichtig hebt sein Gesang an, dann wird er lauter und fordernder, so lange bis der Torfboden sich öffnet und die kalte Erde Risse zeigt.

Ein Häufchen Lumpen steigt aus dem Grab. Es ist die Tote, die er aufgeweckt hat. „Wer ist es, der meine Ruhe stört?“ fragt sie. „Wer zwingt mich, mein Grab zu verlassen?“ – „Ich bin es, und Wegtam werde ich genannt“, antwortet Odin. Er lügt. Die Volve blickt auf ihre wurmzerfressenen Hände und sagt: „Siehst du nicht, wie kalt ich bin und bis aufs Mark vom Schnee durchnässt? Ich bin schon lange tot. Lass mich in Ruhe!“

Aber Odin will von ihr wissen, was mit Hod geschehen soll, der Baldur umgebracht hat. Wie soll dieser Tod gesühnt werden, und wer soll die Rache auf sich nehmen? Am liebsten riefe er laut: Es sind doch beide meine Söhne! Wie soll ich es übers Herz bringen, mein eigen Fleisch und Blut zu töten? Aber er hält an sich, er spricht kalt und gefasst mit der Wahrsagerin. Er will ihr nicht verraten, mit wem sie es zu tun hat.

Endlich antwortet die Volve ihm. Sie spricht wie im Schlaf. „Ich sehe vor mir eine Frau“, murmelt sie.

„Weit im Osten wohnt eine Frau, die Rinde heißt. Und ich sehe, wie Odin sich auf den Weg macht, um sie zu suchen; denn sie wird ihm einen Sohn gebären. Er soll den Namen Wole tragen, und nie soll er sich waschen und kämmen, ehe er den, der an Baldurs Tod schuld ist, auf den Scheiterhaufen gebracht hat. Und es soll keine Nacht vergehen nach seiner Geburt, bevor er vollbracht hat, was ihm auferlegt ist. Und ich sehe....

„Sprich“, ruft Odin. „Ich will alles hören, was mir bevorsteht.“ Aber die Volve zuckt zusammen, als ob sie sich verbrannt hätte. „Du bist nicht der, für den du dich ausgibst!“ heult sie. „Du bist Odin!“ Langsam sinkt sie in ihr Grab zurück. „Und du“, ruft Odin ihr nach, „du bist nur ein Schatten unter Schatten.“ – „Reite nach Hause“, hört er sie schwach unter der Erde murmeln. „Reite und kehre nicht wieder, ehe der Fenriswolf sich befreit hat und alle dunklen Mächte erwacht sind!“

 

Odin aber macht sich auf den Weg nach Osten, um Rinde zu suchen. Jeden, der ihm begegnet, fragt er nach dieser Frau, aber keiner hat je ihren Namen gehört, bis er ins Land der Finnen kommt, dorthin, wo sie die Rinde der Bäume essen, und sich von großen Tieren über den Schnee ziehen lassen, die den Elchen und den Hirschen ähnlich sind. Überall fragt er nach Rinde. „Es ist wichtig! Es duldet keinen Aufschub“, sagt er, und endlich trifft er einen Alten, der ihm helfen kann. Der weiß zu berichten, dass Rinde die Tochter des Königs von Russland ist.

Da zieht Odin weiter in die Tiefen des Ostens. In Russland nimmt er die Gestalt eines Kriegers an, der am Hof des Königs Dienst sucht. Er wird angenommen, und bald zeigt sich, wozu er imstande ist; denn im Krieg führt er so unerhörte Heldentaten aus, dass der König ihn zu seinem Ratgeber und Vertrauten macht. Einmal schlägt er ganz allein ein feindliches Heer in die Flucht, und als er von diesem Feldzug heimkehrt und den Fürsten um die Hand seiner Tochter bittet, willigt der, ohne sich lange zu besinnen, ein.

Als er aber in Rindes Gemach tritt, versetzt die Königstochter dem Freier eine schallende Ohrfeige und schickt ihn fort. Was bleibt Odin anderes übrig, als den Rückzug anzutreten. Aber er gibt nicht so schnell auf, und nach einiger Zeit erscheint er wieder. Diesmal hat er sich als Schmied verkleidet. Die feinsten Arbeiten aus Gold und Silber legt er Rinde vor, und sie nimmt freudig das kostbare Armband entgegen, das er ihr schenkt. Doch als der Schmied sie um einen Kuss als Lohn für seine Künste bittet, schlägt sie ihm mit der Faust ins Gesicht, und er holt sich eine blutige Nase. „Fort mit Schaden“, ruft sie ihm nach. „Du bist mir zu alt. Ich kann dich nicht leiden!“

Beim dritten Mal versucht es Odin mit der Reitkunst. Niemand kann ein Pferd dazu bringen, höher zu springen, und so gewinnt der fremde Ritter alle Wettkämpfe. Nach seinem Sieg raubt Odin der Prinzessin einen Kuss, doch sie versetzt ihm einen so heftigen Stoß, dass er kopfüber von seinem Ross stürzt.

Nun aber tobt Odin vor Zorn und Begierde nach Rinde. Er lässt alle Scham fahren und greift zu einer List.

In Frauenkleidern verdingt er sich als Magd im Schloss. Dort muss er den Fußboden scheuern und Brei kochen, die Kleider flicken und die Wäsche waschen. Tag und Nacht geht er der Prinzessin zur Hand, und so pünktlich verrichtet er seine Arbeit, dass er ihr Vertrauen gewinnt. Nun darf er ihr jeden Abend die Füße waschen. Wenn er über ihre Schenkel streicht, muss er sein Verlangen im Zaume halten; Aber er weiß, dass es gilt, geduldig auf seine Stunde zu warten. Er sorgt dafür, dass sich im Schloss ein Gerücht verbreitet. Rindes Magd, flüstert man sich zu, verstehe sich wie keine andere auf die Heilkunst.

Eines Tages wird die Prinzessin krank, und wen anders, als die treue Magd soll sie um Rat fragen? Sie leidet an einer seltenen und geheimnisvollen Krankheit. Niemand ahnt, dass ein Stück Baumborke daran schuld ist, in das ein paar Zauberverse eingeritzt sind, in so winziger Schrift, dass kaum jemand sie bemerken kann; und Rinde weiß nicht, dass es Odin war, der sie mit diesen Runen verhext sind.

Die Krankheit macht Rinde schwindlig und verwirrt. Jeden Tag wird sie schwächer. Da geht Odin zum König. „Sie wird sterben“, sagt er, „wenn ich ihr nicht meinen Zaubertrunk einflöße. Der aber ist so bitter, dass sie ihn nicht trinken will. Wir müssen sie fesseln, damit sie ihn einnimmt.“ – „So soll es geschehen“, befiehlt der König. „Es darf aber niemand außer mir dabei sein, wenn sie ihn trinkt, sonst wirkt das Mittel nicht.“ Der König ist einverstanden. Er ahnt keine Gefahr; denn er glaubt, dass Odin eine Frau ist

Nun ist Odins Stunde gekommen. Die Prinzessin ist schwach und wehrlos, und er kann tun, wonach ihn gelüstet. Ein paar Wochen vergehen. Rinde ist gesundet, doch bald wird offenbar, dass sie ein Kind erwartet. Aber da hat sich Odin längst aus dem Staub gemacht.

Zu Fuß hat er sich aus dem Königshof geschlichen. Denn er war ohne Sleipnir gekommen. Ein achtbeiniges Pferd hätte zuviel Aufsehen erregt und verraten, wer der fremde Gast in Wahrheit war. Deshalb ließ Odin sein Ross in der weiten russischen Steppe bei den Wildpferden zurück.

 

Ein Pfiff aus seinem Mund, und laut vor Freude wiehernd kommt Sleipnir ihm entgegen. Odin hat es eilig. Viel zu lange war er unterwegs. Nun wählt er den raschesten Heimweg. Aber der führt durch den Eisenwald, der weit im Osten liegt. Die meisten meiden ihn. Selbst die Tiere und die Vögel trauen ihm nicht, denn dort draußen hausen gefährliche Trolle. Doch Odin lenkt sein Pferd geradewegs auf die düsteren Hügel zu, wo ein kalter Wind herrscht.

Dort sind die Bäume und die Sträucher aus Eisen, und der Boden ist rot von Rost. Nur ein heiseres Gebell und ein wütendes Geheul bricht die Stille. Eine gewaltige Riesin lebt hier, die immerfort Söhne und Töchter in Wolfsgestalt gebiert. Bei jedem Wurf wird es kälter auf der Welt. Auch die beiden Untiere, die mit triefenden Lefzen über den Himmel fahren und hinter Sonne und Mond herjagen, haben eins an ihren Brüsten gelegen.

In diesem Wald schlägt Odin sein Lager für die Nacht auf. Bevor er zur Ruhe geht, ritzt er ringsum Runen in die Erde, starke Zeichen, die das Grauen von ihm fernhalten sollen. Dennoch findet er noch Sleipnir Schlaf. Sie frieren beide. Die ganze Nacht hindurch raschelt es und flüstert es im Eisenwald, und im Dunkel leuchten gelbe, gierige Augen auf.

Odin denkt an Rinde und an all die andern Frauen, die er gelockt und betrogen hat. Auch Frigga, die es so lange bei ihm ausgehalten hat, will ihm nicht aus dem Sinn. Aber diesmal, denkt er, war es etwas anderes. „Diesmal blieb mir nichts anderes übrig!“ murmelt er vor sich hin. „Der Wahrspruch musste in Erfüllung gehen. Ich hatte keine Wahl. Glaub mir, Frigga, es hat mir keine Freude gemacht.“ Doch er hat das Gefühl, dass der Wind ihn auslacht. „Stell dich nicht so an“, zischen tausend Wolfsstimmen. „Du bist um kein Haar besser als wir!“

Der Götterkönig ballt die Fäuste in der Dunkelheit. Aber im tiefsten Innern weiß er: Keiner hat nur einen einzigen Grund für das, was er tut. Wie oft ist er nach Utgard gereist, um seine Klugheit mit den besten Köpfen zu messen! Mit Rätseln und Wortspielen hat er um den Sieg gekämpft. Und manchmal hat er dabei um das eigene Leben gewettet. Derjenige, der keine Worte mehr fand, sollte sterben. Zu solchen heimlichen Begegnungen kam er zuweilen verkleidet, unter einem fremden Namen. War es wirklich nur sein Wissensdurst, der ihn trieb? Frohlockte er nicht jedes Mal, wenn er seinem Widersacher eine Falle stellte und ihn mit List und Tücke überwand?

Der scharfe Wind trägt ihm Stimmen zu, die ihn in Versuchung führen. Sie quälen und verletzen ihn, aber zugleich versuchen sie ihm zu schmeicheln. Wie schnurrende Katzen schmiegen sie sich um seine Gedanken. „Du wünschst dir Macht und Überlegenheit. Daran ist doch nichts Ehrenrühriges!“ knurren die Wölfe. „Nur wer stark ist, hat die Freiheit, zu tun und zu lassen, was er will. Komm mit uns! Werde ein Wolf! Schließ dich dem Rudel an!“ Odin hält sich beide Ohren zu, aber die Worte rinnen wie Wasser durch die Finger. „Denk daran, dass auch du vom Stamm der Riesen bist! „flüstert eine Stimme in seinem Kopf.

Die ganze Nacht hindurch kämpft er mit den Lockungen der Wölfe. Sobald der Morgen graut, reitet er weiter. Gegen Mittag lässt er den Eisenwald hinter sich und spürt die Sonne wieder im Gesicht. Es ist ein heiterer Tag, und Odin lebt. Noch am selben Abend reitet er über die Regenbogenbrücke in die Götterburg. Die Asen scharen sich um ihn. Lange waren sie ohne ihren Häuptling. Lange hat Frigga auf ihn gewartet. Doch sie fragt nicht nach, wo er war und was er getan hat. Wortlos nimmt sie ihn in die Arme. Dann richtet sie das Bad für ihn. Dort sitzen sie und schütten Wasser über die glühenden Steine, reiben einander mit Eschenlauge ein und schlagen sich mit Birkenreisern.

Später gehen sie Hand in Hand zum Abendessen. Die Asen setzen sich an die reich gedeckten Tische. Auf dem Dach steht wie immer, die Ziege Heidrun, deren Zitzen voll von Met sind. Sobald ein Krug geleert ist, braucht nur einer zu ihr hinaufzusteigen, um ihn wieder zu füllen. An den Wänden leuchten große Fackeln. Die Asen lachen, essen und trinken nach Herzenslust. Nur einer fehlt. Der blinde Hod bleibt Tag und Nacht für sich und lässt den Kopf hängen. Keiner geht mehr zu ihm, um ihn zu trösten.

Mitten im Mahl erhebt sich Odin und sucht ihn in seiner Kammer auf. „Hast du getan, wozu du aufgebrochen bist?“ fragt ihn der Blinde und greift nach seinen Händen. „Es ist geschehen, was Not getan hat“, antwortet Odin. Vater und Sohn sitzen sich schweigend gegenüber. Endlich fragt Hod: „Wird mein Warten noch lange dauern?“ Da spürt Odin, wie ihm die Augen tränen. „Nein“, sagt er, „bald ist es soweit.“

In dieser Nacht hat Odin einen merkwürdigen Traum. Er träumt von den Menschen, und sie tun ihm leid. Ihr Leben geht so schnell vorbei, und sie wissen fast nie, was sie tun und lassen sollen. Wie erschrockene Küken taumeln sie hin und her. Er träumt, dass er sich mitten unter ihnen niederlässt und versucht, sie um sich zu sammeln. „Ich will euch lehren, wie ihr leben müsst“, sagt er. Aber da hört er, wie jemand hinter seinem Rücken lacht, und die verstörten Menschen stieben piepsend auseinander.

Es ist Loki, der hinter ihm steht und lacht. „Du willst andere lehren?“ kichert er und schlägt einen Purzelbaum im Gras. „Ausgerechnet du?“ Davon erwacht Odin. Doch Lokis Gelächter will ihm nicht aus dem Kopf gehen. Lange liegt er mit offenen Augen da und denkt nach. Neben ihm liegt Frigga, und er lauscht ihrem leichten, sorglosen Atem.

 

Die Nornen

Die drei Nornen.
Urd - die Norne der Vergangenheit.
Verdandi - die Norne der Gegenwart.
Skuld - die Norne der Zukunft.

Wenn Odin auf seinem Thron sitzt, kann er die ganze Welt überblicken. Sein Augenmerk gilt besonders seinen Kindern und Kindeskindern. Denn er hat viele Nachkommen unter den Menschen in Mitgard. Selten ist er zufrieden mit dem, was er dort sieht.

Diesmal fällt sein Blick auf einen seiner Urenkel, der Froda heißt und in Dänemark König geworden ist. Früher sahen alle zu ihm auf, denn er war streng, aber gerecht. Doch in letzter Zeit ist er hochmütig und habsüchtig geworden wie die meisten Mächtigen unter den Menschen.

Es hat damit angefangen, dass ein Mann namens Hängmaul an seinen Hof gekommen ist. Er hat ein wunderliches Geschenk mitgebracht: eine riesige Handmühle. „Oh“, sagte er mit einem schlauen Lächeln, „glaub nur nicht, dass das eine gewöhnliche Mühle ist! Mit ihr hat es eine besondere Bewandtnis. Sie kann alles herbei malen, was du dir nur wünschst. Verlangst du Gold und Silber von ihr, so genügt ein Wort, und sie bringt es hervor.“

Das gefiel dem König, doch bald zeigte sich, dass er sich zu früh gefreut hatte. Denn die Mühlsteine, die dazugehörten, waren so groß und so schwer, dass es kein Gespann in ganz Dänemark gab, das stark genug gewesen wäre, die Mühle herbeizuschaffen.

Das ärgerte den König über alle Maßen. Wo blieb nun das versprochene Gold? Musste er nicht das Gespött der Leute fürchten, die von seinem künftigen Reichtum gehört hatten? Am Ende lag sogar Hängmaul irgendwo auf der Lauer und lachte sich ins Fäustchen.

Da fuhr Frode zum Schwedenkönig nach Uppsala, um Hilfe zu holen. Er wusste wohl, dass der ein paar starke Riesenweiber in seinen Dienst genommen hatte. Zwei von diesen Leibeigenen kaufte er dem Schweden ab und nahm sie mit nach Hause. Nun mussten sie ihm die schwere Mühle samt den Mahlsteinen herbeischleppen, und kaum stand sie auf dem Hof, da befahl er ihnen, sie in Gang zu setzen. Erst mussten sie ihm Gold und Reichtum herbei malen. Dann verlangter er Glück und Erfolg, soviel die Mühle hergab.

Nun plagen sich die beiden Riesenmägde Tag und Nacht ab, aber Frode ist ein Nimmersatt. Er gibt ihnen nichts zu essen. Kaum dass er ihnen eine Viertelstunde Ruhe gönnt, um zu schlafen. Das geht so lange, bis die Riesentöchter die Geduld verlieren. Sie fordern die Mühle auf, anstatt Gold und Silber nun ein gewaltiges Heer von Kriegern herbeizumahlen, das König Frode das Fürchten lehren soll.

Noch am selben Abend kommt diese Streitmacht über das Meer, angeführt von einem Seekönig, der Mysing heißt und Frode erschlägt.

Doch die Riesentöchter täuschen sich, wenn sie glauben, nun hätte ihre Fron ein Ende. Denn nun lässt Mysing sie in Fesseln schlagen, und befiehlt, dass sie samt der Zaubermühle an Bord seines Schiffes gebracht werden. Bald zeigt sich, dass er um kein Haar besser ist als der Dänenkönig. „Mahlt mir Salz“, brüllt er, und die beiden müssen wie zuvor die schwere Mühle antreiben. Um die Mitternacht fragen sie, ob es nicht bald genug ist, aber der Seekönig schüttelt den Kopf und schreit: „Mehr! Ich brauche Salz, immer mehr Salz“ Bald ist das ganze Deck weiß von Salz. Nun haben die Trolltöchter es satt, geplagt zu werden. Sie lassen die Mühle immer weiter mahlen, bis die Ladung so schwer wird, dass das Schiff kentert und mit Mann und Maus im Meer versinkt.

Von dieser Nacht an schmeckt das Meer salzig. Und dort, wo Mysings Schiff untergegangen ist, mahlt die große Mühle bis auf den heutigen Tag und wirbelt die See auf. An dieser Stelle schäumt und braust der Maelstrom.

 

Das alles hat Odin von seinem Thron gesehen. Doch als er den Asen davon erzählt, lachen sie nur, als wäre es ein Märchen. „Was scheren dich die Menschen“, sagen sie, doch Odin schüttelt den Kopf. „Es ist zuviel Falschheit unter ihnen", sagt er, „zuviel Gier und zuviel Bosheit.“ – „Ach, lieber Milchbruder“, lächelt Loki und schlägt ihm auf die Schulter. „Immer musst du alles schwarz sehen. Du übertreibst!“ Aber Odin schenkt ihm keinen Blick. Vielleicht wissen sie es nicht besser, denkt er. Vielleicht hat ihnen niemand gesagt, wie man leben soll? Er zieht die Kappe ins Gesicht und geht auf den Hofplatz. Ein kalter Wind weht ihm entgegen.

Die Tage sind kurz geworden. Der Wind kommt aus dem Norden. Odin weiß, dass auf einem Eisberg am Ende der Welt ein riesiger Vogel sitzt und mit den Flügeln schlägt. Es ist ein Riese, der das Flügelkleid eines Raubvogels trägt. Jedes Mal, wenn er seine Schwingen regt, erhebt sich ein Sturm. Odin geht trotzig dem eisigen Hauch entgegen. Hinter ihm öffnet sich einen Spalt weit eine Tür, und eine hohe Stimme ruft ihm nach: „Keiner kann sein Wesen ändern. Jeder bleibt, was er ist.“ Es ist Loki, der ihm das einreden will. „Was erwartest du von den Menschen? Sollen sie besser sein als wir? Glaub mir, Milchbruder, wir sind ihnen ähnlicher, als du meinst.“ Aber Odin hört nicht auf ihn. Er will nichts mehr von Loki wissen.

Den ganzen Winter hindurch zieht er sich zurück. Er will die dunklen Tage nützen, um den Menschen ein paar Lebensregeln zu geben. Er möchte sie Freundlichkeit und Gastfreiheit lehren und ihnen beibringen wie sie der Arglist und der Falschheit begegnen sollen. Auch will er, dass sie einsehen, wie leicht es ist, einen Fehltritt zu tun, den nichts wieder gutmachen kann.

Die andern Götter wissen nicht, was sie davon halten sollen. „Was verspricht er sich davon?“ fragen sie sich. „Für so etwas ist es längst zu spät. Die Menschen kann niemand mehr bessern.“ Odin aber lässt den Mut nicht sinken. Lange sitzt er am Feuer und grübelt, oder er steigt hoch in die Äste der Weltesche Yggdrasil und redet laut vor sich hin. Als der Winter endlich weicht und der Boden taut, sendet er seine Raben in alle Himmelsrichtungen hinaus. Sie sollen seine Regeln in ganz Mitgard verkünden.

Dies sind einige seiner Ratsprüche:

Du sollst dich nie deiner Tugenden rühmen.

Wer den Leuten klug und schweigsam kommt, geht selten fehl.

Auf das Wort dessen, der zuviel redet, ist kein Verlass.

Wer seine Zunge nicht im Zaum hält, kräht sich oft ins Unglück.

Sag, was nötig ist, oder schweige.

Solange du deinen Mund hältst, merkt niemand, dass du nichts weißt.

Wenn der Tor zu Gast ist, sitzt er und glotzt und murmelt vor sich hin. Kaum hat er den ersten Schluck genommen, beginnt er zu faseln.

Im Trinken halte Maß. Der Vogel des Vergessens kreist über dem Gelage. Je mehr du trinkst. desto rascher schwindet dein Verstand.

Das Vieh weiß, wann Zeit ist, von der Weide heimzukehren, aber der Törichte merkt nicht, wann er satt ist.

Auch den willkommenen Gast wird man leid, wenn er zu gehen vergisst.

Niemand wird dich schelten, wenn du zeitig zu Bett gehst.

Halte immer deine Waffen bereit, wenn du auf dem freien Platz bist, denn du kannst nicht wissen, wann du sie brauchst.

Der Mutlose denkt, wenn er den Kampf scheut, wird er ewig leben. Doch das Alter gibt auch dem keinen Frieden, den der Speer verschont hat.

Der Unkluge liegt immer wach und denkt an vieles. Wenn der Tag anbricht, ist er müde, und alles ist so wirr wie zuvor.

Der Gemeine sieht überall Gefahr, und den Geizigen graut vor jedem Geschenk.

Froh und freundlich soll ein jeder leben.

Das Vieh verendet, und die Freunde sterben. So stirbst auch du. Aber ein ehrenvolles Andenken kann dich überleben.

Guten Freunden sollst du Freude machen und lernen, für andre zu sorgen.

Nie sollst du es sein, der mit einer festen Freundschaft bricht. De Reue nagt an deinem Herzen, wenn du keinen hast, mit dem du deine Gedanken teilen kannst.

Hast du einen vertrauten Freund, so such ihn auf, so oft du kannst; denn das Unkraut wuchert schnell auf dem überwachsenen Pfad.

Sei Freund dem Freund und seinen Freunden. Doch nie sollst du dich mit des Freundes Feind befreunden.

Unter Ungetreuen flammt die Freundschaft fünf Tage lang auf wie ein Feuer, doch der sechste Tag löscht alles wieder aus.

Der Unkluge traut jedem Gutes zu, der ihm mit einem Lächeln begegnet. Er weiß nicht, dass hinter dem freundlichen Wort die Arglist lauert.

Merkst du, dass einer dir Böses antun will, so bring es ans Licht und gib deinem Feind keinen Frieden.

Einen so freigebigen Mann trag ich nie, dass er nicht selber beschenkt werden wollte.

Was die Alten sagen, darüber sollst du nie lachen, denn oft ist es gut und verständig.

Auf die frühe Saat ist kein Verlas. Auch deinem Sohn sollst du nicht zu früh vertrauen. Das Wetter herrscht über den Acker, und die Seele über den Sohn. In beiden kannst du dich täuschen.

Es kennt keiner den Tag, ehe die Sonne untergeht. Dein Schwert sollst du nicht loben, ehe du es gebraucht hast, das Eis nicht, bevor du das Ufer erreichst, das Bier erst, wenn es getrunken ist.

Früh aufstehen muss, wer Leben und Reichtum gewinnen will. Selten reißt der ruhende Wolf ein Lamm, selten wird dem Schlafenden der Sieg zuteil.

Dumm ist es, mit Dummen zu streiten. Verschwende keine drei Worte an nutzlosen Zwist. Der Kluge gibt nach, wo der Törichte zuschlägt.

Vertraust du dich einem andern an, so vergiss nicht: Was einer weiß, bleibt zweien nicht verborgen, und was drei wissen, wissen alle.

Sei klug genug, doch nicht allzu klug. Am leichtesten lebt, wer nur weiß, was ihm gut tut. Wer aber allzu gescheit ist, dessen Herz ist selten von Sorgen frei. Am fröhlichsten ist einer, der sein Schicksal nicht im Voraus kennt.

Niemand soll auf das Wort eines Mädchens bauen. Eine Frau ändert leicht ihren Sinn. Doch Wankelmut ist auch Männern nicht fremd. Keiner redet so falsch wie der Schönredner. Die nüchternsten Mädchen lassen sich durch süße Worte betören.

Willst du die Liebe einer Frau gewinnen, gib ihr Geschenke und schöne Worte und sage, wie schön du sie findest. Mit Schmeichelei haben schon viele gewonnen.

Eines anderen Frau sollst du nicht verlocken und heimlich zu deiner Freundin machen.

Ruhe nie im Schoß einer Trollfrau.

Keiner soll einen andern tadeln, wenn ihm zustößt, was so manchem widerfährt. Leicht macht sich auch der Klügste zum Narren, wenn die Liebe ihn überfällt.

Diese Ratschläge und viele andere gab Odin den Menschen. Weitererzählt und aufgeschrieben werden sie auf vielerlei Weise, aber ihr Sinn bleibt bestehen. Havamal werden sie genannt, und das heißt die Hohe Rede, weil sie aus dem Mund des Götterkönigs kommen.

 

Es sind wahrhaftig sonderbare Zeiten. Der Herbst war kein richtiger Herbst, der Winter kein richtiger Winter, und jetzt, wo der Frühling da ist, bleibt alles fahl und bleich.

Ein Schlitten fährt vor, von zwölf Rappen gezogen, mit einem Gefolge von allerhand Dienerschaft und geleitet von einer Kriegerschar aus Asgards eigener Reiterei.

Es ist Rinde, die in die Götterburg gekommen ist. Odin heißt sie willkommen. Er sieht ihr an, dass sie bald sein Kind zur Welt bringen wird. Doch sie ist unbeugsam wie eh und je. „Du hast mich holen lassen“, schnaubt sie. „Glaub nur nicht, dass ich aus freien Stücken gekommen bin.“ Noch am selben Abend fangen die Wehen an. Lange bevor der Morgen graut, hat sie einen Sohn geboren. Er ist groß und wohlgestalt, und im Nu kann er gehen und sprechen. Noch hat ihn die Mutter nicht gewaschen und gekämmt, da gibt Odin ihm ein Messer in die Faust und deutet auf Hod. Der Blinde steht ruhig da und wartet auf den Neugeborenen, der ihm entgegenstapft. Ohne ein Wort lässt er sich niederstechen.

„So ist es vorhergesagt, und so ist es geschehen“, spricht Odin und nimmt den Kleinen in den Arm. „Er ist mein Sohn! Er soll Wole heißen. Aus ihm wird einst ein mutiger Krieger und ein guter Bogenschütze werden. Hier in Asgard will ich ihm und seiner Mutter eine eigene Wohnstatt geben. Von heute an sollen sie beide als Asen gelten.“

Rinde aber reißt ihm das Kinde aus den Armen. „Was bist du für ein Mann?“ ruft sie wütend. „Was bist du für ein Vater?“ Sie fühlt, dass Odin sie und ihren Sohn missbraucht hat. Doch am Ende nimmt sie seinen Vorschlag an und bleibt bei den Göttern. Zeit ihres Lebens wird sie Russland nicht wiedersehen.

Auf diese Weise, mit List und Scharfsinn, hat Odin endlich Baldur gerächt. „Aber war es wirklich nötig, ein kleines Kind vorzuschicken?“ fragt Loki und spielt den Entsetzten. Doch weiß er so gut wie jeder andere, dass einer wie Wole vonnöten war, wenn die Blutrache ein Ende haben sollte. Er ist Odins Sohn und hat ein Recht auf Sühne. Doch was er tun muss, tut er, kaum dass er zur Welt gekommen ist, und das heißt, bevor er zählt, bevor er in die Schar der Asen aufgenommen worden ist, bevor die andern ihn als ihren Bruder anerkannt haben.

In dieser Nacht weint Odin um seinen Sohn Hod. In dieser Nacht muss Frigga ihn fest in ihre Arme schließen. Noch ist es lange bis zum Morgen.

 

Auf einer einsamen Insel weit draußen steht ein furchtbares Wesen angekettet, ein Untier mit Augen so groß wie Schilde und mit Zähnen so scharf wie lange Messer. Kaum dass der Wolf sich regen kann, so streng sind seine gewaltigen Tatzen gefesselt. Ein riesiges Schwert steckt mit der Spitze nach oben und dem Griff nach unten in seinem Rachen. Deshalb muss er immer seinen Schlund aufsperren, so weit es nur geht, so, dass ihm der Schleim wie ein Bach aus den Mundwinkeln rinnt.

Plötzlich stellt er die Ohren auf. Was ist das für ein Geräusch? Sind es Ruderschläge? Er reißt die großen, gelben Augen auf. Ein Mann kommt über die schwarze See gerudert und geht an Land. Der Wolf erkennt ihn wohl. Vorsichtig wedelt er mit dem Schwanz. „Vater“, röchelt er, „löse meine Fesseln! Binde mich los!“ Aber der Mann schüttelt den Kopf.

„Bald, mein Junge, bald“, sagt er. „Bald darfst du laufen, wohin du willst.“ – „Nein“, ächzt der Wolf. „Jetzt!“ Das Schwert in seinem Rachen zuckt. Das Zahnfleisch blutet. „Bald“, lächelt der Mann und krault das Untier hinter den Ohren. „Bald ist die Wolfszeit gekommen.“

Das Tier knurrt, aber der Mann lacht. Zusammen stehen die beiden unter den Sternen, der Fenriswolf und sein Vater Loki. Erst im Morgengrauen reitet er nach Haus.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum "Nordische Mythologie" dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

 

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