Die wilden Götter

Sagenhaftes aus dem hohen Norden - Kapitel 7: Die bärtige Braut

Von Tor Åge Bringsværd

 

Frigga, die Hochgöttin der Asen

Frigga - die Göttin der Fruchtbarkeit, Liebes- und Muttergöttin, Schutzgöttin des Lebens und der Ehe, Himmelskönigin und Hochgöttin der Asen.
Odins dritte und liebste Gemahlin und Mutter des Baldur, Hermod und des Hödr.

Wie wenn ein Schwert die Welt entzwei spaltet, wie wenn große Steine über die Wolken rollen, wie wenn der Himmel selber Purzelbäume schlägt - bis es plötzlich still wird und alles Lebendige den Atem anhält, bevor die Wolken einen mächtigen Wind aufschrecken und ein Regen niederfährt wie eine Wand: So ist es, wenn Thor vorbeizieht; wenn der Donnergott mit seinen Böcken dahergerast kommt.

Trotzdem wissen die Menschen, dass er ihnen wohl will. Sie sehen ihn als ihren Freund und Beschützer. Alle wissen, dass nicht er, sondern Odin der mächtigste von allen Asen ist. Er ist ihr Häuptling. Aber er lässt sich selten blicken. Meistens bleibt er auf seinem Hochsitz und grübelt, weit weg, auf der gewaltigen Götterburg Asgard, auf der anderen Seite des Regenbogens. Es sieht ganz so aus, als wäre er sich selbst genug.

Thor dagegen - mit dem kann man immer rechnen. Wenn jemand Hilfe braucht, wenn die Riesen den Menschen drohen, wenn dunkle Kräfte Mitgard bedrängen, um zu plündern und zu brandschatzen, dann rufen die Leute Thor herbei. Viele machen sich sogar einen kleinen Hammer aus Silber, den sie an einer Kette um den Hals tragen, als Zeichen dafür, dass Thor es ist, dem sie vertrauen.

Sein Hammer heißt Mjölner, und er ist die stärkste und gefährlichste Waffe, die es gibt. Wenn Thor ihn wirft, trifft er immer sein Ziel, und sei es noch so klein, und dann kehrt der Hammer von selber in seine Hand zurück. Er zermalmt alles, was ihm in den Weg kommt. Weder der härteste Fels, noch der dickste Riesenschädel kann Mjölner widerstehen.

Aber die Asen haben noch ganz andere starke Waffen. Hinter den mächtigen Mauern von Asgard lagern Berge von Schwertern, Streitäxten, Speeren und Bogen. Odin rechnet nämlich damit, dass ein großer Krieg bevorsteht. Deshalb lodert in den Schmieden Tag und Nacht das Feuer. Niemand weiß, wie viele dort für ihn arbeiten.

Doch nicht nur Waffen hat die große Götterburg zu bieten. Über die Jahre hinweg, haben es die Götter auch verstanden, erlesene Schätze aufzuhäufen: Idunas berühmte Äpfel, die den, der sie kostet, verjüngen und ihm neue Kräfte geben, Skidbladner, ein Schiff, das nicht nur zu Wasser, sondern auch zu Lande segeln kann, und nach dem Ende der Fahrt lässt es sich zusammenfalten zu einem kleinen Tuch; ferner das Pferd mit den acht Beinen und das Schwein, das im Dunkeln leuchtet.

Auch viele schöne und kostbare Schmuckstücke haben sie sich angeschafft. Alle beneiden Odin um seinen schweren Goldring, der Draupne heißt und so wunderbar beschaffen ist, dass in jeder Nacht acht gleich große Ringe aus ihm tropfen. Aber das berühmteste aller Juwelen ist doch der Brisingam. Dieses funkelnde Schmuckstück haben vier liebestolle Zwerge einst für Freia, der Göttin der Liebe, geschmiedet und sie trägt es immer, ob sie schläft oder wacht, am Hals. Keine magischen Runen zieren diesen Schmuck, und er scheint keine geheimen Kräfte zu haben. Aber heißt es nicht, der stärkste Zauber ginge von der Schönheit aus? Gibt es etwas Gefährlicheres als ihren Anblick? Bleibt nicht vielen das Wort im Halse stecken, wenn sie ihr begegnen? Manche verlieren sogar den Verstand. Und alle sind sich einig, dass es nichts Schöneres gibt, weder auf noch unter der Erde, als den Brisingam, Freias Schmuck. Wie viele gibt es, Götter und Trolle, die ihn kaufen wollten. Aber Freia denkt nicht daran, ihn herzugeben. Um keinen Preis!

Einer, der ihn gesehen hat, träumt seitdem davon, ihn sein Eigen zu nennen. Er ist ganz besessen von dem Wunsch. Und es gibt nur einen Weg, seine Gier zu stillen, er muss den Brisingam stehlen.

 

Die Nacht ist mondlos und dunkel. Über den Hofplatz von Folkwang schleicht ein Mann. Freia, die Hausherrin schläft ruhig, denn in ganz Asgard gibt es kein Haus, das so feste und starke Türen hat, wie das ihre. Aber der sich da in der Nachtkälte heranpirscht, ist kein gewöhnlicher Dieb, er ist ein Meister seines Faches. Schwarz gekleidet ist er, und das Gesicht hat er sich mit Ruß beschmiert. Er tastet vorsichtig an den Türklinken. Nein! Die Schlösser sind mit Bolzen gesichert. Das hat er sich gedacht. Und auch die Fenster sind mit dicken Platten verrammelt. Doch der Schwarzgekleidete gibt nicht so leicht auf Im Nu hat er sich in eine Fliege verwandelt. Jetzt sucht er eine Ritze. Hoch oben, unter dem Dachfirst, findet er ein winziges Loch, kaum größer als ein Nadelöhr. Er presst die Flügel dicht an den Leib, und so gelingt es ihm durchzuschlüpfen.

Erst überzeugt er sich davon, dass Freias Töchter und die Dienstmädchen schlafen. Dann fliegt er summend und munter in Freias Bettkammer. Er fühlt sich sicher, weil er weiß, dass alle ihre Katzen draußen streunen, auf der Suche nach Freiern und auf der Jagd nach Mäusen.

Der Dieb lässt sich auf einem Bettpfosten nieder. Wunderbar sieht Freia aus, wie sie so daliegt. Den Brisingam trägt sie am Hals, doch die Schließe ist unter ihrem Nacken verborgen. Er muss sie dahin bringen, dass sie sich umdreht. Einen Augenblick lang besinnt er sich. Dann verwandelt er sich in eine Laus. Wie angenehm es ist, über Freias weiche Brüste zu wandern. Langsam klettert er an ihrem Kinn hoch. Er holt Atem, schließt die Augen, und beißt zu, so fest er nur kann. Da erwacht Freia und schlägt um sich. Sie murmelt zornig vor sich hin und wendet sich auf die Seite. Er wartet geduldig, bis sie wieder eingeschlafen ist.

Da nimmt der Lausekerl wieder seine wahre Gestalt an. Er beugt sich über die Schlafende, öffnet mit spitzen Fingern das Schloss und zieht ihr den Schmuck vom Hals. Dann geht er ruhig zur Tür, zieht den Riegel heraus und verschwindet in der Dunkelheit.

Als die Katzen in der Morgendämmerung heimkommen, finden sie die Tür sperrangelweit offen. Sie sind es gewohnt, draußen auf der Schwelle zu warten, bis ihnen jemand aufmacht. Diesmal aber laufen sie schnurrend und miauend durch das schlafende Haus. Doch als sie auf das Bett ihrer Herrin springen, um ihr an Kinn und Hals zu schmeicheln, verjagt sie Freia, mit einem schrillen Schrei und mit zornfunkelnden Augen.

Wer ist der Schuldige an dem Debakel?

Freia nimmt sich nicht einmal die Zeit, um sich zu kämmen. Sie spannt die Katzen vor ihr Fuhrwerk und fährt im Galopp zum Himmelsberg. Dort haust Heimdall, der Wächter der Götter. Er bewacht Bifrost, die weite Regenbogenbrücke, die einzige Verbindung der Götter zum Rest der Welt. Niemand kommt nach Asgard herein, niemand von dort heraus, ohne dass Heimdall es merkt.

„Hier ist kein Riese und auch kein Zwerg vorbeigekommen“, sagt Heimdall. „Dafür lege ich meine Hand ins Feuer.“

„Also muss der Dieb einer der Unseren sein!“ ruft Freia. Heimdall nickt. „Dann finde ihn gefälligst“, knurrt sie. Sie wartet die Antwort nicht ab, knallt mit der Peitsche und die Katzen stieben davon.

Noch dämmert es, und bevor die anderen Asen erwachen und sie zu Gesicht bekommen, muss sie sich zurechtmachen und ein wenig Wangenrot auflegen. Denn die Liebesgöttin muss die Schönste von allen sein, mit oder ohne den Brisingam.

Aber Heimdall macht sich seine eigenen Gedanken. Er glaubt zu wissen, wer der Übeltäter ist. Denn ganz früh, bevor die Sonne aufging, ist einer der Götter von Asgard ausgeritten. „Wo willst du denn hin, so früh am Tag?“ hat Heimdall ihn gefragt. „Das siehst du doch“, hat der andere geantwortet und ihm seine Angelschnur gezeigt. Aber ich weiß Bescheid, denkt Heimdall, mich legst du nicht herein!

Er weckt Tyr, seinen Gefährten, und bittet ihn, die Wache zu übernehmen. Der hat nur eine Hand, aber er ist der tapferste aller Asen. Sogleich sattelt Heimdall sein Pferd, das Gulltopp heißt, und setzt dem Dieb nach.

Der andere hat einen großen Vorsprung. Aber Gulltopp ist ein schnelles Pferd, und da es angefangen hat zu schneien, hat Heimdall keine Mühe, ihm zu folgen. Er ist ein guter Spurenleser, und er kann sehen, was sich hundert Meilen weit entfernt bewegt, in der schwärzesten Nacht so gut wie mitten am Tag. Er hat so gute Ohren, dass er nicht nur das Gras, sondern auch die Wolle der Schafe wachsen hört.

 

Über Berg und Tal reiten die beiden, durch weiße Wälder und an gefrorenen Wasserfällen vorbei. Bis ans stürmische Meer folgt Heimdall den Spuren des Diebes. Hier am Strand hat der andere sein Pferd gelassen. Die Angelrute hat er auf die Klippen geworfen. Heimdall setzt die Hand an die Stirn und späht aufs Meer hinaus. Weit draußen, zwischen schwarzen Wellen, treibenden Eisschollen - was ist das für eine graue, fleckige Gestalt, die da auftaucht und wieder verschwindet? Der Dieb hat sich in einen Seehund verwandelt!

Aber auch Heimdall versteht sich auf die Kunst der Verwandlung. Im Nu ist auch er zum Seehund geworden, der sich ins kalte Wasser stürzt.

Diesmal sollst du mir nicht entkommen, denkt er. Wie oft hast du, wie alle andern, auch mich überlistet! Aber jetzt kriege ich dich. Ich kenne dich, und weiß dass deine Zunge glatt wie ein Aal ist. Doch nun nützt dir keine Ausrede mehr, Loki. Der Dieb bist du.

Denn kein anderer als Loki ist es, der da draußen schwimmt. eigentlich gehört er gar nicht nach Asgard, denn seine Eltern sind keine Asen. Er stammt von den Riesen ab. Aber als Loki klein war, hat sich Odin mit ihm angefreundet, und seitdem hält der König der Götter immer seine schützende Hand über ihn, ganz gleich, was für Streiche sich Loki im Lauf der Zeit geleistet hat., Viele meinen, dass Odins Gutmütigkeit zu weit geht, dass Loki soviel Schonung nicht verdient, dass er in Asgard nichts zu suchen hat, und dass man diesen Taugenichts schon längst hätte verjagen sollen. Das meint auch Heimdall, aber wer hört schon auf ihn, den treuen Wächter?

Die beiden Seehunde schwimmen aus Leibeskräften. Der Dieb hat gemerkt, dass er verfolgt wird, aber er kann Heimdall, der mit jedem Flossenschlag näher kommt, nicht entgehen. An einer steilen Klippe versucht er, seine Beute loszuwerden. Er will Freias Schmuck verstecken, aber da hat ihn Heimdall bereits eingeholt. Und nun ringen die beiden Seehunde miteinander.

Es ist ein ungleicher Kampf. Bald hat Heimdall den Dieb auf die Klippe geworfen und ihm den Brisingam entrissen. Beinahe wäre der Schmuck in den Wellen verschwunden. Nun fängt Loki an zu jammern und zu heulen. „Es ist nicht meine Schuld“, behauptet er, „es war nicht meine Idee!“

Sie haben beide wieder ihre wahre Gestalt angenommen. Heimdall hält Lokis Nacken fest im Griff und schüttelt ihn. „Ich habe deine Lügen satt“, ruft er. „Diesmal kannst du dich nicht herausreden. Warte nur bis Odin davon erfährt!“

„Aber mein Liebe“, stöhnt Loki, „du glaubst doch nicht, dass ich mich aus eigenen Stücken auf eine so riskante Sache eingelassen hätte? Ich bin doch nicht blöd! Odin selber war es, der mich dazu angestiftet hat. Was blieb mir anderes übrig, als ihm zu gehorchen?“

„Du lügst!“ schreit Heimdall voller Wut. Aber Loki bleibt steif und fest bei seiner Geschichte. Alle hätten es doch gemerkt, sagt er, dass Odin in der letzten Zeit übergeschnappt ist. „Du weißt doch, wie er sich aufführt! Jeden Tag wird er mürrischer, unberechenbarer, herrschsüchtiger.“

Doch - das kann Heimdall nicht leugnen. Es ist ihm nicht entgangen, dass Odin sich oft merkwürdig benimmt in letzter Zeit. „Allmächtiger, will er sein und ganz allein herrschen“, sagt Loki. „Er kann es nicht ertragen, wenn jemand etwas besitzt, was schöner ist als alles, was er selber hat.“

„Halts Maul!“ murmelt Heimdall. „Alles, was dir einfällt, sind Lügen und Schweinereien.“ Aber er hat doch einen Schrecken bekommen. Auf dem Heimweg wollen ihm Lokis Worte nicht mehr aus dem Kopf. Vielleicht ist doch etwas Wahres daran? Keiner von beiden spricht, bis sie die Pforte von Asgard erreichen. Aber Loki merkt doch, dass Heimdall Zweifel gekommen sind, und das erfüllt ihn mit heimlichem Behagen.

 

In der Burg der Götter herrscht ein Durcheinander, wie es noch niemand gesehen hat. Alle suchen verzweifelt, klettern auf die Bäume, tauchen in die Brunnen, kriechen unter die Häuser, wenden jeden Stein um und um. Heimdall triumphiert. „Da, schaut her“, ruft er lachend. „Ich hab´s gefunden!“ Er hält den Asen Freias Schmuck hin. Alle halten inne und schauen hin, aber dann wenden sie sich gleich wieder ab und suchen weiter. „Versteht ihr denn nicht?“ ruft Heimdall, „Hier ist er doch! Ich habe den Brisingam! Ihr braucht nicht weiter zu wühlen.“

Aber Odin blickt ihn mit seinem einen Auge zornig an: „Hier geht es nicht um ein paar bunte Steine. Den Glitzerkram kannst du vergessen!“ Denn an diesem Morgen ist nicht nur der Brisingam verschwunden. Viel schlimmer! Thor vermisst seinen Hammer - die stärkste und gefährlichste Waffe im Himmel und auf Erden. Was soll ohne ihn, den Mjölner, aus der Burg der Götter werden? Wie wird es den Asen ergehen, wenn ihre Feinde ihn in die Klauen bekommen?

„Wahrscheinlich willst du mir auch an dieser Katastrophe die Schuld in die Schuhe schieben“, flüstert Loki und stößt Heimdall in die Seite. Der schiebt ihn knurrend zur Seite und schweigt verbittert. Diesen Auftritt hat er sich ganz anders vorgestellt. Er war auf Lob und Ruhm gefasst und nun scheint sich niemand um ihn und Loki zu kümmern.

Nur Freia freut sich von Herzen: „Habt ihr den Dieb erwischt?“ fragt sie. Heimdall kratzt sich am Kopf und überlegt. „Nein“, sagt er, denn er fühlt, dass dies nicht der rechte Augenblick ist, um Unfrieden zu stiften. Jetzt gilt es zusammenzuhalten, denkt er. Und Loki sieht Freia mit schmelzendem Blick an und erklärt: „Wir haben deinen Schmuck einfach gefunden.“

„Vielen Dank euch beiden“, zwitschert die Liebesgöttin und küsst sie auf den Mund, „Hauptsache ich habe meinen Brisingam wieder.“ Sie legt sich den Schmuck um den Hals und tanzt summend davon. Loki und Heimdall wechseln einen langen, ernsten Blick. Dann zuckt Loki auf einmal mit den Schultern und schüttet sich aus vor Lachen.

Odin war schon drauf und dran, verärgert fortzugehen, doch jetzt besinnt er sich und ruft von weitem Loki zu: „Gut, dass du wieder da bist, mein Lieber. Du hast immer eine gute Idee, und jetzt brauche ich dringend deinen Rat.“ Da lacht Loki noch übermütiger als zuvor und wedelt mit beiden Händen. Odin schwitzt vor Aufregung und kommt ihnen entgegen. Ohne Heimdall auch nur einen Blick zu gönnen, legt er den Arm um Lokis Schulter und schleppt ihn mit sich. Heimdall wendet sich ab. Er weiß jetzt nicht mehr, was er von dem Ganzen halten soll. Am Ende stimmt es, was Loki ihm erzählt hat?

 

Freyr, der Zwillingsbruder der Fruchtbarkeitsgöttin Freyja

Freyr - der Zwillingsbruder der Fruchtbarkeitsgöttin Freyja, Sohn des Meeresgottes Njördr und der Eisgöttin Skadi.

Auf Thors Hof in Trudwang steht alles kopf. Das große Haus wird vom Dach bis zum Keller durchsucht, aber es gibt dort fünfhundertvierzig Zimmer, und die suche nach dem Hammer will kein Ende nehmen.

Als Odin mit Loki eintritt, finden sie Thor, der auf dem Boden sitzt und sich die Haare rauft. Er glotzt vor sich hin und rührt sich nicht. Siv, seine Frau hockt neben ihm und hält seine Hand. Nicht einmal begrüßen will er die Gäste. Erst nach langem Hin und Her bringen sie ihn zum Reden. „Oi, oi, oi“, jammert er und schüttelt den Kopf. „Wenn ich nur wüsste, wo ich ihn hingelegt habe! Irgendwo muss das verdammte Ding doch sein. Wie kann ich nur so dumm sein!“

„Na, ja“, meint Loki. „Aber bist du denn sicher?“ Der Donnergott zuckt zusammen: „Wie meinst du das?“ Loki lacht. „Bist du denn sicher“, sagt er, „dass dein Hammer noch in Asgard ist?“ Thor kratzt sich am Kinn. „Wo soll er denn sonst sein?“ – „Kannst du dich erinnern, wann du ihn zum letzten Mal gebraucht hast?“ fragt Loki. „Gestern Nachmittag“, murmelt Thor. „Auf dem Heimweg habe ich zwei Riesen getroffen und sie aufs Haupt geschlagen. Ich weiß es noch genau. Sie hatten zwei kleine Kiefernbäume auf der Nase.“

„Und dann? Hast du den Hammer später noch gesehen?“ Der Donnergott schüttelt betrübt den Kopf.

„Wie bist du nach Hause gekommen? Mit deinen Böcken und dem Fuhrwerk?“ fragt Loki.

„Bist du hoch über den Wolken gefahren?“ Thor nickt. „Aha! Dabei ist vielleicht der Hammer herausgefallen. Das kann doch sein.“

Odin hat schweigend zugehört, doch jetzt schlägt er mit der Faust auf die offene Hand. „Loki hat recht“, sagt er, „so muss es gewesen sein.“

„Ich habe ihn also gar nicht verschlampt“, murmelt Thor und steht auf. „Natürlich nicht“, sagt Odin und klopft ihm auf die Schulter. „Ich habe ihn bloß verloren“, brummt Thor, als wäre das eine Entschuldigung. Aber Loki fängt zu kichern an. „Wisst ihr, was das bedeutet? Das bedeutet, dass Mjölner überall sein kann - weiß der Himmel wo! Da könnt ihr lange nach ihm suchen.“

 

Da hält es Odin nicht länger. Er will sogleich die Walküren an alle Ecken und Enden der Welt losschicken. Er will, dass alle Asen laufen und reiten, segeln und schwimmen. Er will ein ganzes Totenheer aussenden, von Süd bis Nord, von Ost bis West. Aber Loki warnt ihn. „Wir dürfen kein Aufsehen erregen“, sagt er, „sonst wissen alle, dass wir ohne Thors Hammer dastehen. Das wäre gefährlich. Weißt du was? Am besten, ich ziehe allein los. Wenn Freia mir ihre Falkengestalt leiht, habe ich eine Chance.“

„Wie du willst“, sagt Odin und umarmt ihn. „Ich sage es ja, auf dich ist Verlass. Was sollte ich ohne dich anfangen, mein Milchbruder.“

Freia ist einverstanden. „Natürlich leihe ich euch mein Falkenkleid“, sagt sie, „selbst wenn mein Federgewand aus reinem Gold und jede Daune aus Silber wäre, ich gäbe es gerne her. Viel Glück und Geschick wünsche ich dem, der damit davonfliegt!“

Schon zieht Loki sich die großen Flügel über und versucht zu flattern. Er nimmt einen Anlauf und schwingt sich empor in die Lüfte. Vor ihren Augen verwandelt er sich in einen Vogel. Immer höher und höher steigt er. „Hoffentlich findet er ihn“, flüstert Freia. „Ohne Mjölner sieht es finster aus für uns. Er war unsere beste Verteidigung. Und wenn er jetzt in die Hände der Trolle gefallen ist...“ Sie schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Über ihren Köpfen kreist der große Vogel. „Such zuerst in Jotunheim bei den Riesen“, ruft Odin ihm zu. „Zieh nach Nordosten!“ Und der Falke krächzt zurück: „Nord und Ost, Nord und Ost!“ Odin, Thor und Freia stehen oben auf der Burgmauer und blicken ihm nach, bis er nur noch ein kleiner schwarzer Punkt ist, der in der Ferne verschwindet.

 

Trym, der König der Riesen, sitzt hoch auf einem Hügel. Er hat die Mähne seiner Pferde gestutzt und flicht goldene Bänder für seine Hunde. Sehr vergnügt sieht er aus. „Aber das ist doch Loki, der da oben herumflattert“, ruft er und lacht. „Mich kannst du nicht täuschen, mein Kleiner! Komm herunter und ruh dich ein wenig aus!“

„Danke“, antwortet Loki und landet neben dem Riesen. „Nun, wie steht´s mit den Asen und den Alben?“ fragt Trym. „Gibt es was Neues?“

„Das kann man wohl sagen“, erwidert Lok, „Da du schon danach fragst: Schlecht steht´s in Asgard und in Alfheim, ganz schlecht sieht es aus.“

„Oh, das tut mir aber leid.“, sagt Trym und lacht so unbändig, dass er fast den Hügel heruntergekollert wäre. „Tors Hammer ist uns abhanden gekommen“, sagt Loki. „Na so was!“ gluckst Trym. „Ich kann es gar nicht glauben.“ Er hält sich den Bauch und wiegt sich hin und her.

„Doch“, sagt Loki ernst. „So ist es. Und nun frage ich dich, Trym, könnte es nicht sein dass du...“ Trym nickt und nickt. „Doch“, sagt er und lacht. „Das könnte gut sein.“

„Ich meine nur“, sagt Loki. „Natürlich“, unterbricht ihn Trym, „natürlich habe ich ihn. Und ich habe ihn gut versteckt, an einem Ort wo ihr ihn nie und nimmer finden werdet.“

„Aber vielleicht gibt es eine Möglichkeit ihn zurückzubekommen?“ fragt Loki vorsichtig. „Tja“, murmelt Trym, „vielleicht. Wir könnten ja einen kleinen Tauschhandel machen, oder?“ und lacht wieder so hemmungslos, dass der ganze Hügel bebt und Pferde und Hunde sich losreißen und in alle Richtungen davon stieben. „Hör mir gut zu“, brüllt er. Und Loki lauscht.

 

In Asgard rennt Thor inzwischen hin und her, wie ein Tier im Käfig. Viele Tage lang hat er schon gewartet, und es ist nichts passiert. Er ist rastlos und ungeduldig. Als er Loki von weitem her kommen sieht, ruft er ihm zu, so laut er nur kann: „Was ist? Hast du ihn gefunden?“ – „Was heißt schon gefunden“, krächzt der Falke. „So rede doch!“ ruft Thor. „Wo ist er? Was hat deine Reise gebracht?“

„Was heißt schon gebracht“, krächzt der Falke zurück. „Nun lass Loki doch erst einmal landen“, sagt Siv und zupft ihren Mann am Ärmel. Aber Thor ist außer sich und hört nicht auf sie. „Wer sich niederlässt, vergisst oft, was er sagen will. Und wer sich ausruhen darf, hat Zeit, sich Lügen auszudenken“, brummt er.

Endlich schwebt Loki über die Burgmauer herein. „Erzähl mir alles, solange du noch in der Luft bist!“ brüllt Thor. „Heraus mit der Sprache! Weißt du wo mein Hammer ist, oder weißt du es nicht?“ Er rennt dem Vogel entgegen. Der landet auf einem Ast der Esche Yggdrasil, dem gewaltigen Hausbaum der Asen, der immer grün bleibt.

„Was heißt schon wissen“, murmelt er und schält das Falkenkleid von seinen Schultern. Er weigert sich vom Baum herunter zu klettern. Thor springt wie ein gereizter Bär unter ihm hin und her. Aber Loki fürchtet, dass ihm der Donnergott in seiner Wut etwas antun könnte, und deshalb bleibt er einfach auf seinem Ast sitzen und schweigt. „Heraus damit, du Unglücksrabe.“ - „Nicht ehe du mir geschworen hast, dass du mich nicht erschlägst“, antwortet Loki. „Was ich dir zu sagen habe ist starke Kost, salzig und hart, stinkend und ranzig ist sie, und es tut weh, sie hinunterzuschlucken.“

„Ich schwöre“, brummt Thor. „Komm herunter, du Ungeziefer!“

Loki tut es und sagt: „Trym ist es, der deinen Hammer hat. Und er hat ihn acht Klafter tief in der Erde versteckt.“ Thor knirscht mit den Zähnen, und in seine Augen treten Tränen. „Dann ist alle Hoffnung vergebens.“

„Was heißt schon vergebens“, sagt Loki gedehnt. „Vielleicht hätte Trym gegen ein kleines Tauschgeschäft nichts einzuwenden.“

„Meinetwegen kann er alles haben, was er will.“ Thor zählt seine Reichtümer an den Fingern her: Gold, Silber, Pferde, Kühe.... Doch Loki lässt ihn nicht ausreden. „Von alldem hat der König der Riesen selbst mehr als genug“, wirft er ein. „Dann sag mir endlich, was er haben will.“ Thor schlägt sich auf die Brust und verspricht: „Ich werde es ihm verschaffen, koste es was es wolle.“

„Oh, du kannst deinen Hammer jederzeit wiederhaben. Unter einer Bedingung.“ Loki scharrt mit den Füßen. „Und die wäre?“

Loki räuspert sich. „Dass Trym.... dass Trym.... dass Trym Freia zur Frau bekommt.“

Thor bleibt die Luft weg. Auf einmal wirkt er beinahe klein und schäbig, wie er so dasteht. Beide wissen, dass eine solche Hochzeit unmöglich ist. Loki schaut weg. „Immerhin, fragen könnte man sie ja. Das kann doch nicht schaden“, bringt Thor endlich hervor. „Nein, direkt schaden kann es kaum“, antwortet Loki, und so brechen die beiden auf nach Folkwang.

Aber dort haben sie noch weniger Glück, als sie dachten. Freia gerät außer sich vor Wut. „Habt ihr denn ganz und gar den Verstand verloren?“ heult sie. „Glaubt ihr, ich ginge mit dem nächstbesten Idioten ins Bett?“ Ihre Augen funkeln. „Sehe ich so aus, als ob ich es nötig hätte, mich einem dreckigen Troll an den Hals zu werfen?“

„Aber Freia bedenk doch...“, wagt Thor zu sagen. Doch die Liebesgöttin zeigt ihm ihre Krallen und faucht wie zwanzig Katzen. „Du hältst mich also für so blöd, so geil und blind, dass ich nach Jotunheim pilgern muss, um mir einen Bräutigam zu suchen? Nie wird es soweit kommen!“

„Natürlich nicht“, versichert Loki ängstlich. „Es war ja nur eine Frage.“

„Eine Unverschämtheit!“ Freia stampft mit dem Fuß auf, dass das ganze Haus bebt. Ihr Hals wird so steif wie ein Mastbaum, und ihr großer Schmuck, der Brisingam, springt auf und fällt klirrend gegen die Wand.

„Gut“, sagt Loki rasch. „Du bleibst also bei deinem Nein? Dann lassen wir die Sache vorerst auf sich beruhen.“ Er verbeugt sich und geht rückwärts hinaus. Thor folgt ihm murrend, und Freia wirft hinter ihnen die Türe zu.

 

Eine Stunde später versammeln sich die Asen zur großen Beratung. Denn den Hammer müssen sie zurückgewinnen, so oder so. Nur wie? Kein Ausweg ist in Sicht, denn Freia bleibt dabei - auf Tryms Ansinnen einzugehen, das kommt gar nicht in Frage. „Lieber sterbe ich!“ schnaubt sie und wirft den Kopf in den Nacken.

„Darauf wird es womöglich für uns alle hinauslaufen“, seufzt jemand auf der hintersten Bank. „Ohne Thors Hammer Mjölner kann uns das schneller blühen, als wir denken“, flüstern andere. Aber Freia denkt nicht daran nachzugeben, und Odin kann und will sie nicht zwingen.

Endlich hat Heimdall die rettende Idee. „Thor muss sich verkleiden“, sagt er. „Als Frau. Wir ziehen ihm das Brautleinen an und hängen ihm den Brisingam um den Hals!“

Die Asen schauen sich an. Alle sind verblüfft. Das kann doch nicht Heimdalls Ernst sein. „Doch“, sagt er. Mit einem Schleier vor dem Gesicht wird ihn niemand erkennen. Wir geben ihm ein Kopftuch und Weiberkleider, die bis zu den Knöcheln reichen, und im Gürtel soll er einen klirrenden Schlüsselbund tragen.“

„So, und du glaubst, dass das alles ist, was eine Frau braucht?“ ruft eine der Göttinnen und hält ihm ihren Busen unter die Nase. „Wenn es nur das ist“, antwortet Heimdall. „Ein paar Steine tun es auch. Man muss sie nur richtig festbinden, dann glaubt der Troll, er hätte die verlockendsten Brüste vor sich.“ – „Ob man das riskieren kann?“ Loki ist begeistert von diesem Plan, aber Thor hat keine Lust mitzuspielen. „Wie sieht das denn aus?“ brummt er. „Ein Mann in Weiberkleidern! Wenn ich das Brautleinen anlege, werde ich zum Gespött der Leute. Mein Leben lang werden mich alle auslachen, die davon gehört haben.“ Aber hat er denn die Wahl?

„Not kennt kein Gebot!“ ruft Loki. „Schließlich ist es dein Hammer, und deshalb musst du ihn selber zurückholen. Wenn du dich nicht allzu ungeschickt anstellst - einen Versuch ist es jedenfalls wert.“

„Du musst es versuchen“, beschwört ihn Odin. „Sonst wird bald ganz Asgard den Riesen in die Hände fallen. Wir haben keine Zeit zu verlieren!“

Also wird Thor geschmückt, von vorn bis hinten. Freia stellt ihr Haus zur Verfügung. In ihrem großen Saal helfen alle Frauen mit. „Schleier hier und Schleier dort“, beschwert sich der Donnergott. „Ich sehe bald nichts mehr. Ich sehe ja schon aus wie eine Schneiderpuppe!“

„Wir sollten ihm auch den Bart abnehmen“, meint Freia. „Nur das nicht!“ ruft Thor erschrocken und schlägt die Hände vors Gesicht. „Ohne Bart würdest du aber viel süßer aussehen“, lacht Siv. „Das hat mir gerade noch gefehlt“, murrt Thor. Auch Loki ist jetzt in den Saal gekommen. „Einfach entzückend“, ruft er. „Du bist ja die hübscheste Braut, die man sich wünschen kann, lieber Thor.“

„Hübsch kannst du selber sein, verdammter Wicht!“ brüllt Thor und schlägt nach ihm. „Daran will ich es nicht fehlen lassen“, sagt Loki. „Du glaubst wohl nicht, dass ich dich alleine ziehen lasse? Ein solches Abenteuer lasse ich mir nicht entgehen.“

„Wie meinst du das?“ fragt Thor misstrauisch. „Du kannst doch nicht ohne Dienstmagd auf die Brautfahrt gehen, oder?“ Loki macht einen Knicks und zwinkert ihm zu: „Ich werde die Brautjungfer spielen.“ Und so geschieht es. Noch am selben Tag werden Thors Ziegenböcke von der Koppel geholt, vor den Wagen gespannt, und mit Blumen und Kiefernzweigen geschmückt.

Endlich ziehen sie los. Thor beißt die Zähne zusammen und flucht. Er sieht weder nach links, noch nach rechts. Nur Loki jubelt und lacht. Zum Abschied wirft er den Zuschauern Kusshände zu. Thor aber treibt die Böcke an, dass die Berge Risse schlagen und die Erde Funken sprüht. „Immer mit der Ruhe“, ermahnt ihn Loki, aber der Donnergott hört nicht auf ihn.

 

Trym steht schon den ganzen Tag vor seinem Haus und hält Ausschau. Endlich! Da sind sie! „Beeilt euch!“ schreit er die Dienstboten an. „Legt Stroh auf die Bänke! Ist alles blitzblank geputzt und geschrubbt? Sie kommt! Freia, meine Braut ist da!“ Er schlägt sich auf die Brust und prahlt. „Kühe mit goldenen Hörnern kann ich ihr bieten. Schätze von denen jedem schwindlig wird, der sie zu Gesicht bekommt. Nur Freia hat mir noch gefehlt, die Schönste im Himmel und auf Erden!“

Es ist Abend geworden und die Gäste setzen sich um den langen Tisch in der großen Halle. Thor schlingt einen ganzen Ochsen hinunter und lässt ihm acht Lachse folgen. Dann macht er sich über die Süßigkeiten her. Drei Fässer Met hat er schon geleert. Die Trolle schauen ihm mit aufgerissenen Augen zu.

„Noch nie habe ich eine Braut gesehen, die einen solchen Heißhunger hat“, sagt Trym. „Dass eine Frau so hart zugreifen und trinken kann, das hätte ich mir nicht träumen lassen.“

Aber die kichernde Brautjungfer Loki ist nicht auf den Mund gefallen. „Du magst recht haben“, sagt er, „doch musst du bedenken, dass die Braut seit acht Tagen nichts gegessen hat.“

„Was? Acht Tage lang hat sie gefastet?“ wundert sich Trym. Loki nickt ernst. „Ja, sie hat die ganze Woche nichts gegessen und getrunken, so sehr hat sie sich nach dir und nach Jotunheim gesehnt.“

„Die arme Kleine“, murmelt Trym. Er streckt den Kopf unter ihren Schleier, denn er will seiner Braut einen Kuss geben. Aber als er in Thors Augen schaut, erschrickt er so, dass er bis zum anderen Ende des Saales zurückweicht. „Oi“, ruft er. „Nie hätte ich gedacht dass eine Braut so grimmig dreinblicken kann. Was für scharfe Augen sie hat!“

Aber auch darauf weiß Loki eine Antwort. „Was heißt schon scharf“, sagt er. „Gerötete Augen hat die Arme, weil sie acht Nächte lang wach gelegen hat. Du verstehst!“ Jetzt ist der König der Riesen erst recht verwirrt. „Warum denn?“ fragt er. Loki zwinkert ihm zu und stößt ihn in die Seite. „Ja, kein Auge hat sie zugetan, so heiß war ihr im Bett vor lauter Sehnsucht.“ Er macht die Braut nach, seufzt und verdreht die Augen. Trym bläht sich stolz auf, und die anderen Trolle grinsen und trinken ihm zu.

Aber da kommt Tryms große Schwester an den Tisch und stellt sich vor das Brautpaar hin. Von allen Riesinnen ist sie die abscheulichste. „Sicher hast du ein Brautgeschenk für mich mitgebracht?“ sagt sie und zerrt an Thors Rock, um sich bei ihm einzuschmeicheln. „Was für schöne goldene Armreife du hast! Gib sie mir, wenn du willst, dass wir Freundinnen werden.“ Thor grunzt ärgerlich, aber sie hängt sich an ihn wie eine Klette.

Doch nun hat Trym lange genug gewartet. Jetzt muss geheiratet sein! “Bringt den Hammer herein“, ruft er, und sogleich wird Mjölner herbeigeschafft. Vier Trolle schleppen ihn auf einem großen Schild in den Saal. Trym greift nach dem Hammer und hält ihn hoch. An der großen Hochzeitstafel wird es ganz still. Nur Loki kann es nicht lassen. Er fragt: „Und wann gibst du ihn den Asen zurück?“ Tryms Augen blicken finster drein. „Nie und nimmer!“ ruft er. „Es ist aus mit Odins Macht, aus und vorbei. Nie wieder werden die Asen uns mit dem Hammer drohen.“ - „Aber es war doch abgemacht“, wendet Loki ein. „Ach was! Ich pfeife auf diese Abmachung.“

„So? Dann bist du ein elender Betrüger und dein Wort ist nichts wert“, empört sich Loki. „Du willst mir vorwerfen, dass ich lüge?“ brüllt der Riese. „Wer glaubst du wohl, dass du bist?“

„Ach, nur eine kleine Brautjungfer“, antwortet Loki schnell. „Na also!“ grunzt Trym. „Statt Thor den Hammer zurückzugeben, gehen wir zum Angriff über“, ruft er in den Saal. „Und Asgard schlagen wir kurz und klein.“

„Ja! Recht so!“ schallt es aus den Reihen der Trolle. „Nieder mit den Göttern!“ schreit Trym. „Auf sie mit Gebrüll!“ rufen seine Leute. „Eine schönere Hochzeitsreise kannst du dir nicht wünschen“, lacht der Riese und blickt seiner verschleierten Braut ins Gesicht, und Thor bleibt nichts anderes übrig, als ihm brummend zuzustimmen.

„Hier habe ich ihn“, ruft Trym und schwenkt den großen Hammer. „Mjölner, die stärkste Waffe der Welt. Bei diesem Hammer nehme ich dich, Freia zu Frau.“ Er hält inne und verneigt sich vor Thor. „In deinen Schoß lege ich ihn zum Zeichen dafür, dass wir nun Mann und Frau sind.“

Endlich! Thor kann es kaum fassen, dass der Schaft zum Greifen nah vor ihm liegt. Lange genug hat er stillgehalten. Er hat es satt sich zu drehen und zu knicksen. Damit ihn niemand erkannte, musste er an sich halten und durfte kein Wort reden. Aber jetzt ist seine Stunde gekommen! Nie wieder wird er den Hammer aus der Hand geben. Er lacht, dass es im ganzen Saal dröhnt, wirft den Tisch um und reißt sich den Schleier vom Gesicht.

„Oi!“ ruft Trym. „Selber oi!“ lacht Thor. Jetzt ist er wieder ganz der Donnergott. Er wirft den Riesen zu Boden. Dann geht er auf die andern los. Wild schlägt er mit dem Hammer um sich. Die Schädel der Trolle bersten. Niemand wird verschont. Zu guter Letzt erschlägt er auch Tryms große Schwester.

Dann regt sich nichts mehr in dem riesigen Saal, und Thor kann aufatmen. Loki kriecht unter dem großen Fass, wo er sich versteckt hat, hervor. „Jetzt ist es wohl Zeit, nach Hause zu gehen?“ fragt er. „Das will ich meinen“, sagt Thor und lächelt zufrieden. Die beiden heben ihre Röcke auf und setzen sich wieder in den Wagen, der sie hergebracht hat. „Hü, meine Böcke“, ruft Thor. „Auf im Galopp!“

So hat Thor seinen Hammer wiederbekommen. Und nun liegt der Frühling in der Luft. Auf dem Heimweg schmelzen Schnee und Eis, und der Winter hat endlich seine Herrschaft über die Welt eingebüßt.

 

Quelle:
Den Text stellte Peter Trouvain vom Forum "Nordische Mythologie" dankenswerterweise zur Verfügung.
Website: nordische-mythologie.aktiv-forum.com

 

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