Die Saga von den Völsungen - Teil 12

Thule - Altnordische Dichtungen und Prosa
Band 21 - Isländische Heldenromane.

Norwegische Gedenkmarke zur Vösungasaga

Norwegische Briefmarke zur zur Erinnerung an die Vösungasaga Saga

40. Atlis Unterredung mit Gudrun

König Atli meinte einen großen Sieg errungen zu haben und sagte zu Gudrun, wie um sie zu verhöhnen oder um zu prahlen: „Deine Brüder hast du nun verloren, Gudrun, aber du selbst bist daran schuld.“ Sie antwortete: „Froh bist du jetzt, da du mir diesen Mord kundtust; aber vielleicht bereust du ihn noch einmal, wenn du erfährst, was darauf folgt; immer soll das Erbe frisch bleiben, niemals zu vergessen meinen Haß: es wird dir nicht wohl ergehen, so lange ich lebe.“ Er antwortete: „Wir wollen uns versöhnen: ich will dir deine Brüder büßen mit Gold und kostbaren Kleinoden nach deinem Wunsche.“ Sie erwiderte: „Schon lange ist es nicht gut gewesen, es mit mir zu tun zu haben; doch war es auszuhalten, so lange Högni lebte. Niemals könntest du mir meine Brüder so büßen, daß ich zufrieden wäre. Aber oft schlagt ihr uns Frauen nieder mit eurer Gewalt. Jetzt sind alle meine Gesippen tot. Du allein hast über mich zu entscheiden. So muß ich mich denn in diese Lage fügen. Wir wollen ein großes Gastmahl rüsten: ich will für meine Brüder die Totenfeier halten, und desgleichen du für deine Gesippen.“ Sie stellte sich nun freundlich in Worten, dennoch stak in Wirklichkeit dahinter ihre frühere Gesinnung. Atli war leichtgläubig und traute ihren Worten, da sie sich unbekümmert in ihren Reden zeigte. Gudrun rüstete also die Totenfeier für ihre Brüder und ebenso Atli für seine Mannen – lauter Lärm herrschte bei dem Feste. Gudrun aber gedachte ihres Harms und sann darauf, wie sie dem König eine große Schmach antun könnte. Und am Abend ergriff sie ihre Söhne und die König Atlis, als sie am Hochsitzpfeiler spielten. Die Knaben wurden ängstlich und fragten, was sie sollten. Sie antwortete: „Fragt nicht darnach! Ich will euch beide töten.“ Sie erwiderten: „Schalten kannst du mit deinen Kindern wie du willst, das wird die keiner wehren; aber eine Schmach ist es dir, so zu handeln.“ Darauf schnitt sie ihnen die Hälse durch.

Der König fragte, wo seine Söhne wären. Gudrun antwortete: „Ich werde es dir sagen und dein Herz erfreuen. Du brachtest großen Harm über mich, als du meine Brüder erschlugst – nun höre, was ich dir zu sagen habe. Du hast deine Söhne verloren.

Ihre Hirnschalen werden hier als Trinkbecher benutzt, und du selbst hast daraus ihr Blut mit Wein vermischt getrunken. Sodann nahm ich ihre Herzen und briet sie am Spieße – du hast sie gegessen.“ König Atli antwortete: „Grausam bist du, da du deine Söhne mordetest und mir ihr Fleisch zu essen gabst – schnell läßt du Böses auf Böses folgen.“ Gudrun sagte: „Gern wollte ich dir noch fernerhin große Schmach antun, gegen einen solchen König kann nicht schlecht genug verfahren werden.“ Der König sprach: „Übler hast du gehandelt, als daß die Menschen etwas Ähnliches zu erzählen wüßten, auch ist großer Unverstand bei solcher Hartherzigkeit – du hättest verdient, auf einem Scheiterhaufen verbrannt und zuvor gesteinigt zu werden: dann hättest du das, wohin du steuerst.“ Sie antwortete: „Das kannst du dir selbst weissagen, mir aber wird ein andrer Tod zuteil werden.“ Sie wechselten noch viele Zornesworte miteinander.

Högni hatte einen Sohn nachgelassen, der Niflung hieß; er hatte einen großen Haß auf König Atli und sagte zu Gudrun, er wolle seinen Vater rächen. Die nahm das wohl auf, und sie hielten Rat; sie sagte, es wäre ein großes Glück dabei, wenn es ausgeführt würde.

Am Abend, als der König getrunken hatte, ging er schlafen; und als er eingeschlafen war, kam Gudrun dahin und Höngis Sohn. Gudrun nahm ein Schwert und stieß es dem Könige Atli vorn in die Brust – beide setzten sie es ins Werk, Gudrun und Högnis Sohn. König Atli erwachte von der Wunde und sprach: „Wenig würde es nützen, diese Wunde zu verbinden oder sonst zu pflegen – wer hat mir diese Verwundung beigebracht?“ Gudrun antwortete: „Ich tat es zum Teil, und zum Teil der Sohn Högnis.“ Da sprach Atli: „Nicht hätte sich das für dich zu tun geziemt, obwohl einiger Grund dazu war: du warst mir vermählt mit deiner Gesippen Rat, und als Brautschatz gab ich dir dreißig gute Ritter, edle Mädchen und viele andere Männer; du aber meintest, daß dir nicht nach Gebühr geschehen sei, wenn du nicht über die Lande herrschtest, die König Budli besessen hatte, und oft ließest du deine Schwiegermutter in Tränen sitzen.“ Gudrun entgegnete: „Viel Unwahres hast du gesprochen, ich kümmere mich nicht um deine Worte. Oft war ich unfreundlich in meinem Sinn, aber du machtest es noch viel schlimmer. Hier ist oft großer Streit in deinem Hofe gewesen, oft schlugen sich Verwandte und Freunde, eins war dem andern feind. Damals lebte ich glücklicher, als ich noch bei Sigurd war: wirerschlugen Könige und schalteten über ihre Schätze, wir gaben Frieden denen, die es wollten, Häuptlinge unterwarfen sich, und wir machten den mächtig, der es wollte. Darnach verloren wir ihn; aber das war noch ein Kleines, Witwennamen zu tragen – jedoch das härmt mich am meisten, daß ich zu dir kam, nachdem ich den trefflichsten König zum Gatten gehabt hatte, und niemals kamst du aus dem Kampfe, ohne den kürzeren gezogen zu haben.“ König Atli antwortete: „Das ist nicht wahr. Doch mit solchen Vorwürfen wird keinem von uns beiden geholfen, aber Unrecht haben wir ein wenig. Handle nun an mir nach Gebühr und laß meine Leiche ehrenvoll bestatten.“ Sie sagte: „Das will ich tun und dir eine ehrenvolle Bestattung bereiten in stattlicher Steinkiste, ich will dich in schöne Tücher hüllen und alles Nötige für dich besorgen.“ Darauf starb er; sie aber tat, wie sie verheißen hatte.

Sodann ließ sie Feuer in die Halle werfen, und als das Hofgesinde mit Schrecken erwachte, wollten die Männer nicht den Feuertod erleiden, sondern erschlugen sich selbst und fanden so den Tod. So endete das Leben König Atlis und seines ganzen Hofes. Gudrun aber wollte nicht länger leben nach dieser Tat – jedoch ihr Todestag war noch nicht gekommen.

Die Völsunge und Gjukunge sind nach dem, was die Leute erzählen, die mutigsten und mächtigsten Helden gewesen, und so heißt es auch in alten Liedern. Also fand der Kampf nach diesen Ereignissen ein Ende.

 

41. Von Gudrun.

Gudrun hatte eine Tochter mit Sigurd, die Svanhild hieß; sie war aller Frauen schönste und hatte durchdringende Augen wie ihr Vater, so daß nur wenige es wagten, ihr unter die Augenbrauen zu blicken. So sehr übertraf sie alle andern Frauen an Schönheit wie die Sonne die andern Gestirne. Gudrun schritt einmal an den Strand, schwere Steine in ihrem Busen tragend, und ging so in die See, um sich den Tod zu geben. Da hoben und trugen sie hohe Wogen über die See, mit ihrer Hilfe bewegte sie sich fort und kam endlich nach der Burg König Jonakrs. Der war ein mächtiger König über viel Volk. Er nahm Gudrun zur Frau: ihre Kinder waren Hamdir, Sörli und Erp. Svanhild wurde dort aufgezogen.

 

42. Svanhild wird vermählt und von Rossen zu Tode getreten.

Jörmurek war ein König geheißen, der war ein mächtiger König in jener Zeit; sein Sohn hieß Randver. Eines Tages rief der König seinen Sohn zur Unterredung und sagte: „Du sollst eine Gesandtschaftsreise für mich antreten zu König Jonakr und mit dir mein Ratgeber Bikki: dort wird Svanhild auferzogen, die Tochter des Drachentöters Sigurd, die ich die schönste Maid weiß unter der Sonne – sie möchte ich am liebsten zur Frau haben, und um sie sollst du für mich werben.“ Bikki antwortete: „Geziemend ist es, Herr, daß ich die Gesandtschaftsreise für euch unternehme.“ Da ließ König Jörmunrek ihre Fahrt würdig ausrüsten.

Sie machten sich also auf die Fahrt, bis sie zu König Jonakr kamen und sahen Svanhild – ihre Schönheit schien ihnen groß zu sein. Randver ersuchte den König um eine Unterredung und sprach: „König Jörmunrek will euch seine Schwagerschaft anbieten: er hat von Svanhild gehört und will sie zu seiner Frau kiesen; es ist unwahrscheinlich, daß sie einem mächtigeren Manne vermählt werden könne, als er ist.“ Der König sagte, das wäre eine würdige Heirat, „und er ist hochberühmt“. Gudrun sprach: „Unbeständig ist das Glück, ihm ist nicht zu trauen, daß es nicht verloren geht.“ Aber durch das Zureden des Königs und durch alles das, was damit in Verbindung stand, wurde diese Heirat beschlossen. Svanhild begab sich mit ansehnlichem Gefolge auf das Schiff und saß auf dem Hinterdeck neben dem Sohne des Königs. Da sprach Bikki zu Randver: „Billig wäre es, daß ihr eine so schöne Frau hättet, und nicht ein so alter Mann.“ Ihm gefiel das wohl in seinem Sinn: er sprach zu ihr mit Freundlichkeit, und jedes zum andern. So kamen sie heim und begaben sich zu König Jörmunrek.

Da sagte Bikki heimlich zum Könige: „Es geziemt sich, Herr, zu wissen, was im Werke ist, wenn es auch gefährlich ist, es zu offenbaren – es handelt sich um den Verrat deines Sohnes: er hat die volle Liebe Svanhilds genossen, sie ist seine Geliebte – laß solches nicht ungestraft!“ Manchen bösen Ratschlag hatte er zuvor gegeben, obwohl dies der schlimmste war unter seinen bösen Ratschlägen. Der König folgte seinen vielen bösen Ratschlägen; er befahl und vermochte sich im Zorn nicht zu mäßigen, man solle Randver ergreifen und an den Galgen knüpfen. Als er zum Galgen geführt wurde, da nahm er einen Habicht, rupfte ihm alle Federn aus und sagte, daß man ihn seinem Vater zeigen solle. Als der König ihn erblickte, sprach er: „Damit will er mir sagen, daß ich ihm ebenso aller Ehre beraubt erscheine“, und gebot, ihn vom Galgen herabzunehmen. Bikki aber hatte unterdessen die Hinrichtung Randvers ins Werk gesetzt, und er war schon tot.

Bikki aber sprach abermals zu Jörmunrek: „Keinem mußt du mehr zürnen als Svanhild – laß sie eines schmachvollen Todes sterben!“ Der König antwortete: „Dem Rate wollen wir folgen.“ Da ward sie im Burgtor gebunden, und Rosse wurden auf sie zugetrieben. Aber als sie ihre Augen aufschlug, da wagten die Rosse nicht sie zu treten. Als Bikki das sah, gebot er, ihr einen Sack über den Kopf zu ziehen. So geschah es, und da erst fand sie den Tod.

 

43. Gudrun treibt ihre Söhne an, Svanhild zu rächen.

Als Gudrun den Tod Svanhilds erfuhr, sprach sie zu ihren Söhnen: „Wie könnt ihr so ruhig dasitzen und Scherzworte reden, obwohl Jörmunrek eure Schwester getötet und schmachvoll unter Rosseshufen hat zertreten lassen? Nicht habt ihr die gleiche Sinnesart wie Gunnar und Högni: die würden ihre Blutsverwandte rächen.“ Hamdir antwortete: „Wenig hast du Gunnar und Högni gelobt, als sie Sigurd erschlugen und du von seinem Blute gerötet warst, und übel war deine Bruderrache, als du deine Söhne tötetest – besser hätten wir alle zusammen König Jörmunrek erschlagen können. Aber den Vorwurf der Feigheit wollen wir nicht auf uns sitzen lassen, da wir so heftig gereizt sind.“ Gudrun ging lachend fort und setzte ihnen zu trinken vor in großen Bechern. Darauf gab sie ihnen große und starke Brünnen und andre Waffenrüstung. Da sprach Hamdir: „Dies ist der letzte Abschied, den wir von einander nehmen, und bald wirst du erfahren, was sich begeben hat – dann kannst du unser beider und Svanhilds Totenfeier begehen.“ Darauf machten sie sich auf den Weg.

Gudrun aber ging in ihre Kammer harmerfüllt und sprach: „Drei Männer war ich vermählt: zuerst Sigurd dem Fafnirtöter – der ward verraten, und das war mir der größte Harm. Dann ward ich dem König Atli gegeben – aber so voll war mein Herz von Haß wider ihn, daß ich im Harm unsere Söhne erschlug. Danach ging ich in die See, allein durch hohe Wellen wurde ich erhoben und an Land getragen und diesem Könige vermählt. Dann sandte ich Svanhild mit großem Gute aus dem Lande fort zur Vermählung, und das ist mir das Schmerzlichste meiner Leiden nach Sigurds Tode, daß sie unter Rosseshufen zertreten ward. Am meisten aber hat mich erbittert, daß Gunnar in einen Schlangenzwinger gesetzt ward; doch das Härteste ist, daß Högni das Herz ausgeschnitten ward. Am besten wäre es, wenn Sigurd mir entgegen käme und mich mit sich nähme. Ich habe nun weder Sohn noch Tochter, mich zu trösten. So gedenke nun, Sigurd, an das, was wir redeten, da wir ein Bett bestiegen, daß du kommen wolltest zu mir von Hel und mich holen.“ So endete Gudruns Klage.

 

44. Von Gudruns Söhnen.

Von Gudruns Söhnen ist nun zu erzählen, daß sie ihre Rüstungen so gefeit hatte, daß kein Eisen sie verletzten konnte; doch hatte sie sie davor gewarnt, Steinen oder andern großen Dingen Schaden zuzufügen: das würde ihnen sonst zum Verderben gedeihen, wenn sie nicht also täten.

Als sie sich auf den Weg gemacht hatten, trafen sie ihren Bruder Erp und fragten ihn, was er ihnen helfen würde. Er antwortete: „So viel wie eine Hand der andern oder ein Fuß dem andern.“ Das dünkte sie nichts zu sein, und sie erschlugen ihn. Darauf zogen sie weiter ihres Wegs, und es währte nicht lange, da strauchelte Hamdir, streckte die Hand nach unten und sprach: „Erp wird wahr gesagt haben. Ich würde nun fallen, wenn ich mich nicht auf die Hände stützte.“ Bald darauf strauchelte auch Sörli, stützte sich aber auf den Fuß, konnte sich so aufrecht halten und sagte: „Fallen würde ich jetzt, wenn ich mich nicht auf beide Füße stützte.“ Da gestanden sie sich, übel an ihrem Bruder Erp gehandelt zu haben.

Sie setzten ihre Reise fort, bis sie zu König Jörmunrek kamen, gingen hinein zu ihm und fielen sogleich über ihn her. Hamdir hieb ihm beide Hände ab, Sörli aber beide Füße. Da rief Hamdir: „Abgeschlagen würde jetzt das Haupt sein, wenn Erp lebte, unser Bruder, den wir auf dem Wege erschlagen haben – zu spät sahen wir das ein“; wie es im Liede heißt:

Ab wär’ das Haupt jetzt,

Wenn Erp lebte,

Unser tapfrer Bruder,

Den wir beide getötet.

Darin hatten sie auch das Gebot ihrer Mutter außer acht gelassen, daß sie Steine beschädigt hatten.

Da drangen die Männer auf sie ein, sie aber wehrten sich wohl und mutig und fügten manchem Manne Schaden zu – sie selbst aber verletzten kein Eisen. Da kam ein Mann hinzu, hochgewachsen und alt, mit einem Auge, der sprach: „Ihr seid nicht weise Männer, wenn ihr diese Männer nicht töten könnt.“ Der König erwiderte: „Gib uns denn Rat dazu, wenn du kannst!“ Jener rief: „Werft sie doch mit Steinen tot!“ Und so geschah es: von allen Himmelsgegenden flogen Steine auf sie, und das brachte ihnen den Tod.

 

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