Die Saga von den Völsungen - Teil 11

Thule - Altnordische Dichtungen und Prosa
Band 21 - Isländische Heldenromane.

Sigurd prüft das Schwert Gram

Sigurd prüft das Schwert Gram

36. Högni deutet die Träume seiner Frau.

„Mich dünkte im Träume, ein sehr reißender Strom bräche hier herein und risse alle Dielen in der Halle auf.“ Er antwortete: „Ihr Frauen seid oft mißtrauisch. Ich aber habe nicht die Sinnesart danach, einem Manne mit Arg zu begegnen, es sei denn, daß er es verdient habe – er wird uns freundlich empfangen.“ Sie antwortete: „Ihr werdet es ja erfahren; aber Freundschaft wird bei dieser Einladung nicht sein. Mir träumte weiter, ein anderer Strom bräche hier herein, toste furchtbar, bräche alle Bänke in der Halle auf und bräche euch beiden Brüdern die Beine: das wird etwas zu bedeuten haben.“ Er entgegnete: „Da werden die Äcker wogen, wo du einen Strom zu sehen glaubtest: wenn wir über den Acker gehen, stechen oft große Ährenstacheln uns in die Füße.“ „Nochmals träumte mir,“ sagte sie, „daß deine Bettdecke in Brand geriete, und daß das Feuer empor loderte aus der Halle.“ Er antwortete: „Das weiß ich genau, was das zu bedeuten hat: unsere Kleider liegen hier, etwas vernachlässigt – die wird man da verbrennen, wo du die Bettdecke siehst.“ „Ein Bär schien mir hereinzukommen,“ fuhr sie fort, „der riß den Königs- Hochsitz nieder und schüttelte die Pranken, so daß wir alle in Furcht gerieten; er hatte uns alle auf einmal in seinem Rachen, so daß wir nichts vermochten – darob entstand großer Schrecken.“ Er antwortete: „Da wird ein großes Unwetter kommen, das dir im Träume als ein Eisbär erschien.“ „Ein Aar, so dünkte mich,“ sagte sie, „flog herein und die Halle entlang und bespritze mich und uns alle mit Blut – das wird Schlimmes bedeuten, denn mich dünkte, als ob das König Atlis äußere Gestalt wäre.“ Er entgegnete: „Oft schlachten wir reichlich und erschlagen mächtige Rinder uns zur Freude, es bedeutet Ochsen, wenn man von Adlern träumt – Atlis Gesinnung wird wohlwollend gegen uns sein.“ Damit brachen sie das Gespräch ab.

 

37. Der Auszug der Brüder.

Jetzt ist von Gunnar zu erzählen, daß es da ebenso ging, als sie erwachten: Glaumvör, Gunnars Gattin, sagte ihm ihre vielen Träume, die ihr auf Verrat zu deuten schienen – aber Gunnar deutete sie alle im entgegengesetzten Sinne. „Dies war einer von ihnen,“ sagte sie, „daß mich dünkte, ein blutiges Schwert würde herein in die Halle getragen, du wurdest von dem Schwerte durchbohrt, und Wölfe heulten an beiden Enden des Schwertes.“ Der König antwortete: „Kleine Hunde werden uns beißen wollen, oft bedeuteten Waffen mit Blut gefärbt Hundegekläff.“ Sie sprach: „Ferner schienen mir hier Frauen hereinzukommen, die waren trübselig und wollten dich zu ihrem Manne erkiesen – das werden deine Schutzgöttinnen gewesen sein.“ Er erwiderte: „Schwierig ist diese Deutung, man kann seinem Schicksal nicht entgehen; es ist nicht unwahrscheinlich, daß ich nicht lange mehr leben werde.“ Am Morgen sprangen sie auf und wollten reisen, aber die andern rieten ihnen ab. Da sprach Gunnar zu dem Manne, der Fjörnir hieß. „Steh auf und gib uns zu trinken aus großen Kannen guten Wein, denn vielleicht ist dies unser letztes Gelage: jetzt wird der alte Wolf das Gold in Besitz nehmen, wenn wir sterben, und der Bär wird gleichfalls nicht ermangeln, mit seinen Kampfzähnen zu beißen.“

Das Volk geleitete sie hinaus mit Weinen. Högnis jüngster Sohn sprach: „Fahrt wohl und habt viel Glück!“ Dann blieb der größere Teil ihres Gefolges zurück. Solar und Snävar, Högnis Söhne, waren mit auf der Fahrt und ein großer Kämpe, der Orkning244 hieß, er war ein Bruder Kostberas. Der Rest des Volkes folgte ihnen zu den Schiffen, und alle redeten von der Fahrt ab – aber das nützte nichts. Da sprach Glaumvör: „Vingi,“ sagte sie, „es ist zu fürchten, daß großes Unheil aus deinem Kommen entstehen wird, und daß große Dinge auf dieser Fahrt geschehen werden.“ Er antwortete: „Das schwöre ich, daß ich nicht lüge: mich empfange ein hoher Galgen und alle Unholde245, wenn ich irgend ein Wort lüge,“ und er nahm den Mund recht voll mit solchen Verwünschungen. Da sprach Bera: „Fahrt wohl und mit gutem Glück!“ Högni rief zurück: „Seid fröhlich, wie es uns auch ergeht!“ Damit schieden sie, wie es das Schicksal bestimmt hatte.

Sie ruderten gewaltig und mit so großer Kraft, daß beinahe der halbe Kiel unten vom Schiffe los ging; sie warfen sich in die Ruder weit ausholend mit solcher Wucht, daß die Handgriffe der Ruder und die Ruderpflöcke zerbrachen. Und als sie ans Land kamen, befestigten sie ihr Schiff nicht. Dann ritten sie auf ihren stattlichen Rossen eine lange Zeit durch dunkeln Wald.

Da erblickten sie die Königsburg; aus ihr erscholl großes Getöse und Waffenlärm, und sie sahen da eine Menge Männer, die sich rüsteten – alle Burgtore waren voll von Männern. Sie ritten nach der Burg, aber sie war verschlossen, Högni erbrach das Tor, und so ritten sie in die Burg. Da sprach Vingi: „Das hättest du besser unterlassen – wartet jetzt hier, bis ich euch einen Galgen suche. Freundlich lud ich euch ein herzukommen, aber Falsch stak dahinter – jetzt braucht ihr nicht lange mehr zu warten, bis ihr werdet aufgehängt werden.“ Högni erwiderte: „Dir geben wir nicht nach, und selten, denke ich, wichen wir zurück, wo Männer kämpfen sollten. Dir aber nützt es nichts, uns zu schrecken, und übel soll es dir bekommen!“ Da stießen sie ihn nieder und warfen ihn mit Streitäxten zu Tode.

 

38. Der Kampf in der Burg.

Als sie nach der Königshalle geritten kamen, ordnete König Atli sein Kriegsvolk zum Kampfe, und so stellten sich die Schlachtreihen auf, daß ein eingehegter Platz zwischen sie zu liegen kam. „Seid uns willkommen!“ rief Atli ihnen zu, „gebt mir das viele Gold, das uns zukommt, den Hort, den Sigmund besaß, und der nun Gudrun gehört.“ Gunnar antwortete: „Nimmermehr erhältst du den Hort – tapfere Männer werden hier zuvor mit dir zusammentreffen, ehe wir das Leben lassen, wenn ihr uns Kampf bietet. Vielleicht hast du für Adler und Wolf großartig und höchst freigebig dieses Mahl berüstet.“ „Lange schon hatte ich es in meinem Sinne,“ sprach Atli, „euch ans Leben zu gehen, um über das Gold zu schalten und euch so das Neidingswerk zu vergelten, daß ihr euern besten Verwandten verraten habt – ihn will ich rächen.“ Högni erwiderte: „Wenig hat es euch geholfen, daß ihr schon lange über diesem Rate gebrütet habt, denn ihr seid noch zu nichts gerüstet.“

Da kam es zu hartem Kampfe, und zuerst zum Kampfe mit Geschossen. Diese Kunde drang zu Gudrun. Als sie es hörte, geriet sie außer sich und warf den Mantel von sich. Darauf ging sie hinaus, begrüßte die Angekommenen, küsste ihre Brüder und bezeigte ihnen Liebe – dies war ihre letzte Begrüßung. Dann sprach sie: „Ich glaubte dem vorgebeugt zu haben, daß ihr kämet – aber niemand vermag dem Geschick zu widerstehen.“ Sie fuhr fort: „Kann es noch etwas nützen, Sühne zu versuchen?“ Das aber verneinten alle entschieden. Nun sah sie, wie übel ihren Brüdern mitgespielt wurde, faßte einen schnellen Entschluß, kleidete sich in eine Brünne, nahm ein Schwert und half ihren Brüdern im Kampfe; so mutig drang sie vorwärts, wie wenn sie der stärkste Mann wäre – alle sagten übereinstimmend, daß kaum einer sich hätte tapferer verteidigen können als sie. Da hub ein großes Männermorden an, aber das Vordringen der Brüder trug doch den Sieg davon. Der Kampf dauerte lange, bis über Mittag hinaus. Gunnar und Högni stürmten durch König Atlis Schlachtreihen, und es wird erzählt, daß das ganze Feld überströmt wurde von Blut. Högnis Söhne drangen tapfer vor. Da rief Atli: „Wir hatten ein großes und stattliches Heer und gewaltige Helden – aber jetzt sind viele von uns gefallen, und Übles haben wir euch zu vergelten: neunzehn meiner Kämpen habt ihr erschlagen, elf nur sind noch übrig.“

Da ward ein Stillstand im Kampfe. König Atli sprach: „Wir waren vier Brüder – jetzt bin ich allein noch übrig. Mächtige Schwägerschaft gewann ich und erhoffte mir Vorteil davon; eine Frau hatte ich, schön und klug, hochherzig und heldenmütig – aber ihre Klugheit kam mir nicht zugute, denn selten sind wir einig gewesen. Nun habt ihr mir viele meiner Sippen erschlagen, dazu mich um Land und Gut betrogen und meine Schwester verraten – das härmt mich am meisten.“ Högni erwiderte: „Wie kannst du das erwähnen? Ihr brachet zuerst den Frieden: du nahmst meine Verwandte, hungertest sie zu Tode, mordetest sie und raubtest ihr das Gut – das war nicht königlich gehandelt. Eine Freude ist es mir, dich deinen Harm herzählen zu hören, und den Göttern will ich danken, daß es dir schlimm geht.“

 

39. Högni wird gefangengenommen.

Darauf spornte König Atli sein Volk zu heftigem Angriff an. Tapfer wurde gekämpft; die Gjukunge aber stürmten so heftig vor, daß König Atli in die Halle hinein wich: sie fochten darinnen weiter, hart war der Kampf. Diese Schlacht verlief unter großem Männermorden und endete so, daß alles Volk der Brüder gefallen war, und sie beide allein noch aufrecht standen; doch viele Männer waren vorher vor ihren Waffen zur Hel gefahren. Da ward König Gunnar angegriffen, und infolge der Übermacht ward er gefangengenommen und in Fesseln gelegt. Högni aber kämpfte dann noch weiter mit großer Tapferkeit und hohem Heldenmute: er fällte zwanzig der bedeutendsten Kämpen König Atlis. Er stieß manchen in das Feuer, das in der Halle brannte. Alle waren darin einig, daß man einen solchen Mann noch nie gesehen hätte. Dennoch ward er zuletzt von der Übermacht bezwungen und gefangengenommen.

Atli sprach: „Schrecklich ist es, wie viele Männer durch ihn haben ihr Leben lassen müssen! Darum schneidet ihm das Herz aus – das sei sein Tod!“ Högni sprach: „Tu, wie dir beliebt: freudig will ich das erwarten, das ihr beginnen wollt – du wirst sehen, daß mein Herz keine Frucht kennt. Wohl hab ich viel Hartes schon vorher erfahren und haben Proben der Standhaftigkeit gern bestanden, so lange ich unverwundet war; jetzt aber bin ich schwer verwundet, und du hast über unsern Streit allein zu entscheiden.“ Da sprach ein Ratgeber König Atlis: „Ich weiß einen bessern Rat: nehmen wir lieber den Knecht Hjalli und lassen Högni am Leben. Dieser Knecht ist nichts besseres wert als zu sterben – so lange er lebt, ist er elend.“ Der Knecht hörte es, schrie laut auf und entsprang dahin, wo er sich Schutz erhoffte; er rief, Übles falle ihm zu von ihrer Feindschaft, er müsse ihres Unheils entgelten; ein Unglückstag wäre es, wenn er von seinem guten Essen fortsterben müsse und von den Schweinen, die er zu hüten habe. Sie ergriffen ihn und zückten das Messer gegen ihn: er schrie laut auf, ehe er noch die Spitze fühlte. Da sprach Högni, wie recht wenige pflegen, wenn sie Mannhaftigkeit zu bewähren haben, er bäte um das Leben des Knechtes; er erklärte, er könne das Geschrei nicht anhören und meinte, es wäre ihm leichter, selber dieses Spiel zu bestehen. Dem Knechte wurde das Leben geschenkt.

Darauf wurden sie beide, Gunnar und Högni in Fesseln gelegt. Da sagte König Atli zu König Gunnar, er solle angeben, wo das Gold sei, wenn er anders das Leben geschenkt haben wolle. Er antwortete: „Zuvor muß ich das blutige Herz meines Bruders Högni sehen.“

Da ergriffen sie den Knecht abermals, schnitten ihm das Herz aus und brachten es König Gunnar. Der aber sprach: „Das ist das Herz Hjallis des Feigen, das ich hier sehe; es gleicht nicht dem Herzen Högnis des Kühnen, denn gar sehr bebt es jetzt, aber noch doppelt so stark bebte es, als er es noch in der Brust trug.“

Da gingen sie auf König Atlis Befehl zu Högni und schnitten ihm das Herz aus.

Und so groß war sein Heldenmut, daß er lachte, während er diese Qual aushielt: alle bewunderten seine Standhaftigkeit, und das Andenken hat sich seitdem erhalten. Sie zeigten Gunnar das Herz Högnis. Er sprach: „Hier sehe ich das Herz Högnis des Kühnen. Es gleicht nicht dem Herzen Hjallis des Feigen, denn es bebt jetzt kaum, aber weniger bebte es noch, als er es in der Brust trug. Du aber, Atli, wirst dein Leben lassen, wie wir jetzt unser Leben lassen. Nun weiß ich allein, wo das Gold ist; jetzt kann Högni es dir nicht mehr sagen. Bald kam dies, bald jenes mir in den Sinn, da wir beide lebten, aber jetzt habe ich für mich allein zu entscheiden: lieber mag denn der Rhein des Goldes walten, als daß die Hunnen es an ihren Händen tragen.“ König Atli sprach: „Führt den Gefangenen fort!“ und so geschah es. Gudrun aber rief einige Männer zu sich, ging zu König Atli und sagte: „Möge es dir schlecht ergehen und so, wie du verdienst, da du auf diese Weise dein Wort mir und Gunnar gehalten hast!“

Gunnar ward in einen Schlangenzwinger geworfen, darin waren viele Schlangen, seine Hände waren fest gefesselt. Gudrun sandte ihm eine Harfe; da zeigte er seine Kunst und handhabte die Harfe mit großem Geschick, indem er die Saiten mit den Zehen schlug, und spielte so schön und trefflich, daß wenige meinten, so gut die Harfe mit den Händen schlagen gehört zu haben. Und so lange übte er diese Kunst, bis alle Schlangen einschliefen – nur eine Natter nicht255, groß und scheußlich anzuschauen; die kroch zu ihm heran und grub sich mit ihrem Maule ein, bis sie sein Herz traf: so ließ er sein Leben mit großem Heldenmut.

 

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