Die Saga von den Völsungen - Teil 10

Thule - Altnordische Dichtungen und Prosa
Band 21 - Isländische Heldenromane.

Garm wird geschmiedet

Sigurd schmiedet mit Reginn sein Schwert Garm

33. Brynhilds Bitte.

„Nun bitt´ ich dich, Gunnar, um die letzte Bitte: laß einen großen Scheiterhaufen schichten auf ebenem Felde uns allen, mir und Sigurd und denen, die mit ihm erschlagen wurden; laß ein Zelt darüber spannen mit Männerblut gerötet. Laß mir zur einen Seite Sigurd verbrennen, den hunischen König, ihm zur andern Seite aber meine Mannen, zwei zu Häupten und zwei zu Füßen, und zwei Habichte – so ist alles nach Gebühr verteilt. Laß dann wieder zwischen uns ein bloßes Schwert liegen, wie damals, als wir ein Bett bestiegen und Ehegatten genannt wurden. Nicht fällt ihm dann das Tor auf die Fersen, wenn ich ihm folge. Auch ist unser Leichenbegängnis nicht armselig, wenn ihm fünf Mägde und acht Diener folgen, die mein Vater mir gab, und wenn auch die mit verbrennen, die mit Sigurd erschlagen wurden. Noch mehr würde ich melden, wäre ich nicht wund zum Tode – aus der Wunde strömt das Blut, und die Wunde öffnet sich. Doch wahr ist, was ich geredet.“

Nun ward Sigurds Leiche nach altem heidnischen Brauche bestattet und ein großer Scheiterhaufen errichtet; als er recht in Brand geraten war, ward oben herauf die Leiche Sigurds gelegt, des Fafnirtöters, die seines drei Winter alten Sohnes, den Brynhild hatte erschlagen lassen, und die Gutthorms. Und als der Scheiterhaufen hell in Flammen stand, da bestieg ihn Brynhild und sagte zu ihren Kammermädchen, sie sollten das Gold nehmen, das sie ihnen geben wollte. Hierauf starb Brynhild und verbrannte mit Sigurd – also endete beider Leben.

 

34. Gudrun geht von dannen.

Jeder, der diese Kunde vernimmt, sagt, daß ein Mann, wie Sigurd war in aller Hinsicht, nicht mehr auf der Welt ist, noch je geboren werden wird: sein Name wird nimmer vergessen werden in deutscher Sprache, noch in den Nordlanden, so lange die Welt steht.

Es wird erzählt, daß Gudrun eines Tages sprach, als sie in ihrer Kammer saß: „Besser war unser Leben, als ich Sigurd noch hatte. Denn so übertraf er alle Männer wie Gold das Eisen, oder wie der Lauch alles Gras überragt, oder der Hirsch andere Tiere – bis meine Brüder mir einen solchen Mann mißgönnten, der edler war als alle. Sie konnte nicht ruhig schlafen, bis sie ihn erschlugen. Laut schnob Grani, als er seinen Herrn verwundet sah. Da redete ich mit ihm wie mit einem Menschen, er aber senkte das Haupt zur Erde – er wußte, daß Sigurd gefallen war.“ Darnach entwich Gudrun in den Wald; überall hörte sie um sich Wolfsgeheul, und zu sterben erschien ihr erwünscht. Gudrun wanderte, bis sie zur Halle König Halfs kam; sie weilte bei Thora, Hakons Tochter, in Dänemark sieben Halbjahre und wurde dort freundlich aufgenommen. Sie stellte ihr einen Webstuhl auf, half ihr beim Einschlag des Gewebes und wirkte daran viele Heldentaten, schöne Kampfspiele, wie sie damals üblich waren, Schwert, Panzer und alles, worin sich ein König kleidet, ferner auch König Sigmunds Schiffe, wie sie vom Lande abstießen; weiter wirkten sie, wie sich Signar und Sigeir schlugen südlich auf Fühnen. Damit ergötzten sie sich, und Gudrun tröstete sich ein wenig über ihr Leid.

Grimhild vernahm, was aus Gudrun geworden war. Sie berief ihre Söhne zu einer Unterredung und fragte sie, wie sie Gudrun für Mann und Sohn Buße leisten wollten: das wäre ihre Schuldigkeit. Gunnar sprach und zeigte sich bereit, ihr Gold zu geben und so ihren Harm zu büßen.

Da schickten sie nach ihren Freunden und rüsteten ihre Rosse, Helme und Schilde, Schwerter und Brünnen und allerlei Heergeräte. So ward ihre Reise aufs feinste ausgerüstet, und kein Held, der bedeutend war, blieb daheim. Ihre Rosse waren geharnischt, und jeder Ritter hatte einen vergoldeten oder spiegelblanken Helm. Auch Grimhild machte sich mit ihnen auf den Weg, denn sie meinte, ihr Vorhaben würde dann erst Erfolg haben, wenn sie nicht daheim bliebe. Sie hatten im ganzen fünfhundert Mann, auch vornehme Männer hatten sie mit sich; Valdemar von Dänemark war mit ihnen und Eymod und Jarisleif.

Sie gingen hinein in die Halle König Halfs: da waren Langobarden, Franken und Sachsen; sie schritten einher in voller Rüstung und hatten rote Pelzmäntel übergeworfen, wie es im Liede heißt:

Kurz war der Harnisch,

Der Helm gegossen,

An der Seite das Schwert

hing den Schwarzgelockten.

Sie wollten ihrer Schwester gute Gaben darbringen und redeten freundlich mit ihr – sie aber traute ihrer keinem. Darauf gab ihnen Grimhild einen schädlichen Trank; sie mußten ihn annehmen und dachten seitdem an keinen Streit mehr. Dieser Trank war gemischt mit kräftiger Erde, eiskaltem Meereswasser und Eberblut: in das Horn waren allerlei Runenstäbe geritzt und mit Blut gerötet, wie es hier heißt:

Im Innern des Horns

Waren allerlei Runen

Geritzt und gerötet,

Raten konnt’ ich sie nicht;

Ein langer Heidwurm

Vom Lande Haddings

Ungeschnittne Ähren,

Das Innere der Tiere.

Viel Böses war

Dem Biere beigemischt:

Allerlei Kräuter,

Der Küche Asche,

Verbrannte Eckern,

Opfer-Gedärme,

Schweinsleber gesotten,

Die den Hader beschwichtigt

Darauf, als sie sich versöhnt hatten, herrschte große Freude. Da sprach Grimhild, als sie Gudrun traf: „Wohl ergeh es dir, Tochter! Ich schenke dir Gold und allerlei Kleinode, daß du sie empfängst als dein Vatererbe, köstliche Ringe und Teppiche von hunischen Mädchen gewebt, die die feinsten sind. Damit ist dir dein Mann gebüßt. Sodann sollst du dich mit König Atli vermählen, dem mächtigen, so wirst du auch seiner Schätze schalten. Laß nicht von deinen Verwandten um des einen Mannes willen, sondern tu vielmehr, wie wir bitten.“ Gudrun antwortete: „Nimmer will ich König Atli zum Gatten haben; uns beiden ziemt es nicht, das Geschlecht zu mehren.“ Grimhild erwiderte: „Erinnere dich nicht mehr des alten Haders, sondern gehab dich so, als ob Sigurd und Sigmund noch lebten, wenn du mit Atli Söhne hast.“ Gudrun sprach: „Ich kann die Gedanken von ihm nicht abwenden, denn er war trefflicher als alle.“ Grimhild sprach: „Diesen König Atli zu haben ist dir bestimmt, andernfalls sollst du keinen andern Gatten bekommen.“ Gudrun antwortete: „Bietet mir nicht diesen König als Mann an, von dem nur Böses diesem Geschlecht entsteht, er wird deinen Söhnen Übles zufügen, und grausam wird es dann an ihm gerächt werden.“ Grimhild wurde über ihre Vorstellungen wegen ihrer Söhne traurig und sprach „Tu, was wir bitten; große Ehre und unsere Freundschaft sollst du dafür haben, sowie die Orte, die Vinbjörg und Valbjörg heißen.“ Ihre Worte waren von so großem Gewicht, daß dies geschehen mußte. Gudrun sprach: „So muß es denn vor sich gehen, wenn auch wider meinen Willen: es wird wenig zur Freude, eher zum Leide gereichen.“

Dann bestiegen sie ihre Rosse, und ihre Frauen wurden auf Wagen gesetzt, und so reisten sie sieben Tage zu Pferde, dann sieben Tage zu Schiffe, und wieder sieben Tage zu Lande, bis daß sie zu einer hohen Halle kamen. Viel Volk ging Gudrun entgegen. Da war ein herrliches Mahl gerüstet, wie schon vorher von ihnen verabredet war: es verlief glänzend und sehr prächtig. Bei diesem Gastmahle trank Atli Brautlauf mit Gudrun. Aber niemals wollte ihr Herz ihm zulachen, und wenig liebevoll war ihr Beisammensein.

 

35. Gudrun ritzt Runen.

Nun wird erzählt: in einer Nacht, da Atli aus dem Schlafe erwachte, sprach er zu Gudrun: „Mir träumte,“ sprach er, „daß du mich mit einem Schwerte durchbohrtest.“ Gudrun deutete den Traum dahin, es bedeute Feuer, wenn man von Eisen träume, „und den Wahn, daß du dich trefflicher dünkst als alle“. Atli sprach: „Ferner träumte mir: zwei Rohrstengel, die hier gewachsen waren, und die ich nie verletzten wollte, wurden mit den Wurzeln ausgerissen und in Blut gerötet, zu den Bänken der Speisenden gebracht und mir zu essen geboten. Und ferner träumte mir: zwei Habichte flögen mir von der Hand, die blieben ohne Fraß und fuhren zur Hel; mir war es, als wären ihre Herzen mit Honig gemischt, und als äße ich sie. Dann wieder träumte mir: zwei schöne junge Hunde, die mir zu Füßen lagen, heulten laut auf, und ich aß ihr Fleisch wider Willen.“ Gudrun sprach: „Deine Träume find ich nicht gut, aber sie werden in Erfüllung gehen. Deine Söhne werden todgeweiht sein, und mancherlei Schweres wird uns zustoßen.“ „Das träumte ich mir noch,“ sagte Atli, „ich läge im Bett, und mein Tod wäre beschlossen.“ Damit war dies abgetan, und sie lebten weiter lieblos beieinander.

Nun überlegte Atli bei sich, was aus dem vielen Golde geworden sei, das Sigurd besessen hatte; das aber wußten König Gunnar und sein Bruder. Atli war ein gewaltiger König, mächtig und klug, und hatte viel Volks; er hielt Rat mit seinen Mannen, wie man dabei verfahren solle. Er wußte, daß Gunnar und Högni viel mehr Reichtum hätten, als daß sich einer mit ihnen messen könnte. Er beschloß, einige seiner Mannen zu den Brüdern zu schicken, sie zu einem Gastmahle zu laden und sie auf manche Weise zu ehren - ihr Führer war der Mann, der Vingi genannt wird.

Die Königin erfuhr von ihrem heimlichen Gespräche und argwöhnte, daß Verrat gegen ihre Brüder geschmiedet würde. Da ritzte Gudrun Runen, nahm einen Goldring, knüpfte Wolfshaar darein und gab das so den Sendboten des Königs in die Hände.

Darauf machten sie sich auf den Weg nach des Königs Gebote. Ehe sie aber ans Land stiegen, besah Vingi die Runen und änderte sie so, daß Gudrun in den Runen zuredete, sie möchten zu Atli kommen.

Als sie zur Halle König Gunnars gekommen waren, wurden sie freundlich aufgenommen und große Feuer vor ihnen angezündet; dann tranken sie froh den besten Trank. Da sprach Vingi: „König Atli hat mich hierher gesandt, er wünscht, daß ihr ihn daheim besucht mit großen Ehren und große Ehren von ihm empfangt, Helme und Schilde, Schwerter und Brünnen, Gold und gute Kleider, Heervolk und Rosse und großes Leben; er sagte, daß er euch am liebsten sein Reich gönne.“ Da schüttelte Gunnar das Haupt und sagte zu Högni; „Was sollen wir von diesem Anerbieten annehmen? Er bietet uns große Herrschaft an, aber keine Könige kenne ich gleich reich an Gold wie uns, denn wir haben den ganzen Hort, der auf der Gnitaheide lag; auch haben wir große Kammern voll von Gold, und von den besten Hiebwaffen und allerlei Kriegsrüstung. Meinen Hengst weiß ich den besten, mein Schwert das schärfste, mein Gold das edelste.“ Högni antwortete: „Ich wundere mich über seine Einladung, denn das hat er noch nie getan – unrätlich dünkt es mich, zu ihm zu reisen. Auch darüber habe ich mich gewundert, daß ich, als ich die Kleinode besah, die König Atli uns geschickt hat, ein Wolfshaar in einen Goldring geknüpft fand; vielleicht dünkt Gudrun, er sei wölfisch gegen uns gesinnt, und sie will nicht, daß wir hinreisen.“

Vingi zeigte ihnen nun die Runen, die, wie er sagte, Gudrun gesandt habe. Darauf ging das gemeine Volk schlafen, sie aber tranken noch mit einigen Mann. Da trat Högnis Frau hinzu, die Kostbera hieß, die reizendste der Frauen, und betrachtete die Runen; Gunnars Gattin hieß Glaumvör, sie war eine stattliche Frau – beide schenkten ein. Die Könige wurden sehr trunken. Das bemerkte Vingi und sprach: „Es ist nicht zu leugnen, daß König Atli sehr schwerfällig ist und zu sehr gealtert, sein Reich zu verteidigen; seine Söhne aber sind noch zu jung und zu nichts geschickt. Nun will er euch Gewalt über sein Reich geben, so lange sie noch so jung sind und er gönnt es euch am liebsten, dessen zu genießen.“ Nun war beides der Fall: Gunnar war sehr trunken, andrerseits wurde ihm eine große Herrschaft geboten – auch konnte er sich nicht dem Schicksal entziehen: darum verhieß er die Fahrt und sagte es seinem Bruder Högni. Der antwortete: „Eure Entscheidung wird bestehen müssen, und folgen werde ich dir – aber wenig Lust habe ich zu dieser Fahrt.“

Als die Männer nach Herzenslust getrunken hatten, gingen sie schlafen. Kostbera begann die Runen zu untersuchen, sagte sie vor sich her und sah, daß anderes darauf geritzt war, als dahinter steckte – doch gelang es ihr bei ihrer Klugheit, sie zu verstehen. Darauf ging auch sie zu Bett bei ihrem Gatten.

Als sie erwachten, sprach sie zu ihrem Gatten: „Von Hause willst du fort, aber es ist unrätlich – reise lieber ein andermal. Du versteht die Runen nicht recht, wenn du wähnst, sie, deine Schwester, habe dich diesmal eingeladen. Ich riet die Runen – es sollte mich wundern, wenn eine so kluge Frau sie so verworren geritzt haben sollte: es stand zuerst so da, daß euer Leben gefährdet wäre. Da sind nur zwei Möglichkeiten: entweder fehlte ihr ein Runenzeichen, oder aber andre haben die Runen gefälscht. Und nun sollst du meinen Traum hören.“

 

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