Die Saga von den Völsungen - Teil 8

Thule - Altnordische Dichtungen und Prosa
Band 21 - Isländische Heldenromane.

Sigurd durchbohrt Fanfir mit seinem Schwert

Sigurd durchbohrt Fanfir mit seinem Schwert

28. Sigurds Ankunft bei den Gjukungen.
Vergessenheitstrank. Schwurbruderschaft. Heirat mit Gudrun.

Sigurd ritt darauf fort mit dem vielen Golde, und sie schieden als Freunde. Er ritt Grani mit all seinem Heergerät und seiner Last, und ritt, bis daß er nach der Halle König Gjukis kam. Da ritt er in die Burg. Das sah einer von den Mannen des Königs und sagte: „Ich glaube, hier kommt einer von den Göttern! Dieser Mann ist ganz mit Golde geschmückt; sein Roß ist viel größer als andere Rosse, außerordentlich schön ist seine Waffenrüstung und übertrifft bei weitem die andrer Männer, am meisten aber ragt er selbst über andre Männer.“

Der König ging hinaus mit seinem Hofgesinde, grüßte den Mann und fragte: „Wer bist du, der du in die Burg reitest, was keiner wagte ohne Erlaubnis meiner Söhne?“

Er antwortete: „Ich heiße Sigurd und bin Sigmunds Sohn.“

König Gjuki sprach: „Du sollst hier bei uns willkommen sein, und empfange hier das, was du willst.“

Er ging hinein in die Halle, und alle waren klein neben ihm; alle dienten ihm, und er war dort in großem Ansehen. Sie ritten alle Tage zusammen, Sigurd, Gunnar und Högni; aber Sigurd übertraf sie in jeder Geschicklichkeit, und doch waren sie alle gewaltige Männer.

Grimhild gewahrte, wie sehr Sigurd Brynhild liebte, und wie oft er sie erwähnte. Sie erwog bei sich, daß es ein größeres Glück wäre, wenn er sich hier festsetzte und König Gjukis Tochter zur Frau nähme; sie sah, daß keiner sich mit ihm vergleichen konnte, sah auch, welche Stütze an ihm war, und daß er übergroße Schätze hatte, viel mehr, als daß man ein andres Beispiel dafür gewußt hätte. Der König benahm sich gegen ihn wie gegen seine Söhne, diese aber schätzten ihn höher als sich selbst.

Eines Abends, als sie beim Trunke saßen, stand die Königin auf, ging vor Sigurd, begrüßte ihn und sprach: „Freude habe ich über dein Hiersein, und alles Gute will ich euch gewähren – nimm hier das Horn und trink.“ Er nahm es und trank. Sie fuhr fort: „König Gjuki soll dein Vater sein und ich deine Mutter, Gunnar und Högni sollen deine Brüder sein und alle, die ihr einander Eide leistet – so werden sich eures Gleichen nicht finden.“ Sigurd nahm das wohl auf, und durch diesen Trank dachte er nicht mehr an Brynhild. Er weilte da lange Zeit.

Einmal ging Grimhild vor König Gjuki, legte ihre Hände um seinen Hals und sagte: „Hierher ist nun der größte Kämpe gekommen, der auf der Welt gefunden werden kann, an ihm wäre uns eine große Stütze – gib ihm deine Tochter mit großem Gut und einem solchen Reiche, wie er will: so könnte er es sich hier wohl gefallen lassen!“

Der König sagte: „Ungebräuchlich ist es, seine Tochter anzubieten; doch ehrenvoller ist es, sie ihm anzubieten als daß andre um sie werben.“

Eines Abends schenkte Gudrun. Sigurd bemerkte, daß sie ein schönes Weib war und in jeder Hinsicht feinstes höfisches Benehmen hatte.

Fünf Halbjahre war Sigurd dort, so daß sie beieinander in Ruhm und Freundschaft saßen, und die Könige berieten zusammen. König Gjuki sprach: „Viel Gutes erweisest du uns, Sigurd, und kräftig hast du unsre Herrschaft gestärkt.“

Gunnar sagte: „Alles wollen wir dazu tun, daß du lange hier bleibst; beides, unser Reich und unsre Schwerter bieten wir dir an; kein andrer würde sie bekommen, wenn er auch um sie bäte.“

Sigurd antwortete: „Habt Dank für eure Auszeichnung! Ich will es annehmen.“ Sie schwuren sich nun Blutsbrüderschaft, als wenn sie von derselben Mutter geboren wären.

Nun ward ein herrliches Fest gerüstet, das dauerte viele Tage. Sigurd trank den Brautlauf mit Gudrun: da konnte man Freude und Unterhaltung mancherlei Art sehen, und jeden nächsten Tag war die Bewirtung besser als am vorhergehenden. Sie zogen weit durch die Lande und vollbrachten manche Heldentat, erschlugen viel Königssöhne; kein andrer verrichtete solch Heldenwerk wie sie – dann fuhren sie heim mit großer Beute.

Sigurd gab Gudrun von Fafnirs Herz zu essen, und seitdem war sie weit grimmiger als zuvor, und auch weiser1. Ihr Sohn hieß Sigmund.

Einmal ging Grimhild zu Gunnar, ihrem Sohne, und sprach: „Deine Macht steht in voller Blüte, abgesehen davon, daß du unvermählt bist. Wirb um Brynhild! Das ist die vornehmste Heirat, Sigurd wird mit dir reiten.“

Gunnar antwortete: „Gewiß ist sie schön, ich habe wohl Lust dazu.“ Er sagte es seinem Vater, seinen Brüdern und Sigurd, und alle munterten ihn dazu auf.

 

29. Sigurd durchreitet Brynhilds Waberlohe.
Hochzeit Gunnars

Darauf rüsteten sie sich mit Umsicht zur Reise, ritten dann durch Felsen und Täler zu König Budli und brachten ihre Werbung an. Er nahm sie freundlich auf, wenn sie nicht Nein sagen würde, bemerkte aber, sie wäre so stolz, daß sie nur den zum Manne nehmen würde, den sie wollte.

Dann ritten sie nach Hlymdalir. Heimir empfing sie wohl. Gunnar trug ihr Anliegen vor. Heimir sagte, sie hätte die Wahl, wen sie nehmen wollte; ihr Saal wäre nahebei; es wäre zu bedenken, daß sie den allein würde haben wollen, der durch das brennende Feuer ritte, das um ihren Saal entzündet wäre.

Sie fanden den Saal und das Feuer und sahen da eine Burg mit goldenem Dache, und es brannte ein Feuer draußen herum. Gunnar ritt den Goti, aber Högni den Hölkvir. Gunnar spornte den Hengst gegen das Feuer, aber er wich zurück. Sigurd sprach: „Weshalb weichst du zurück, Gunnar?“

Der antwortete: „Der Hengst will nicht durch dies Feuer springen“, und bat Sigurd, ihm Grani zu leihen.

„Das kann geschehen,“ erwiderte Sigurd. Gunnar ritt nun abermals gegen das Feuer, aber Grani wollte nicht gehen. Gunnar vermochte es also nicht, dies Feuer zu durchreiten. Sie vertauschten darum die Gestalten, wie Grimhild Sigurd und Gunnar gelehrt hatte.

Danach ritt Sigurd, er hatte Grani in der Hand und band goldene Sporen an seine Füße. Grani sprang hinein ins Feuer, als er die Sporen spürte. Da erhob sich ein großes Getöse, das Feuer begann zu rasen, die Erde begann zu erbeben, und die Lohe schlug zum Himmel empor – dies wagte keiner zuvor zu tun, und es war, als ob er im Dunkel ritte. Da legte sich das Feuer; er aber stieg vom Rosse und ging hinein in den Saal. So heißt es im Liede:

Das Feuer wogte,

Es wankte der Boden,

Und hohe Lohe

Zum Himmel flammte;

Von des Königs Recken

War keiner so kühn

Durch die Glut zu dringen

Noch drüber zu steigen.

Mit dem Schwerte spornte

Sigurd Grani,

Das Feuer erlosch

Vor dem Fürsten;

Vor dem Lobgepriesnen

Die Lohe sich legte.

Es blinkte das Reitzeug,

Das Regin einst hatte.

Als Sigurd über die Lohe hineinkam, fand er dort eine schöne Wohnung, und darin saß Brynhild. Sie fragte, wer der Mann wäre. Aber er nannte sich Gunnar, den Sohn des Gjuki: „Auch bist du mir als Frau zugedacht mit dem Jaworte deines Vaters, wofern ich deine Waberlohe durchritte, und auch dem deines Pflegevaters nebst deiner eigenen Zusage.“

„Nicht weiß ich genau, wie ich darauf antworten soll,“ sagte sie.

Sigurd stand aufrecht auf dem Estrich, stützte sich auf den Schwertgriff und sagte zu Brynhild: „Dir werde ich einen großen Brautschatz zahlen in Gold und guten Kleinoden.“

Sie antwortete in Kümmernis von ihrem Sitze, wie ein Schwan von der Woge, hatte ein Schwert in der Hand, einen Helm auf dem Haupte und war in einer Brünne: „Gunnar,“ sagte sie, „rede nicht solches zu mir, wenn du nicht jedem Manne überlegen bist; du sollst die erschlagen, die um mich geworben, wenn du dir das zutraust; ich war in der Schlacht mit dem Gardakönig, meine Waffen waren gefärbt in Männerblut, und danach verlangt mich noch jetzt.“

Er antwortete: „Viele Heldentaten hast du vollbracht, aber erinnere dich jetzt an die Gelübde, daß du, wenn dieses Feuer durchritten wäre, dem Manne folgen würdest, der dies vollbrächte.“

Sie fand hier eine richtige Antwort und Merkzeichen für die Wahrheit dieser Rede, stand auf und begrüßte ihn freundlich. Er verweilte dort drei Nächte, und sie teilten ein Lager: er nahm das Schwert Gram und legte es entblößt zwischen sie. Sie fragte, was das zu bedeuten hätte. Er antwortete, es wäre ihm beschieden, daß er so die Vermählung mit seiner Frau beginge oder den Tod erlitte.

Da nahm er den Ring Andvaranaut von ihr und gab ihr einen andern Ring aus dem Erbe Fafnirs.

Darauf ritt er fort durch dasselbe Feuer zu seinen Gefährten: sie tauschten wiederum die Gestalten, ritten sodann nach Hlymdalir und erzählten, wie es ergangen wäre. Denselben Tag begab sich Brynhild heim zu ihrem Pflegevater und sagte ihm im Vertrauen, daß zu ihr ein König gekommen wäre, „Er ritt durch meine Waberlohe und sagte, er käme, um mich zu heiraten, und nannte sich Gunnar – ich aber sagte, daß dies Sigurd allein vollbringen würde, dem ich Eide schwur auf dem Berge: er ist mein erster Gatte.“

Heimir sagte, dabei müsse es sein Bewenden haben.

Brynhild sprach: „Meine und Sigurds Tochter Aslaug soll bei dir aufgezogen werden.“

Die Könige kehrten heim, Brynhild aber fuhr zu ihrem Vater. Grimhild empfing sie freundlich und dankte Sigurd für seine Begleitung.

Darauf ward das Gastmahl vorbereitet, und eine große Menge Volkes kam dazu: auch König Budli kam, mit seiner Tochter, und Atli, sein Sohn. Diese Hochzeit währte viele Tage. Als sie beendigt war, da erst erinnerte sich Sigurd aller Eide, die er Brynhild geschworen hatte, verhielt sich aber ruhig. Brynhild und Gunnar saßen da, vergnügten sich und tranken guten Wein.

 

30. Zank der Königinnen Brynhild und Gudrun.

Das war an einem Tage, daß die Königinnen zusammen nach dem Flusse gingen, sich zu baden. Da watete Brynhild weiter hinaus in den Fluß. Gudrun fragte, was das zu bedeuten hätte.

Brynhild antwortete: „Weshalb soll ich mich hierin dir gleichstellen, eher als in anderm? Ich dachte, daß mein Vater mächtiger sei als der deine und daß mein Mann viele Heldentaten vollbracht habe und durch brennendes Feuer geritten sei – dein Mann aber war ein Knecht König Hjalpreks.“

Gudrun antwortete voll Zorn: „Du wärest weiser, wenn du schwiegest, als wenn du meinen Mann lästertest. Es sagen alle Leute, daß keiner seinesgleichen auf die Welt gekommen sei in jeglicher Hinsicht, dir ziemt es nicht, ihn zu lästern, denn er ist dein erster Gatte: er erschlug Fafnir und ritt durch die Waberlohe, wo du den König Gunnars zu sehen glaubtest; er lag bei dir und nahm dir von der Hand den Ring Andvaranaut – hier kannst du ihn erkennen!“

Brynhild sah diesen Ring an und erkannte ihn: da erbleichte sie, als wenn sie tot wäre. Brynhild ging heim und sprach kein Wort den Abend über.

Und als Sigurd zu Bett ging, fragte Gudrun: „Warum ist Brynhild so unfroh?“

Sigurd antwortete: „Ich weiß es nicht genau, aber mir ahnt, daß wir es bald etwas genauer erfahren weren.“

Gudrun sagte: „Warum ist sie nicht zufrieden mit ihrem Reichtum und Glück und aller Männer Lobe, und damit, daß sie den Mann erhalten hat, den sie wollte?“

Sigurd antwortete: „Wo war sie, als sie das sagte, daß sie glaubte den berühmtesten Mann zu besitzen oder den, den sie am liebsten haben wollte?“

Gudrun erwiderte: „Ich will morgen danach fragen, wen sie am liebsten haben will.“ Sigurd sprach: „Davon rate ich dir ab – du wirst es bereuen, wenn du es tust.“

Am Morgen saßen sie in ihrer Kammer, und Brynhild war schweigsam. Da sprach Gudrun: „Sei vergnügt, Brynhild – betrübt dich unser Gespräch? Oder was steht deiner Freude entgegen?“

Brynhild erwiderte: „Eitel Bosheit treibt dich zu dieser Frage, du hast ein grimmes Herz.“ „Glaube das nicht,“ sagte Gudrun, „sag es lieber.“

Brynhild antwortete: „Frage allein nach dem, was besser ist für dich zu wissen; das ziemt edlen Frauen. Gut ist es mit Gutem zufrieden zu sein, damit alles nach Wunsche geht.“

Gudrun entgegnete: „Noch ist es zu früh, sich dessen zu rühmen – das hat etwas zu bedeuten, diese deine Prophezeiung. Was wirfst du mir vor?“

Brynhild antwortete: „Das sollst du entgelten, daß du Sigurd hast; ich gönne dir nicht, sein zu genießen noch des vielen Goldes.“

Gudrun erwiderte: „Ich wußte nichts von eurer Vermählung, mein Vater hätte wohl eine Heirat für mich ausersehen können, ohne daß du dabei gefragt wurdest.“

Brynhild entgegnete: „Wir haben keine heimliche Unterredung gehabt, und haben uns doch Eide geschworen. Ihr wußtet, daß ihr mich betroget, und das will ich rächen.“

Gudrun antwortete: „Du bist besser vermählt, als du verdienst, dein Übermut wird nicht zur Ruhe kommen, des werden manche entgelten.“

„Zufrieden würde ich sein,“ sagte Brynhild, „wenn du nicht einen edleren Mann hättest als ich.“

Gudrun antwortete: „Du hast einen so edlen Mann, daß es ungewiß ist, wer der mächtigere König ist, auch hast du genug an Gut und Macht.“

Brynhild erwiderte: „Sigurd fällte Fafnir, und das ist mehr wert als das ganze Reich König Gunnars, wie es im Liede heißt:

Sigurd fällte Fafnir,

Fortan gedenken

Wird man der Tat,

Solange die Welt steht.

Wahrlich, dein Bruder

Wagte weder

Durch die Glut zu bringen

Noch darüber zu steigen.“

Gudrun antwortete: „Grani wollte nicht ins Feuer laufen unter König Gunnar, aber er wagte zu reiten – man darf ihm nicht Mangel an Mut vorwerfen.“

Brynhild erwiderte: „Verhehlen wir es uns nicht: ich traue Grimhild nicht recht.“

Gudrun antwortete: „Tadle sie nicht, denn sie ist gegen dich wie ihre eigene Tochter.“

Brynhild erwiderte: „Sie ist die Urheberin alles Übels, das an uns nagt – sie brachte Sigurd das arglistige Bier, so daß er sich nicht an meinen Namen erinnerte.“

Gudrun antwortete: „Manches verkehrte Wort redest du, und solches ist eine große Lüge.“ Brynhild erwiderte: „Genießet ihr so Sigurds, wie ihr mich nicht betrogen habt! Euer Beisammensein ist ungehörig. Es ergehe euch so, wie ich denke!“

Gudrun antwortete: „Besser werde ich sein genießen, als du wünschen wirst. Keiner kann sagen, daß er sich gut mit mir gestanden hätte, auch nicht ein einziges Mal.“

Brynhild entgegnete: „Übel redest du! Was dir entfährt, wird dich gereuen. Wir wollen uns nicht mit Scheltworten befassen.“

Gudrun antwortete: „Du schleudertest zuerst gegen mich Worte des Hasses; jetzt stellst du dich so, wie wenn du es wieder gut machen wolltest – aber Grimm steckt dahinter.“

„Lassen wir das unnütze Geschwätz,“ sagte Brynhild, „ich schwieg lange von meinem Kummer, der mir in der Brust wohnte: aber ich liebe deinen Bruder allein – beginnen wir ein anderes Gespräch!“

Gudrun antwortete: „Im Herzen bist du ganz anders gesonnen.“

Daraus entstand große Verstimmung, daß sie an den Fluß gegangen waren und daß sie den Ring erkannt hatte – davon kam ihr Wortwechsel.

 

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