Die Saga von den Völsungen - Teil 7

Thule - Altnordische Dichtungen und Prosa
Band 21 - Isländische Heldenromane.

Sigurds Pferd Grani beladen mit dem goldenen Hort

Sigurds Pferd Grani beladen mit dem goldenen Hort

23. Sigurds Aussehen

Darauf ritt Sigurd fort. Sein Schild war so abgebildet: er war überzogen mit rotem Golde, und darauf war gemalt ein Drache, der war dunkelbraun an der obern und schön rot an der untern Hälfte, und auf dieselbe Weise war sein Helm und Sattel und Waffenrock abgebildet. Er trug eine Goldbrünne, und alle seine Waffen waren mit Gold geschmückt. Und deshalb war ein Drache auf allen seinen Waffen abgebildet, daß man, wenn dieser Drache gesehen wird, wissen kann, wer dort reitet, ein jeder von allen denen, die erfahren haben, daß er den großen Drachen erschlug, den die Wäringer Fafnir nennen. Und deshalb waren alle seine Waffen mit Gold geschmückt und braun von Farbe, weil er weit voraus war vor allen andern Männern an ritterlichem Anstand und höfischem Benehmen und fast in allen Dingen. Und wenn alle die stärksten Kämpen und die berühmtesten Häuptlinge aufgezählt werden, da wird er stets als der erste genannt werden, und sein Name geht in allen Sprachen nördlich vom Griechischen Meer, und so wird es bleiben, so lange die Welt steht.

Sein Haar war braun von Farbe, schön anzusehen und fiel in langen Locken herab; sein Bart war dicht, kurz und von derselben Farbe. Er hatte eine hohe Nase und ein breites, starkknochiges Antlitz. Seien Augen waren so scharf, daß wenige wagten ihm unter die Augenbrauen zu blicken. Seine Schultern waren so breit, als ob es die Schultern von zwei Männern wären. Sein Leib war ganz ebenmäßig geschaffen an Höhe und Dicke und auf solche Weise, wie es am besten passte. Es gibt dies Merkzeichen seiner Größe, daß, wenn er sich mit seinem Schwerte Gram umgürtete (und das war sieben Spannen hoch) oder durch ein reifes Roggenfeld ging, der Tauschuh am Schwerte nach unten die emporstehenden Ähren berührte. Seien Stärke war noch größer als sein Wuchs.

Wohl vermochte er mit dem Schwerte anzugreifen, den Speer zu schießen, den Schaft zu werfen, den Schild zu halten, den Bogen zu spannen oder Rosse zu reiten, und mancherlei Ritterschaft lernte er in der Jugend. Er war ein weiser Mann, so daß er noch ungeschehene Dinge voraus wußte; er war vogelsprachkund, und deshalb kamen ihm wenige Dinge unerwartet. Im Reden war er ausführlich und gewandt, er begann nicht von einer Sache zu sprechen, daß er früher aufgehört hätte, als bis es allen schien, wie wenn es nicht anders sein könnte als so, wie er sagte. Und das war seine Lust, seinen Mannen Hilfe zu leisten und sich selbst in Heldentaten zu versuchen, seinen Feinden Gut abzunehmen und es seinen Freunden zu geben. Nie mangelte es ihm an Mut, und niemals kannte er Furcht.

 

24. Sigurd kommt zu Heimir

Sigurd ritt, bis daß er zu einem großen Hofe kam; darüber herrschte ein mächtiger Häuptling, der Heimir hieß. Er hatte Bynhilds Schwester zur Frau, die Bekkhild hieß, denn sie war daheim geblieben und hatte weibliche Handarbeiten gelernt; Brynhild aber trug Helm und Brünne und zog in den Krieg – darum ward sie Brynhild genannt. Heimir und Bekkhild hatten einen Sohn, der Alsvinn hieß, an ritterlichem Anstand alle übertreffend.

Dort spielten Männer draußen; und als sie den Ritt des Helden nach dem Hofe sahen, hörten sie auf mit Spielen und verwunderten sich über den Mann, denn sie hatten noch keinen solchen gesehen; sie gingen ihm entgegen und begrüßten ihn freundlich. Alsvinn bot ihm an, bei ihm zu bleiben und von ihm anzunehmen, was immer er wollte, Sigurd nahm das an. Es wurde angeordnet, daß man ihm in ehrenvollster Weise diente: vier Mann hoben das Gold vom Rosse, der fünfte nahm es in Empfang. Da konnte man manche gute und selten zu sehende Kleinode schauen, und man unterhielt sich damit, Panzer und Helme und große Ringe zu besehen und wunderbar große Goldbecher und Heergeräte aller Art.

Sigurd verweilte hier lange in großen Ehren: bekannt wurde damals diese Heldentat in allen Landen, daß er den furchtbaren Drachen erschlagen hatte. Sigurd und Alsvinn liebten sich sehr, es war ein jeder dem andern hold. Sie unterhielten sich damit, ihre Waffen zuzurüsten, hölzerne Pfeilschäfte zu schnitzen und mit ihren Habichten zu beizen.

 

25. Sigurds Gespräch mit Brynhild

Da war auch heimgekommen zu Heimir Brynhild, seine Pflegetochter: sie saß im Frauengemach mit ihren Mägden, sie hatte mehr Geschicklichkeit denn andre Frauen. Sie überspann ihr Gewebe mit Gold und stickte darauf die Heldentaten, die Sigurd verrichtet hatte: den Tod des Wurmes, die Erwerbung des Hortes und den Tod Regins.

Und eines Tages, so wird erzählt, ritt Sigurd in den Wald mit seinen Hunden und Habichten (Falken) und vielem Gefolge, und als er heimkam, flog ein Habicht auf einen hohen Turm und setzte sich an ein Fenster. Sigurd stieg dem Habicht nach; da sah er ein schönes Weib und erkannte, daß es Brynhild war, und ihn dünkte beides gleich wertvoll, ihre Schönheit und die Arbeit, an der sie stickte.

Er ging in die Halle und wollte keine Unterhaltung mit den Männern haben. Da sprach Alsvinn: „Warum bist du so schweigsam? Dies dein Gebaren härmt mich und deine Freunde – warum kannst du nicht fröhlich sein? Deine Habichte lassen den Kopf hängen und ebenso dein Hengst Grani – wir werden dem nur langsam abhelfen können.“

Sigurd antwortete: „Guter Freund, höre, was ich überlege: mein Habicht floh auf einen Turm, und als ich ihn fing, da sah ich ein schönes Weib; sie saß an einem Teppich mit golden eingewebten Gestalten und stickte darauf meine vergangenen und vollbrachten Taten.“

Alsvinn antwortete „Du hast Brynhild gesehen, Budlis Tochter, die eine große Heldenjungfrau ist.“

Sigurd sprach: „Das wird wahr sein – vor wie langer Zeit kam sie her?“

Alsvinn antwortete: „Kurze Zeit war dazwischen, zwischen ihrer und eurer Ankunft.“

Sigurd sagte: „Das erfuhr ich erst vor wenigen Tagen – diese Frau hat mir am besten gefallen auf der Welt.“ Alsvinn sprach: „Achte nicht nur auf das eine Weib, ein Mann wie du! Übel ist es darum zu bitten, was man nicht erlangen kann.“

„Sie muß ich besuchen“, sagte Sigurd, „und ihr Gold geben, ihre Liebe erlangen und ihre Huld.“

Alsvinn erwiderte: „Kein Mann wurde noch jemals gefunden, dem sie den Platz neben sich gewährt oder Al zu trinken gegeben hätte – an Heerfahrten will sie teilnehmen und Heldentaten vollführen.“

Sigurd antwortete „Wir wissen nicht, ob sie mir antworten wird oder nicht, oder mir einen Platz neben sich gewähren.“

Tags darauf ging Sigurd nach dem Frauengemache, Alsvinn stand draußen vor der Kammer und schäftete seine Pfeile. Sigurd sprach: „Heil dir, Frau! Wie geht es dir?“

Sie antwortete: „Gut geht es mir – Gesippen und Freunde leben. Aber es ist ungewiß, welches Schicksal die Menschen haben bis zu ihrem Todestage.“

Er setzte sich neben sie. Darauf kamen vier Frauen herein mit großen goldenen Tischbechern, gefüllt mit dem herrlichsten Weine und standen vor ihnen.

Da sprach Brynhild: „Dieser Sitz wird wenigen gewährt, außer wenn mein Vater kommt.“ Er antwortete: „Jetzt ist der Sitz dem gewährt, von dem es mir lieb ist, daß er ihn einnimmt.“ Das Zimmer war mit den teuersten Teppichen behängt, und die Dielen ganz mit Decken belegt.

Sigurd sprach: „Nun hat sich das erfüllt, was du mir verhießest.“

Sie antwortete „Du sollst hier willkommen sein.“ Darauf erhob sie sich, und die vier Mägde mit ihr, trat vor ihn mit einem Goldbecher und forderte ihn auf zu trinken.

Er streckte die Hand nach dem Becher aus, ergriff ihre Hand mit und setzte sich neben sie; er faßte sie um den Hals, küßte sie und sprach: „Keine Frau ist schöner geboren als du!“ Brynhild sprach: „Ein kluger Rat ist es, sein Vertrauen nicht auf eine Frau zu setzen und sich dadurch in ihre Gewalt zu begeben, denn sie brechen stets ihre Gelübde.“

Er sprach: „Der Tag käme als der glücklichste über mich, da wir einander genießen könnten.“

Brynhild antwortete: „Es ist nicht bestimmt, daß wir beisammen wohnen: ich bin eine Schildjungfrau und trage den Helm bei Heerkönigen – ihnen will ich zu Hilfe kommen, und nicht ist es mir leid, zu streiten.“

Sigurd antwortete: „Dann wird es uns am bestehen gehen, wenn wir beisammen wohnen; schwerer ist es, den Kummer zu dulden, der damit in Verbindung steht, als scharfe Waffen.“

Brynhild antwortete: „Ich werde die Schar der Heermannen mustern, aber du wirst Gudrun, Gjukis Tochter, heiraten.“

Sigurd sprach: „Mich betrügt keine Königstochter, und nicht bin ich darin wankelmütig; das schwöre ich bei den Göttern, daß ich dich besitzen will oder keine Frau sonst.“

Sie sagte dasselbe. Sigurd dankte ihr für diese Erklärung und gab ihr einen Goldring – sie schwuren sich nun von neuem Eide. Darauf ging er hinweg zu seinen Mannen und war da eine Weile mit großem Ruhme.

 

26. König Gjuki und seine Söhne

Gjuki hieß ein König, er hatte ein Reich südlich am Rhein. Er hatte drei Söhne, die heißen: Gunnar, Högni und Gutthorm; Gudrun hieß seine Tochter, sie war die berühmteste Jungfrau. Diese Kinder ragten weit über andre Königskinder an jeglicher Tüchtigkeit, an Schönheit und an Wuchs. Sie waren immer auf Heerfahrten und vollbrachten manche rühmliche Tat. Gjuki hatte zur Gemahlin die zauberkundige Grimhild.

Budli hieß ein König, der war mächtiger als Gjuki, obwohl doch beide mächtig waren. Atli hieß Brynhilds Bruder; der war ein grimmer Mann, groß und schwarzhaarig und doch ansehnlich, der größte Krieger.

Grimhild war ein grimm gesinntes Weib. Die Macht der Gjukunge stand in großer Blüte, und zumal durch Gjukis Kinder, die die meisten weit überragten.

Einmal sagte Gudrun zu ihren Mägden, daß sie nicht froh sein könnte. Eine Frau fragte sie, was sie traurig machte. Sie antwortete: „Ich hatte unglückliche Träume; darum ist mir Harm im Herzen – deute mir den Traum, nach dem du fragst.“

Die Frau erwiderte: „Sag es mir und ängstige dich nicht, denn stets hat man vor Stürmen Träume.“

Gudrun antwortete: „Dies bedeutet keinen Sturm. Mir träumte, daß ich einen schönen Habicht auf meiner Hand sah, seine Federn waren von goldiger Farbe.“

Die Frau sagte: „Viele haben von deiner Schönheit, Klugheit und feinen Sitten gehört – ein Königsohn wird um dich werben.“

Gudrun sagte: „Kein Ding dünkte mich besser als dieser Habicht, und all mein Gut wollte ich lieber lassen als ihn.“

Die Frau sagte: „Der, den du erhältst, wird sehr tüchtig sein, und du wirst ihn von Herzen lieben.“

Gudrun antwortete: „Das bekümmert mich, daß ich nicht weiß, wer er ist – wir wollen Brynhild besuchen, sie wird es wissen.“

Sie schmückten sich mit Gold und großer Pracht und fuhren mit ihren Mägden, bis daß sie nach der Halle Brynhilds kamen. Diese Halle war geschmückt mit Gold und stand auf einem Berge. Als ihre Fahrt wahrgenommen wurde, da ward Brynhild gesagt, daß viele Frauen nach der Burg führen mit vergoldeten Wagen. „Das wird Gudrun sein, Gjukis Tochter,“ sagte Brynhild, „denn mir träumte von ihr diese Nacht – gehn wir hinaus ihr entgegen.“

Sie gingen hinaus ihr entgegen und begrüßten sie freundlich. Dann gingen sie hinein in die Halle: der Saal war innen bemalt und reich mit Silber geschmückt, Teppiche waren ihnen unter die Füße gebreitet, und alle dienten ihnen; sie hatten mancherlei Spiele. Gudrun aber war wortkarg. Brynhild sprach: „Warum kannst du dich nicht freuen? Tu nicht also, sondern wir wollen uns allesamt vergnügen und von mächtigen Königen sprechen und ihren Heldentaten.“

„Tun wir das!“ sprach Gudrun. „Welche Könige sind dir als die vortrefflichsten bekannt?“ Brynhild antwortete: „Die Hamunds- Söhne Haki und Hagbard; sie vollbrachten manche ruhmvolle Tat auf Heerfahrt.“

Gudrun antwortete: „Groß waren sie und berühmt, aber doch raubte Sigar ihre Schwester und verbrannte andre im Hause, und säumig sind sie es zu rächen. Aber warum nennst du nicht meiner Brüder, die jetzt die trefflichsten Männer zu sein scheinen?“

Brynhild antwortete: „Das ist zu erwarten, doch noch sind sie nicht genug erprobt, und ich weiß, daß einer sie weit übertrifft: das aber ist Sigurd, Sigmunds Sohn. Er war damals noch ein Kind, als er erschlug die Söhne Hundings und rächte seinen Vater und Eylimi, seiner Mutter Vater.“

Gudrun sagte: „Was ist davon zu erzählen?“ Sagst du, daß er geboren sei, als sein Vater fiel?“

Brynhild antwortete: „Seine Mutter ging auf die Walstatt, fand König Sigmund verwundet und erbot sich, seine Wunden zu verbinden; er aber sagte, er sei zu alt, um ferner zu streiten, und hieß sie sich damit trösten, daß sie den trefflichsten Sohn gebären würde, und die Vermutung eines Weisen erweis sich da als Prophezeiung. Nach dem Tode König Sigmunds fuhr sie mit König Alf, dort wurde Sigurd auferzogen mit großen Ehren, er vollbrachte viele Heldentaten an jedem Tage und ist der berühmteste Mann auf der Welt.“

Gudrun sprach: „Aus Liebe hast du Nachforschungen nach ihm angestellt – aber dazu kam ich hierher, dir meine Träume zu sagen, die mir große Unruhe bereiten.“

Brynhild erwiderte: „Laß dich solches nicht ängstigen. Weile bei deinen Gesippen, die alle dich erfreuen wollen.“

 

27. Gudruns Traum wird von Brynhild gedeutet

„Es träumte mir,“ sagte Gudrun, „daß wir mehrere zusammen aus der Kammer gingen und sahen einen stattlichen Hirsch, der überragte weit andere Tiere; sein Fell war von Golde – wir wollten alle das Tier fangen, aber ich allein erreichte es; das Tier dünkte mich besser als alle andern Dinge – da erschossest du das Tier mir vor dem Schoß, und das war mir ein so großer Harm, daß ich ihn kaum zu ertragen vermochte. Darauf gabst du mir einen jungen Wolf, der bespritzte mich mit dem Blute meiner Brüder.“

Brynhild erwiderte: „Ich werde weissagen, wie es später gehen wird: zu euch wird Sigurd kommen, den ich mir zum Manne erkor; Grimhild gibt ihm truggemischten Met der uns alle in großen Streit bringt. Du wirst ihn besitzen, aber schnell ihn verlieren. Du wirst König Atli zum Gemahl haben – deine Brüder wirst du verlieren, und dann wirst du Atli erschlagen.“

Gudrun antwortete: „Übermächtiger Kummer ist es mir, solches zu wissen.“ Dann reisten sie ab, heim zu König Gjuki.

 

Diesen Artikel weiter empfehlen …. href="http://www.manfrieds-trelleborg.de"

Zum Teil 8 oder zum Inhaltsverzeichnis der Völsungen-Saga

 

5,542,428 eindeutige Besuche

Top Zum Seitenanfang