Die Saga von den Völsungen - Teil 6

Thule - Altnordische Dichtungen und Prosa
Band 21 - Isländische Heldenromane.

Sigurd tötet Regin

Sigurd tötet Regin

19. Regin trinkt Fafnirs Blut

Darauf kam Regin zu Sigurd und sprach: „Heil, mein Herr, großen Sieg hast du erstritten, da du Fafnir gefällt hast; ihm gegenüber war bisher keiner so kühn, daß er auf seinem Wege zu sitzen wagte, und diese Heldentat wird im Gedächtnis fortleben, solange die Welt steht.“

Nun stand Regin auf und sah lange Zeit zur Erde nieder, dann sagte er in großer Erregung: „Meinen Bruder hast du erschlagen, und schwerlich bin ich selbst schuldlos an dieser Tat.“

Da nahm Sigurd sein Schwert Gram, wischte es am Grase ab und sagte zu Regin: „Weit fort schlichst du, als ich diese Tat vollbrachte; ich versuchte dies scharfe Schwert mit meiner Hand, meine Kraft setze ich wider des Wurmes Macht, während du dich im Heidekraut verkochst und Himmel und Erde nicht unterscheiden konntest.“

Regin antwortete: „Dieser Wurm hätte lange liegen können in seiner Behausung, wenn du das Schwert nicht benutzt hättest, das ich dir schuf mit meiner Hand – weder du hättest das vollbracht noch ein andrer.“

Sigurd entgegnete: „Wo Tapfere sich treffen zum Streite, da ist dem Manne Mut mehr wert als sein scharfes Schwert.“

Da sagte Regin zu Sigurd in schwerem Kummer: „ Du hast meinen Bruder erschlagen, und schwerlich bin ich selbst schuldlos an dieser Tat.“

Darauf schnitt Regin das Herz aus dem Wurme mit dem Schwerte, das Ridil hieß. Da trank Regin Fafnirs Blut und sprach: „Gewähre mir eine Bitte, die leicht auszuführen ist: geh zum Feuer mit dem Herzen, brat es und bring es mir zum Essen.“

Sigurd ging und briet das Herz am Spieße, und als der Saft herausquoll, rührte er mit seinem Finger daran und probierte, ob es schon gebraten wäre. Er verbrannte sich und steckte den Finger in seinen Mund; und als das Herzblut des Wurms ihm an die Zunge kam, da verstand er die Vogelsprache.

 

20. Sigurd ißt das Drachenherz

Er hörte, wie Meisen im Gezweig neben ihm zwitscherten: „Da sitzt Sigurd und brät Fafnirs Herz. Das sollte er selber essen, dann würde er weiser als irgendwer“.

Die zweite Meise sang: „Da liegt Regin und will den betrügen, der ihm traut.“

Die dritte sang: „Er haue das Haupt ihm ab, dann mag er allein mit den vielen Schätzen schalten.“

Da sang die vierte: „Da würde er weiser, wollte er nützen den guten Rat, den ihr ihm gegeben hattet, ritte darauf zum Lager Fafnirs, nähme das viele Gold, das dort liegt, und ritte sodann hinauf nach Hindarfjall, wo Brynhild schläft – dort wird er große Weisheit lernen. Dann wäre er weise, wenn er euren Rat befolgte und auf seinen Vorteil sänne – da erwarte ich den Wolf, wo ich seine Ohren sah.“

Da sang die fünfte: „Nicht ist er so weise, wie ich bisher wähnte, wenn er seiner schont, nachdem er vorher seinen Bruder gefällt hat.“

Da sang die sechste: „Das wäre ein richtiger Rat, wenn er ihn erschlüge und allein des Hortes waltete.“

Da sagte Sigurd zu sich selbst: „Das Unheil soll nicht eintreten, daß Regin mir das Leben raubt. Lieber sollen beide Brüder denselben Weg gehen.“ Er zückte das Schwert Gram und hieb Regin das Haupt ab. Darauf aß er einen Teil des Herzens des Wurmes, aber etwas verwahrte er.

Sodann schwang er sich auf sein Roß, ritt er Spur Fafnirs nach, bis zu seiner Höhle und fand, daß sie offen war: alle Türen waren von Eisen, ebenso alle Türgerüste, von Eisen waren auch alle Pfeiler im Hause, und dieses stand ganz in der Erde. Sigurd fand da eine große Menge Goldes und das Schwert Hrotti, er nahm da den Schreckenshelm und die Goldbrünne und viele Kostbarkeiten. Er fand da so viel Gold, daß ihm wahrscheinlich schien, daß zwei oder drei Rosse nicht mehr auf ihrem Rücken würden tragen können. Er nahm alles Gold und tat es in zwei große Kisten. Darauf nahm er das Roß Grani beim Zügel, aber das Roß wollte nicht gehen, und es nützte nichts, es anzuspornen. Da merkte Sigurd, was der Hengst wollte; er schwang sich auf seinen Rücken und gab ihm die Sporen: da rannte das Roß, wie wenn es ohne Bürde wäre.

 

21. Sigurd und Brynhild

Sigurd ritt weite Wege, bis daß er hinauf zum Hindarfjall kam, und wandte sich südwärts nach Frankenland. Auf dem Berge sah er vor sich ein großes Licht, wie wenn ein Feuer brennte, und der Schein ging davon bis zum Himmel empor. Als er aber herankam, stand vor ihm eine Schildburg, und über ihr flatterte eine Fahne. Sigurd ging durch den Schildzaun und sah, daß da ein Mensch schlief und lag in voller Rüstung. Er nahm ihm zuerst den Helm vom Haupte und sah, daß es ein Weib war: sie war im Panzer, und der saß so fest, wie wenn er ans Fleisch festgewachsen wäre. Da schlitzte Sigurd die Brünne durch oben von der Halsöffnung an bis ganz hernieder und ebenso die beiden Ärmel entlang, sie wurde zerschnitten wie ein Kleid. Sigurd sagte, sie habe gar lange geschlafen.

Sie fragte, was so stark gewesen wäre, daß es die Brünne zerschnitt „und meinen Schlaf brach? Sigurd wird hergekommen sein, Sigmunds Sohn, der den Helm Fafnirs hat und seinen Töter in der Hand?“

Sigurd antwortete: „Der ist vom Geschlecht der Völsunge, der diese Tat vollbracht hat, und das habe ich gehört, daß du eines mächtigen Königs Tochter bist; ebenso ist mir erzählt worden von deiner Schönheit und Weisheit, das will ich jetzt erproben.“

Brynhild antwortete: „Zwei Könige kämpften gegen einander; der eine hieß Hjalmgunnar, er war alt und der tapferste Krieger, und Odin hatte ihm den Sieg verheißen; der andere hieß Agnar oder Andabrodir. Ich fällte Hjalmgunnar im Kampfe, Odin aber stach mich mit dem Schlafdorn zur Strafe dafür und sagte, daß ich nimmer fortan Sieg im Kriege erkämpfen sollte, und er gebot, daß ich mich vermählen sollte. Ich aber tat ein Gelübde dagegen, mich keinem solchen zu vermählen, der sich fürchten könnte.

Sigurd sprach: „Erteile mir Rat zu hohen Dingen.“

Sie antwortete: „Du wirst der Weisere sein – doch gern will ich dich lehren, wenn unter dem, was ich an Runen weiß oder andern Dingen, die zu jeder Sache nützlich sind, etwas ist, das dir gefallen möchte. Laß uns beide zusammen trinken: mögen die Götter uns einen guten Tag geben, daß dir werde Nutzen und Ruhm von meiner Weisheit her und du dich später dessen erinnerst, was wir reden.“ Brynhild füllte einen Becher, brachte ihn Sigurd dar und sprach:

„Bier ich bringe dir,

Brünnenthings Walter!

Mit Stärke gemischt

Und stolzem Ruhm;

Gewürzt mit Weisheit

Und Wundsegen,

Mit Zauberliedern

Und Liebeszeichen.

Siegrunen sollst du kennen,

Wenn du klug willst sein,

Grab’ in des Schwertes Griff sie,

In Rinne und Rücken.

Zu Tyr zu rufen

Zweimal, zaudere nicht!

Brandungsrunen sollst du brauchen,

Wenn du willst geborgen haben

Auf der See die Segelrosse;

In das Steuer die Stäbe,

Ins Ruder brenne die Runen,

Nicht so schwer ist die Sturzsee,

So schwarz nicht ihr Schwall,

Die Landung gelingt dir doch sicher.

Rederunen sollst du kennen,

Dann erreichst du, daß keiner

Mit Haß vergilt dir Harm;

Die winde man,

Die webe man,

Die setze man alle zusammen

Auf der Landgemeinde,

Wenn die Leute sollen

Zu gerechten Gerichten reiten.

Älrunen sollst du kennen,

Soll die Frau eines andern

Nicht trügen dich, wenn du traust,

Ins Trinkhorn sie ritze,

Auf den Rücken der Hand,

Auf das Nagelzeichen „Not“.

Den Becher sollst du segnen,

Vor Bösem dich hüten

Und tu in den Trank Lauch;

Das weiß ich gewiß,

Dir wird dann auch niemals

Mit Gift gemischt der Met.

Bergerunen sollst du lernen;

Beim Gebären zu helfen

Und Frau’n von der Frucht zu befreien;

Schreib in die Hand sie,

Umschling dann die Kranke,

Hohe Frauen bitte um Beistand.

Astrunen sollst du kennen,

Wenn du Arzt willst werden,

Und Wunden, die schlimm sind, beschauen,

In die Borke und Blätter

Des Baumes sie ritze,

Dessen Äste sich neigen nach Osten.

Denkrunen sollst du lernen,

Wenn du allen Degen

Überlegen sein willst an List,

Die erriet,

Die ritze ein

Hropt, der sie ersann.

Auf den Stahlschild sind sie geritzt,

Der steht vor dem strahlenden Gott,

Auf Arvaks Ohr

Und auf Alsvinns Huf,

Auf dem Rade, das rollt

Unter Rögnirs Wagen,

Auf Sleipnirs Gebiß

Und des Schlittens Bindebalken.

Auf des Bären Pranke

Und Bragis Zunge,

Auf den Klauen des Wolfs,

Des Adlers Krummschnabel

Und blutigen Schwingen,

und aufs Ende der Brücke,

Auf erlösende Hand

Und heilende Fußspur.

Auf Glas und auf Gold

Und auf gutes Silber,

in Bier und in Wein

Und der Völva Sitz,

Auf Gungnirs Spitze

Und Granis Brust,

Am Nagel der Norne

Und der Nachteule Schnabel.

Abgeschabt waren alle,

Die eingeritzt waren,

Und mit heiligem Met gemischt

Und gesandt in die weite Welt;

Die sind bei den Elben,

Die bei den Asen

Und die bei den weisen Vanen,

Und manche haben die Menschen.

Das sind die Buchenrunen

Und Bergerunen

Und alle Alrunen

Und köstlichen Kraftrunen,

Dem der sie ungeirrt Und unverwirrt

Sich zum Heile hat. Nütze, was du vernommen,

Bis die Götter vergehen.“

Sigurd antwortete:

„Wählen jetzt sollst du,

Die Wahl steht dir frei,

Scharfer Schwerter-Baum!

Neigen oder Schweigen

Entscheide du selbst,

Jedes Wort ist wohl erwogen.

Nicht werde ich fliehn,

Weißt du auch todgeweiht mich,

Ich bin nicht als Banger geboren;

Den Besitz deiner Liebe

Soll ich genießen,

So lange wie ich lebe.“

 

22. Brynhilds weise Ratschläge

Sigurd sagte: „Nimmer findet sich eine weisere Frau in der Welt, als du bist, lehre mich noch mehr klugen Rat!“ Sie antwortete: „Deinem Wunsche kann gewillfahrt und dir freundschaftlicher Rat erwiesen werden, wegen deiner Wißbegier und wegen deines Drangs nach Weisheit.“ Da begann sie:

 

„Sei gut zu deinem Verwandten und räche nicht Feindseligkeiten an ihnen, sondern trag sie mit Geduld, und du erlangst davon langwährendes Lob.

Nimm dich in acht vor Bösem, verführe kein Mädchen und keines Mannes Frau, davon kommt oft Unheil.

Werde nicht uneinig mit Toren auf dem Thing, das von vielen Menschen besucht ist: sie schwatzen oft Schlimmeres nach, als sie wirklich wissen, und du wirst sofort für einen Feigling erklärt, und es wird geglaubt, daß du mit Recht beschuldigt seist –töte ihn am andern Tage und lohne so seine Lüge.

Wenn du einen Weg fährst, wo arge Unholde wohnen, hüte dich: nimm nicht Herberge dicht an der Straße, wenn auch die Nacht dir nahe ist, denn oft hausen da arge Unholde, die die Menschen irre führen. Laß dich nicht schöne Frauen betrügen, wenn du sie auch bei Festen siehst, so daß es dir den Schlaf raubt oder du davon Herzenskummer erhältst – locke sie nicht an dich mit Küssen oder andrer Freundlichkeit.

Wenn du törichte Worte trunkener Männer hörst, so hadere nicht mit ihnen, während sie weintrunken sind und ihre Sinne nicht beisammen haben – solches bringt dem einen groß Elend, dem andern Tod.

Lieber ficht mit deinen Feinden, als daß du dich im Feuer verbrennen läßt.

Und schwör keinen falschen Eid, denn grimmige Rache folgt dem Friedensbruche. Handle nicht lieblos an Leichen Siechtoter, Seetoter oder durch Waffen Getöteter – bestatte Verstorbene sorgfältig!

Traue nicht dem, dem du zuvor den Vater getötest hast oder den Bruder oder einen andern nahen Verwandten, wenn er auch noch jung ist – oft erwächst dir ein Wolf in einem Waisenkind.

Sei auf der Hut vor verräterischen Ränken deiner Freunde. Zwar kann ich wenig von deinem Leben voraussehen – doch sollte nicht Haß von Schwägern über dich kommen!“

 

Sigurd sprach: „Einen gescheitern Menschen als dich gibt es nicht. Und das schwöre ich, daß ich dich zur Frau haben will, du bist nach meinem Herzen.“

Sie antwortete: „Dich will ich am liebsten haben, und hätt´ ich unter allen Männern zu wählen.“ Und dies bekräftigten sie mit Eiden untereinander.

 

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