Die Saga von den Völsungen - Teil 2

Thule - Altnordische Dichtungen und Prosa
Band 21 - Isländische Heldenromane.

Der rechte Flügel des Sigurd Portals aus der Stabkirche in Hylestad

Der rechte Flügel des Sigurd Portals aus der Stabkirche in Hylestad

5. Tod König Völsungs und seiner Söhne. Sigmunds Errettung.

Nun ist von König Völsung und seinen Söhnen zu sagen, daß sie zur festgesetzten Zeit gen Gautland reisten zum Gastgebote König Siggeirs, ihres Schwagers. Sie fuhren vom Lande mit drei Schiffen, und diese waren alle wohlbemannt. Sie hatten eine recht glückliche Fahrt und kamen mit ihren Schiffen nach Gautland; da war es spät am Abend.

Denselben Abend kam Signy, König Völsungs Tochter, rief ihren Vater und ihre Brüder zum Zwiegespräche und sagte ihnen König Siggeirs Absicht, daß er ein unüberwindliches Heer zusammengezogen habe, „und sinnt Verrat wider euch. Nun bitte ich euch,“ fuhr sie fort, „daß ihr sogleich wieder in euer Reich reist, sammelt soviel Mannen wie möglich, kehrt sodann hierher zurück und rächt euch selbst; gehet nicht in diese Gefahr, denn nicht entrinnt ihr seinem Verrate, wenn ihr nicht zu dieser List greift, zu der ich euch auffordere.“

Da erwiderte König Völsungen: „Davon wird alle Welt rühmend reden, daß ich noch ungeboren ein Wort sprach und das Gelübde tat, daß ich weder Feuer noch Eisen aus Furcht fliehen wollte, und so habe ich bisher gehandelt – warum sollte ich es nicht auch im hohen Alter tun? Nimmer sollen die Jungfrauen meinen Söhnen bei den Spielen vorwerfen, daß sie den Tod fürchteten; denn einmal muß jeder sterben, und keiner kann dem entgehen, daß er einmal sterbe. Darum ist mein Rat, daß wir keineswegs fliehen, sondern unsere Hände so kühn wie möglich gebrauchen. Hundertmal habe ich in der Feldschlachtgefochten, und habe bald mehr Heervolk gehabt, bald minder, immer doch hab ich den Sieg erzwungen – niemals soll das bekannt werden, daß ich fliehe oder um Frieden bitte.“

Da weinte Signy bitterlich und bat, daß sie nicht zu König Siggeir zurückkehren brauchte. König Völsung antwortete: „Sicherlich sollst du zu deinem Manne heimfahren und bei ihm bleiben, wie es uns auch ergeht.“

Da ging Signy heim, sie aber blieben die Nacht über zurück bei den Schiffen. Am Morgen aber, als der Tag anbrach, hieß König Völsung alle seine Mannen aufstehen, hinauf aufs Land gehen und sich zum Kampfe fertig machen. Nun gingen sie alle in voller Rüstung hinauf aufs Land und hatten nicht lange zu warten, bis daß König Siggeir kam mit seinem ganzen Heere. Da entbrannte zwischen ihnen die härteste Schlacht. Der König ermunterte selber zum Angriff aufs härteste, und so wird erzählt, daß König Völsung und seine Söhne achtmal an dem Tage die Schlachtordnung König Siggeirs durchbrachen und nach beiden Seiten schlugen. Und als sie dachten nochmals so durch die feindliche Schar zu fahren, da fiel König Völsung inmitten seiner Schlachtordnung, und sein ganzes Gefolge mit ihm außer seinen zehn Söhnen; denn eine weit größere Übermacht stand ihnen gegenüber, als daß sie ihr hätten Widerstand leisten können. Da wurden alle seine Söhne gefangengenommen, in Bande geschlagen und fortgeführt.

Signy ward gewahr, daß ihr Vater erschlagen war, ihre Brüder gefangengenommen und zum Tode bestimmt. Da rief sie König Siggeir zum Zwiegespräch und sagte:

„Darum will ich dich bitten, daß du meine Brüder nicht so bald töten lässest; laß sie lieber in den Stock setzen. Es geht mir, wie es im Sprichwort heißt, daß das Auge zufrieden ist, solange es den Anblick hat; ich bitte dich deshalb nicht länger für sie, weil ich glaube, daß es mir nichts nützen werde.“

Da antwortete Siggeir: „Toll bist du und töricht, daß du für deine Brüder ein größeres Übel erbittest, denn daß sie erschlagen werden. Doch dein Wunsch sei dir gewährt, desto besser scheint es mir, je Schlimmeres sie erdulden und je längere Todesqualen sie erleiden.“

Er gebot zu tun, um was sie gebeten: ein mächtiger Baumstamm wurde genommen und den zehn Brüdern an einer Stelle im Walde an die Füße gelegt. Dort saßen sie den ganzen Tag bis zur Nacht. Aber um Mitternacht kam eine alte Wölfin dorthin zu ihnen, wo sie im Block saßen, die war groß und grausig anzusehen; es ereignete sich, daß sie einen von ihnen zu Tode biß, sodann fraß sie ihn völlig auf und ging dann fort. Aber am Morgen darauf sandte Signy zu ihren Brüdern einen Mann, dem sie am meisten vertraute, um zu erfahren, was geschehen wäre. Und als er zurückkam, berichtete er ihr, daß einer von ihnen tot wäre. Schrecklich schien es ihr, wenn alle auf diese Art sterben sollten, aber helfen konnte sie ihnen nicht.

Kurz ist davon zu berichten: neun Nächte hintereinander kam dieselbe Wölfin um Mitternacht und biß sogleich einen von den Brüdern zu Tode, bis sie alle tot waren, nur Sigmund allein war noch übrig. Und nun ehe die zehnte Nacht nahte, sandte Signy ihren Vertrauten zu ihrem Bruder Sigmund, gab ihm Honig in die Hand und sagte, er solle den auf Sigmunds Antlitz streichen und ihm etwas davon in den Mund stecken. Da ging er zu Sigmund, tat wie ihm geboten war und kehrte dann wieder zurück. In der nächsten Nacht kam dieselbe Wölfin nach ihrer Gewohnheit und gedachte ihn zu Tode zu beißen wie seine Brüder. Aber da bekam sie Witterung von ihm, wo er mit Honig bestrichen war, leckte sein ganzes Antlitz mit ihrer Zunge und steckte ihm sodann die Zunge in den Mund. Sigmund ließ sich nicht erschrecken und biß die Wölfin in die Zunge; sie sträubte sich heftig, zog und zerrte und stemmte die Füße in den Stock, so daß er ganz auseinander barst. Er aber hielt so fest, daß der Wölfin die Zunge an der Wurzel herausgerissen wurde und sie davon den Tod erlitt.

Aber das erzählen einige Leute, daß diese Wölfin König Siggeirs Mutter gewesen sei, und daß sie diese Gestalt angenommen habe durch Hexerei und Zauberkunst.

 

6. Signys Söhne

So war Sigmund frei geworden, da der Stock zerbrochen war, und hielt sich nahebei im Walde auf. Abermals sandte Signy, um zu erfahren, was geschehen sei und ob Sigmund lebe. Und als die Boten kamen, erzählte er ihnen die ganze Begebenheit, wie sie sich zugetragen hatte mit ihm und der Wölfin. Da kehrten sie zurück und sagten Signy, was geschehen sei.

Da ging sie zu ihrem Bruder, und sie fassten den Beschluß, daß er sich dort im Walde ein Erdhaus bauen sollte. Es ging so eine Zeitlang, daß Signy ihn dort verbarg und ihm das gab, dessen er bedurfte. König Siggeir aber wähnte, daß alle Völsunge tot wären.

König Siggeir hatte zwei Söhne mit seiner Frau, und es wird von ihnen erzählt, daß Signy, als sein ältester Sohn zehn Winter alt war, ihn zu Sigmund sandte, damit er ihm Hilfe leisten sollte, wenn er etwas unternehmen wollte, um seinen Vater zu rächen. Der Knabe ging in den Wald und kam spät gegen Abend zu Sigmunds Erdhütte. Der nahm ihn nach Gebühr wohl auf und sagte, daß er ihr Brot zubereiten sollte, „ich aber“, sagte er, „will Brennholz suchen“; er gab ihm einen Mehlbeutel in die Hand und ging selbst Holz zu suchen. Als er aber zurückkam, hatte der Knabe nichts zur Brotbereitung getan. Da fragte Sigmund, ob das Brot fertig wäre. Er antwortete: „Ich wagte nicht, den Mehlbeutel anzufassen, denn es lag etwas Lebendiges im Mehle.“ Da glaubte Sigmund zu wissen, daß dieser Knabe nicht so beherzt wäre, daß er ihn bei sich behalten möchte. Als nun die Geschwister Sigmund und Signy zusammenkamen, sagte Sigmund, es wäre ihm nicht damit geholfen, wenn der Knabe bei ihm bliebe. Signy erwiderte: „Nimm ihn denn und töte ihn; er braucht dann nicht länger zu leben“; so tat er. Nun verging dieser Winter; einen Winter darauf sandte Signy ihren jüngsten Sohn zu Sigmund; aber es ist nicht nötig, die Sache lang auszuspinnen. Es erging ebenso, daß er diesen Knaben auf Signys Rat tötete.

 

7. Signy empfängt Sinfjötli

Es wird erzählt, daß einmal, als Signy in ihrem Frauengemach saß, zu ihr ein überaus zauberkundiges Hexenweib kam. Da redete Signy mit ihr: „Ich wollte, daß wir die Gestalten vertauschten.“ Die Zauberin sagte: „Du hast darüber zu bestimmen.“ Darauf richtete sie es mit ihren Künsten so ein, daß sie die Gestalten vertauschten; die Zauberin setze sich auf ihren Rat an Signys Platz und legte sich abends zu dem König ins Bett, und er merkte nicht, daß Signy nicht bei ihm war. Nun ist von Signy zu erzählen, daß sie nach der Erdhütte zu ihrem Bruder ging und ihn bat, ihr Herberge über Nacht zu gewähren, „denn ich habe mich draußen im Walde verirrt und weiß nicht, wo ich mich befinde.“ Er sagte, sie könne dableiben, er wolle ihr als einer alleinstehenden Frau die Herberge nicht versagen, und er glaube zu wissen, daß sie nicht damit die gute Aufnahme lohnen werde, daß sie ihn verriete. Nun ging sie hinein in die Herberge zu ihm, und sie setzten sich zum Essen; er blickte sie oft unwillkürlich an, und sie dünkte ihn hold und schön. Als sie aber satt waren, da sagte er zu ihr, er wolle, daß sie in der Nacht das Lager teilten; sie sträubte sich nicht dagegen, und er nahm sie drei Nächte hintereinander zu sich. Darauf begab sie sich zu der Zauberin und bat, daß sie die Gestalten wieder austauschten, und so tat sie.

Und als die Stunde gekommen war, gebar Signy einen Knaben; der Knabe ward Sinfjötli genannt; und als er aufwuchs, war er beides, groß und stark und schön von Aussehen und recht nach Art der Völsunge. Er war noch nicht zehn volle Winter, als Signy ihn zu Sigmund nach der Erdhütte sandte. Sie hatte mit ihren früheren Söhnen, ehe sie die zu Sigmund schickte, die Probe gemacht, daß sie ihnen den Rock an die Arme zugleich mit Haut und Fleisch nähte – sie konnten das nicht aushalten und schrien darüber. Ebenso verfuhr sie mit Sinfjötli, er sträubte sich nicht dagegen. Sie zog ihm das Wams aus, so daß die Haut mit den Ärmeln mitgerissen wurde, und meinte, er empfände wohl Schmerz dabei. Er aber entgegnete: „Solches erscheint einem Völsung wenig schmerzlich.“

Und nun kam der Knabe zu Sigmund. Da gebot ihm Sigmund, aus ihrem Mehle Brot zu kneten, er aber wollte Brennholz für sie holen, gab ihm einen Beutel in die Hand und ging dann in den Wald. Als er zurückkam, da war Sinfjötli fertig mit dem Backen. Da fragte Sigmund, ob er etwas in dem Mehle gefunden hätte.

„Ich bin nicht ohne Verdacht,“ antwortete er, „daß etwas Lebendiges im Mehle gewesen ist, als ich zuerst anfing zu kneten, aber ich habe mit hineingeknetet, was darin war.“ Sigmund sprach und lachte: „Ich meine, du wirst heute Abend keine Mahlzeit haben von diesem Brote, denn du hast eine große Giftschlange mit hineingeknetet.“ Sigmund war so stark, daß er Gifte essen konnte, ohne daß es ihm im geringsten schadete; Sinfjötli aber vermochte es nur, daß das Gift ihm von außen kam, doch nicht vermochte er es zu essen oder zu trinken.

 

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