Die Saga von den Völsungen - Teil 1

Thule - Altnordische Dichtungen und Prosa
Band 21 - Isländische Heldenromane.

Der linke Flügel des Sigurd Portals aus der Stabkirche in Hylestad

Der linke Flügel des Sigurd Portals aus der Stabkirche in Hylestad

1. Siggi und Rerir

Hier wird angefangen und erzählt von dem Manne, der Sigi genannt war, und es wird von ihm gesagt daß er Odins Sohn hieß. Ein anderer Mann wird in der Geschichte erwähnt, der Skadi hieß, er war mächtig, stark und tüchtig, aber doch war Sigi von ihnen der mächtigere und vornehmeren Geschlechts, wie die Menschen in jener Zeit sagten. Skadi hatte einen Knecht, der kurz in der Geschichte zu erwähnen ist, er hieß Bredi; er war verständig in dem, was er anfangen sollte; er besaß Fertigkeiten und Geschicklichkeiten in demselben Maße wie die, die sich bedeutender dünkten, oder noch etwas mehr als manche.

Das muß nun erzählt werden, daß Sigi einmal auf die Jagd ging, und der Knecht mit ihm, und sie jagten den ganzen Tag bis zum Abend. Aber als sie am Abend ihre Beute zusammenbrachten, da hatte Bredi weit mehr und größeres erjagt als Sigi, was ihm übel gefiel, und er sagte, er wundere sich, daß ein Knecht ihn im Waidwerk übertreffen sollte, lief deshalb auf ihn zu und erschlug ihn, dann verbarg er die Leiche in einer Schneewehe.

Darauf kam er am Abend heim und sagte, daß Bredi im Walde von ihm geritten wäre, „und er war mir auf einmal aus den Augen, und ich weiß nichts von ihm“. Skadi beargwöhnte Sigis Aussage und vermutete, es würde Trug von ihm sein, und Sigi würde ihn wohl erschlagen haben. Er besorgte Leute, ihn zu suchen, und das Suchen endete damit, daß sie ihn in einem Schneehaufen fanden. Skadi sagte, daß man diese Schneewehe fortan Bredis Schneewehe nennen sollte. Das hält man seitdem so und nennt jede Schneewehe so, die groß ist.

Da kam es aus, daß Sigi den Knecht erschlagen und den Ermordeten versteckt hatte, und man nannte ihn Wolf an der Weihestätte, und er durfte jetzt nicht in der Heimat bleiben bei seinem Vater.

Odin geleitete ihn daher aus dem Lande fort, so lange Wege, daß es sehr weit war, und nicht eher ließ er ab, als bis er ihm zu Heerschiffen verhalf. Nun begann Sigi sich auf Heerfahrten zu legen mit dem Gefolge, das ihm sein Vater gegeben hatte, ehe sie schieden, und er war siegreich auf seinen Heerfahrten. So ging es mit seiner Sache, daß er sich schließlich auf dem Plünderungszuge Land und Reich erwarb. Darauf nahm er sich eine vornehme Frau und ward ein mächtiger, starker und tüchtiger König; er herrschte über Hunenland und war ein gewaltiger Krieger. Er hatte mit seiner Frau einen Sohn, der hieß Rerir; er wuchs da auf bei seinem Vater und ward bald groß von Wuchs und tüchtig.

Nun wurde Sigi ein alter Mann an Jahren. Er hatte viele Feinde, so daß ihn endlich die angegriffen, denen er am meisten traute, und das waren die Brüder seiner Frau. Sie ließen ihn überfallen, als er es am wenigsten vermutete und nur ein kleines Gefolge bei sich hatte, und überwältigten ihn durch ihre Übermacht – in diesem Kampfe fiel Sigi mit seinem ganzen Hofgesinde.

Sein Sohn Rerir war nicht in dieser Gefahr, und er empfing ein so großes Heer von seinen Freunden und Landeshäuptlingen, daß er sich beides, Land und Königtum, nach seinem Vater Sigi zueignete; und als er glaubte, in seinem Reiche festen Fuß gefaßt zu haben, da erinnerte er sich der Händel, die er mit seinen Mutterbrüdern hatte, die seinen Vater erschlagen hatten. Der König sammelte sich ein großes Heerund zog mit diesem Heere gegen seine Verwandten; es schien ihm, sie hätten es vorher gegen ihn verschuldet, wenn er ihre Verwandtschaft gering schätzte. Das tat er denn: er hörte nicht eher auf, als bis er alle Mörder seines Vaters erschlagen hatte, so unnatürlich es auch in jeder Hinsicht war. Darauf eignete er sich ihr Land, ihr Reich und Gut zu und wurde jetzt mächtiger als sein Vater. Rerir machte da große Kriegsbeute und nahm sich dann eine Frau, die er für sich passend glaubte. Sie lebten sehr lange zusammen, bekamen aber weder einen Erben noch ein Kind. Das gefiel ihnen wenig, und sie baten die Götter mit großer Inbrunst, daß sie Kinder bekämen. Das wird erzählt, daß Frigg ihre Bitte hörte, und Odin ebenfalls, um was sie baten. Er wurde nicht ratlos. Odin rief seine Wunschmaid, die Tochter des Riesen Hrimnir, gab ihr einen Apfel in die Hand und befahl ihr, den dem Könige zu bringen. Sie nahm den Apfel in Empfang, nahm die Gestalt einer Krähe an und flog, bis daß sie dahin kam, wo der König war und auf einem Hügel saß. Sie ließ den Apfel dem König aufs Knie fallen. Der nahm den Apfel und glaubte zu wissen, was das bedeuten sollte. Er ging dann heim von dem Hügel zu seinen Mannen, suchte darauf die Königin auf, und sie aß etwas von dem Apfel.

 

2. Völsungs Geburt

Das ist nun zu erzählen, daß die Königin bald empfand, daß sie mit einem Kinde ginge; aber es verging lange Zeit, ohne daß sie das Kind gebären konnte. Da ereignete es sich, daß Rerir auf eine Heerfahrt ziehen musste, wie es bei Königen Sitte ist, ihrem Lande Frieden zu verschaffen. Auf dieser Fahrt begab es sich, daß Rerir krank wurde, und starb darauf und wollte Odin heimsuchen – vielen erschien das wünschenswert in jener Zeit.

Nun ging es ebenso weiter mit der Krankheit der Königin, daß sie das Kind nicht gebären konnte, und es währte sechs Winter, daß sie dies Leiden hatte. Da erkannte sie, daß sie nicht lange leben würde, und gebot, daß man ihr das Kind ausschneiden sollte; so wurde es ausgeführt, wie sie befohlen hatte; es war ein Knabe, und der Knabe war groß an Wuchs, wie zu erwarten war. So wird erzählt, daß der Knabe seine Mutter küßte, ehe sie starb; ihm wurde nun ein Name gegeben, und er wurde Völsung genannt; er war König über Hunenland nach seinem Vater; er wurde früh groß und stark und mutig in allem, worin eine Probe der Mannhaftigkeit und des Heldentums zu liegen schien; er wurde der größte Kriegsmann und war siegreich in allen Schlachten, die er auf seinen Heerfahrten schlug.

Als er zum Mannesalter herangereift war, sandte ihm Hrimnir seine Tochter Hljod, die vorhin erwähnt ist, als sie den Apfel zu Rerir brachte, dem Vater Völsungs; er nahm sie zur Frau, und sie lebten lange miteinander, ihr Zusammenleben war gut. Sie zeugten der Söhne zehn und eine Tochter, Sigmund hieß ihr ältester Sohn, Signy hieß die Tochter; sie waren Zwillinge und waren in allen Dingen die vortrefflichsten und schönsten von den Kindern König Völsungs, und doch waren alle gewaltige Helden, wie es lange im Gedächtnis festgehalten und laut gepriesen ist, welch´ überaus kampflustige Männer die Völsunge gewesen sind, und wie sie die meisten Männer übertroffen haben, deren gedacht wird in alten Geschichten, sowohl an Weisheit als an Fertigkeiten und eifrigem Streben aller Art.

So wird erzählt, daß König Völsung eine herrliche Halle herstellen ließ, und zwar in der Weise, daß eine mächtige Eiche in der Mitte stand; die Zweige des Baumes ragten mit ihren schönen Blättern über das Dach der Halle hinaus, der Stamm aber reichte hinab in die Halle, und man nannte ihn „Kinderbaum“.

 

3. Odins Siegesschwert

Siggeir hieß ein König, er herrschte über Gautland; er war ein mächtiger König und hatte viele Mannen. Er suchte König Völsung auf und bat ihn um Signys Hand. Der König nahm diesen Antrag wohl auf und ebenfalls seine Söhne, aber sie selbst zeigte wenig Lust, doch bat sie ihren Vater darüber zu entscheiden, wie über alles andere, was sie beträfe. Dem König aber schien es rätlich, sie zu vermählen, und so wurde sie dem König Siggeir verlobt. Und wenn diese Hochzeit und Heirat stattfinden sollte, dann sollte König Siggeir das Gastmahl König Völsungs besuchen.

Der König rüstete die Hochzeit nach besten Kräften zu. Und als das Gastmahl völlig bereit war, kamen die Gäste König Völsungs und ebenfalls König Siggeirs an dem bestimmten Tage dorthin, und König Siggeir hatte manchen angesehenen Mann bei sich. So wird erzählt, daß da große Feuer angezündet waren die ganze Halle entlang; der stattliche Stamm stand mitten in der Halle, wie zuvor angegeben wurde. Nun wird erzählt: als die Männer am Abend bei den Feuern saßen, da trat ein Mann herein in die Halle, unbekannt allen von Aussehen. Folgendermaßen war er gekleidet: er hatte einen fleckigen Mantel um, er war barfüßig und trug Leinenhosen, die am Bein zusammengeknüpft waren; auf dem Haupte hatte er einen lang herabhängenden Hut; er war sehr hochgewachsen und alt und einäugig. Dieser Mann hatte ein Schwert in der Hand und ging nach dem Kinderbaume; er schwang das Schwert und stieß es in den Stamm, so daß das Schwert bis in den Griff eindrang. Allen Männern versagte die Stimme dem Greise gegenüber. Da nahm er das Wort und sagte: “Wer dieses Schwert aus dem Stamme zieht, der soll es von mir als Geschenk erhalten, und er soll es selbst als wahr beweisen, daß er niemals eine bessere Waffe in der Hand gehalten hat als diese ist.“ Hierauf ging der alte Mann aus der Halle, und niemand wußte, wer er war, oder wohin er ging. Nun standen sie auf und überließen es nicht einander, das Schwert herauszuziehen, und der glaubte es am besten zu haben, der es zuerst ergreifen durfte. Da gingen die vornehmsten Männer zuerst hinzu, dann der eine nach dem andern. Keiner aber kam hinzu, der es erlangen durfte, denn es rührte sich nicht im geringsten, als sie danach griffen. Da trat Sigmund hinzu, König Völsungs Sohn, packte das Schwert und zog es aus dem Stamme, und es war wie wenn es los da läge vor ihm. Diese Waffe dünkte alle so gut, daß niemand glaubte, je ein gleiches Schwert gesehen zu haben, und Siggeir bot ihm an, es mit dem dreifachen Gewicht an Gold aufzuwiegen. Sigmund aber sagte: „Du konntest dieses Schwert ebenso gut nehmen wie ich, da wo es stak, wenn es dir geziemte es zu tragen; jetzt aber erhältst du es nimmer, wenn du auch dafür alles Gold anbietest, das du hast.“ König Siggeir ergrimmte über diese Worte, und es dünkte ihn spöttisch gesprochen zu sein. Weil es aber so beschaffen mit ihm war, daß er ein heimtückischer Mensch war, so stellte er sich so, wie wenn er auf diese Worte nicht achtete; aber noch denselben Abend ersann er eine Vergeltung dafür, eine Rache, die später ausgeführt wurde.

 

4. Siggeiers Heimfahrt

Nun ist zu erzählen, daß König Siggeir diesen Abend Beilager hielt mit Signy. Am nächsten Tage war das Wetter gut. Da sagte König Siggeir, daß er heimfahren und nicht warten wollte, bis sich Wind erhöbe oder die See unfahrbar würde. Es wird nicht erwähnt, daß König Völsung oder seine Söhne ihn abhielten, zumal da er sah, daß er nichts andres wollte als von der Hochzeit heimfahren. Da sagte Signy zu ihrem Vater: „Nicht möchte ich mit Siggeir abreisen, und nicht will mein Herz ihm entgegenlachen; durch Vorahnung, die ja eine Eigentümlichkeit unseres Geschlechts ist, weiß ich, daß uns aus dieser Heirat großes Leid entstehen wird, wenn diese Ehe nicht bald gelöst wird.“

„Nicht sollst du also reden, Tochter“, erwiderte er, „denn es wäre eine große Schmach für ihn sowohl als auch ebenfalls für uns, hierin ihm treulos zu werden ohne Grund; und wir haben keine Treue und Freundschaft von ihm zu erwarten, wenn wir sie brechen, und er wird es uns mit Bösem vergelten, soviel er kann; das allein geziemt es unserseits zu halten.“

Darauf rüstete sich König Siggeir zur Heimfahrt. Ehe sie von dem Gastgebot hinwegfuhren, lud er König Völsung, seinen Schwiegervater, zu sich nach Gautland ein und alle seine Söhne mit ihm, in der Frist von drei Monden, samt all dem Gefolge, das er mit sich nähme und das mitzuführen ihm zur Ehre gereichte. König Siggeir wollte damit wieder gut machen, woran es der Hochzeitsfeier fehlte; denn er hatte nicht länger als eine Nacht bleiben wollen, und so zu verfahren ist doch nicht Sitte der Männer. Nun versprach König Völsung die Reise und am bestimmten Tage zu kommen. Da schieden Schwiegervater und Schwiegersohn, und König Siggeir fuhr heim mit seiner Frau.

 

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