Snorri Sturluson – Homer des Nordens

 
Rezension: Manfred Lohmann

 
Wenn man den Namen Snorri Sturluson hört oder liest, denkt man unweigerlich an die "Snorra Edda", die wohl bedeutendste und bekannteste Traktat über die nordgermanische Mythologie, und an die "Heimskringla", der Saga über Geschichte der norwegischen Könige. Zweifellos gehören diese beiden Werke zur Weltliteratur.
Doch wer war dieser Snorri wirklich - ein weltfremder Skalde, der im "stillen Kämmerlein" mit seiner "Snorra Edda" ein Lehrbuch für Skalden schrieb und Geschichten erzählend durch das Land zog?
 
Óskar Guðmundsson, ein isländischer Historiker und Journalist, hat hier ein umfassendes Werk über seinen berühmten Landsmann verfasst.
Mit seinem Buch "Snorri Sturluson – Homer des Nordens", das in Island bereits 2009 erschien, zeichnet der Autor ein sehr umfassendes und vielseitiges Portrait dieses so bedeutenden Mannes. Der Zusatz "Homer des Nordens" ist in der isländischen Originalausgabe nicht vorhanden, sondern eine in der deutschen Ausgabe zugefügte Erweiterung, die doch deplaziert wirkt und die auch nicht so recht zum Inhalt des Buches passt.
 
Óskar Guðmundsson beschreibt nicht in erster Linie den Skalden Snorri Sturluson, sondern seine sehr spannende und eigentlich sehr unruhige Lebensgeschichte. Mit offensichtlich großer Sorgfalt hat der Autor viele altisländische Schriften studiert. Die "Familienchronik" der Sturlungen, die "Sturlunga saga" wird ihm dabei sicher die ergiebigste Quelle gewesen sein. So entsteht ein sehr facettenreiches und ausführliches Bild Snorris, der weit mehr war als ein berühmter Skalde. Schon im Alter von drei Jahren wurde Snorri zur Ausbildung zu dem Golden Jón Loptsson in Oddi gebracht, wo er eine sehr breite Ausbildung genießt. Neben Lesen und Schreiben lehrt ihn sein Lehrer auch Theologie und Rechtswissenschaften - und auch sehr viel über Politik, was für Snorris weiteres Leben mit entscheidend ist. Sein Ehrgeiz, geschickte Verträge und Heiraten machen ihn zu einem sehr einflussreichen Mann mit großen Besitztümern und so wird er bereits mit dreißig Jahren Gesetzessprecher des isländischen Althing und genießt hohes Ansehen beim norwegischen Königshof.
Aber der Autor schreibt nicht nur über das öffentliche Leben Snorris so ausführlich, auch die private Seite wird ausführlich beleuchtet. Die verwandtschaftlichen Zusammenhänge, Freunde und auch Feinde werden detailliert beleuchtet, So erfährt man auch, dass Snorri dem weiblichen Geschlecht sehr zugetan war und eine große Zahl Kinder hatte. Snorris Ende ist eher unrühmlich - er wird am 23. September 1241 ermordet.
 
Óskar Guðmundssons Werk wirkt mitunter etwas eckig. Er schreibt seine Biografie über Snorri in einem den isländischen Sagas ähnlichen Stil und drückt mit diesem ungewöhnlichen Schreibstil seine Verehrung für eine der bedeutendsten Persönlichkeiten Islands aus. Zudem hat auf umfangreiche Schilderungen über den Skalden Snorri - der ja bekannt ist - verzichtet und so den weitaus unbekannteren Politiker Snorri in den Vordergrund gerückt.
 
Fazit
Óskar Guðmundssons Biografie ist eine hervorragende Arbeit ohne überflüssige Lobeshymnen und pathetische Formulierungen. Sein Werk ist nicht nur eine umfassende Biografie sondern gibt auch einen sehr guten, nachvollziehbaren Einblick in die gesellschaftliche Ordnung und mittelalterliche Geschichte Islands und der Bedeutung Snorris. Ein Vorwort von Rudolf Simek, ein umfassender Anhang mit zahlreichen Anmerkungen, einem Glossar zu den Begriffen und einem Personenregister runden dieses gelungene, sehr empfehlenswerte Buch ab.

 

Quelle: Archiv - Praeco Medii Aevi
 
Ein weiterer Artikel über Snorri Sturluson hier auf der Trelleborg:
Snorri Sturluson - Erzähler der Götter- und Heldensagen

Snorri Sturluson – Homer des Nordens

Óskar Gudmundsson
Snorri Sturluson – Homer des Nordens
Eine Biographie
Aus dem Isländischen übersetzt
von Regina Jucknies
Mit einem Vorwort von Rudolf Simek
 
Erschienen im:
Böhlau-Verlag GmbH
September 2011
Gebundene Ausgabe, 447 S.
1 Karte, 6 Stammtafeln
ISBN: 978-3-412-20743-4
EURO 24.90

 
Inhalt:
Kein anderer Skandinavier kann sich mit seiner Schreibkunst messen. Keiner seiner Zeitgenossen hat so viel Material an Literatur, Geschichte und Kultur zusammengetragen. Nur wenige haben wie er das politische, soziale und kulturelle Leben seiner Zeit gestaltet. Die Biographie über Snorri Sturluson beginnt am 8. Juli 1181, als er von einem der mächtigsten Männer Islands in Pflege genommen wurde, und endet am 23. September 1241, als seine Widersacher seinem Leben ein gewaltsames Ende bereiteten. Óskar Gudmundsson schildert detailreich, wie Snorri sich in einem Spannungsfeld zwischen weltlicher und kirchlicher Macht bewegte und wie er durch Protektion, Verhandlungsgeschick und familiäre Beziehungen zu einem der angesehensten Männer in der nordischen Hemisphäre wurde. Wir folgen ihm auf seinen Reisen und Aufenthalten in Schweden und Norwegen, lernen das tägliche Leben, die Sitten und Gebräuche der Zeit kennen. So entsteht eine lebendige und spannende Geschichte über das Leben eines Mannes, dessen Wirken und Werk zahlreiche Spuren in der europäischen Kulturgeschichte hinterlassen hat.
 
Der Autor Óskar Gudmundsson
Nach dem Abitur am Gymnasium Akureyri studierte Óskar Guðmundsson von 1972 bis 1974 Geschichtswissenschaft an der Universität Islands. Dem schloss sich von 1974 bis 1979 ein Politologiestudium an der Universität Bremen an sowie 1979/80 ein Studium der Literaturwissenschaft an der Universität Kopenhagen.
Óskar arbeitete jahrelang als Journalist und Chefredakteur und ist seit fünfzehn Jahren als unabhängiger Wissenschaftler tätig. Er hat als Autor und Herausgeber an zahlreichen Publikationen mitgewirkt. Seine Biografie über den großen, mittelalterlichen Gelehrten und Häuptling Snorri Sturluson erscheint in deutscher Übersetzung im Böhlau Verlag 2011 unter dem Titel Snorri Sturluson. Homer des Nordens.


 

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