Manfrieds Trelleborg - Gottesstreiter
   

Gottesstreiter

 
Rezension: Marion Lohmann
 
Gottesstreiter - ein historischer Roman über den Medicus Reinmar von Bielau - den schlesischen Medicus. Gespannt beginne ich zu lesen, gehören doch gerade historische Romane über mittelalterliche Heilkünste und Heiler zu meinem bevorzugten Lesestoff.
Doch schon bald verliert man die Lust am Lesen. Zäh, mit langatmigen Schilderungen von Personen, Orten und Begebenheiten erzählt der Autor seine Geschichte. Hinzu kommen lange Aufzählungen von unaussprechlichen Orten und Personennamen, die man nur schwer lesen und sich nicht alle merken kann, damit nicht genug, man wird von der Fülle an französischen und lateinischen Redewendungen oder Ausdrücken förmlich erschlagen. Zwar kann man die Übersetzungen in dem umfangreichen Anhang nachschlagen, was zum Verständnis auch unabdingbar ist, jedoch hemmt das den Lesefluss zusätzlich.
Hinzu kommt, dass der Autor seine Leser mit historischen Daten und Fakten über die Zeit der Hussitenkriege geradezu überfrachtet, denn wer weiß schon, dass es zwei "Prager Fensterstürze" gegeben hat, bei denen es um religiöse Ansichten ging, oder wer hat so fundiertes Wissen über die blutige Geschichte der Hussitenkriege, wie man es zum Verständnis des Romanes haben müsste.
Andrzej Sapkowski "baut" seinen Titelhelden, den Medicus Reinmar, in diese Geschichte ein, die zweifellos historisch sehr gut recherchiert ist und realitätsnah erzählt wird, allerdings verliert sich der Autor für meinen Geschmack zu häufig in ausführliche Schilderungen von Blutbädern und den Untaten der Inquisition. Brutale Folterungen, Kreuzigungen, Vollstreckungen von Todesurteilen durch Erhängen werden ausführlich geschildert und lassen den Roman düster und grausam erscheinen.
Dieser Stimmung des Romans fällt auch der Medicus Reimar zum Opfer. Wird er anfangs noch als ein etwas naiver jedoch sehr sympathischer Charakter dargestellt, so ändert sich das im Laufe der Geschichte zusehends und Reimar selbst wird hartherzig, brutal und zum gnadenlosen Rächer. Zwar lässt Sapkowski seine Titelfigur niemals grundlos Gewalt ausüben, aber die Figur des Reimar ist weit entfernt von einem Medicus und seinem eigentlich friedfertigem Verhalten.
Hinzu kommen die vielen Szenen aus der Fantasy, die das Bild eines Medicus zusätzlich negativ zeichnen. So suchen Reinmar und sein Gefährte Samson Honig, der von "übernatürlicher" Herkunft ist, Hilfe bei allerlei mystischen Wesen, bedienen sich der Magie und Alchemie, um sich den Angriffen geheimnisvoller Figuren wie z.B. dem Mauerläufer zu erwehren. Sicher - Aberglaube Hexenwahn und der Glaube an Magie waren zu der Zeit, in der der Roman angesiedelt ist, weit verbreitet, aber diese Fantasy-Elemente entfernen Reinmar zusätzlich von einem Medicus, denn Beschwörungen bei der Behandlung von Kranken, Dämonenbeschwörungen und andere okkulte Handlungen haben nichts mit der Medizin des Mittelalters zu tun.

Fazit:
Andrzej Sapkowskis Roman "Gottesstreiter" ist ein schwer zu lesender Roman, der seinem Leser viel abverlangt und fundiertes Wissen über die Zeit der Hussitenkriege voraussetzt. Die Vermischung von historischen Tatsachen und Elementen der Fantasy lassen Sapkowskis Werk unwirklich und überfrachtet erscheinen, wodurch das Lesevergnügen stark beeinträchtigt wird. Die langatmigen Schilderungen und vielen Aufzählungen wirken beim Lesen ermüdend, man ist versucht, die betreffenden Textpassagen einfach zu überschlagen. Eine durchgängige Handlung ist kaum erkennbar, dafür ist sie zu verästelt und komplex. So will sich auch nicht so recht ein Spannungsbogen aufbauen, zu oft wird aufkommende Spannung und die damit verbundene Erwartungshaltung abrupt unterbrochen, so dass ich den Wendungen und Gedankensprüngen des Autors nicht recht folgen konnte.
Die vielen mystischen Wesen, die okkulten Handlungen und Dämonen sowie die "magischen" Handlungen des Medicus Reinmar wollen nicht recht zu einem historischen Roman passen und lassen den Medicus in einem eher zweifelhaften Licht erscheinen.
Gottesstreiter - die Geschichte um den Medicus Reinmar von Bielau - dem schlesischen Medicus - weckte bei mir eine Erwartungshaltung, die der Roman nicht erfüllen konnte. Dennoch ist Gottesstreiter auf Grund seiner geschichtlichen Genauigkeit ein lesenswerter Roman, der aber wegen der vielen Fantasy-Elmente der Bezeichnung historischer Roman nicht gerecht wird.

 

Quelle: Archiv - Praeco Medii Aevi

Gottesstreiter

Andrzej Sapkowski
Gottesstreiter
Aus dem Polnischen übersetzt von Barbara Samborska
 
Erschienen im:
Deutscher Taschenbuch Verlag
Nov.2010
Paperback, 736 S.
ISBN: 978-3-423-21247-2
EURO 17,50

 
Inhalt:
Prag, im Jahr des Herrn 1427. Hinter der Apotheke „Zum Erzengel“ betreibt ein Kreis von Magiern ein geheimes Laboratorium samt Bibliothek. Hier wird auch der Medikus Reinmar von Bielau, genannt Reynevan, häufig gesehen. Dieser wird von dem taboritischen Geheimdienst überwacht und verfolgt. Man wirft ihm den Überfall auf einen Steuereintreiber vor und hofft, etwas über den Verbleib des Geldes zu erfahren. Doch Reynevan hüllt sich in Schweigen. Der Papst hat gerade seine Bulle Salvatoris omnium verkündet, in welcher er zum Kreuzzug gegen die böhmischen Ketzer aufruft.
Reynevan nutzt die Wirren der kriegerischen Auseinandersetzungen, um der Stadt den Rücken zu kehren. Denn die Begegnung mit Jan Smiøický von Smiøice, der seinen Bruder auf dem Gewissen hat und auch ihn umbringen wollte, hat Reynevan auf den Gedanken gebracht, nach Schlesien zurückzukehren und Rache zu suchen. Auch hofft er immer noch auf eine Lösung für den Zauber, der über seinem Gefährten Samson liegt - eine solche Lösung könnte sich, wie man ihm zuträgt, am ehesten auf Schloss Trosky finden, wo der Magier Rupilius residiert. Reynevan hat also wieder einmal ziemlich viel im Kopf, in dem ihm außerdem ständig die angebetete Nicoletta herumspukt….
 
Holger Weinbach Der Autor Andrzej Sapkowski
Andrzej Sapkowski, geboren 1948, ist Literaturkritiker und Schriftsteller und lebt in Lódź. Sein Fantasy-Zyklus über den Hexer Geralt erreicht weltweit Millionen-Auflagen und wurde mit dem Literaturpreis der wichtigsten polnischen Wochenzeitung 'Polityka' ausgezeichnet. Höchst erfolgreich ist auch seine Trilogie historischer Romane um den schlesischen Medicus Reinmar von Bielau. 2008 wurde Andrzej Sapkowski mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Lódź ausgezeichnet.


 

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