Gudhrûnarkvidha önnur
Das andere Gudrunenlied

Übersetzung von Karl Joseph Simrock

 

 

König Dietrich war bei Atli und hatte dort die meisten seiner Mannen verloren.

Dietrich und Gudrun klagten einander ihr Leid.

Sie sprach zu ihm und sang:

1

Die Maid der Maide erzog mich die Mutter

Im leuchtenden Saal. Ich liebte die Brüder,

Bis mich Giuki mit Gold bereifte,

Mit Gold bereifte und Sigurden gab.

2

So war Sigurd bei den Söhnen Giukis

Wie über Halme sich hebt edler Lauch,

Wie hoch der Hirsch ragt über Hasen und Füchse

Und glutrothes Gold scheint über graues Silber.

3

Bis mir nicht gönnen mochten die Brüder

Den Helden zu haben, den hehrsten aller.

Sie mochten nicht ruhen, nicht richten und schlichten

Bis sie Sigurden erschlagen ließen.

4

Vom Thinge traurig traben hört ich Grani;

Sigurden selber sah ich nicht.

Alle Rosse waren roth von Blut

Und in Schweiß geschlagen von den Schächern.

5

Gramvoll ging ich mit Grani reden,

Befragte das Pferd mit der feuchten Wange;

Da senkte Grani ins Gras das Haupt:

Wohl wuste der Hengst, sein Herr sei todt.

6

Lange zaudert’ ich, zweifelte lange

Bevor ich den Volkshirten frug nach dem König.

7

Gunnar hing das Haupt; doch Högni sagte

Mir meines Sigurd mordlichen Tod:

Jenseits des Stroms (Rheins) erschlagen liegt er,

Den Guthorm fällte, zum Fraß den Wölfen.

8

Sieh den Sigurd gegen Süden dort,

Höre Krähen krächzen und Raben,

Adler jauchzen der Atzung froh,

Und Wölfe heulen um deinen Helden. —

9

„Wie hast du mir, Högni, des Harms soviel,

Dem wonnewaisen Weibe gesagt?

Daß Raben und Falken das Herz dir zerführten

Weiter über Land als du Leute kennst!“

10

Högni antwortete mit einem Mal

Des sanften Sinnes mit Schmerz beraubt:

„Das gäbe dir, Gudrun, erst Grund zu weinen,

Wenn Mir auch die Raben zerrißen das Herz!“

11

Vor ihrem Anblick einsam ging ich da,

Die Brocken zu lesen von der Wölfe Leichenschmaus.

Ich schluchzte nicht, noch schlug ich die Hände,

Brach nicht in Klagen aus wie Brauch ist der Frauen,

Da ich schmerzvoll saß über Sigurden.

12

Die Nacht dauchte mich Neumonddunkel,

Da ich sorgend saß über Sigurds Leiche.

Viel sanfter würden die Wölfe mir scheinen,

Ließen sie mich das Leben missen,

Oder brennte man mich wie Birkenholz.

13

Ich fuhr aus dem Forst; nach der fünften Nacht

Naht ich den hohen Hallen Alfs.

Sieben Halbjahre saß ich bei Thora,

Hakons Maid in Dänemark.

14

In Gold stickte sie mich zu zerstreuen

In deutschen Sälen dänische Wikinge.

15

Wir bildeten künstlich der Krieger Spiele,

Die Helden der Herscher in Handgewirke;

Rothe Ränder, Recken des Hunnenlands,

Mit Helm und Harnisch der Herscher Geleit.

16

Vom Strande segelten Sigmunds Rosse

Mit goldnem Schiffshaupt, geschnitztem Steuer.

Wir wirkten und webten die Waffenthaten

Sigmunds und Siggeirs südlich in Frone.

17

Da hörte Grimhild, die gotische Frau,

Wie tief ihre Tochter betraure den Gemahl.

Sie warf ihr Gewebe fort, winkte den Söhnen,

Das zu erfahren frug sie und sprach:

Wer Buße wolle der Schwester bieten,

Den erschlagnen Gatten vergelten der Frau?

18

Gunnar erbot sich ihr Gold zu bieten,

Ihren Harm zu sühnen, und so auch Högni.

Da fragte sie ferner, wer fahren wolle

Die Säumer zu satteln, die Wagen zu schirren,

Den Hengst zu tummeln, den Habicht zu werfen,

Den Bolzen zu schießen vom Eibenbogen?

19

Waldar den Dänen und Jarisleif,

Eimod zum dritten und Jarisskar

Führten sie vor mich, Fürsten gleich.

Rothe Waffenröcke trugen des Langbärtgen Recken,

Hohe Helme und helle Brünnen,

Breite Schwerter, die braungelockten.

20

Ein Jeder verhieß mir herlichen Schmuck,

Herlichen Schmuck mit schmeichelnden Reden,

Ob sie mich möchten für manches Leid

Auf Trost vertrösten; aber ich traute nicht.

21

Grimhild brachte den Becher mir dar,

Den kalten, herben, daß ich Harms vergäße.

Der Kelch war gekräftigt aus der Quelle Urds,

Mit urkalter See und sühnendem Blut.

22

In das Horn hatten sie allerhand Stäbe

Röthlich geritzt; ich errieth sie nicht.

Den langen Lindwurm des Lands der Haddinge,

Ungeschnittne Ähre und Eingang von Thieren.

23

Im Gebräude beisammen war Bosheit viel,

Allerlei Wurzeln und Waldeckern,

Thau des Heerdes und Thiergeweide,

Gesottne Schweinsleber, die den Schmerz betäubt.

24

So vergeben vergaß ich da

Der Gespräche Sigurds all im Saal.

Könige kamen vor die Kniee mir drei

Ehe sie selber naht’ und sagte:

25

„Ich gebe dir, Gudrun, das Gold empfange,

Dein volles Erbgut nach des Vaters Tod,

Blanke Ringe, die Burgen Hlödwers

Und des todten Fürsten Fahrniss all.

26

Hunische Töchter, die Teppiche wirken

Und Goldgürtel, dich zu ergetzen.

Du allein sollst schalten über die Schätze Budlis

Mit Gold begabt als die Gattin Atlis.

Gudrun.

27

Keinem Manne mehr will ich vermählt sein,

Noch Brynhildens Bruder haben.

Mir geziemt nicht mit dem Erzeugten Budlis

Das Geschlecht zu mehren und zusammen zu leben.

Grimhild.

28

Nicht wolle den Harm den Helden vergelten,

Begannen wir Giukungen gleich den Zwist.

So sollst du laßen als lebten dir beide,

Sigurd und Sigmund, wenn du Söhne gewinnst.

Gudrun.

29

Nicht mag ich mich mehr ermuntern, Grimhild,

Und keinem Helden Hoffnung gewähren,

Seit ich schwelgen an Sigurds Herzblut

Den Raben sah, den raubgierigen.

Grimhild.

30

Ihn hab ich von Allen den edelstgebornen

Der Fürsten befunden und in Vielem den besten.

So freie den Fürsten: bis dich feßelt das Alter

Wirst du verwaist sein, wählst du nicht Ihn.

Gudrun.

31

Biete mir nicht das bosheitvolle,

So aufdringlich mir dieses Geschlecht.

Dem Gunnar giebt er grimmen Tod,

Schneidet dem Högni das Herz aus dem Leibe.

Nicht fänd ich dann Frieden bevor ich das Leben

Gekürzt dem freveln Kriegsbrandschürer. —

32

Mit Grausen hörte Grimhild das Wort,

Denn ihren Kindern kündet’ es Verderben

Und den Untergang all ihrem Geschlecht.

Grimhild.

33

Noch leih ich dir Land und Leute viel,

Winbiörg, Walbiörg, willst du sie haben.

Nimm sie lebenslang und laß den Zorn.

Gudrun.

34

Nun will ich ihn kiesen unter den Königen;

Doch wider Willen, auf der Freunde Wunsch.

Nie wird der Gatte Glück mir bringen,

Meine Söhne büßen der Brüder Mord. —

35

Rasch auf die Rosse saßen die Recken da,

Die welschen Weiber zu Wagen hoben sie.

Sieben Tage durchtrabten wir kaltes Land,

Über See setzten wir sieben andre,

Durch dürre Steppen gings die dritten sieben.

36

Da hoben die Wächter der hohen Burg

Das Gitter empor: durch die Pforte ritten wir.

Atli weckte mich; aber ich schien ihm

Der Vorahnung voll von der Freunde Tod.

Atli.

37

So haben auch neulich mich Nornen geweckt;

Vergönnte das Graunbild günstige Deutung!

Ich wähnte dich, Gudrun, Giukis Tochter,

Mir die Brust durchbohren mit blankem Dolch.

Gudrun.

38

Der Traum von Dolchen bedeutet Feuer,

Holde Heimlichkeit der Hausfrau Zorn.

Ich brenne dir bald ein böses Geschwür aus,

Ich heile und lindre, wie leid du mir seist.

Atli.

39

Reiser im Garten sah ich ausgerißen,

Die ich da wachsen laßen wollte.

Entrauft mit der Wurzel, geröthet im Blut

Und aufgetragen, daß ich sie äße.

40

Ich sah von der Hand mir Habichte fliegen

Ohne Atzung, dem Untergang zu.

Ihre Herzen wähnt ich mit Honig zu eßen

Sorgenschwer, geschwollen von Blut.

41

Welfe wähnt’ ich entwänden sich mir,

Ich hörte sie harmvoll heulen und wimmern.

Ihr Fleisch, fürcht ich, war faul geworden:

Mit Ekel aß ich von dem Aase da.

Gudrun.

42

Dir werden Schächer im Schlafgemach richten,

Den Lichtgelockten die Häupter lösen:

Sie werden erschlagen nach wenig Nächten,

Kurz vor Tag, und aufgetischt. —

43

Seitdem lieg ich den Schlummer meidend

Trotzig im Bette: thun will ich so.

 

 

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