Thrymskvidha oder Hamarsheimt
Thryms-Sage oder des Hammers Heimholung

Übersetzung von Karl Joseph Simrock

 

 

1
Wild ward Wing-Thôr als er erwachte
Und seinen Hammer vorhanden nicht sah.
Er schüttelte den Bart, er schlug das Haupt,
Allwärts suchte der Erde Sohn.

2
Und es war sein Wort, welches er sprach zuerst:
„Höre nun, Loki, und lausche der Rede:
Was noch auf Erden Niemand ahnt,
Noch hoch im Himmel: mein Hammer ist geraubt.“

3
Sie gingen zum herlichen Hause der Freyja,
Und es war sein Wort, welches er sprach zuerst:
„Willst du mir, Freyja, dein Federhemd leihen,
Ob meinen Miölnir ich finden möge?“

Freyja.
4
Ich wollt es dir geben und wär es von Gold,
Du solltest es haben und wär es von Silber. –

5
Flog da Loki, das Federhemd rauschte,
Bis er hinter sich hatte der Asen Gehege
Und jetzt erreichte der Joten Reich.

6
Auf dem Hügel saß Thrym, der Thursenfürst,
Schmückte die Hunde mit goldnem Halsband
Und strälte den Mähren die Mähnen zurecht.

Thrym.
7
Wie stehts mit den Asen? wie stehts mit den Alfen?
Was reisest du einsam gen Riesenheim?

Loki.
Schlecht stehts mit den Asen, mit den Alfen schlecht;
Hältst du Hlorridis Hammer verborgen?

Thrym.
8
Ich halte Hlorridis Hammer verborgen
Acht Rasten unter der Erde tief,
Und wieder erwerben fürwahr soll ihn Keiner,
Er brächte denn Freyja zur Braut mir daher.

9
Flog da Loki, das Federhemd rauschte,
Bis er hinter sich hatte der Riesen Gehege
Und endlich erreichte der Asen Reich.
Da traf er den Thôr vor der Thüre der Halle,
Und es war sein Wort, welches er sprach zuerst:

10
Hast du den Auftrag vollbracht und die Arbeit?
Laß hier von der Höhe mich hören die Kunde.
Dem Sitzenden manchmal mangeln Gedanken,
Da leicht im Liegen die List sich ersinnt.

Loki.
11
Ich habe den Auftrag vollbracht und die Arbeit:
Thrym hat den Hammer, der Thursenfürst;
Und wieder erwerben fürwahr soll ihn Keiner,
Er brächte denn Freyja zur Braut ihm daher. –

12
Sie gingen Freyja, die schöne zu finden,
Und es war Thôrs Wort, welches er sprach zuerst:
Lege, Freyja, dir an das bräutliche Linnen;
Wir beide wir reisen gen Riesenheim.

13
Wild ward Freyja, sie fauchte vor Wuth,
Die ganze Halle der Götter erbebte;
Der schimmernde Halsschmuck schoß ihr zur Erde:
„Mich mannstoll meinen möchtest du wohl,
Reisten wir beide gen Riesenheim.“

14
Bald eilten die Asen all zur Versammlung
Und die Asinnen all zu der Sprache:
Darüber beriethen die himmlischen Richter,
Wie sie dem Hlorridi den Hammer lösten.

15
Da hub Heimdall an, der hellste der Asen,
Der weise war den Wanen gleich:
„Das bräutliche Linnen legen dem Thôr wir an,
Ihn schmücke das schöne, schimmernde Halsband.

16
Auch laß er erklingen Geklirr der Schlüßel
Und weiblich Gewand umwalle seine Knie;
Es blinke die Brust ihm von blitzenden Steinen,
Und hoch umhülle der Schleier sein Haupt.“

17
Da sprach Thôr also, der gestrenge Gott:
„Mich würden die Asen weibisch schelten,
Legt’ ich das bräutliche Linnen mir an.“

18
Anhub da Loki, Laufeyjas Sohn:
„Schweig nur, Thôr, mit solchen Worten.
Bald werden die Riesen Asgard bewohnen,
Holst du den Hammer nicht wieder heim.“

19
Das bräutliche Linnen legten dem Thôr sie an,
Dazu den schönen, schimmernden Halsschmuck.
Auch ließ er erklingen Geklirr der Schlüßel,
Und weiblich Gewand umwallte sein Knie;
Es blinkte die Brust ihm von blitzenden Steinen,
Und hoch umhüllte der Schleier sein Haupt.

20
Da sprach Loki, Laufeyjas Sohn:
„Nun muß ich mit dir als deine Magd:
Wir beide wir reisen gen Riesenheim.“

21
Bald wurden die Böcke vom Berge getrieben
Und vor den gewölbten Wagen geschirrt.
Felsen brachen, Funken stoben,
Da Odhins Sohn reiste gen Riesenheim.

22
Anhob da Thrym, der Thursenfürst:
„Auf steht, ihr Riesen, bestreut die Bänke,
Und bringet Freyja zur Braut mir daher,
Die Tochter Niörds aus Noatun.

23
Heimkehren mit goldnen Hörnern die Kühe,
Rabenschwarze Rinder, dem Riesen zur Lust.
Viel schau ich der Schätze, des Schmuckes viel:
Fehlte nur Freyja zur Frau mir noch.“

24
Früh fanden Gäste zur Feier sich ein,
Man reichte reichlich den Riesen das Äl.
Thôr aß einen Ochsen, acht Lachse dazu,
Alles süße Geschleck, den Frauen bestimmt,
Und drei Kufen Meth trank Sifs Gemahl.

25
Anhob da Thrym, der Thursenfürst:
„Wer sah je Bräute gieriger schlingen? –
Nie sah ich Bräute so gierig schlingen,
Nie mehr des Meths ein Mädchen trinken.“

26
Da saß zur Seite die schmucke Magd,
Bereit dem Riesen Rede zu stehn:
„Nichts genoß Freyja acht Nächte lang
So sehr nach Riesenheim sehnte sie sich.“

27
Kusslüstern lüftete das Linnen der Riese;
Doch weit wie der Saal schreckt’ er zurück:
„Wie furchtbar flammen der Freyja die Augen!
Mich dünkt es brenne ihr Blick wie Glut.“

28
Da saß zur Seite die schmucke Magd,
Bereit dem Riesen Rede zu stehn:
„Acht Nächte nicht genoß sie des Schlafes
So sehr nach Riesenheim sehnte sie sich.“

29
Ein trat die traurige Schwester Thryms,
Die sich ein Brautgeschenk zu erbitten wagte.

Reiche die rothen Ringe mir dar
Eh dich verlangt nach meiner Liebe,
Nach meiner Liebe und lautern Gunst.“

30
Da hob Thrym an, der Thursenfürst:
„Bringt mir den Hammer, die Braut zu weihen,
Legt den Miölnir der Maid in den Schooß
Und gebt uns zusammen nach ehlicher Sitte.“

31
Da lachte dem Hlorridi das Herz im Leibe,
Als der hartgeherzte den Hammer erkannte.
Thrym traf er zuerst, den Thursenfürsten,
Und zerschmetterte ganz der Riesen Geschlecht.

32
Er schlug auch die alte Schwester des Joten,
Die sich das Brautgeschenk zu erbitten gewagt.
Ihr schollen Schläge an der Schillinge Statt
Und Hammerhiebe erhielt sie für Ringe.
So holte Odhins Sohn seinen Hammer wieder.

 

 

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