Helgakvidha Hundingsbana önnur.
Das andere Lied von Helgi dem Hundingstödter.

Übersetzung von Karl Joseph Simrock

 

 

I.

König Sigmund, Wölsungs Sohn, hatte Borghilden von Bralundr zur Frau. Sie nannten ihren Sohn Helgi und zwar nach Helgi, Hiörwards Sohne. Den Helgi erzog Hagal. Hunding hieß ein mächtiger König; nach ihm ist Hundland genannt. Er war ein großer Kriegsmann und hatte viel Söhne, die bei der Heerfahrt waren. Unfriede und Feindschaft war zwischen den Königen Hunding und Sigmund: sie erschlugen einander die Freunde. König Sigmund und seine Nachkommen hießen Wölsungen und Ülfinge (Wölfinge). Helgi fuhr aus und spähte insgeheim an Hundings Hofe. Häming, König Hundings Sohn, war daheim. Als aber Helgi fortzog, begegnete er einem Hirtenbuben und sprach:

1
Sag du dem Häming, daß es Helgi war,
Den in das Eisenhemd Männer hüllten,
Den ihr im Hause wolfsgrau hattet,
Als ihn für Hamal Hunding ansah.

Hamal hieß der Sohn Hagals. König Hunding sandte Männer zu Hagal, den Helgi zu suchen, und Helgi, da er nicht anders entrinnen konnte, zog die Kleider einer Magd an und ging in die Mühle. Sie suchten den Helgi und fanden ihn nicht. Da sprach Blindr, der unheilvolle:

2
„Scharf sind die Augen der Schaffnerin Hagals,
Nicht gemeinen Mannes Kind steht an der Mühle:
Die Steine brechen, die Mühle zerspringt.
Ein hartes Looß hat der Held ergriffen,
Da hier ein König Gerste malen muß.
Beßer stünde so starker Hand wohl
Des Schwertes Griff als die Mandelstange.“

Hagal antwortete und sprach:

3
Das muß nicht wundern wenn die Mühle dröhnt,
Da eine Königsmaid die Mandel rührt.
Höher schwebte sie sonst als Wolken,
Die gleich Wikingen wagte des Kampfs zu walten
Bevor sie Helgi geführt zur Haft.
Die Schwester ist sie Sigars und Högnis:
Drum hat scharfe Augen der Ülfinge Magd.

II.

Helgi entkam und fuhr auf Kriegsschiffen. Er fällte König Hunding und hieß nun Helgi der Hundingstödter. Er lag mit seinem Heere in Brunawagir, ließ am Strand das Vieh zusammen treiben und aß rohes Fleisch mit den Helden. Högni hieß ein König; dessen Tochter war Sigrun. Sie war Walküre und ritt Luft und Meer. Sie war die wiedergeborene Swawa. Sigrun ritt zu Helgis Schiffen und sprach:

4
Wer läßt die Flotte fließen zum Strande?
Wo habt ihr Helden eure Heimat?
Worauf wartet ihr in Brunawagir?
Wohin gelüstet euch die Fahrt zu lenken?

Helgi.
5
Hamal läßt die Flotte fließen zum Strande;
In Hlesey haben wir unsre Heimat.
Fahrwind erwarten wir in Brunawagir;
Östlich gelüstet uns die Fahrt zu lenken.

Sigrun.
6
Wo hast du, König, Kampf erweckt,
Wo die Vögel der Kriegsschwestern gefüttert?
Wie ist dir mit Blut die Brünne bespritzt!
Unter Helmen eßt ihr ungesottnes Fleisch.

Helgi.
7
Das übt’ ich zujüngst, ein Ülfingensohn,
Westlich dem Meer, wenn dichs zu wißen lüstet,

Daß ich Bären jagte in Bragalundr
Und mit Spießen sättigte der Aare Geschlecht.
Nun weist du, Maid, warum es geschieht:
Drum ist selten gekochte Kost hier am Meer.

Sigrun.
8
Du zielst auf Kampf; von Helgi bezwungen
Sank Hunding im Kampf auch, der König, aufs Feld.
Ein Kampf auch wars, da ihr Verwandte rächtet,
Und die Schneiden bespritztet der Schwerter mit Blut.

Helgi.
9
Wie magst du wißen, daß die es waren,
Vielkluge Frau, die ihre Freunde rächten?
Tapfer im Kampf sind der Krieger viel,
Der Feindschaft voll auch unsern Freunden.

Sigrun.
10
Ich war nicht fern, Führer des Schlachtkeils,
Da mancher Held durch Mich dir hinsank.
Doch nenn ich dich schlau, Sigmunds Erbe,
Daß du in Kampfrunen kündest die Schlacht.

11
Ich sah dich fahren vorn auf dem Langschiff,
Da du standest auf dem blutgen Steven
Von urkalten Wellen umspielt.
Nun will sich hehlen der Held vor mir;
Aber Högnis Maid kennt ihren Mann.

III.

Granmar hieß ein mächtiger König, der zu Swarinshügel saß. Er hatte viel Söhne: Einer hieß Hödbroddr, der andere Gudmund, der dritte Starkadr. Hödbroddr war in einer Königsversammlung und ließ sich Sigrun, Högnis Tochter, verloben. Als sie das hörte, ritt sie fort mit Walküren durch Luft und Meer und suchte Helgi. Helgi war da auf Logafiöll und hatte mit Hundings Söhnen gekämpft: da fällte er Alf und Eyolf, Hiörward und Herward, und war nun ganz kampfmüde und saß unterm Aarstein. Da fand ihn Sigrun und fiel ihm um den Hals und küsste ihn und sagte ihm ihr Gesuch, wie es im alten Wölsungenliede gemeldet ist.

12
Sigrun suchte den freudigen Sieger;
Helgis Hand zog sie ans Herz,
Grüßte und küsste den König unterm Helme.

13
Da ward der Fürst der Jungfrau gewogen,
Die längst schon hold war von ganzem Herzen
Dem Sohne Sigmunds eh er sie gesehn.

14
„Dem Hödbroddr ward ich vor dem Heere verlobt;
Doch einen Andern zur Ehe wollt ich.
Nun fürcht ich, Fürst, der Freunde Zorn:
Den alten Wunsch vereitelt ich dem Vater.“

15
Nicht wider ihr Herz sprach Högnis Tochter:
Helgis Huld, sprach sie, müße sie haben.

Helgi.
16
Hege nicht Furcht vor Högnis Zorn
Noch dem Unwillen deiner Verwandten.
Du sollst, junge Maid, mit Mir nun leben:
Du bist edler Abkunft, das ist mir gewiss.

Helgi sammelte da ein großes Schiffsheer und fuhr gen Frekastein. Aber auf dem Meere traf sie ein männerverderbliches Unwetter. Blitze fuhren über sie hin und Wetterstralen schlugen in die Schiffe. Da sahen sie in der Luft neun Walküren reiten und erkannten Sigrun. Alsbald legte sich der Sturm und glücklich kamen sie ans Land. Granmars Söhne saßen auf einem Berge, da die Schiffe zu Lande segelten. Gudmund sprang aufs Pferd und ritt auf Kundschaft von dem Berge nach dem Meere. Da zogen die Wölsungen die Segel nieder. Aber Gudmund sprach wie zuvor geschrieben ist im Helgiliede:

Wie heißt der Herzog, der dem Heere gebeut,
Dieß furchtbare Volk zu Land uns führt?

Dieß sprach Gudmund, Granmars Sohn:

17
Wie heißt der Fürst, der die Flotte steuert,
Die goldne Kriegsfahne am Steven entfaltet?
Nicht deutet auf Frieden das Borderschiff.
Waffenröthe umstralt die Wikinge.

Sinfiötli.
18
Hier mag Hödbroddr den Helgi schauen,
Den fluchtträgen Fürsten, in der Flotte Mitten.
Er hat das Besitztum deines Geschlechts,
Das Erbe der Fische, sich unterworfen.

Gudmund.
19
Drum fechten wir länger nicht bei Frekastein
Den Streit zu schlichten mit sanften Worten:
Zeit ists, Hödbroddr! Rache zu heischen,
Ob länger ein leides Looß uns fällt.

Sinfiötli.
20
Eher magst du, Gudmund, Geißen hüten
Und durch Spalten schlüpfen auf schroffen Bergen,
Als Hirt die Hasel- gert in der Hand:
Schwertentscheidung geziemt dir schlecht.

Helgi.
21
Es stünde beßer dir, Sinfiötli, an,
Kampf zu fechten und Aare zu freuen,
Als euch mit unnützen Worten zu eifern,
Hehlen auch Helden den Haß nicht gern.

22
Auch Mich nicht gut dünken Granmars Söhne;
Doch ists Recken rühmlicher, reden sie Wahrheit.
Sie habens gezeigt bei Moinsheim,
Daß ihnen Muth nicht gebricht, die Schwerter zu brauchen:
Helden sind sie hurtig und schnell.

Gudmund ritt heim, die Kriegsbotschaft zu bringen. Da sammelten Granmars Söhne ein Heer, zu dem viel Könige stießen, darunter Högni, Sigruns Vater, und seine Söhne Bragi und Dag. Da geschah eine große Schlacht und fielen alle Söhne Granmars und alle ihre Häuptlinge; nur Dag, Högnis Sohn, erhielt Frieden und leistete den Wölsungen Eide. Sigrun ging auf die Walstätte und fand Hödbroddr dem Tode nah. Sie sprach:

23
Nicht wirst du Sigrun vom Sewafiöll,
König Hödbroddr, im Arme hegen.
Vorbei ist das Leben: das Beil naht,
Granmars Sohn, deinem grauen Haupt.

Hierauf fand sie den Helgi und freute sich sehr. Helgi sprach:

24
Nicht Alles, Gute, erging dir nach Wunsch;
Doch tragen die Nornen ein Theil der Schuld.
In der Frühe fielen bei Frekastein
Bragi und Högni: ich bin ihr Tödter!

25
Bei Styrkleif sank König Starkadr,
Und bei Hlebiörg Hrollaugs Söhne.
So grimmig gemuthen wie Gylfi sah ich nie:
Der Rumpf hieb noch um sich, da das Haupt gefallen war.

26
Zur Erde sanken allermeist
Deine lieben Freunde in Leichen verkehrt.
Du gewannst nicht beim Siege: es war dein Schicksal,
Durch Blut zu erlangen den Liebeswunsch.

Da weinte Sigrun; er aber sprach:

27
Weine nicht, Sigrun, du warst uns Hilde,
Nicht besiegen Fürsten ihr Schicksal.

Sie sprach:

28
Beleben möcht ich jetzt die Leichen sind;
Aber zugleich im Arm dir ruhn.

IV.

Helgi empfing Sigrun zur Ehe und zeugte Söhne mit ihr. Aber Helgi ward nicht alt. Dag, Högnis Sohn, opferte dem Odhin für Vaterrache. Da lieh Odhin ihm seinen Spieß. Dag fand den Helgi, seinen Schwager, bei Fiöturlundr (Feßelwald); er durchbohrte Helgi mit dem Spieße. Da fiel Helgi; aber Dag ritt gen Sewafiöll und brachte Sigrun die Kunde:

29
Betrübt bin ich, Schwester, dir Trauer zu künden,
Die ich wider Willen zum Weinen brachte.
In der Frühe fiel bei Fiöturlundr
Der Edlinge edelster unter der Sonne.
Viel Fürsten setzt’ er den Fuß auf den Hals.

Sigrun.
30
So sollen dich alle Eide scheiden,
Die du dem Helgi hast geschworen
Bei der Leiptr leuchtender Flut
Und der urkalten Waßerklippe.

31
Das Schiff fahre nicht, das unter dir fährt,
Weht auch erwünschter Wind dahinter.
Das Ross renne nicht, das unter dir rennt,
Müstest du auch fliehen vor deinen Feinden.

32
Das Schwert schneide nicht, das du schwingst,
Es schwirre denn dir selber ums Haupt.
Rache hätt ich da für Helgis Tod,
Wenn du ein Wolf wärst im Walde draußen
Des Beistands bar und bar der Freunde,
Der Nahrung ledig, du sprängst denn um Leichen.

Dag.
33
Irr bist du, Schwester, und aberwitzig,
Daß du dem Bruder Verwünschung erbittest.
Odhin allein hat an dem Unheil Schuld,
Der zwischen Verwandte Zwistrunen warf.

34
Dir bietet rothe Ringe der Bruder,
Ganz Wandilswe und Wigdalir;
Habe dir halb das Reich dem Harm zur Buße,
Spangengeschmückte, den Söhnen und dir.

Sigrun.
35
Nicht sitz ich mehr selig zu Sewafiöll
Früh noch spät, daß mich freute zu leben,

Es brech ein Glanz denn aus dem Grabe des Fürsten,
Wigblär das Ross renne mit ihm daher,
Das goldgezäumte, den so gern ich umfinge.

36
So schuf Helgi Schrecken und Angst
All seinen Feinden und ihren Freunden,
Wie vor Wölfen wüthig rennen
Geiße am Berghang des Grauens voll.

37
So hob sich Helgi über die Helden all
Wie die edle Esche über die Dornen
Oder wie thaubeträuft das Thierkalb springt:
Weit überholt es anderes Wild
Und gegen den Himmel glühn seine Hörner.

Ein Hügel ward über Helgi gemacht; aber als er nach Walhall kam, bot Odhin ihm an, die Herschaft mit ihm zu theilen. Helgi sprach:

38
Nun must du, Hunding, den Männern all
Das Fußbad bereiten, das Feuer zünden;
Die Hunde binden, der Hengste warten
Und die Schweine füttern eh du schlafen gehst.

Sigruns Magd ging am Abend zum Hügel Helgis und sah, daß Helgi zum Hügel ritt mit großem Gefolge.

Die Magd sprach:
39
Ists Sinnentrug, was ich zu schauen meine,
Ists der jüngste Tag? Todte reiten.
Die raschen Rosse reizt ihr mit Sporen:
Ist den Helden Heimfahrt gegönnt?

Helgi sprach:
40
Nicht Sinnentrug ists, was du zu schauen meinst,
Noch Weltverwüstung, obwohl du uns siehst
Die raschen Rosse mit Sporen reizen;
Sondern den Helden ist Heimfahrt gegönnt.

Da ging die Magd heim und sprach zu Sigrun:

41
Geh schnell, Sigrun von Sewafiöll,
Wenn dich den Volksfürsten zu finden lüstet.
Der Hügel ist offen, Helgi gekommen.
Die Kampfspuren bluten; der König bittet dich,
Du wollest die weinenden Wunden ihm stillen.

Sigrun ging in den Hügel zu Helgi und sprach:

42
Nun bin ich so froh dich wieder zu finden,
Wie die aasgierigen Habichte Odhins,
Wenn sie Leichen wittern und warmes Blut,
Oder thautriefend den Tag schimmern sehn.

43
Nun will ich küssen den entseelten König
Eh du die blutige Brünne noch abwirfst.
Das Haar ist dir, Helgi, in Angstschweiß gehüllt,
Ganz mit Grabesthau übergoßen der König;
Die Hände sind urkalt dem Eidam Högnis:
Was bringt mir, Gebieter, die Buße dafür?

Helgi.
44
Du Sigrun bist Schuld von Sewafiöll,
Daß Helgi trieft von thauendem Harm.
Du vergießest, goldziere, grimme Zähren,
Sonnige, südliche eh du schlafen gehst.
Jede fiel blutig auf die Brust dem Helden,
Grub sich eiskalt in die angstbeklommene.

45
Wohl sollen wir trinken köstlichen Trank,
Verloren wir Lust und Lande gleich.
Stimme Niemand ein Sterbelied an,
Schaut er durchbohrt die Brust mir auch.
Nun sind Bräute verborgen im Hügel,
Königstochter, bei mir dem todten!

Sigrun bereitete ein Bett im Hügel und sprach:

46
Hier hab ich ein Bette dir, Helgi, bereitet,
Ein sorgenloses, Sohn der Ülfinge.

Ich will dir im Arme, Edling, schlafen,
Wie ich dem lebenden Könige lag.

Helgi.
47
Nun darf uns nichts unmöglich dünken
Früh noch spät zu Sewafiöll,
Da du dem Entseelten im Arme schläfst
Im Hügel, holde Högnistochter,
Und bist lebendig, du Königsgeborne!

48
Zeit ists, zu reiten geröthete Wege,
Den Flugsteg das fahle Ross zu führen.
Westlich muß ich stehn vor Windhelms Brücke
Eh Salgofnir krähend das Siegervolk weckt.

Helgi ritt seines Weges mit dem Geleit und die Frauen fuhren nach Hause. Den andern Abend ließ Sigrun die Magd Wache halten am Hügel. Aber bei Sonnenuntergang, als Sigrun zum Hügel kam, sprach sie:

49
Gekommen wäre nun, gedächte zu kommen
Sigmunds Sohn aus den Sälen Odins.
Die Hoffnung ist hin auf des Helden Rückkehr,
Da auf Eschenzweigen die Aare sitzen
Und alles Volk zur Traumstätte fährt.

Die Magd.
50
Sei nicht so frevel allein zu fahren,
Skiöldungentochter, zu der Todten Hütten.
Stärker werden stäts in den Nächten
Der Helden Gespenster als am hellen Tage.

Sigrun lebte nicht lange mehr vor Harm und Leid. Es war Glauben im Altertum, daß Helden wiedergeboren würden; aber das heißt nun alter Weiber Wahn. Von Helgi und Sigrun wird gesagt, daß sie wiedergeboren wären: Er hieß da Helgi Haddingia-Held; aber Sie Kara, Halfdans Tochter, so wie gesungen ist in den Kara-Liedern; und war sie Walküre.
 

 

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