Die Liederedda

Übersetzung von Karl Joseph Simrock

 

 

Eine Sammlung mythologischer und epischer Lieder mit prosaischen Zwischenreden pflegt man die ältere Edda zu nennen, auch wohl die poetische oder Sämundische, Alles im Gegensatz gegen die s. g. jüngere, welche in Prosa abgefaßt ist und dem Snorri zugeschrieben wird. Von allen diesen Bezeichnungen ist aber keine ganz ohne Bedenken. Aelter heißt die Sammlung wohl insofern mit Recht als die meisten in ihr enthaltenen Lieder früher entstanden sein müßen als die Haupttheile der s. g. prosaischen Edda, deren Text mit Belegstellen aus diesen Liedern verbrämt ist. Da indes nur aus einigen, nicht aus allen Liedern Stellen angeführt werden, während das Alter anderer zweifelhaft bleibt, so könnte die durchgreifende Richtigkeit dieser Benennung wohl angefochten werden. Poetisch mag sie im Gegensatz gegen die dem Snorri zugeschriebenen nur insoweit heißen, als letztere von den wenigen eingewebten Belegstellen abgesehen in Prosa verfaßt ist; aber auch jene besteht nicht aus lauter poetischen Stücken vielmehr sind einige derselben als Sinfiötla-Lock und Drâp Niflunga gleichfalls in Prosa geschrieben, und den Liedern selbst fehlt es nicht an prosaischen Eingängen, Schlüßen und Zwischensätzen, welche sie erläutern und vervollständigen sollen, während jene selbständigen Prosastücke zwischen die Heldenlieder eingeschoben scheinen damit der Leser aus ihnen eine Übersicht der ganzen Sage gewinnen könne. Endlich kann das sogar in Frage gestellt werden ob dieser kostbaren Sammlung der Namen Edda gebühre. Wir werden sehen, daß er in Bezug auf das jüngere Werk kaum zu beanstanden ist, und da dieß aus den Liedern schöpft und beide an den mythischen Überlieferungen des Nordens einen gemeinschaftlichen Gegenstand haben, so war es natürlich, sie mit gleichem Namen zu bezeichnen. Die erhaltenen Handschriften unserer Sammlung legen ihr aber diesen Namen noch nicht bei. Der Bischof Brynjulf Swendsen zu Skalholt jedoch, welcher im Jahr 1643 die älteste derselben, den sogenannten codex regius, auffand, setzte der Abschrift, welche er davon besorgen ließ, mit eigener Hand den Titel Edda Sæmundar hinns frôda, Edda Sämund des Gelehrten, vor und dieß ist das einzige Zeugniss dafür, daß diesem Buch der Name Edda gebühre. Auf keinem festern Grunde beruht es zugleich, wenn es dem Sämund zugeschrieben wird. Für den Verfaßer der Lieder soll er damit nicht ausgegeben werden, nur die Rolle des Sammlers wird ihm zugedacht: aber auch dafür wißen wir die Gründe nicht, welche den Bischof Brynjulf zu solcher Annahme bestimmten. Die Lieder selbst sind mit wenigen Ausnahmen so altertümlich, daß sie aus christlicher Zeit nicht herrühren können; das Solarlied aber muß ihr angehören, da es christliche und heidnische Vorstellungen mischt, weshalb es als nicht eddisch von uns ausgeschloßen wird, obgleich es sich in allen Handschriften findet; jedoch liefern wir es, seiner großen Schönheit wegen, in einem Anhange nach. Daß es von Sämund gedichtet sei, hat Bergmann in seiner Untersuchung über Gylfaginning (La fascination de Gulfi, Strassbourg et Paris 1861) wahrscheinlich gemacht. Gleichen Ursprung schreibt man auch dem dritten Gudrunenlied zu.

 

Es bleibt hienach zweifelhaft ob die Sammlung der Eddalieder von Sämund angelegt sei; daß sie nicht von ihm gedichtet sind, ist ganz entschieden, wenn wir von jenen beiden absehen, deren später Charakter eine solche Annahme eher möglich macht. Die echten alten Lieder werden überhaupt nicht auf Island gedichtet sein: den Isländern gebührt nur das Verdienst der Erhaltung und Aufzeichnung; sie brachten sie schon aus dem Mutterlande mit hinüber. Wann sie dort entstanden seien, läßt sich nicht angeben; die ältesten glaubt man schon dem sechsten Jahrhundert zuschreiben zu müßen. Von den Heldenliedern ist es sogar wahrscheinlicher, daß sie nur Übersetzungen Deutscher sind, da sie am Rhein, in Frankenland spielen.

 

Dem Inhalte nach beziehen sich nämlich die Eddalieder theils auf die Götter, theils auf die Helden, weshalb man einen mythologischen und epischen Theil zu unterscheiden pflegt. Auch wir legen diese Eintheilung zu Grunde, indem wir Götter- und Heldensage sondern. Doch giebt es auch hier Übergänge: so könnte das Hyndlulied und das Rigsmal mit gleichem Fug zu der einen wie zu der andern Gattung gezählt werden. Wir haben sie als den Übergang zur Heldensage bildend an den Schluß der Götterlieder verwiesen. Für die Heldensage bleiben uns dann nur solche Lieder übrig, welche der deutschen Heldensage entsprechen, indem sie sich wie die Nibelungen und die Gedichte des Heldenbuchs auf den Kreiß von Siegfried und Ermenrich beziehen. Das Grottenlied, welches hievon eine Ausnahme machen würde, haben wir deshalb aus der Skalda oder jüngern Edda herüber zu nehmen Bedenken getragen. Zu den mythologischen Liedern ist hier auch das Spruchgedicht Hawamal gestellt, obgleich es seines ethischen Gehaltes wegen eigentlich einer dritten Reihe angehörte, in der es aber allein stehen würde. Indes enthält es so viel mythische Bezüge, daß seine Stellung unter den reinen Götterliedern gerechtfertigt ist. Sollen wir auch die Rücksichten angeben, die uns innerhalb der beiden Hauptabschnitte bei Anordnung der Lieder geleitet haben, so war bei den Heldenliedern der Fortschritt der Begebenheiten maßgebend, was freilich auf die vereinsamt an der Spitze stehende Wölundarkwida keine Anwendung findet; die Götterlieder, bei welchen diese Rücksicht nicht durchgriff, sind zugleich nach Kreisen, d. h. so geordnet, daß die beisammen stehen, welche sich auf dieselbe Gottheit beziehen. Der Wöluspa, die eine Übersicht über den ganzen nordischen Glauben gewährt, folgen die zum Mythus Odhins gehörigen Lieder; das letzte, das zugleich Thors Wesen erläutert, bildet den Übergang zu dessen Kreise. Diesem folgen dann drei auf Freyr bezügliche Lieder, so daß die Trilogie Odin, Thor und Freyr unserer Anordnung zu Grund liegt. Den Schluß machen jene beiden, welche den Übergang zur Heldensage vorbereiten.

 

 

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