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Die Große Brennnessel - Urtica dioica
Die Kräuter des Neun-Kräuter-Segen

Die Große Brennnessel - Urtica dioica


upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/d/dc/Illustration_Urtica_dioica0_clean.jpg
"Stiðe heo hatte, wiðstunað heo attre, wreceð heo wraðan, weorpeð ut attor.
Brennnessel heisst es, es widersetzt sich dem Gift, es verjagt den Feind, wirft das Gift hinaus."


Die Brennnessel (Urtica) ist wohl das einzige Kraut, das nahezu jedem bekannt ist. Schon als kleines Mädchen machte ich auf äußerst schmerzhafte Weise Bekanntschaft mit ihr. Ihren brennenden Händedruck und meine kindliche Fassungslosigkeit habe ich bis heute nicht vergessen und begegne ihr mit Achtsamkeit und Respekt. Kaum zu glauben, dass diese scheinbar aggressive Pflanze so viel Heilkraft besitzt und auch in vielen anderen Bereichen wie der Ernährung, der Haarpflege oder gar der Textilherstellung eingesetzt werden kann. Aber was die Natur mit einer so wirksamen Waffe ausstattet und sie vor ihrer Ausrottung schützt, muss von großem Nutzen sein.

Bereits in der Altsteinzeit stellten die Menschen aus den Fasern der Brennnessel Stricke, Fischernetze oder Schlingen zum Fangen von Tieren her. Sprachetymologisch ist das Wort Nessel mit den Worten Netz, nesteln (schnüren), nähen und Nadel verwandt. Für unsere heidnischen Vorfahren war die Brennnessel, ebenso wie der Flachs, der Hanf und andere Faserpflanzen, eine Pflanze der Großen Göttin, weil diese für das Spinnen, Weben und Tuchmachen zuständig war. Früher glaubte man auch, dass ein Hemd aus Brennnesselstoff ein wirksamer Schutz vor Verzauberung ist. Dieser alte Volksglaube ist in Märchen wie „Die sechs Schwäne“ oder „Die wilden Schwäne“ überliefert.

Wie sehr die Menschen die Qualität von Brennnesselgewebe schätzten, erklärt dieser wissenschaftliche Artikel über den Grabfund eines reichen Dänen aus der Bronzezeit:


Bronzezeit-Menschen webten Stoffe aus Brennesseln
2.800 Jahre altes Grabtuch wirft neues Licht auf prähistorische Textilherstellung

Das 2.800 Jahre alte Grab eines reichen Dänen aus der Bronzezeit überrascht die Archäologen: Denn eine neue Untersuchung enthüllt, dass die Überreste des Toten in einen aus Brennnesseln gewobenen Stoff gehüllt worden waren. Die Brennnesseln dafür stammen zudem nicht aus Dänemark, sondern aus der mehr als 1.000 Kilometer entfernten Steiermark in den Alpen. Das zeige die Analyse von Strontium-Isotopen in den Pflanzenfasern, berichten Bodil Holst von der Universität von Bergen und seine Kollegen im Fachmagazin "Scientific Records". Die Wildpflanze Brennnessel habe demnach in der Bronzezeit eine unerwartet wichtige Rolle für die Textilherstellung gespielt. Stoffe aus diesem Material seien offenbar sogar über große Entfernungen hinweg transportiert worden.
Das analysierte Textilgewebe stammt aus einem bereits 1861 nahe dem Ort Voldtofte entdeckten prähistorischen Grab von Lusehøj. Dieses gilt wegen seiner zahleichen Grabbeigaben und einer aufwändigen Bronzeurne als einer der reichhaltigsten Bronzezeit-Funde in ganz Dänemark, wie die Forscher berichten. Vorherige Untersuchungen hatten bereits ergeben, dass die Urne aus dem Alpenraum stammen musste - damals eine der Regionen, die Bronze förderten und exportierten. "Die Dänen erhielten das Metall aus Mitteleuropa und die Importe wurden durch reiche und mächtige Männer kontrolliert", erklärt Mitautorin Ulla Mannering vom Nationalmuseum von Dänemark in Kopenhagen. Der Tote könne durchaus einer dieser Importeure gewesen sein.

Die Überreste des Toten - vornehmlich Knochen - waren damals in den Brennnesselstoff gewickelt worden, bevor sie in die Urne kamen. Ob der Stoff aus Flachs gewebt worden war oder aus einem anderen Material, sei zuvor unklar gewesen, sagen die Forscher. Daher habe man das Gewebe nun mikroskopisch und mit Hilfe von Isotopen-Analysen erneut untersucht. "Wir haben Kalzium-Oxalat-Kristalle in den Fasern gefunden und eine charakteristische S-Form der Faserwindungen", berichten Holst und seine Kollegen. Dies belege eindeutig, dass der Lusehøj-Stoff aus Brennesselfasern bestehe.

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass Stoffe in der Bronzezeit nicht nur aus Kulturpflanzen wie Flachs oder Hanf hergestellt wurden, sondern auch aus Wildpflanzen", schreiben die Forscher. Das werfe ein völlig neues Licht auf bisherige Annahmen zur damaligen Textilherstellung. Bisher sei man davon ausgegangen, dass die Bronzezeitmenschen ihre Kleidung aus lokal verfügbaren und selbst produzierten Rohstoffen herstellten. Wurde in einer Region Flachs angebaut, webten die Menschen ihre Stoffe vornehmlich aus diesem Material, wurden Schafe gezüchtet oder Hanf angebaut, bestand die Kleidung aus diesen Rohstoffen. Wildpflanzen, so glaubte man, seien nach Beginn der Landwirtschaft kaum noch verwendet worden. Doch die neuen Ergebnisse widerlegten diese Vorstellung, meinen die Forscher.

"Die Brennesselfasern des Gewebes stammen eindeutig aus der Steiermark", erklären Holst und seine Kollegen. Das zeige die Analyse der Strontium-Isotope in den Fasern. Weil das Element Strontium von Pflanzen aus Wasser und Boden aufgenommen wird, verrät die jeweilige Zusammensetzung der Strontium-Isotope, woher ein Pflanzenmaterial kommt. Man wisse aber, dass die Menschen in der Steiermark zur damaligen Zeit, etwa 800 vor Christus, bereits Flachs anbauten, berichten die Wissenschaftler. Offenbar seien dort aber trotzdem wilde Brennnesselpflanzen gesammelt und zu Stoff verarbeitet worden. "Offenbar zog man sie dem Flachs für diesen Zweck vor", sagen die Forscher. Das zeige, dass die Bronzezeit-Menschen nicht einfach nutzten, was gerade da war, sondern bewusst ihr Material so auswählten, dass sie bestimmte Stoffqualitäten erhielten. (doi:10.1038/srep00664)

Quelle:
Scientific Records / University of Copenhagen, 01.10.2012 - NPO: Bronzezeit-Menschen webten Stoffe aus Brennesseln


Beschreibung der Heilpflanze
Die Brennnesseln (Urtica) bilden eine Pflanzengattung in der Familie der Brennnesselgewächse (Urticaceae). Sie sind, außer in der Antarktis, weltweit anzutreffen und kommen in unseren Breiten sehr häufig vor. In Deutschland sind vor allem die zweihäusige Große Brennnessel (Urtica dioica) und die einhäusige Kleine Brennnessel (Urtica urens) stark vertreten. Die volkstümlichen Namen der Großen Brennnessel sind Donnernessel, Grosse Nessel, Hanfnessel, Nettel, Saunessel, Scharfnessel.
Ihre bevorzugten Lebensräume sind Auwälder, Ruderalbrachen, Schutt- und Müllpätze sowie Wegränder auf stickstoffreichen Böden. Sie besiedeln auch Gärten, Grabenränder, feuchte Waldstellen oder Ödland.
Die Große Brennnessel ist eine krautige, mehrjährige Pflanze. Je nach Standort erreicht sie eine Höhe von 30 bis 150 Zentimeter. Sie besitzt einen winterharten, kriechenden Wurzelstock. Die Stängel der Brennnessel sind vierkantig, verzweigt oder unverzweigt, aufrecht, aufsteigend oder ausgebreitet. Die gestielten Laubblätter der Urtica dioica sind gegenständig, länglich-herzförmig und am Rand grob gezahnt. Die grünen Pflanzenteile sind mit Brennhaaren besetzt. Die gelbgrünen oder weißgrünen, kleinen und unscheinbaren Blüten stehen in den Achseln der Blätter.
In den eiförmigen, bis zu 1,3 Millimeter langen Früchten befinden sich die so wertvollen, frostkeimenden Samen. Da die Fruchtwand verholzt, bezeichnet man sie als Nussfrucht oder einsamige Nüsschen.
Die winzigen Brennhaare, die eine wirksame Abwehr gegen Fraßfeinde bilden, sind röhrenförmig und im oberen Teil durch die eingelagerte Kieselsäure hart und spröde wie Glas. Der untere Teil ist dicker, flexibel und mit Flüssigkeit gefüllt. Die Spitze der Brennhaare besitzt ein Köpfchen, unter dem sich eine Sollbruchstelle befindet. Schon bei einer leichten Berührung bricht das Köpfchen ab und hinterlässt eine schräge, scharfe Kante, die wie eine Kanüle wirkt und bei Kontakt in die Haut des Opfers einsticht. Die ameisensäurehaltige Brennflüssigkeit dringt mit Druck in die Wunde ein und verursacht den beißenden oder brennenden Schmerz, gerötete Quaddeln und im schlimmsten Fall sogar Entzündungen.

Heilwirkung
Einige der zahlreichen Inhaltsstoffe der Großen Brennnessel sind unter anderem die Vitamine A und C, Eisen, Kalium, Mangan und Calcium, Acetylcholin, Histamin und Serotonin. Sie wirkt anregend, blutreinigend, blutbildend, blutstillend, blutzuckersenkend, entgiftend und entschlackend, harntreibend und stoffwechselfördernd. Sie hilft bei Appetitlosigkeit, Frühjahrsmüdigkeit, reguliert Verstopfung und Durchfall und lindert Menstruationsbeschwerden.

Schon im Altertum war die Brennnessel als wirksame Heilpflanze bekannt. Dioskurides (röm. Militärarzt; 1. Jh. n. Chr.) verordnete sie bei Menstruations- und Harnbeschwerden und bei verschiedenen Erkrankungen der Haut. Als bedeutsame Heilpflanze in der traditionellen Volksheilkunde wurde die Brennnessel gegen Rheuma, Gicht, Galle- und Leberbeschwerden oder chronische Hauterkrankungen eingesetzt. Außerdem wurde sie bei Frühjahrskuren oder beim Fasten zur Entschlackung und Entgiftung angewendet, weil sie die Ausschwemmung von Wasser über die Nieren fördert.
Aber nicht nur die Blätter und Wurzeln der Großen Brennnessel besitzen einen hochkonzentrierten Gehalt an Heil- und Vitalstoffen. Weil die Samen der Urtica dioica diesen Nährstoffreichtum noch übertreffen, wurden sie in alten Zeiten von unseren Vorfahren emsig gesammelt und bei Erschöpfungszuständen als Stärkungsmittel verzehrt. Sie stärken in einem so hohen Maß, dass im Mittelalter ein Brennnesselsamen-Verzehrverbot für Mönche eingeführt wurde, um ihr Keuschheitsgelübte nicht zu gefährden. In den Samen befindet sich eine hormonähnliche Substanz, die einer Leistungsschwäche der Geschlechtsorgane vorbeugen und sie auch beheben kann. Aber nicht nur die Libido, die Potenz und die Zeugungsfähigkeit werden von den Samen der Brennnessel angeregt, sondern auch der Milchfluss stillender Mütter. Außerdem hilft die anregende Wirkung der Brennnesselsamen bei vermindertem Haarwuchs und bei Haarausfall.

Die Brennnessel ist aber nicht nur eine wertvolle Heilpflanze, sondern auch ein gesundes Nahrungsmittel. Die sorgfältig gereinigten, protein-, vitamin- und mineralstoffreichen Blätter, aber auch die Blüten und Samenstände können als Suppe, als Gemüsebeilagen, oder generell wie Spinat oder Mangold zubereitet werden. Sobald die Brennnessel verarbeitet wird, verflüchtigt sich die brennende Wirkung der Brennhaare, so dass man die Blätter auch roh im Salat genießen kann.
Die Brennnessel ist außerordentlich nahrhaft, wohlschmeckend und gesunder als Spinat – besonders für Kinder im Wachstum, denn sie besitzt einen sehr hohen Gehalt an Calcium, Eisen und Vitamin-C. Sie eignet sich sehr gut als Grundnahrungsmittel; in Kriegszeiten trug sie immens zum Überleben der Bevölkerung bei.

Brennnesselsamenöl oder auch Nesselsamenöl ist ein sehr hochwertiges Pflanzen- und Speiseöl, das - wie der Name es schon andeutet - aus den reifen Samen der Urtica dioica gewonnen wird. Es ist tiefgrün gefärbt und besitzt ein leicht nussiges Kräuteraroma. Das hochkonzentrierte Öl eignet sich verdünnt und in Kombination mit einem anderen Öl, zum Beispiel mit Olivenöl, gut für Salate, Soßen und allgemein für die kalte Küche. Nesselsamenöl kann aber auch zum Dünsten von Gemüse verwendet werden. Früher wurde es sogar als Brenn- und Lampenöl eingesetzt.

Wer in seinem Garten kräftige, gesunde Pflanzen haben möchte, geschmackvolle Ernten erzielen und sein Gemüse ohne Chemikalien behandeln und genießen möchte, sollte auf die schon seit Jahrhunderten verwendete Brennnessljauche zurückgreifen. Sie dient nicht nur als natürlicher stickstoffreicher Flüssigdünger, sondern auch als Pflanzenschutzmittel gegen Schädlinge und Insekten.

Seit Menschengedenken wird die Brennnessel in vielen Lebensbereichen eingesetzt und heute zu Unrecht als Unkraut abgewertet und von vielen Menschen eisern bekämpft.



Verwendete Literatur:
"Naturrituale" und "Die alte Göttin und ihre Pflanzen" von Dr. phil. W.-D. Storl
"Der Kosmos-Heilpflanzenführer" von Schönfelder
"Der große Naturführer Kräuter" von Maria Teresa Della Beffa"

Bild:
Brennnessel, Urtica dioica, Abb. in Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz 1885 (Wikipedia, gemeinfrei)

Weiterführende Webseiten:
Heilpflanzen-Welt
Zentrum der Gesundheit
Wikipedia - Die Brennnessel

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