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Weltreich der Wikinger
Händler und Krieger: Das Weltreich der Wikinger

Lange galten Wikinger als wilden Horden, die reiche Klöster überfielen. Doch Ausgrabungen zeigen: Die Nordmänner errichteten ein weltweites Handelsnetz - von Konstantinopel bis Amerika.

www.manfrieds-trelleborg.de/images/wikingerreisen.jpgBei den Ausgrabungen einer versunkenen Stadt am Grund der Lagune von Küçükçekmece, nur etwa 20 Kilometer westlich von Istanbul, kamen viele spektakuläre Funde zu Tage. Unterwasserarchäologen stießen beispielsweise auf die Fundamente eines antiken Leuchtturms - einer der ganz wenigen, die von den Römern gebaut wurden. Auch eine Art Apotheke, in der 440 Fläschchen mit schmerzstillenden Substanzen lagerten, gehörte zu den Highlights der Grabung unter der Leitung von Engül Aydngün von der Kocaeli Universität.

Ganz besondere Beachtung aber verdient ein Fund aus der letzten Grabungskampagne, der auf ersten Blick eher unscheinbar daherkommt: eine Bernsteinkette aus dem 9. Jahrhundert nach Christus. Denn der Bernstein stammt aus dem Norden, vom Strand der Ostsee. Und könnte damit die Spur einer Bevölkerungsgruppe sein, die im Istanbul des 9. Jahrhunderts sehr präsent war, heute aber fast gänzlich in Vergessenheit geraten ist - der Wikinger.

Händler und Krieger zugleich

Ihre Ära währte mehr als 250 Jahre - nach damaligen Maßstäben waren die Wikinger überall. Die Nordmänner besaßen eine Einflusssphäre, die weiter reichte als die des Römischen Reichs. Mit ihren technologisch hoch entwickelten Schiffen tummelten sie sich nicht nur entlang der europäischen Küsten, sondern hinterließen ihre Spuren auch in Grönland, Nordafrika und Neufundland.

In der anderen Richtung, gen Osten, zogen sie über die Flüsse Dnepr, Düna, Wolga und Don bis hinunter bis zum Schwarzen Meer und ans Kaspische Meer. Allerdings kamen sie nicht, um zu erobern, sondern höchstens, um ein bisschen zu plündern - und zu handeln. Sie waren Räuber und Kaufleute zugleich.

Leibgarde des Kaisers

Wikinger, die nach Osten zogen, kannte man dort unter dem Namen Waräger. 860 standen diese Waräger zum ersten mal vor den Toren Istanbuls, damals noch als Byzanz bekannt. Wie aus heiterem Himmel soll eine Flotte mit 200 Schiffen am 18. Juni jenen Jahres unter der Führung von Askold, Gründer des Fürstentums Kiew, in der Hautstadt des Byzantinischen Reiches eingefallen sein. Viel Schaden richteten sie allerdings nicht an, lediglich ein paar Vororte wurden geplündert.

128 Jahre später kamen 6000 Waräger dann dem byzantinischen Kaiser Basileios II. zu Hilfe. Geschickt hatte sie der Kiewer Großfürst Wladimir I. - und der Kaiser war so beeindruckt vom kriegerischen Können der skandinavischen Söldner, dass für die nächsten 200 Jahre die kaiserliche Leibgarde ausschließlich aus Warägern bestand.
Aus diesem Umfeld stammt vermutlich jene Kette, die Aydngüns Grabungsteam in der Lagune von Küçükçekmece fand. Vielleicht hatte ein Söldner sie von zu Hause mitgebracht, vielleicht wollte ein Händler sie in der byzantinischen Hauptstadt gegen andere Waren tauschen. Ein Waräger konnte durchaus Beute auf einem Raubzug machen und diese später dann ganz zivilisiert als Händler auf einem Markt verkaufen.

Das Warenangebot im Gepäck der Nordmänner war entsprechend groß, es reichte von Lebensmitteln über Felle und Stoffe, Schmuck und Edelmetalle bis hin zu Sklaven. Kiew und Byzanz waren nur zwei Knotenpunkte des gen Osten weit verzweigten Handelsnetzwerkes der Waräger. Arabische Quellen berichten schon im 9. Jahrhundert von skandinavischen Händlern in Bagdad. Sie wurden am Persischen Golf ebenso gesichtet wie am Kaspischen Meer.

Entdeckt auf Satellitenbildern

Ihre Abenteuerlust lebten die nordischen Händler, Krieger und Seeräuber natürlich nicht nur östlich der Heimat aus, sondern auch weit im Westen. Lange galt L'Anse aux Meadows in Neufundland als einziger Beleg für einen längeren Aufenthalt von isländischen und grönländischen Siedlern auf dem nordamerikanischen Kontinent.

Doch letzten Sommer entdeckte die Archäologin Sarah Parcak einen weiteren Platz, an dem sich die Nordmänner häuslich einrichteten: in Point Rosee, rund 600 Kilometer südlich von L'Anse aux Meadows am Ufer des St. Lorenz Stroms.

Parcak betreibt Archäologie normalerweise aus großer Höhe: Mit Hilfe von Satellitenaufnahmen identifiziert sie potenzielle archäologisch interessante Stätten. Dass dies nicht nur in kargen Wüstenregionen möglich ist, sondern auch in in der zerklüfteten und mit üppigem Bewuchs bedeckten Landschaft Neufundlands, bewies sie mit der Entdeckung der seltsamen Strukturen von Point Rosee auf Infrarotsatellitenaufnahmen und hochauflösenden Luftbildern.
Eine zweiwöchige Probegrabung im vergangenen Sommer bestätigte ihre erste Vermutung: Die Wikinger waren tatsächlich dort gewesen. Davon zeugten nicht nur die Mauern aus Torfsoden, wie die Isländer und Grönländer sie auch auf ihren Heimatinseln erbauten. Sondern vor allem die archäologischen Zeugnisse von Eisenverarbeitung - eine Technik, die in der fraglichen Zeit zwischen 800 und 1300 nur die Wikinger beherrschten, nicht aber die einheimischen Neufundländer.

Eisen war für die seefahrenden Wikinger überlebenswichtig, denn es hielt ihre Schiffe zusammen. Im Schiffsmuseum von Rosklide haben Forscher es ausprobiert: In einem Wikinger-Langschiff steckten 7000 handgeschmiedete Nägel. Ein Schmied brauchte für deren Herstellung 1000 Arbeitsstunden, in denen er 400 kg reines Eisen zu Nägeln verarbeitete. Das Eisen musste zuvor aus 30 Tonnen Raseneisenerz gewonnen werden.

Im kommenden Sommer will Parcak mit ihrem Team die Grabung in Point Rosee fortführen. Sollte sich der erste Eindruck bestätigen, bekommt das riesige frühmittelalterliche Netzwerk der Wikinger einen weiteren Außenposten hinzu. Und L'Anse aux Meadows bliebe kein Einzelfall: Die Geschichte Nordamerikas müsste umgeschrieben werden.


Quelle:
Spiegel online - Wissenschaft
Ein Bericht von Dr. Angelika Franz

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

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