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Der Beifuß - Artemisia vulgaris
Die Kräuter des Neun-Kräuter-Segen

Der Beifuß - Artemisia vulgaris


Der Beifuß ist eines der ältesten Heilkräuter, die es gibt. Neben 28 weiteren Heilpflanzen wurde sein Blütenstaub in dem Grab eines Neandertalers entdeckt, das auf 60.000 Jahre v. Chr. datiert ist. Der Verstorbene war auf blühende Kräutersträuße gebettet. Rund um sein Grab waren zusätzlich Blüten von Heilkräutern verstreut; auch hier entdeckte man den Pollen des blühenden Artemisienkrauts.
Im angelsächsischen Neun-Kräuter-Segen heißt der Beifuß "mucgwyrt" (Mugwurz), was "Ältestes der Heilkräuter" bedeutet.
In späteren Kulturen war der Beifuß ebenfalls eine heilige Pflanze, die man als "Brücke für den Übergang in die jenseitige Welt" verwendetete. Überall dort, wo der Mensch an die Grenzen des Alltäglichen stieß, an die "Pforten zur Anderswelt", kam der Beifuß zum Einsatz. Während der Geburt, der Krankenheilung, oder des Sterbens und der Bestattung - aber auch bei Festen, wie der Sommer- und der Wintersonnenwende, also beim Übergang von einer Jahreszeit in die andere, unterstütze der Beifuß den Übertritt. Dazu wurde er verräuchert und seine Wurzel als Amulett getragen.

upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/51/Artemisia_etera_polyclonos_C.J.A.jpgKulturhistorisch ist der Beifuß mit Frau Holle verknüpft. Als Gefährtin des geweihtragenden Gottes, Beschützerin der Toten und der Naturgeister und in Gestalt der wilden, unbezwingbaren Göttin der Wildnis, der Herrin der Tiere, der Bären und der ersten Hebamme stellt ihr Bild eine Urerinnerung an die große paläolithische Göttin, die Personifizierung der Mutter Erde und Großmutter aller Geschöpfe dar. Sie ist die Höhlenfrau, deren Bild sich in den üppigen "Venus"-Figuren wiederfindet, die in den Höhlen der steinzeitlichen Mammut- und Rentierjägern gefunden wurden, welche - wie Pollenanalysen des Bodens zeigen - ebenfalls mit Beifußkraut ausgelegt waren.

Artemis ist eine der wichtigsten Gottheiten der griechischen Mythologie. Sie ist die Göttin der Jagd, des Waldes, des Mondes und Hüterin der Frauen und Kinder. Als Göttin der Heilung und der Geburt wurde sie von Hebammmen und schwangeren und gebärenden Frauen verehrt.
Auch die persische Königin Artemis (400 v. Chr.), die den Beifuß verwendete, kommt als Namenspatin dieses Heilkrautes in Frage.

Beschreibung der Heilpflanze:
Der Gewöhnliche Beifuß oder Gemeine Beifuß (Artemisia vulgaris) ist eine Pflanzenart aus der Gattung Artemisia in der Familie der Korbblütler. Weitere Bezeichnungen sind Besenkraut, Fliegenkraut, Gänsekraut, Johannesgürtelkraut, Jungfernkraut, Sonnenwendkraut, Weiberkraut, Werzwisch, Wilder Wermut oder Wisch. Vom Gewöhnlichen Beifuß gibt es eine europäische (Artemisia vulgaris var. vulgaris) und eine asiatische Varietät (var. indica), die sich nur geringfügig in der Zusammensetzung des ätherischen Öls unterscheiden.

Im Althochdeutschen Verb bedeutete der deutsche Name "Beifuß" soviel wie "stoßen" oder "schlagen". Der Zusammenhang dafür ist unklar; möglicherweise besteht er darin, dass die Blätter zur Verwendung gestoßen wurden - oder auch wegen der ihnen nachgesagten abstoßenden Wirkung auf sogenannte dunkle Mächte. Verwandt ist auch der Begriff "Amboss".

Der Beifuß ist in Europa, in Asien und in Nordamerika beheimatet. Nachdem er durch den Menschen über fast alle nördlichen Gebiete der Erde verbreitet wurde, ist seine ursprüngliche Heimat heute nicht mehr zu bestimmen.
Er wächst an nährstoffreichen, warmen Standorten: auf Ruderalflächen, an Wegrändern (auch in der Stadt), an Flussufern, Bahndämmen, Böschungen und anderen verwilderten Stellen. Beifuß ist eine ausdauernde, krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 60 cm bis zu 2 m. Die meist aufrechten, rötlich braunen Stängel sind höchstens spärlich behaart. Die fiederteiligen Laubblätter sind derb, meist 2,5 bis zu 10 cm lang und 2 bis 3 cm breit. Auf der Unterseite sind die dunkelgrünen Blätter auf Grund von Behaarung grau-weißlich. Die gelblichen bis rötlich-braunen Röhrenblüten sind 1 bis 3 mm lang. Die Blütezeit des Beifuß erstreckt sich von Juli bis September. Er hat einen herben, würzigen Geruch und schmeckt etwas bitter. Trotz seiner Größe wirkt er im Vergleich zu anderen prächtig blühenden Heilpflanzen eher unauffällig.

Heilwirkung:
Im angelsächsischen Neun-Kräuter-Segen heißt es: "Erinnere dich, Beifuß, was du verkündet hast, was du bekräftigt hast bei der großen Verkündung. "Una" heißt du, ältestes Kraut. Du hast Macht für 3 und gegen 30, du hast Macht gegen Gift und gegen Ansteckung, du hast Macht gegen das Übel, das über Land fährt."
Doch was bedeutet "Du hast Macht für 3 und gegen 30"? Sind hier möglicherweise Körper, Geist und Seele gemeint? Und wussten die Heilkundigen damals schon, wie vielseitig der Beifuß einsetzbar ist?

Beifuß besitzt einen hohen Gehalt an Bitterstoffen. Er enthält außerdem ein ätherisches Öl, die Vitamine A, B und C, Flavonoide, Tannin und Harze und in den Pollen Glykoproteine mit allergenen Eigenschaften. Er wirkt unter anderem antibakteriell, appetitanregend, beruhigend, durchblutungsfördernd, krampflösend, menstruationsfördernd, verdauungsfördernd und wehenförndernd. Seine Pollen sind ein häufiger und bekannter Auslöser allergischer Reaktionen.

Vom Altertum bis ins Mittelalter war der Beifuß eine äußerst beliebte Frauenheilpflanze. Sie wurde vor allem zur Unterstützung bei Geburten verwendet, weil sie eine wehenfördernde Wirkung besitzt und die Geburt erleichtert. Beifuß wurde als ein "sonderlich frawenkraut" bezeichnet und ihm wurden magische Kräfte zugesprochen. Er war der griechischen Göttin Artemis sowie der germanischen Göttin Holda (Frau Holle) geweiht, die beide als Schutzgöttinnen der Geburt galten. Daher glaubte man, dass ein aus Artemisia geflochtener Kranz die Geburt erleichtern konnte, wenn man ihn auf den Nabel auflegte und dann wieder abnahm. Auch an das linke Bein gebunden oder unter die Beine gelegt konnte Beifuß helfen.
Nach einem germanischen Brauch sollte die werdende Mutter einen Strauß von Artemisia in der Hand halten. Hierdurch sollte dem Neugeborenen der Weg vom Jenseits ins Diesseits gewiesen werden. Für Räucherungen gab es unterschiedliche Indikationen. Der Rauch des Beifuß gewährte der Gebärenden Schutz und Hilfe. Als warme Anwendungen setzte man Umschläge, Dampf und Sitzbäder ein. Man kochte zum Beispiel Beifuß in Wasser und legte das warme Kraut über den Nabel.
Als wehenfördernde Mittel fanden oft solche Pflanzen Verwendung, von denen man heute weiß, dass sie abführend wirken. Sie wurden pulverisiert und mit viel Flüssigkeit, vor allem Wein und Schnaps, eingenommen. Zum gleichen Zweck diente auch ein warmer Sud aus Beifuß, Raute und Poleyenkraut in Weißwein.
In der Antike wurde der Beifuß von vielen Kräuterheilkundigen wie z.B. Dioskurides, Hippokrates und einige hundert Jahre später auch von Hildegard von Bingen und Paracelsus als Frauenheilmittel empfohlen.

Beifuß wurde zudem als Arzneipflanze bei Problemen mit der Verdauung und gegen Epilepsie eingesetzt.
Im Mittelalter glaubten die Menschen, er sei ein sehr wirksames Mittel gegen und für Hexerei. Beigemischt war Beifuß ein Bestandteil vieler "magischer" Rezepturen.
Auch im Brauchtum unserer Vorfahren war das Artemisienkraut eine wichtige Pflanze. Sie ernteten zur Sommersonnenwende Beifuß, flochten aus ihm einen Gürtel und trugen ihn um den Körper. Dieser Johannis- oder Sonnwendgürtel sollte gegen Zauberei und böse Dämonen schützen. Außerdem glaubten sie, dass ein am Dachfirst mit den Spitzen nach unten geheftetes Beifußsträußchen Blitze abwehrte und Seuchen fernhielt.

Römische Soldaten legten Beifuß in ihre Schuhe, um auf ihren langen Märschen die Schmerzen an den Füßen zu lindern. Um den Fuß gewickelt, soll Beifuß Reisende auch vor Müdigkeit schützen. Diese Wirkung ist es vielleicht auch, die der Artemisia vulgaris ihren deutschen Namen gegeben hat.
In der Volksheilkunde wird Beifuß als appetitanregendes Mittel verwendet, aber auch bei Magen- und Darmstörungen sowie bei Durchfall. Seine Bitterstoffe legen auch nahe, dass er die Produktion von Galle und Magensäften anregt, was die Verdauung von fetten und schweren Speisen verbessert. Weiterhin lindert Beifuß Nervenanspannungen und Schlafstörungen. Außerdem wurde er in der Frauenheilkunde, bei der Geburt und bei Beschwerden in den Wechseljahren angewendet.

Das ist aber noch nicht alles. Beifuß ist ein aromatisches Gewürzkraut für Gänsebraten und deftige Gerichte, wird als Mittel gegen Motten geschätzt und zum Parfümieren von Kerzen verwendet. Früher war er - allein oder mit anderen Pflanzen gemischt - der "Tabak der Armen".

Das Rezept des Neun-Kräuter-Segen beschreibt die Herstellung einer Heilsalbe mit Beifuß als eines von neun Heilkräutern. Möchte man ihn aber gezielt bei Beschwerden einsetzen, die er allein zu lindern oder heilen vermag, kann man aus seinen Pflanzenteilen je nach Bedarf einen Tee, ein Öl, eine Tinktur oder ein Kräuterkissen herstellen.

Hinweis: Beifuß darf man nicht überdosieren und weder bei Fieber, noch in der Früh-Schwangerschaft anwenden, weil er eine Fehlgeburt auslösen kann.
Die im Artikel vorgestellten Anwendungen sind keine Anleitungen zu medizinischen Anwendungen!




Verwendete Literatur:
"Naturrituale" und "Mit Pflanzen verbunden" von Dr. phil. W.-D. Storl
"Der Kosmos-Heilpflanzenführer" von Schönfelder
"Heilpflanzen - Die wichtigsten Arten entdecken und bestimmen" von Renate Hudak
"Heilpflanzen - Natürlich Vorbeugen, Heilen, Lindern" von Elizabeth Lemoine

Bild:
Beifuß, Artemisia monoclonos Abb. im Wiener Dioskurides, 6. Jhdt. (Wikipedia, gemeinfrei)

Weiterführende Webseite: Heilkräuter-Seiten http://www.heilkr...

Und allen die es nicht wissen, sei es gesagt: Völva bedeutet, 'Sie, die sieht',
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