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Die alte Heilkunst
Die alte Heilkunst


Die alte Heilkunst hat ihren Ursprung bereits in der Entstehungsgeschichte der Menschheit. Sie ist die natürliche Medizin oder Ur-Medizin der Naturvölker, der Jäger- und Sammler-Gemeinschaften der Steinzeit, deren Wissen durch alle Zeiten bis in die christliche Neuzeit mündlich weitergegeben und bei unseren Vorfahren überwiegend von Frauen praktiziert wurde.

www.manfrieds-trelleborg.de/images/forumbilder/neun_kraeuter_segen_1.pngDiese alte Heilkunst beinhaltete mehr, als das rationale Wissen über Heilkräuter. Sie wird häufig mit einer Form eines Schamanentums in Verbindung gebracht, weil es bei ihr unter anderem auch darum ging, mit Pflanzengeistern zu kommunizieren. Das Wissen und der Umgang über bzw. mit psychoaktiven Pflanzen, die einen veränderten Bewusstseinszustand hervorrufen und somit einen Zugang zur "Anderswelt" erlaubten, gehörten ebenfalls dazu.
Die alte Heilkunst war ganzheitlich ausgerichtet; sie umfasste den ganzen Menschen: seinen Körper, seinen Geist, die Seele, das Bewusste und das Unbewusste. Sie hatte für unsere Vorfahren etwas unerklärliches, mysteriöses an sich und gehörte zum Geheimwissen, das nur Eingeweihten, außergewöhnlichen Frauen (und Männern) vorbehalten war.

Krankheitserreger sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Wenn ein Mensch oder ein Tier erkrankte, so glaubten unsere Ahnen, dass die Ursache ein Fluch, eine Verwünschung oder ein böser Zauber eines übel gesonnenen Menschen, oder ein unholdes Wesen aus der Anderswelt, wie nachtfahrenden Elben, "Würmer" oder "Giftnattern" waren.
Aus der Sicht unserer Vorfahren waren diese Wesenheiten körperlose Geister, die man nicht eliminieren konnte. Um ihnen entgegen zu wirken, benötigte man die Hilfe einer Heilerin, die sich mit diesen Dingen auskannte und mit Hilfe eines Heilungsrituals den Unhold im Körper des Patienten ausfindig machen, verbannen oder an den "Zauberer", der den Unhold beschworen hatte, zurückschicken konnte. Zu diesen "Wesenheiten" zählten u.a. folgende Wurmarten:

"Magische" Helminthologie (Lehre von den Eingeweide- u. a. parasitischen Würmern)
Zu den saugenden, beißenden, elbischen (unholden) Würmern, die stechende, bohrende, klopfende Schmerzen verursachen, gehören folgende "Arten":
  • Augenwurm, verantwortlich für Augenleiden
  • Beinwurm, verantwortlich für Knochenfraß
  • Fliegende Würmer, Ansteckung (angelsächsisch onflyge)
  • Gneitwurm, erregt Ekel und Überdruss
  • Hvidorm, (norwegisch = Weißwurm), hat den bösen Blick, macht wahnsinnig
  • Knochenwurm, Markwurm, erzeugt Knochentuberkolose
  • Nesselwurm, Nestle, Genisse, Nösch, (germanisch Nesso = Wurm), der Bandwurm oder die laufende Gicht
  • Ohrwurm, Entzündung im Ohr (Otitis), Mumps
  • Zahnwurm, lebt in faulenden Zähnen und stirbt, wenn er an die Luft kommt (Paracelsus)
Quelle: Kleiner Auszug der "Magischen Helminthologie (Wurmkunde)" aus dem Buch "Naturrituale" von Wolf Dieter Storl


In manchen Redewendungen, wie "da ist der Wurm drin", "das wurmt mich" oder "jemandem den Wurm aus der Nase ziehen" lebt die Erinnerung an diese unholden, wurmgestaltigen Plagegeister bis heute fort.
Diese Plagegeister und auch andere Krankheiten wurden mit den natürlichen Heilmitteln und "Magie" in Form von Heilungsritualen behandelt.
Der angelsächsische Neun-Kräuter-Segen (Nine Herbs Charm) lässt erahnen, wie ein Heilungsritual ausgesehen haben könnte. Er ist eine alte Überlieferung aus dem 9. oder 10. Jh. n. Chr. und ein Werk der altenglischen Dichtung. Der Nine Herbs Charm ist im Manuskript der Lacnunga (altenglisch für Heilmittel), einer Sammlung von vorwiegend heidnischen Heilmethoden enthalten und beschreibt nicht nur ein Rezept zur Herstellung einer Heilsalbe mit neun Kräutern, sondern auch, wie man sie anwendet. Die Beschwörung der Kräuter dient der Entfaltung ihrer Heilkräfte und der Zauberspruch bittet um göttlichen Beistand. Hier ist sehr schön zu erkennen, dass die alte Heilkunst ganzheitlich ausgerichtet war:


Nine Herbs Charm - Der Neun Kräuter Segen

Der Text des Nine Herbs Charm ist in drei Teile gegliedert:

1. Die Kräuterbeschwörung
In der Beschwörung werden neun Kräuter der Reihe nach be-sprochen (angesprochen) und ihre Wirkung durch Analogien begründet:

  • 1. Gemyne ðu, mucgwyrt, hwæt þu ameldodest,
  • Erinnere dich, Beifuß, was du verkündet hast,
  • 2. hwæt þu renadest æt Regenmelde.
  • was du bekräftigt hast bei der großen Verkündung [Verkündung vor Gott].
  • 3. Una þu hattest, yldost wyrta.
  • "Una" [dem Urgott angehörig] heißt du, ältestes Kraut.
  • 4. ðu miht wið III and wið XXX,
  • Du hast Macht für 3 und gegen 30,
  • 5. þu miht wiþ attre and wið onflyge,
  • du hast Macht gegen Gift und gegen Ansteckung [fliegendes Gift],
  • 6. þu miht wiþ þam laþan ðe geond lond færð.
  • du hast Macht gegen das Übel, das über Land fährt.
  • 7. Ond þu, wegbrade, wyrta modor,
  • Und du, Wegerich, der Kräuter Mutter,
  • 8. eastan openo, innan mihtigu;
  • nach Osten geöffnet, im Innern mächtig;
  • 9. ofer ðe crætu curran, ofer ðe cwene reodan,
  • über dir knarrten Wagen, über dir weinten Frauen,
  • 10. ofer ðe bryde bryodedon, ofer þe fearras fnærdon.
  • über dir schriehen Bräute, über dir schnaubten Stiere.
  • 11. Eallum þu þon wiðstode and wiðstunedest;
  • Allen hast du widerstanden, und dich widersetzt;
  • 12. swa ðu wiðstonde attre and onflyge
  • ebenso widerstehe dem Gift und der Ansteckung
  • 13. and þæm laðan þe geond lond fereð.
  • und dem Übel, das über Land fährt.
  • 14. Stune hætte þeos wyrt, heo on stane geweox;
  • [Schaumkraut/Brunnenkresse/Feldsalat] heisst dieses Kraut,es wuchs auf dem Stein;
  • 15. stond heo wið attre, stunað heo wærce.
  • es steht gegen Gift, es widersetzt sich dem Schmerz.
  • 16. Stiðe heo hatte, wiðstunað heo attre,
  • Brennnessel heisst es, es widersetzt sich dem Gift,
  • 17. wreceð heo wraðan, weorpeð ut attor.
  • es verjagt den Feind, wirft das Gift hinaus.
  • 18. þis is seo wyrt seo wiþ wyrm gefeaht,
  • Dies ist das Kraut, das gegen die Schlange focht,
  • 19. þeos mæg wið attre, heo mæg wið onflyge,
  • dies hat Macht gegen Gift, es hat Macht gegen Ansteckung,
  • 20. heo mæg wið ðam laþan ðe geond lond fereþ.
  • es hat Macht gegen das Übel, das über Land fährt.
  • 21. Fleoh þu nu, attorlaðe, seo læsse ða maran,
  • Vertreibe du nun, attorlaðe [Heilziest/Natterntopf/Nachtschatten/Hühnerhirse], [du] das kleinere [Kraut] das grössere [Gift],
  • 22. seo mare þa læssan, oððæt him beigra bot sy.
  • [du] das grössere [Kraut] das kleinere [Gift], bis er von beiden genest.
  • 23. Gemyne þu, mægðe, hwæt þu ameldodest,
  • Erinnere dich, Kamille, was du verkündet hast,
  • 24. hwæt ðu geændadest æt Alorforda;
  • was du entgegnet hast bei Alorford [der Erschaffung];
  • 25. þæt næfre for gefloge feorh ne gesealde
  • dass niemals [jemand] durch Ansteckung das Leben verliere,
  • 26. syþðan him mon mægðan to mete gegyrede.
  • nachdem man ihm Kamille zur Speise bereitet habe.
  • 27. þis is seo wyrt ðe wergulu hatte;
  • Dies ist das Kraut, das Apfel heisst;
  • 28. ðas onsænde seolh ofer sæs hrygc
  • das entsandte der Seehund über dem Rücken der See
  • 29. ondan attres oþres to bote.
  • zur Hilfe gegen die Bosheit von einem anderen Gift.
  • 41. Stond heo wið wærce, stunað heo wið attre,
  • Es steht gegen Schmerz, widersetzt sich dem Gift,
  • 42. seo mæg wið III and wið XXX,
  • es hat Macht gegen 3 und gegen 30,
  • 43. wið feondes hond and wið færbregde,
  • gegen die Hand des Feindes und gegen unheilvolle Machenschaften,
  • 44. wið malscrunge manra wihta.
  • und gegen Behexung gemeiner Wesen.
  • 34. þær geændade æppel and attor,
  • Dort sprach der Apfel gegen das Gift,
  • ...
  • 36. Fille and finule, felamihtigu twa,
  • Kerbel und Fenchel, zwei sehr mächtige,
  • 37. þa wyrte gesceop witig drihten,
  • diese Kräuter schuf der weise Herr,
  • 38. halig on heofonum, þa he hongode;
  • der Heilige im Himmel, als er hing [Christus/Wodan];
  • 39. sette and sænde on VII worulde
  • setze und sandte [sie] in 7 Welten
  • 40. earmum and eadigum eallum to bote.
  • den Armen und Reichen, allen zur Hilfe.

2. Der Zauberspruch
Im Zauberspruch wird erzählt, wie Woden (Odin/Wotan)eine Schlange in neun Teile zerstückelte und alle Krankheiten und Gifte, gegen die die Kräuter helfen sollen, werden in formelhaften Wiederholungen aufgezählt. Hier wird der Charakter des altgermanischen Zauberspruchs deutlich:

  • 30. ðas VIIII magon wið nygon attrum.
  • Diese 9 [Kräuter] haben Macht gegen neun Gifte.
  • 31. Wyrm com snican, toslat he man;
  • Eine Schlange kam gekrochen, zerriss einen Menschen;
  • 32. ða genam Woden VIIII wuldortanas,
  • da nahm Wodan 9 Ruhmeszweige,
  • 33. sloh ða þa næddran, þæt heo on VIIII tofleah.
  • erschlug da die Natter, dass sie in 9 [Stücke] zerbarst.
  • 35. þæt heo næfre ne wolde on hus bugan.
  • dass sie niemals mehr ins Haus kriechen wollte.
  • 45. Nu magon þas VIIII wyrta wið nygon wuldorgeflogenum,
  • Nun haben diese 9 Kräuter Macht gegen neun böse Geister,
  • 46. wið VIIII attrum and wið nygon onflygnum,
  • gegen 9 Gifte und gegen neun ansteckende Krankheiten,
  • 47. wið ðy readan attre, wið ðy runlan attre,
  • gegen das rote Gift, gegen das stinkende Gift,
  • 48. wið ðy hwitan attre, wið ðy wedenan attre,
  • gegen das weisse Gift, gegen das purpurne Gift,
  • 49. wið ðy geolwan attre, wið ðy grenan attre,
  • gegen das gelbe Gift, gegen das grüne Gift,
  • 50. wið ðy wonnan attre, wið ðy wedenan attre,
  • gegen das bleiche Gift, gegen das blaue Gift,
  • 51. wið ðy brunan attre, wið ðy basewan attre,
  • gegen das braune Gift, gegen das karminrote Gift,
  • 52. wið wyrmgeblæd, wið wætergeblæd,
  • gegen Schlangenblattern, gegen Wasserblattern,
  • 53. wið þorngeblæd, wið þystelgeblæd,
  • gegen Dornblattern, gegen Distelblattern,
  • 54. wið ysgeblæd, wið attorgeblæd,
  • gegen Eisblattern, gegen Giftblattern,
  • 55. gif ænig attor cume eastan fleogan
  • wenn irgendein Gift kommt von Osten geflogen [Ansteckung],
  • 56. oððe ænig norðan * * * cume
  • oder irgendeins von Norden ... kommt,
  • 57. oððe ænig westan ofer werðeode.
  • oder irgendeins von Westen über die Menschheit.
  • 58. Crist stod ofer adle ængan cundes.
  • Christus stand über Krankheit jeder Art.
  • 59. Ic ana wat ea rinnende
  • Ich allein weiss ein rinnendes Wasser
  • 60. þær þa nygon nædran nean behealdað;
  • wo da neun Nattern nahe bewachen;
  • 61. motan ealle weoda nu wyrtum aspringan,
  • mögen alle Kräuter nun von ihren Wurzeln aufspringen,
  • 62. sæs toslupan, eal sealt wæter,
  • die Seen sich öffnen, all das Salzwasser,
  • 63. ðonne ic þis attor of ðe geblawe.
  • wenn ich dieses Gift von dir blase.

3. Das Rezept
Das Rezept beschreibt eine Anleitung zur Zubereitung der neun Kräuter und ihre Anwendung in Form einer Salbe:

  • 64. Mugcwyrt, wegbrade þe eastan open sy, lombescyrse,
  • Beifuss, Wegerich die nach Osten offen ist, Lammkresse [Schaumkraut],
  • 65. attorlaðan, mageðan, netelan, wudusuræppel, fille and finul,
  • attorlaþen [Heilziest], Kamille, Nessel, Wildapfel, Kerbel und Fenchel,
  • 66. ealde sapan. Gewyrc ða wyrta to duste, mængc wiþ þa
  • alte Seife. Stosse die Kräuter zu Staub, menge [sie] mit der
  • 67. sapan and wiþ þæs æpples gor. Wyrc slypan of wætere
  • Seife und mit dem Saft des Apfels. Mache einen Brei aus Wasser
  • 68. and of axsan, genim finol, wyl on þære slyppan and beþe mid
  • und aus Asche, nimm Fenchel, koche [ihn] in dem Brei und erwärme [es] mit
  • 69. æggemongc, þonne he þa sealfe on do, ge ær ge æfter. Sing
  • Ei-Gemisch, wenn er die Salbe auftut, sowohl vorher als nachher. [Er] singe
  • 70. þæt galdor on ælcre þara wyrta, III ær he hy wyrce and
  • diesen Zauberspruch über jedem dieser Kräuter, 3 [Mal] bevor er sie bearbeitet und
  • 71. on þone æppel ealswa; ond singe þon men in þone muð and
  • über den Apfel ebenso; und [er] singe dann dem Mann in den Mund und
  • 72. in þa earan buta and on ða wunde þæt ilce gealdor, ær he
  • in beide Ohren und auf die Wunde den gleichen Zauberspruch, bevor er
  • 73. þa sealfe on do.
  • die Salbe auftut.

Alte Überlieferungen von Zauber- und Segenssprüchen aus dem frühen Mittelalter gibt es einige.
Der Neun-Kräuter-Segen ist aber deshalb so interessant, weil er neben der Anrufung der Kräuter und der Zauberformel auch die Kräuter benennt, deren Wirkstoffe zur Heilung beitragen. Offensichtlich kannten die weisen Frauen die Substanzen der Heilpflanzen, ihre Wirkung und wie man sie kombinieren musste sehr genau, um Krankheiten zu heilen.
Interessant ist auch die Anzahl der ausgewählten Kräuter - die Zahl Neun war unseren Ahnen heilig und bildet einen eindeutigen Bezug zur Mythologie: die Neun Welten Yggdrasils sind ein Beispiel dafür.
Doch kehren wir zurück zu den wichtigen Kräutern. Aufgezählt sind: Beifuß, Breitwegerich, Stune (Feldthymian oder Quendel), Attorlathe (Schlangenwurz), Kamille, Brennessel, Kerbel, Fenchel und Apfel bzw. Holzapfel. Diese neun Heilpflanzen möchte ich in den kommenden Wochen einzeln vorstellen und näher beschreiben.


Verwendete Literatur:
"Mit Pflanzen verbunden" und "Naturrituale" von Wolf Dieter Storl
"Liebeskraut und Zauberpflanzen - Mythen, Aberglauben und heutiges Wissen" von Stefan Haag
"Das große Kräuterheilbuch" von Johann Künzle
Foto: © Siglinde Litilvoelva

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Und allen die es nicht wissen, sei es gesagt: Völva bedeutet, 'Sie, die sieht',
aber nicht die Zukunft, wie man allgemein glaubt, sondern die wahre Natur des irdischen Lebens.
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