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Ein abschreckendes Beispiel zur Runen-Esoterik
Runen-Esoterik


Heute gibt es einen sehr kritischen Artikel von mir. Es handelt sich um den folgenden, unhaltbaren und jeder historischen Realität entbehrenden Video-Beitrag über das Thema "Runen", den ich bei YouTube entdeckte:


YouTube Video




Ganz offensichtlich wurde hier nicht nur versäumt, sich eingehend sowohl über die Runen, als auch über die nordgermanischge Mythologie zu informieren, sondern auch wissenschaftliche Fakten ignoriert bzw. verleugnet.


Zitat: "Meiner Meinung nach waren die Runen kein Schreibstil"
Die 24 Runen des älteren, gemeingermanischen Futhark bildeten ein sehr umfangreiches Schriftsystem unserer germanischen Vorfahren. Dass sie tatsächlich als Schriftzeichen verwendet wurden, belegen mehr als 6000 Runen-Inschriften allein in Skandinavien.
Im Vergleich zu den Schriftsystemen anderer Kulturen, wie z.B. der lateinischen Schrift, besitzen die Runen neben einem Laut- und Zahlenwert auch einen Begriffswert. Dieser Begriffswert bzw. Eigenname jeder Rune bezieht sich auf Aspekte des täglichen Lebens der germanischen und nordischen Völker und ihrer Mythologie. Zudem ermöglichte dieser Begriffswert es dem Runenmeister, verschlüsselte Botschaften innerhalb des Runentextes zu übermitteln - sofern auch der Empfänger diesen Schlüssel kannte.


"Odin"
Odin ist der höchste Gott der nordgermanischen Mythologie.
Auf seiner Suche nach Weisheit opferte er sein Auge an Mimirs Brunnen und nicht, wie hier erwähnt, am Urdbrunnen, dem Aufenthaltsort der drei Schicksalsgöttinen, den Nornen.
In der nordischen Mythologie ist Odin auch der Gott des Runenwissens, das er durch ein neuntägiges (neun Nächte) Selbtstofer, kopfüber in der Weltenesche Yggdrasil hängend, erhielt.


Ich weiß, daß ich hing am windigen Baum
Neun lange Nächte,
Vom Sper verwundet, dem Odhin geweiht,
Mir selber ich selbst,
Am Ast des Baums, dem man nicht ansehn kann
Aus welcher Wurzel er sproß.

Aus dem Hávamál - Odins Runenlied, Vers 139 (Edda)


Die in dem Video angegebene Zeitangabe von 7 Tagen und 7 Nächten ist falsch!
Auch die Aussage, dass "unsere Vorfahren die Götter immer paarweise verehrten", ist so nicht richtig. Nicht alle Götter sind verheiratet oder haben einen Partner. Der Gott Heimdall (der Wächter der Regenbogenbrücke Bifröst) und sogar die Fruchtbarkeits- und Liebesgöttin Freyja leben allein. Es wird zwar erwähnt, dass Freyja mit "Odr" verheiratet ist, dieser aber hat sie verlassen und tritt nirgendwo in Erscheinung. Ähnlich verhält es sich mit der Winterriesin Skadi und dem Gott Njörd (Gott der Seefahrt und Herrscher über den Wind und das Meer) - sie sind zwar verheiratet, aber Skadi zieht es vor, in den verschneiten Bergen zu wohnen und trennt sich von ihrem Gatten, der am Meer lebt.


"Als Odin die Runen erhalten hatte, war es so, dass es verschiedene Formen gab, um mit ihnen die Zukunft eines Stammes vorherzusagen ... "
Falsch! Es gibt keine belegte Quellenangabe und keinerlei Hinweise darauf, dass mit Runen orakelt wurde. Diese Behauptung ist reine Spekulation!
In welcher Art und Weise geweissagt wurde, schildert "Die Völva Thorbjörg" aus der Eiríks saga rauða, Kap. 4 - sofern man diese isländische Saga als historische Quelle heranziehen möchte.


"Die Rune Berkana/Berkano"
Den Runen irgendwelche fragwürdigen Zuordnungen anzuhängen, ist ja schon eine sehr irritierende esoterische Eigenart. Die Rune Berkana aber mit der keltischen Göttin Brighid in Verbindung zu bringen, die nicht im geringsten etwas mit der nordgermanischen Mythologie zu tun hat, ist ... - sorry, da fehlen mir die Worte. Auch die Interpretation der weiblichen Brüste in der gestürzten Berkana ist an "den Haaren herbeigezogen"

Sachliche, objektive und wissenschaftlich fundierte Informationen
über die Runen findest Du hier:
Runenforum der Trelleborg


Gegen das Orakeln mit Runen ist im Grunde nichts einzuwenden - es ist eine nette, spielerische Art, sich den Runen zu nähern und sie zu erlernen. Aber zu behaupten, unsere Vorfahren hätten sie zunächst und ausschließlich dazu verwendet, um in die Zukunft zu schauen, ist frei erfunden und entbehrt jeder wissenschaftlichen und historischen Grundlage. Die Zuordnungsfreudigkeit der Runen in esoterischen Kreisen entzieht die Runen ihrem mythologischen Kontext und ist äußerst verwirrend - insbesondere für jene Menschen, die gerade damit anfangen, sich mit den Runen zu befassen.

Auch als Nicht-Wissenschaftler, also als Laie, kann man sich durchaus sachlich und fundiert über die Runen und die nordgermanische Mythologie informieren. Bücher wie "Runenkunde" von Klaus Düwel oder das "Lexikon Der Germanischen Mythologie" von Rudolf Simek sind hervorragende literarische Werke, um sich das Basiswissen über die genannten Themen anzueignen.

Bearbeitet von Siglinde Litilvoelva am 31-01-2016 12:09

Und allen die es nicht wissen, sei es gesagt: Völva bedeutet, 'Sie, die sieht',
aber nicht die Zukunft, wie man allgemein glaubt, sondern die wahre Natur des irdischen Lebens.
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