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Wagen vom Osebergschiff
Der Wagen vom Osebergschiff - ein frühes Amphibienfahrzeug?


www.manfrieds-trelleborg.de/images/articles/osebergwagen.jpgDas Oseberg Schiff ist und bleibt das prächtigste Wikingerschiff, das jemals gefunden wurde. Nach wie vor wirft es viele Fragen auf, gibt Anlass zu vielfachen Theorien und Spekulationen.
Bis heute weiß man nicht, wer die beiden Frauen waren, die in diesem prächtigen Schiff einst bestattet wurden.
Nur eines ist sicher, es müssen hochgestellte, sehr angesehene Frauen gewesen sein, denn die reichaltigen Grabbeigaben gehören mit zu den wertvollsten der Wikingerzeit.

Der zweifellos eindrucksvollste Fund unter diesen Grabbeigaben dürfte wohl der reich verzierte, vierräderige Wagen sein. Auch zu diesem Fundstück kann niemand genau sagen, welchem Zweck er diente. Fest steht nur, dass der Wagen etwa um 800 gebaut wurde, während das Schiff erst etwa 820 erstellt wurde. Der Karren wird also von den beiden Frauen schon zu Lebzeiten genutzt worden sein.
Ähnliche Wagen, wenn auch nicht so reich verziert, fand man auch in weiteren Gräbern in Dänemark sowie in Deutschland - auch bei diesen Funden handelte es sich ausschließlich um die Gräber wohlhabender Frauen. Handelt es sich etwa um einen typischen "Frauenwagen", der nur von den Damen der Gesellschaft genutzt wurde? Aber wofür wurde so ein Wagen genutzt?

Religiöse Zeremonien

Die gängigste und einfachste Erklärung für den Verwendungszweck des Wagens ist, dass er als Zeremonialwagen diente, in dem die beiden Frauen zu ihrer letzten Ruhestätte gefahren wurden.
Für diese Theorie spricht die außergewöhnlich reichhaltige Verzierung des Wagens.
Die reichhaltigen und sehr aufwändig gestalteten Schnitzereien der Seitenwände zeigen Tiere, Menschen und Symbole, die als Szenen alter Legenden angesehen werden.
An der Frontseite erkennt man eine männliche Figur, die von allen Seiten von Schlangen umgeben ist und von einem Tier in die Seite gebissen wird. Dieses Bild wird als Darstellung des Mythos von Gunnar in der Schlangengrube angesehen.
In der Rückwand sind Katzen eingeschnitzt, die man als die Katzen der Fruchtbarkeitsgöttin Freya interpretiert.
Diese sehr detailreichen Motive legen den Schluss nahe, dass es sich um einen solchen Zeremonialwagen gehandelt haben könnte.
Gegen diese Annahme spricht allerdings, dass der Wagen den beiden Frauen offensichtlich schon zu ihren Lebzeiten zur Verfügung stand und wohl auch genutzt wurde - aber wofür wurde er genutzt?

Neue Theorie

Der Osebergwagen hat außergewöhnliche Abmessungen. Mit einer Gesamtlänge, einschließlich der Deichseln von 5,50 m und die maximale Breite etwa 1,5 m ist er zwar nicht sonderlich groß, aber mit Bodenfreiheit von 1,20 m fällt er schon aus dem üblichen Rahmen - ein sehr hochrädriger Wagen.

Die New Oseberg Ship Foundation, die ja auch schon die "Saga Oseberg" baute, hat eine exakte Kopie des Oseberg Wagens gebaut. Die erfahrenen Handwerker und der Bauleiter Geir Røvik haben während ihrer Arbeiten eine Theorie entwickelt, welchem ganz praktischen Nutzen dieser hochrädrige Wagen gedient haben könnte: er diente den Frauen als Transportmittel zwischen dem im seichten Wasser angelandetem Schiff und dem trockenen Ufer.

Der Wagen könnte wie ein Amphibienfahrzeuge genutzt worden sein, erläutert Geir Røvik diese Theorie, - das Schiff wurde so nah wie möglich an der Küste manövriert und die Frauen wurden mit dem Wagen vom Schiff zum Land bzw. vom Land zum Schiff transportiert.

Bei der Rekonstruktion des Wagens stellten sich einige, bisher unbekannte Details heraus, die Røviks Theorie untermauern.
  • Durch die großen Räder und die Konstruktion der Chassis war die wannenförmige Sitzfläche ca. 1,2 m über dem Boden und damit über dem Wasser war. Diese "Wanne", in der die Damen saßen, war aus Eichenholz gefertigt und damit auch wasserdicht. Die Deichseln und die Chassis waren aus Eschenholz.
  • Der Wagen konnte zerlegt und damit leichter verladen sowie auf dem Seeweg befördert werden. Die "Wanne" hatte Rahmengriffe und konnte abgenommen werden. Ebenfalls konnten die Deichseln leicht abgenommen werden. Vermutlich wurde der Wagen von zwei Pferden gezogen.
  • Entgegen der bisherigen Annahme, dass der Osebergwagen keine lenkbare Vorderachse hätte und damit nur geradeaus fahren könnte, stellt sich heraus, dass der Wagen sehr wohl lenkbar war und direkt an das Schiff heran gefahren werden konnte, so dass die Damen leicht umsteigen konnten.

www.manfrieds-trelleborg.de/images/articles/wattwagen.jpgDiese Theorie, dass der Wagen als eine Art Amphibienfahrzeug genutzt wurde, ist natürlich auch nur eine Spekulation, aber von dem, was wir beim Nachbau festgestellt haben, deutet vieles darauf hin, dass es so war - denn die Konstruktion des Oseberschiffes ermöglichte das Anlanden in seichten Gewässer, so dass unsere Theorie praktikabel war,resümiert Røvik seine Erkenntnisse.

Wenn man den Osebergwagen mit den Wattwagen, wie man sie z.B. von Cuxhaven-Duhnen her kennt, vergleicht, so erscheint Geir Røviks Theorie sehr plausibel und einleuchtend, wie die beiden Bilder zeigen - die Ähnlichkeit in Konstruktion und Aufbau ist verblüffend.

Natürlich schließt diese neue Theorie nicht aus, dass die beiden Frauen den Osebergwagen auch als Zeremonialwagen für Fahrten zu Ritualen auf dem Landweg nutzten - und ganz sicher wird ihre letzte Fahrt auch sein letzter Einsatz als Transportmittel gewesen sein.

Quelle:
Text:
ThorNews - What Was the Purpose of the Mysterious Oseberg Cart?
Stiftelsen Nytt Osebergskip - Work has begun on the Oseberg wagon

Bilder:
Osebergwagen, Museum für Kulturgeschichte, Oslo
Die "Wattenpost" vor Neuwerk, gemalt von Richard Eschke (1905)

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

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