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Die Muschelseide
Die Muschelseide


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Die am häufigsten verwendeten Rohstoffe zur Herstellung von Textilien waren im Mittelalter pflanzliche Fasern wie Leinen, Hanf und Nessel so wie tierische Fasern aus Schafwolle oder Haar von Ziege, Rind und Pferd. Seide, der Spinnfaden von Schmetterlingsraupen, aus denen die Tiere ihren Kokon herstellen, war ein beliebter Rohstoff zur Herstellung von feinen Stoffen. Maulbeerseide ist hier die edelste Seidenart.

Eine weitere, aber nahezu unbekannte tierische Faser ist die Muschelseide, auch Byssus genannt. Byssus ist eine Bezeichnung für das Sekret aus den Fußdrüsen verschiedener Muschelarten. Einzelne Sekrete mehrerer Drüsen im Fuß der Muschel bilden vor allem phenolische Proteide, die gemeinsam zu Haftfäden vereinigt werden und erhärten.
Diese Haftfäden dienen der Muschel dazu, sich an kleinen Steinen oder anderen harten Punkten wie z.B. Seegraswurzeln am Meeresgrund zu verankern. Viele Muschelarten produzieren Byssos nur als Jungmuscheln, bei anderen aber kann diese Sekretion zeitlebens andauern. Die bekanntesten Muschelarten mit Byssosfäden sind Miesmuscheln und Feigenmuscheln.

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Zur Herstellung von Muschelseide werden seit dem Altertum die Fasern der Edlen Steckmuschel (Pinna nobilis L.) gewonnen. Diese Muschelart ist die größte Muschel im Mittelmeer. Sie erreicht nach rund 15 Jahren eine Größe mit etwa 85 Zentimetern Körperlänge, in Einzelfällen auch deutlich mehr.
Die Edle Steckmuschel wird über 20 Jahre alt und gilt als die Muschel mit der größten Wachstumsrate. Ist sie einmal ausgewachsen, wechselt sie ihren Platz im Normalfall nicht mehr. Weiche, vorzugsweise sandig-schlammige Böden mit Seegrasbewuchs in der Küstennähe des Mittelmeeres sind ihr Lebensraum.
Für ein gutes Gedeihen benötigt sie gute Lichtverhältnisse, eine gleichmäßige, langsame Strömung und sauberes Wasser mit geringen Schwankungen im Salzgehalt und in der Temperatur.

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Die Fäden oder Fasern der Edlen Steckmuschel, die den Rohstoff für die Muschelseide bilden, sind bis zu 20 Zentimeter lang. Sie werden von der Muschel abgeschnitten und müssen zur Weiterverarbeitung mehrmals gewaschen, getrocknet, gekämmt und endlich wie Seide gesponnen werden.
Das Ergebnis ist ein sehr feiner, äußerst widerstandsfähiger und trotzdem schmiegsamer textiler Werkstoff, der ein vielfaches feiner als Seide ist und für seine irisierende goldbräunliche Farbe einst berühmt und hochgeschätzt war.
Textilien und Kleidung aus Muschel- oder Meerseide waren zu allen Zeiten teure Luxusprodukte für einen kleinen Bevölkerungsteil und vor allem im Mittelalter unter hohen kirchlichen Würdenträgern und im Hochadel sehr begehrt.

www.manfrieds-trelleborg.de/images/forumbilder/muschelseide_4.jpg Echte Muschelseide wurde wahrscheinlich nie in großen Maßstäben für Textilien hergestellt, sondern nur in kleinen Produktionen in einigen Familien, Konventen und Waisenhäusern, denn das Rohmaterial war zu selten und der Herstellungsprozess zu aufwendig.

Eines der bekanntesten Erzeugnisse aus echter Muschelseide ist der Schleier von Manoppello (nebenstehendes Bild). Nach allgemeiner Auffassung ist auf ihm ein Abbild des Gesichtes Jesu Christi zu sehen. Weil die Kirche einer Untersuchung nicht zustimmt, bleibt es ungeklärt, auf welche Weise das Bild auf dem Schleier angefertigt wurde. Fest steht lediglich, dass dieses Tuch aus Byssus-Fäden gewoben und eine Bemalung dieses Stoffes nicht ohne weiteres möglich ist.


Im biologischen Sprachgebrauch bezeichnet der Begriff Byssos den Faserbart verschiedener Muschelarten, im textilien Bereich wird er jedoch auch für alte, feine und kostbare Gewebe aus Seide, Leinen oder Baumwolle verwendet und nicht auf die textilen Stücke aus dem Faserbart der Edlen Steckmuschel allein beschränkt. Durch diese begriffliche Verwirrung ist die echte Muschelseide größtenteil in Vergessenheit geraten.

www.manfrieds-trelleborg.de/images/forumbilder/muschelseide_5.JPG Das früheste bekannte Textil aus echter Meerseide stammt aus einem Frauengrab des 4. Jahrhunderts in Aquincum (Budapest), einer damals römischen Stadt an der nordöstlichen Grenze des Reiches. Es wurde 1917 von Archäologen als ein gewobenes Fragment beschrieben, aber leider während der Bombardierung Budapests im 2. Weltkrieg zerstört.

Das älteste noch heute existierende Kleidungsstück ist eine einfache gestrickte Mütze aus dem 14. Jahrhundert. Alle übrigen verzeichneten Textilien stammen zum größten Teil aus dem 18. - 19. Jahrhundert und befinden sich in Museen und (privaten) Sammlungen in Europa, Kanada und den USA.

Der auf dem nebenstehenden Foto abgebildete Handschuh aus Byssusseide befindet sich im Überseemuseum in Bremen.

Hinweise darauf, ob Muschelseide auch bei den Wikingern zur Herstellung von Textilien verwendet wurden, habe ich nicht gefunden. Ausschließen kann man es aber nicht, denn ihre Handelswege führten auch in den Mittemeerraum. Ihre Vorliebe für feine Stoffe, die sich gut dafür eignen, in kleine Falten gelegt oder plissiert zu werden, ist bekannt und durch viele Grabfunde von reichen Frauengräbern belegt. Kleidungsstücke mit Fältelungen fand man in mittelalterlichen Siedlungen von Trondheim, Bergen, Oslo, Tonsberg, Lödöse, Uppsala und Lund - skandinavischen Städten, in denen ein reger Handels- und Kulturausstausch stattfand.


Quellen

Wikipedia:
http://de.wikiped...iki/Byssus
http://commons.wi...uselang=de

Katrin Kania
Kleidung im Mittelalter
Materialien - Konstruktion - Nähtechnik
Ein Handbuch
ISBN-13: 978-3412204822

Und allen die es nicht wissen, sei es gesagt: Völva bedeutet, 'Sie, die sieht',
aber nicht die Zukunft, wie man allgemein glaubt, sondern die wahre Natur des irdischen Lebens.
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