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Lokka táttur - Lokis Erzählung
Lokka táttur
(Lokis Erzählung)


Färöische Volksballade, 1822 veröffentlicht
Übersetzt und kommentiert von Kurt Oertel


Refrain:

Was nützt mir die Harfe in meiner Hand,
Wenn keiner mir folgt in das andere Land?

1.
Bauer und Riese spielten lang,
Der Bauer verlor, der Riese gewann.
"Gewonnen ist das Spiel mir schon,
Nun will ich haben deinen Sohn.
Haben will ich den Sohn von dir,
Nicht schützen kannst du ihn vor mir."

Der Bauer rief den Knecht herbei:
"Bitt' Odin, dass er mit uns sei.
Zu Odin fleh in unseren Sorgen,
Der könnte mein Kind wohl halten verborgen.
Wäre der König der Asen hier,
So wüsste ich, der schützt ihn mir."

Das Wort war ihm noch kaum entwischt,
Stand Odin auch schon vor dem Tisch.
"Höre mich, Odin, ich rufe zu dir,
Den Sohn sollst du verstecken mir."
Odin ging mit dem Knaben hinaus,
Voll Sorge saßen die Eltern zu Haus.

Ein Kornfeld ließ da Odins Macht
Wachsen und reifen in einer Nacht.
In des Ackers Mitte verbarg alsbald
Odin den Knaben in Ährengestalt.
In einer Ähre ward er mitten im Feld
Als Gerstenkorn zu den anderen gestellt.

"Nun stehe ohne Sorge hier,
Und wenn ich rufe, so komm zu mir.
Nun steh hier ohne Furcht und Graus,
Und wenn ich rufe, so komm heraus."

Des Riesen Herz war hart wie Horn,
Er füllte den Schoß sich voll mit Korn.
Er prüft' alles Korn auf dem Ackerland
Und trug ein scharfes Schwert in der Hand.
Ein scharfes Schwert sah man ihn tragen,
Den Knaben wollte er damit erschlagen.

Der Knabe in großer Not sich fand,
Dem Riesen sprang ein Korn aus der Hand.
Dem Knaben graute vor dem Tod,
Da rief ihn Odin in der Not.
Odin brachte ihn heim geschwind,
Und die Eltern umarmten ihr lebendes Kind.

"Hier ist dein Kind, doch wie dem auch sei,
Mit meinem Schutz ist es nun vorbei."


2.
Der Bauer rief den Knecht herbei:
"Bitt' Hönir, dass er mit uns sei.
Zu Hönir fleh' in unseren Sorgen,
Der könnte mein Kind wohl halten verborgen.
Wäre Hönir, der Gott, jetzt hier,
So wüsste ich, der schützt ihn mir."

Das Wort war ihm noch kaum entwischt,
Stand Hönir auch schon vor dem Tisch.
"Höre mich, Hönir, ich rufe zu dir,
Den Sohn sollst du verstecken mir."
Hönir ging mit dem Knaben hinaus,
Voll Sorge saßen die Eltern zu Haus.

Hönir ging in den grünen Grund,
Sieben Schwäne überflogen den Sund.
Zwei Schwäne bogen nach Osten ab
Und ließen sich neben Hönir herab.
An eines Schwanes Kopf alsbald
Verbarg Hönir den Knaben in Flaum-Gestalt.

"Nun weile ohne Sorge hier,
Und wenn ich dich rufe, so komm zu mir.
Weile hier ohne Furcht und Graus,
Und wenn ich dich rufe, so komm heraus."

Das Monstrum kam in den grünen Grund,
Sieben Schwäne überflogen den Sund.
Der Riese ein Knie zur Erde bog,
Den ersten Schwan er zu sich zog.
In den ersten Schwan er heftig biss,
Den Kopf er ihm von den Schultern riss.

Den Knaben hielt vor Furcht es kaum,
Vom Maul des Riesen flog ein Flaum.
Dem Knaben graute vor dem Tod,
Da rief ihn Hönir in der Not.
Hönir brachte ihn heim geschwind,
Und die Eltern umarmten ihr lebendes Kind.

"Hier ist dein Kind, doch wie dem auch sei,
Mit meinem Schutz ist es nun vorbei."


3.
Der Bauer rief den Knecht herbei:
"Bitt' Loki, dass er mit uns sei.
Ich wünschte, Loki wär' jetzt hier.
Dann wüsste ich, der schützt ihn mir."

Das Wort war ihm noch kaum entwischt,
Stand Loki auch schon vor dem Tisch.
"Du kennst nicht, Loki, meine Not,
Der Riese wünscht meinem Sohn den Tod.
Höre mich, Loki, ich rufe zu dir,
den Sohn sollst du verstecken mir.
Versteck' ihn gut mit deiner List,
Damit das Monstrum nicht ahnt, wo er ist."

"Soll ich deinen Sohn beschützen,
So folg' meinem Wort, es wird dir nützen.
Ein Bootshaus lass erbauen dort,
Wenn ich bin mit dem Knaben fort.
Ein großes Fenster brich hinein,
Lass Eisenstangen dahinter sein."

Loki ging mit dem Knaben hinaus,
Sorgend saßen die Eltern zu Haus.
Loki eilte zum Meeresstrand,
Da schwamm ein Schifflein dicht am Land.
Die fernsten Fischgründe waren sein Ziel,
(So heißt es in alten Liedern viel).

Loki sprach kein einziges Wort,
Er warf die Angel über Bord.
Haken und Köder zu Grunde fuhr,
Eine Flunder zog er herauf an der Schnur.
Eine zweite zog er aus den Wogen,
Die dritte war schwärzlich, weil voll von Rogen.

Loki verbarg den Knaben alsbald
Mitten im Rogen in Ei-Gestalt.
"Nun weile ohne Sorge hier;
Und wenn ich dich rufe, so komm zu mir.
Weile hier ohne Furcht und Graus,
Und wenn ich dich rufe, so komm heraus."

Loki ruderte wieder an Land,
Da stand vor ihm der Riese im Sand.
Der Riese fragte mit Bedacht:
"Loki, wo warst du die ganze Nacht?"

"Ach, wenig Ruhe hatte ich nur,
Das weite Meer ich überfuhr."
Sein Eisen-Boot stieß der Riese in's Meer;
Loki warnte: "Die See stürmt sehr!"
Loki sprach den Riesen an:
"Riese, nimm mich mit in den Kahn."

Der Riese nahm das Steuer zur Hand,
Mit den Rudern stieß Loki ab vom Land.
Loki ruderte stark und erpicht,
Das Riesenboot aber rührte sich nicht.
Da schwor Loki dem Riesen zu:
"Vom Steuern verstehe ich mehr als du."

Der Riese saß nun am Ruderbord,
Und der Kahn flog durch die See nur so fort.
Er schonte sich beim Rudern nicht,
Auch Loki tat brav seine Pflicht.
Die fernsten Fischgründe waren sein Ziel,
(So heißt es in alten Liedern viel).

Der Riese sprach kein einziges Wort,
Er warf die Angel über Bord.
Haken und Köder zu Grunde fuhr,
Eine Flunder zog er herauf an der Schnur.
Eine zweite zog er aus den Wogen,
Die dritte war schwärzlich, weil voll von Rogen.

Loki sprach da schmeichlerisch:
"Riese, gib mir doch den Fisch."
Der Riese aber sagte: "Nein,
Nein, mein Loki, das kann nicht sein."
Zwischen die Knie den Fisch gezogen,
Zählte er jedes Ei im Rogen.
Kein Ei blieb ungezählt im Fische,
Damit er nun das Kind erwische.

In größter Not der Knabe stand,
Ein Ei sprang aus des Riesen Hand.
Dem Knaben graute vor dem Tod,
Da rief ihn Loki in der Not.
"Versteck dich, Knabe! Hinter mich!
Lass nicht den Riesen sehen dich!
Sei leichten Fußes zurück an Land,
Und keine Spur drück in den Sand."

Der Riese fuhr zurück den Kahn
Und Loki war wieder Steuermann.
Rasch ruderte man dem Ufer zu,
Und sie erreichten es im Nu.
Zu landen war man im Begriff,
Da wandte Loki schnell das Schiff.
Der Achtersteven knirschte im Sand,
Der Knabe sprang rasch hoch an Land.

Der Riese glotzte den Strand hinauf,
Und prompt fiel ihm der Knabe auf.
Leichtfüßig lief der über Land,
Man merkte keine Spur im Sand.
Schwer stapft' der Riese hinterdrein,
Brach bis zum Knie im Sande ein.

Zum Bootshaus, das sein Vater schuf,
Lief der Knabe auf Lokis Ruf.
Durchs Fenster schlüpfte er mit Bedacht,
Der Riese auch – mit großer Macht.
Er steckte im Fenster fest, oh Schmach!
An der Eisenstange sein Kopf zerbrach.

Nun galt es für Loki, rasch zu sein,
Er hieb dem Riesen ab ein Bein.
Das tat dem Riesen nicht Gewalt,
Zusammen wuchs die Wunde bald.
Und wieder galt es, rasch zu sein,
Er hieb ihm ab das andere Bein.

Er hieb ihm ab das andere Bein
Und warf dazwischen Stock und Stein.
Da sah der Knabe mit Wohlgefallen
Den Riesen in viele Stücke zerfallen.
Loki brachte ihn heim geschwind,
Und die Eltern umarmten ihr lebendes Kind.

"Hier ist dein Kind, doch wie dem auch sei,
Mit meinem Schutz ist es nun vorbei.
Die Treue hielt ich dir doch sehr,
und den Riesen gibt's nicht mehr."

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

Lokka táttur (Lokis Erzählung)
Kommentar von Kurt Oertel


Bei dem "Lokka táttur" (Lokis Erzählung), der hier in einer Neuübersetzung vorgestellt werden soll, handelt es sich um eine färöische Volksballade, die erstmals in der 1822 erschienen Liedersammlung des dänischen Geistlichen H.C. Lyngbye im Druck erschien. Da der das Färöische aber nicht beherrschte, enthielt die Ausgabe viele Schreib- und andere Fehler. Ein verlässlicher Abdruck erfolgte knapp 30 Jahre später durch V.U. Hammershaimb in seiner Sammlung färöischer Balladen. Eine Übersetzung ins Deutsche wurde 1878 durch Karl Simrock in seiner 5. Auflage des "Handbuch der deutschen Mythologie mit Einschluss der nordischen" vorgelegt, wobei wohl von einer Übersetzung durch Simrock selbst auszugehen ist. Simrocks Verwendung eines für das Lyrik-Verständnis des 19. Jh. berüchtigten Sprachgebrauchs, sowie inhaltliche Freiheiten, Übersetzungsfehler, Auslassungen und eine vor allem oft holprige Vers-Rhythmik (was bei den an griechischen Hexametern geschulten Gelehrten dieser Zeit eher erstaunt), machten diese Neuübersetzung aus dem färöischen Original deshalb geradezu zwingend. So wird z.B. der Riese im Originaltext mehrfach als "skrímslið" bezeichnet, was Simrock als Eigenname missdeutet und demzufolge einen "Skrymsli" daraus macht. Dieser Name würde natürlich sofort an Skrýmir denken lassen, der in Snorris Erzählung Utgard-Loki in Verkleidung ist. Hier ist der Name aber wohl eher von dem altnordischen "skrímsli" (Ungeheuer, Monstrum) abzuleiten, während der Name Skrýmir auf altnordisch "skruma" (schreien, prahlen) zurückgeht. Dafür spricht auch eindeutig, dass "skrímslið" im Gegensatz zu den anderen Namen im Text klein geschrieben ist, also kein Eigenname sein kann.

Da die genaue Entstehungszeit nicht bestimmbar ist, kann man das Lied nicht einfach als "wiederentdeckte vorchristliche Quelle" betrachten, nur weil hier die alten Götter auftreten. Das hat so zwar auch niemand behauptet, dennoch gab es nach den ersten Veröffentlichungen des Textes enthusiastische Stimmen, die sich dazu verstiegen, hier ein "verlorenes Edda-Lied" wiederentdeckt haben zu wollen. Den Göttermythen kann der Text aber weder in inhaltlicher noch formaler Hinsicht zugeordnet werden, weil hier ja im Gegenteil der menschliche Bauer und sein Sohn die Figuren sind, um die es eigentlich geht. Zudem folgen Versmaß und Reim eben nicht altnordischen Vorbildern, sondern sind so erstmals in jüngeren spätmittelalterlichen Balladen nachweisbar.

Das 19. Jh. aber, das religionswissenschaftlich von einer Zuordnungssucht der Götter zu Naturelementen geprägt war, nahm dieses Volkslied höchst dankbar auf und leitete daraus eifrig eine Verbindung Odins zu den Feldfrüchten, Hönirs zu den Vögeln und Lokis zu den Wassertieren ab, wobei in letzterem Fall Lokis Verwandlung in einen Lachs bei Snorri als zusätzliches Argument ins Feld geführt wurde. Das aber ergab die Schwierigkeit, Loki gleichzeitig dem Feuer "zuzuordnen", wie es davor und danach eher Mode war. Man versuchte deshalb, Elemente der Geschichten um Wäinämöinen und Ilmarinen aus dem finnischen Kalewala mit dem Lied zu verbinden, was sich in heute nicht mehr überzeugenden Spekulationen niederschlug, da die finnischen Mythen nicht dem indoeuropäischen Bereich zuzuordnen sind, wenn auch durch die enge Nachbarschaft der entsprechenden Völker in Skandinavien mögliche gegenseitige Beeinflussungen immer denkbar erscheinen können.

Da das Original im modernen Endreim und nicht in einem der alten eddischen Versmaße gehalten ist, wurde der auch für diese Neuübersetzung angestrebt. Das zwang zu minimalen Freiheiten im Text, die aber nie solch inhaltliche oder gar sinnentstellende Abweichungen bedingen, wie bei Simrock. Zudem geht es in diesem Fall auch nicht vordringlich um "wissenschaftlich korrekte Präsentation", sondern einfach um die Vorstellung einer prächtigen und unterhaltsamen Geschichte, die man mit großem Vergnügen lesen kann und die – wie alle färöischen Quellen – den meisten heutigen Heiden weitgehend unbekannt sein dürfte. Die Stropheneinteilung habe ich heutigem Leseverständnis angepasst, um den Textfluss möglichst verständlich zu halten. Im Original handelt es sich um 92 Zweizeiler. Auf zusätzliche Sprecherangaben in Klammern bei wörtlicher Rede wurde verzichtet, weil durchweg klar ist, wer jeweils redet.

Ein Bauer hat sich mit einem Riesen auf ein Spiel eingelassen, das der Riese gewinnt und als Preis dafür den Sohn des Bauern fordert, den er zu töten gedenkt. Der Bauer ruft in seiner Not nun die alten Götter an, die auch prompt und verlässlich zur Stelle sind. Allerdings erweisen sich Wirkmächtigkeit und Einfallsreichtum der Götter als von unterschiedlicher Natur.

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

Daaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanke! Das is toll! Ich danke dir! Auch für die Zusatzinfo! Smile

Die Burg ist ein feines "Zu Hause"! Smile

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