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Das Opfermahl an der heiligen Quelle
Mythen, Legenden und alte Geschichten sind dazu da, dass man sie weitergibt und darum erzähle ich Euch heute eine Sage aus einer Stadt am Rhein, die im Jahre 883 einen Winter lang von den Normannen besetzt war. Es ist die Geschichte vom Opfermahl an der Heiligen Quelle.
Im Duisburger Stadtwald gibt es eine Quelle, die heute „Heiliger Brunnen“ heißt – wohl deshalb, weil man sie vor vielen Jahren in Bruchstein einfasste. Doch in uralten Zeiten nannte man diese Quelle „Merefunten“, was in etwa „Mutter-Quelle“ bedeutet. Damals waren diese Quelle und ihre Umgebung eine Kultstätte unserer Vorfahren, den Germanen. Und so geht es aus historischen Quellen hervor, dass die alten Germanen sich regelmäßig auf dem „Hömberg“, dem Ort der Mutterquelle im Duisburger Wald getroffen haben, um ihren gemeinsamen Bräuchen nachzugehen. Dort haben sie auch das Fest der Wintersonnenwende am 21. Dezember gefeiert. So kann man in den alten Schriften über dieses Fest folgendes lesen:


Das Opfermahl an der Heiligen Quelle


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Dunkel und verschneit lag der Wald da. Es war still, nichts regte sich. Die Tiere hatten sich in das schützende Gestrüpp verkrochen. Nur ein Fuchs schlich vorsichtig schnuppernd den schmalen Waldsteig hinan. In dieser sternenklaren Nacht strahlte der Mond hell und glänzend vom wolkenlosen Himmel.
Auf dem Weg vom Wolfsberg zur heiligen Quelle kamen drei Männer daher. Sie trugen einen warmen Wollumhang, lange Hosen und Schuhe aus Tierfellen, um sich vor der schneidenden Winterkälte zu schützen. Sie waren mit Schild, Schwert und Wurfspeer bewaffnet. Einer von ihnen führte ein junges Rind hinter sich her, das ihnen geduldig folgte; die beiden anderen trugen ein Becken mit glühender Holzkohle. Als sie an der heiligen Quelle angekommen waren, banden sie das Tier an einer der hohen Buchen fest, welche die Quelle umsäumten und bald schlugen lodernde Flammen aus dem Becken hervor, die eine wohltuende Wärme verbreiteten und weithin durch die Nacht leuchteten.
Dann wurde es im Wald lebendig. Von allen Seiten traten aus dem Dickicht germanische Bauern hervor, die auf verschiedenen Waldwegen zur Quelle gekommen waren. Alle waren in der gleichen Weise gekleidet und bewaffnet, denn der freie germanische Bauer führte seine Waffen stets mit. Sie traten zunächst zu dem brennenden Holzstoß und wärmten sich. Dann setzten sie sich nach kurzem Gruße auf die umliegenden Baumstämme. Es waren etwa 50 Männer, die zum Opfermahl erschienen waren und als sich alle versammelt hatten, trat der älteste von ihnen an den mit Runen verzierten Opferstein. Es war Hugbald, der Sippen- und Stammesälteste.
„Sippen und Stammesgenossen!“ rief er mit lauter, vernehmlicher Stimme, „Wir haben uns nun in der Nacht der Wintersonnenwende zum heiligen Opfermahle versammelt, das wir den Göttern zu ehren gemeinsam feiern wollen. Nun beginnt das Fest der geweihten Nächte, in denen der Wode durch die Lüfte zieht und seine Herrschaft ausübt. Darum müssen wir ihm die Menschen schuldige Ehrfurcht erweisen. Ich verkünde den Frieden der Götter. Bei ihrer Strafe darf kein Streit der Waffen entfacht werden. Heil den Göttern!“ „Heil den Göttern“ riefen alle und schlugen an ihre Schilde. „Nun lasst uns zum Opfer schreiten“ sagte Hugbald. Auf seinen Wink führten zwei Männer das junge Rind herbei und während er einen geheimnisvollen Zauber murmelte, wurde das Tier schnell geschlachtet und zerlegt. In einen Kessel, der über dem Opferstein hing, wurden große Fleischstücke geworfen und andere auf den Holzstoß gelegt, um zu Ehren der Götter verbrannt zu werden.
Während das Fleisch in dem Kessel brodelte, wurde ein weißes Tuch vor dem Opferstein ausgebreitet. Hugbald nahm einige Buchenzweige und ritzte Runen darauf ein. Einen Moment hielt er inne und dann warf er sie wahllos auf das weiße Tuch. „Nun wollen wir den Willen der Götter erkunden“ sagte er, in dem er den Blick zum Himmel richtete, und: „Möge Wodan uns gnädig sein!“ Dann hob er die Buchenstäbe auf und legte jeweils drei nebeneinander. Er betrachtete sie lange und eingehend, bis seine Augen anfingen zu glänzen als er freudig rief: “Die Götter sind uns gnädig und nehmen unser Opfer an… Heil uns allen!“ Ein freudiges Gemurmel folgte aus den reihen der Männer, und zustimmend klopften sie auf ihre Schilde. Dann setzten sie sich wieder auf ihre Plätze. Jeder erhielt seinen Anteil des Opfermahls, dass sie nun gemeinsam verzehrten. Fröhlich kreiste das mit Met gefüllte Trinkhorn durch die Runde.
Hugbald erzählte während des Mahles die alten Mythen und Legenden, sprach von den Göttern und ihrer Macht, von Wodan, der auf seinen schnaubenden Rosse Sleipnir, begleitet von seinen beiden Raben Hugin und Munin und den Walküren durch die Lüfte zieht, von der huldvollen Freya, dem blondhaarigen Baldur, dem bösen Loki und dem starken Thor, der den Riesen Thrym bezwungen hatte. Alle hörten aufmerksam zu.
Bald nach dem Mahle standen aie auf und versammelten sich um den Opferstein.
„Nun wollen wir den Göttern für ihre Huld danken“ sagte Hugbald. „Mögen sie unsere Äcker und Herden segnen, unsere Frauen und Kinder vor Krankheiten und Unbill beschirmen. Lasset uns das Lob der Götter singen, so wie unsere Väter in Walhall imeer getan haben.“ Die Männer erhoben ihre Speere und sprachen dem Ältesten folgende Worte nach:

"Heil den Hulden, unsern hehren Göttern!
Fünfhundert Tore sind in Walhalls weitem Raum.
Achthundert Kämpfer kommen aus einem Tore,
wenn sie ausziehen, zu werfen den Wolf.
Einen Saal sehe ich stehen –
die Sonne überstrahlt er –
mit Gold gestickt auf Gimles Höhen:
dort werden wohnen wallende Scharen
und Glück genießen, dass nimmer vergeht."

Es war ein schönes Bild, vom Feuer des Opfers umloht. Als der brennende Holzstoß langsam erlosch und die Kälte der Julmondnacht wieder an Macht gewann, sagte Hugbald: „Lasset uns heimkehren zu unseren Dörfern und Hütten, wo unsere Frauen und Kinder den Göttern zu Ehren die Gaben bereitet haben. Mögen die Asen uns gnädig bleiben und Unheil verhüten. Am ersten Tage des nächsten Vollmondes versammeln wir uns zum Thing, damit wir die Gesetze des Waldes beraten und über die Waldfrevler richten. Heil den Göttern!“
„Heil den Göttern“ erscholl es aus 50 Kehlen und wieder schlugen die Männer gegen ihre Schilde. Auf den selben Wegen auf denen die Bauern gekommen waren, kehrten sie in ihre Dörfer zurück. Nun lag der Wald wieder still und schweigend da.



Quelle:
Der Heilige Brunnen – Duisburger Sagen, Legenden und Erzählungen
Neu erzählt von Karl Heck und Hans Homann
Mercator-Verlag Duisburg, 1967

Siehe auch: Manfrieds Trelleborg - Der Wikingerüberfall auf Duisburg

Und allen die es nicht wissen, sei es gesagt: Völva bedeutet, 'Sie, die sieht',
aber nicht die Zukunft, wie man allgemein glaubt, sondern die wahre Natur des irdischen Lebens.
Sehr schön und ein ganz besonderer Ort...dank dir konnte ich ihn schon besuchen!

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