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Wikinger - anders als gedacht ...
Wikinger waren reinliche Rüpel und gute Regisseure

Die meisten Menschen haben von den Wikingern wohl diese klischeehafte Vorstellung: Große, rohe und muskelbepackte Kerle mit aus dem Hörnerhelm quellendem zotteligem Haar, einem verfilzten Bart, nicht gerade sauber und wohlriechend. Warum auch waschen? Wenn der gemeine Wikinger nicht gerade mordend und plündernd friedliche Völker überfällt, feiert er Met saufend und grölend wilde Gelage - Barbaren in Vollendung eben.

Doch diese Vorstellung ist ein ebenso hartnäckiges wie falsches Vorurteil, meinen Forscher von der University of Cambridge, denn die Wahrheit über die Wikinger ist mindestens so interessant wie der Mythos der rauen Kerle.

I. Körperpflege

Schon in der EDDA wird die Körperpflege den Kriegern vorgeschrieben.
So heißt es in der älteren Edda - Heldensagen: Das andere Lied von Sigurd dem Fafnirstödter, Vers 25:

Gekämmt und gewaschen sei der Kämpfer
Und halte sein Mal am Morgen:
Ungewiss ist wo der Abend ihn findet,
Und übel, vor der Zeit fallen.


Die Wikinger kämmten sich jeden Tag die Haare, wechselten regelmäßig die Kleidung und badeten jeden Samstag, heißt es in einem Flyer, den die Wissenschaftler aus Cambridge an Schulen verteilen. Mit dieser Aktion soll vor allem Schulkindern die Wahrheit über die wilden Männer aus dem Norden, die zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert große Teile Englands beherrschten – und damit die Vorfahren vieler Briten sind, näher gebracht werden.

Der mittelalterliche Chronist John of Wallingford habe sich gar darüber beschwert, dass die Dänen allzu reinlich seien.

Für derartige Reinlichkeit hatten die Angelsachsen wenig übrig. Bei ihnen galt dieses häufige Waschen als Eitelkeit – und war damit in den Augen der christlichen Angelsachsen eine Sünde, führt Elizabeth Rowe, Dozentin für mittelalterliche skandinavische Geschichte aus. Noch heute heißt in den modernen nordischen Sprachen der Samstag "Badetag", im Isländischen zum Beispiel "laugardagur".

II. Theater

Die Wikinger pflegten sich nicht nur, sondern auch die Dichtung und das Theater gehörten zu ihrem Leben. Der Archäologe Neil Price von der University of Aberdeen glaubt, dass das regulierte Schauspiel sogar ein wesentlicher Bestandteil der Nordmänner-Kultur war. Für seine Theorie hat Price Tausende von Wikingergräbern untersucht und dabei festgestellt, dass jedes Grab anders war, wodurch die Einzigartigkeit einer jeden Person auch im Tod dargestellt wurde. Zur Rekonstruktion der Begräbnisfeierlichkeiten hat er vorhandene zeitgenössische Schilderungen studiert.

Den wohl schillerndsten Bericht hierzu lieferte im 10. Jahrhundert der arabische Diplomat und Reiseschriftsteller Ahmad Ibn Fadlan. Er war mit einer Gesandtschaft des Kalifen von Bagdad unterwegs, als die Reisegesellschaft auf eine Gruppe handeltreibender Wikinger traf, deren Anführer soeben verstorben war. So wurde der Trupp des Kalifen Zeuge der Beisetzung.
Zehn Tage lang feierten die Nordmänner aufs heftigste – aber immer nach Plan und mit fest verteilten Rollen. Es gab ein Sklavenmädchen, das zur Braut des Verstorbenen wurde, eine gnatzige alte Frau in der Rolle einer Todesbotin und sogar strenge Vorschriften, welchen Anteil des Vermögens die Erben für das Kostüm des Toten ausgeben mussten.

Einem Vorurteil wurden die Wikinger in der Schilderung Ibn Fadlans allerdings mehr als gerecht: Der Alkohol floss in Strömen. Entsprechend zügellos ging es im Lager her. Noch nie hatte der arabische Diplomat Menschen getroffen, die Alkohol in so großen Mengen konsumierten. Dazu unterhielten sich die Trauernden mit Essen, Musik und öffentlichem Sex.

Ibn Fadlan merkt an, dass schon oft Männer während Wikinger-Totenfeiern im Alkoholrausch ihr Leben verloren haben. Trotz des alkoholschwangeren Kulturschocks bemühte sich Ibn Fadlans immer wieder mit Hilfe seiner Dolmetscher, Informationen über Hergang und Hintergrund der Feierlichkeiten zu erfahren, die er dann akribisch notierte. Zehn Tage musste Ibn Fadlan die Fete über sich ergehen lassen. Erst dann wurde der verstorbene Wikingerfürst samt Rindern, Hühnern, Pferden und Sklavenmädchen – alle inzwischen ebenfalls tot – zur ewigen Ruhe auf sein Schiff gebracht.

Der Stoff war selbst Hollywood bunt genug: Im Actionfilm "Der 13te Krieger" spielt Antonio Banderas den arabischen Diplomaten.

Zunächst riecht diese Beschreibung mächtig nach der blühenden Phantasie eines arabischen Märchenerzählers. Die Historiker sind sich jedoch weitgehend einig, das der Bericht Ibn Fadlans reale Ereignisse schildert - die er zugegebenermaßen durch seine muslimische Brille betrachtet, führt Price aus und weist darauf hin, dass es ein Problem von Wikinger-Spezialisten ist, dass kaum einer des Arabischen mächtig ist, so dass man sich auf Übersetzungen verlassen muss. Die Wikinger erzählten es den Dolmetschern, die erzählten es Ibn Fadlan, der schrieb es auf. Der auf Arabisch verfasste Bericht wurde tausend Jahre später wiederum übersetzt, und erst diese Version ist die Grundlage der aktuellen Forschung.

Die Archäologie aber bestätigt nach Ansicht der Wissenschaftler Ibn Fadlans Bericht:
1904 wurde auf einem Bauernhof nahe der norwegischen Stadt Tønsberg das sogenannte Oseberg-Schiff gefunden, das eine Vorstellung von der vollen Pracht eines Wikingerbegräbnisses ermöglicht.

Auf dem 22 Meter langen Boot haben Wikinger im Herbst des Jahres 834 zwei Frauen bestattet. Die ältere war zwischen 60 und 70 Jahre alt und war vermutlich an Krebs gestorben. Die jüngere wurde nur 25 bis 30 Jahre alt. Auf Reinlichkeit aber hatten beide größten Wert gelegt. Ihre Zähne verrieten, dass sie regelmäßig einen metallenen Zahnstocher benutzten – im 9. Jahrhundert ein seltener Luxus. Zu den Beigaben gehörten wunderbar geschnitzte Möbel, ein aufwendig verzierter Schlitten und Truhen voller kostbarer Stoffe. Außerdem mussten mit den beiden Frauen 14 Pferde, ein Ochse und drei Hunde sterben.

Von der Party selbst ist natürlich wenig übrig. Dass aber Religion, Jenseitsvorstellungen und Theater eng miteinander verbunden waren, ist an manchen Stellen noch in der Edda zu erkennen. In der Edda tauchen immer wieder Regieanweisungen auf, die dann nachgespielt wurden. Der Ritus des Begräbnisses hat dazu gedient, den Toten zum aktiven Darsteller eines ewig währenden Theaterstücks zu machen, in dem sowohl die Toten als auch die Lebenden feste Rollen übernahmen, so wurden die Toten ein Teil der Dichtung, erklärt Price dazu und stellt fest, dass die archäologischen Reste leider nicht dazu geeignet sind, die Aufführungen zu rekonstruieren, so dass man sich dazu auf die Berichte des arabischen Diplomaten und Schriftstellers als Zeitzeugen verlassen muss.


Quellen:
Times online: The Vikings burning question: some decent graveside Theatre
Spiegel online

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

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