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Vetrnottablot - 31.10 / 01.11.
Vetrnôttablót - „Winternacht“ - 31.10 / 01.11.


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Vom Sommer haben wir uns verabschiedet und die letzte Ernte ist längst eingebracht. Die Natur zeigt sich noch einmal mit leuchtend rot-goldenem Herbstlaub in ihrer schönsten Pracht. Doch es ist spürbar kalt geworden und die Bäume verlieren nach und nach ihre Blätter. Herbstnebel verbreiten an manchen Tagen eine mystische, ja beinahe unheimliche Atmosphäre und die Tore zur Anderswelt, in der die feinstofflichen Wesen leben, scheinen nun weit offen zu stehen.
Wir bezeichnen diese Zeit als „Herbst“, doch unsere Vorfahren kannten diese Jahreszeit nicht; für sie begann bald nach dem Einfahren der letzten Ernte und mit den ersten kühlen und kürzeren Tagen bereits der Winter. Darum hieß das Fest, welches die alten Germanen vom 31.10. auf den 01.11.begangen, vermutlich „Winternacht“.

Der angelsächsische Chronist Beda, der über die Auswanderung der Angeln aus der Schleiregion nach England schrieb, erwähnt bereits um das Jahr 730 in seiner Schrift „De temporum ratione“ das Opferfest im Nebelung (November), den er Blótmanoth nennt. Auch in Skandiavien heißt der November „blótmánad“. Einige altnordische Sagas, z.B. die „Grettis saga Àsmundarsona“ oder die „Gísla saga Surssonar“ benennen dieses Opferfest, das dem Gott Wotan geweiht ist, als „Vetrnóttablót“.

Die Herbst- und Winterstürme waren schon unseren Ahnen nicht geheuer und verkörperten für sie „Wotans Wilde Jagd“. Wotan als ursprünglicher Sturm- und Toten-Gott reitet auf seinem Schimmel, dem achtbeinigen Ross Sleipnir durch die Lüfte, begleitet von seinem Eheweib Frigga und den Seelen der Verstorbenen. Ihnen folgen Wotans Wölfe Geri und Freki sowie seine Raben Hugin und Munin.
Auch die „Disen“ - Geister, zu denen nicht nur die Seelen der Verstorbenen, sondern auch die Einherjar (Wotans Krieger) zählten, wurden an Vetrnóttablót verehrt. Hier wird die Ahnenverehrung deutlich, die heute noch am 1.11. im christlichen „Allerheiligentag“ oder „Allerseelen“ gefeiert wird. Allerheiligen bedeutet „alle heiligen Götter“ und Allerseelen „alle Seelen der Verstorbenen“, der Einherjar und der Ahnen.

Mag uns die Zeit von Wotans Wilder Jagd auch noch so unheimlich erscheinen – Grund für Angst und Schrecken gibt es nicht. Es ist nicht Wotans Absicht, einige von uns heimzuholen, viel mehr erscheint er mit seinem Gefolge, um gemeinsam mit uns Menschen gegen die Winterriesen zu kämpfen. Der Winter ist auch die Zeit des Kampfes der Götter gegen die Riesen, dem „kleinen“ Ragnarök im Jahreskreis, der erst im neuen Jahr, wenn das Licht über das Dunkel siegt, gewonnen ist.

In der EDDA finden wir mindestens zwei Mythen zu diesem Fest:
  • Im Hâvamâl in den Versen 95 – 103 freit Wotan (Odin) als alter Himmels- und Sonnengott vergeblich um eine Maid, hinter der wir die Erdgöttin erkennen können, die im Winter wieder in die Gewalt der Riesen gelangt und vom Sonnengott getrennt ist. Erst im Frühjahr werden sich beide Gottheiten wieder vereinigen.
  • Im Hrafnagaldr Ôdhins (ab Vers 6) geht es um die in das Toten (Winter-)reich gesunkene Göttin der ewigen Jugend Idun, die mit ihrem Herabsinken von der Esche Yggdrasil das herab fallende Laub im Herbst verkörpert.

Wenn in den ersten Novembertagen die Martinszüge umherziehen, ist in ihnen noch viel altes Brauchtum enthalten, doch ihre ursprüngliche Bedeutung ist wohl nur wenigen bekannt. Die Laternenumzüge sind ein Abbild der Wilden Jagd. Im „St. Martin“, der auf einem Schimmel reitend den Umzug anführt, erkennen wir Wotan mit seinem Himmelsross Sleipnir und die vielen Lichter die ihm folgen, symbolisieren die Seelen der Verstorbenen.

Heute nehmen fast ausschließlich Kinder an den Umzügen teil, doch in alten Zeiten zogen auch Erwachsene maskiert und mit Fackeln ausgestattet durch ihre Dörfer. Mit ihren alten Gesängen erbaten sie in den Häusern Holz, Reisig, Stroh und Sträucher für das große Feuer am Ende des Umzugs, um darin symbolisch das alte Jahr zu verbrennen, sowie Äpfel, Nüsse, Eier, Speck, Kuchen und Gebäck als Opfergaben. In den meisten erhaltenen Laternenliedern finden wir Sonne, Mond und Sterne, die für die alten heidnischen Götter stehen.
Der „Weckmann“ ist ein uraltes, traditionelles Kultgebäck. Mit seinen in die Hüften gestemmten Armen bildet er die alte Form der Jera-Rune, die eine gute Ernte im kommenden Jahr verheißt.

Zur Winternacht oder Vetrnôttablót gab es ein umfangreiches Festmahl, zu dem auch der Gänsebraten gehörte, der sich in der „Martinsgans“ erhalten hat. Die Gans wurde schon in der Bronzezeit als Haustier gehalten und ist auch jetzt noch, als ursprüngliches Opfertier, zu Mittwinter ein beliebtes Festgericht. Als Wintertier ist sie dem Wotan geweiht, denn zu dieser Zeit fliegen die Wildgänse durch die Luft, was wiederum an die Wilde Jagd erinnert. Auch das Trinken von Met ist überliefert und ein reichhaltiges Festmahl galt als „günstiges Omen“ für das kommende Jahr.

Der traditionelle Gang zum Friedhof und das Reinigen und Schmücken der Gräber am 01. November wurzelt noch tief in der Verehrung der Ahnen und dem zur Vetrnôttablót üblichen Disenopfer. Früher wurden nicht nur Kerzen und Lämpchen entzündet, sondern auch Speisen auf die Gräber gestellt. Das hatte den Sinn, die Seelen anzulocken und ihnen den Weg zum Ruheplatz ihres Körpers zu weisen. Gleichzeitig sollte das Licht die „bösen Geister vertreiben. Neben dem Opfer auf den Gräbern gab es auch das Ahnenopfer im Haus.

Das Disenopfer wird z.B. in der "Egils saga Skallagrimssonar" erwähnt:

„König Eirik und Gunnhild kamen am demselben Abend nach Atley, und Bard hatte ein Festmahl für sie vorbereitet, und es sollte hier ein Disenopfer (dísablót) sein und es gab da das beste Gastmahl und viel zu trinken drinnen in der Halle… Dann trug man ihnen Bier zu trinken auf; oftmals wurde zur Erinnerung an Verstorbene getrunken, und bei jedem Erinnerungstrunk (minni) sollte das Horn geleert werden.“

Die Seelen der Verstorbenen und Geister stellten für unsere Vorfahren die Verbindung zwischen Menschen und Göttern dar; als „Folgegeister“ (Fylgjar) schützten sie die Menschen.

Und allen die es nicht wissen, sei es gesagt: Völva bedeutet, 'Sie, die sieht',
aber nicht die Zukunft, wie man allgemein glaubt, sondern die wahre Natur des irdischen Lebens.
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