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Die Kelten - kultivierte Barbaren
Die Kelten - kultivierte Barbaren


Sie hatten Städte, Geld, Aristokraten und Kunsthandwerker – und einen schlechten Ruf als Rauf- und Trunkenbolde. Doch dank archäologischen Grossprojekten wird langsam klar, wer die Kelten wirklich waren.

files.newsnetz.ch/bildlegende/80118/993202_pic_970x641.jpgLange kannte man die Kelten nur durch Informationen aus zweiter Hand, sie selber haben kaum schriftliche Zeugnisse hinterlassen. Was die Grössen der antiken Geschichtsschreibung wie Herodot, Poseidonos oder Julius Caesar über die Bevölkerung nördlich der Alpen notierten, war oft tendenziös. In Caesars Berichten mangelte es nicht an Details über die in den Augen der Römer wenig zivilisierte keltische Gesellschaft. Das führte noch im 19. Jahrhundert zu romantischen Vorstellungen über die unzähmbaren Kelten, im 20. Jahrhundert zementierten Asterix und Obelix das Bild noch. Was die Keltenforschung vorweisen konnte, stand lange im Schatten der Pracht der antiken Funde aus dem Mittelmeerraum.

Was die Archäologen in den letzten Jahren ausgegraben haben und gegenwärtig in Stuttgart präsentieren, zeigt die angeblichen Barbaren in einem anderen Licht. Es gab, wie man jetzt weiss, richtige Städte, beherrscht von einer Aristokratie. Es wurde internationaler Handel betrieben, keltische Künstler liessen sich auch von den Mittelmeerkulturen inspirieren.

Eine Stadt fast wie Athen

Die städtische Kultur der Kelten sei lange unterschätzt worden, sagt Dirk Krausse, der baden-württembergische Landesarchäologe. Doch stellt er zu einem der wichtigsten keltischen Fundorte in Süddeutschland fest: «Die Heuneburg kann als älteste Stadt im gesamten Raum nördlich der Alpen bezeichnet werden.» Zusammen mit den für die Versorgung wichtigen Aussensiedlungen umfasste diese Stadt mehr als 100 Hektaren und dürfte in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts vor Christus rund 5000 Einwohner gezählt haben – die Einwohnerzahl von Athen zu der Zeit wird auf 5000 bis 10'000 geschätzt.

Die Heuneburg, gut 50 Kilometer nördlich des Bodensees am Oberlauf der Donau gelegen, gehört zu den sogenannten Fürstensitzen aus der Hallstattzeit (800 bis 450 v.Chr.). Für Krausse handelt es sich um eine Stadt, «die auf Augenhöhe mit Machtzentren der archaischen Epoche im Mittelmeerraum steht». Nicht nur die Grösse ist dafür ein Kriterium, auch die zentralörtlichen Funktionen und die Arbeitsteilung waren städtisch. Auf der Heuneburg gab es eine für die Zeit einzigartige Stadtmauer aus Lehmziegeln, im Rahmen der letzten grossen Grabungskampagne von 2004 bis 2010 wurde unter anderem ein monumentales Stadttor gefunden. Neben zahlreichen kleinen Stadthäusern konnte ein palastartiges Gebäude von mehr als 300 Quadratmeter Grundfläche ausgegraben werden.

Geheimes Handwerkerwissen

In einem Grabhügel in der Nähe der Heuneburg wurde Ende 2010 eine Grabkammer entdeckt, die mehr als 2500 Jahre überdauert hat, ohne geplündert worden zu sein. In einer spektakulären Kranaktion wurde der gesamte 80 Tonnen schwere Block Erdreich mit dem Grab geborgen und ins Labor transportiert. Seither wird das Grab von einer multidisziplinären Equipe freipräpariert und analysiert. Ein besonderes Interesse gilt dabei dem ungewöhnlich gut erhaltenen Holz der Eichen, die im 6. Jahrhundert vor Christus im Alter von 300 Jahren gefällt worden waren. Die Restauratorin Nicole Ebinger-Rist hat für die Stuttgarter Ausstellung erste Ergebnisse aufbereitet, ergänzt mit einer Geschichte der Ausgrabungstechnik.

Historisch bedeutend an dem sogenannten Fürstinnengrab ist, dass hier eine Frau liegt, für die Keltenzeit eher eine Ausnahme. Da in der Umgebung sogar ein Mädchengrab gefunden wurde, was noch seltener ist, schliessen die Forscher, es habe hier zu dieser Zeit bereits einen erblichen Adelsstand gegeben, es seien also nicht nur Häuptlinge und Kriegshelden beerdigt worden. Die Fürstin wurde mit reichem Goldschmuck bestattet, der so fein gearbeitet ist, dass sich heutige Goldschmiede fragen, wie das ohne Lupe überhaupt möglich war. Das gehört zu den noch ungeklärten Rätseln der keltischen Handwerker, ebenso wie ihre Methode, nahtlose Armreife aus Glas herzustelle.

Sklaven als Währung

Grabbeigaben sind als Zeugnisse der keltischen Kultur die wichtigste Quelle. Schmuck, Waffen, Wagen oder Gebrauchsgegenstände haben die Zeiten überdauert, geben allerdings nur Auskunft über die Oberschicht, der sie gehört hatten. Über die kleinen Leute und ihren Alltag weiss man sehr wenig. Die Nobilitäten dagegen, das zeigen immer wieder bildliche Darstellungen, wussten zu manchen Zeiten durchaus den Luxus zu geniessen und sogar richtige Orgien zu feiern. Der Wein samt den Trinksitten wurde ebenso aus dem Mittelmeerraum importiert wie prachtvolle Keramik oder Plastiken. Da Richtung Süden kaum etwas exportiert werden konnte, stellt sich die Frage, wie die Einkäufe bezahlt wurden. Mit Sklaven, mutmassen die Archäologen und zeigen Handschellen und Halseisen.

Die Kelten waren durchaus nicht isoliert von der antiken Welt der Hochkulturen am Mittelmeer. Über die Alpenpässe und via Marseille und das Rhonetal gelangten Luxusgüter und prestigefördernde Kunstwerke in die von den Kelten besiedelten Gebiete in der Schweiz, Südwestdeutschland und Ostfrankreich, die «Einöde der Helvetier», wie antike Autoren die Gegend respektlos nannten.

Es kamen aber auch Ideen. Beispielsweise erlernten die Kelten so die Geldwirtschaft und begannen, nach römischem Vorbild Münzen zu prägen. Das Vorhandensein von Geld spricht laut den Archäologen dafür, dass neben der bäuerlichen auch eine städtische Kultur entstand.

Quelle: (Text und Bild)
www.tagesanzeiger.ch

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

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