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Jördh - Gedicht aus einer Göttersage
Jördh - Gedicht aus einer Göttersage

In Schauern bebt' und zuckte noch das All,
Das Götterruf zum Lebens-Sein erregte;
Durch Odins Seele zog als Wiederhall,
Naturgewalt, die schöpferisch bewegte;
Denn was er tat, was in der Welt erstand,
Als Einheit sich mit seinem Selbst verband.
Er lebt in Allem, das durch ihn belebt,
Als Stoff und Geist den Weltenraum durchschwebt.

Daß er ein Gott, er fühlt's als Feuerglut,
Die jede Fiber seiner Brust durchdrungen;
Daß er ein Gott, er fühlt's am Schaffensmut,
Der aus dem Chaos Erd' und Meer errungen;
Daß er ein Gott, er fühlt es alle Zeit
Als herbe Pein an seiner Einsamkeit. -
Wenn noch so groß. wenn noch so hehr die Tat,
Er war allein - allein - auf jedem Pfad.

In seinen Brüdern fand er sich ja nur,
Sie galten als Ergänzung seinem Geiste,
Und wo sie weilten traf er seine Spur;
Doch nichts, das gegnerisch ihm selber kreiste.
Ja, generisch: wo's zu erringen galt
Ein anderes Ich. - Ob wahren Glückes Halt
Für ihn entstand? Die Frage ließ er frei.
Doch Sehnsucht rief sein zweites Ich herbei.

Er schwang sich leicht auf stürm'scher Lüfte Zug,
Und als er sturmschnell alles übereilte,
Erschienen Luftgebilde voller Trug,
Vor seinem Hauch verschwindend. Er zerteilte
Atome, die als Schweifer durch den Raum
Den Äther trübten, gleich verwirrtem Traum.
Was bot die Welt, die ihm noch Heil verhieß?
Ob er zurück, in's leere Nichts sie stieß? -

Da lag die Erde, seinem Blick enthüllt,
Und ihr entwallte, noch von Duft umwoben,
Erhabnen Reizes, schüchternheiterfüllt,
Ein ernst Gebilde, das Wolken aufwärts hoben.
Mit Wiesenblumen war geschmückt ihr Haar,
Noch halb geschlossen schien das Augenpaar,
Als ob es bang vor Sternenglanz sich scheut,
Der ihre Schönheit weihevoll erneut.

Aus Frühlingsblüten wir ihr Kleid gewebt,
Schneeglöckchen drauf vermischt mit Veilchen prangten;
Verschmolzner Hauch von Weiß und Grün umschwebt
Die Knospen, die zum Blühen nicht gelangten.
Auf ihrem Weg da sprosst es überall,
Erklang verlockend Sang der Nachtigall,
Verheißungsvoll blüht, tönet Lebenslust,
Begeisterungsrausch erfasst ODINS Brust.

War das ein Weib, begabt mit Allgewalt?
Er streckt die Arme aus sie zu umschlingen.
Einst zagt er nicht vor Ymirs Schreckgestalt,
Nun sanken matt des Göttermutes Schwingen.
„Mein musst du sein, Du bist mein zweites Ich,
Das ich gesucht, erringen muss ich Dich.
Nichts ist mir wert, das ich voll Allmacht schuf,
Folgst Hohe Du, nicht willig meinem Ruf.“

Sie wich zurück vor Odins lautem Wort,
Ein leises Zittern flog durch ihre Glieder;
Und riß Verlangen ihn zum Handeln fort,
Legt inn're Scheu den Wunsch in Fesseln wieder.
Was war's, das seiner Allmacht Flügel lähmt?
Das ihn mit sich versetzt in Widerstreit?
Geheimes Ahnen heil'ger Weiblichkeit. -

Und Odin sprach, bemeistern kaum das Wort,
Ganz in Gedanken war sein Geist versunken:
„Ich kenne Dich. Du meiner Seele Hort,
Seitdem ich Met von Dichterborn getrunken!“
Und leise flüsternd haucht er Runen hin,
Verwirren sollten sie des Weibes Sinn;
Doch hoch erhob sie nun ihr schönes Haupt,
Der Runenspruch macht sie nicht sinnberaubt.

"Wahr' Deinen Zauber, der mich nicht bestrickt,
Ich bin Dir gleich an Macht und Geistesstärke,
Nur nicht an Stolz. Doch hab' ich eingeblickt
Mehr in die Tiefen aller Schöpfungswerke,
Als Du getan. Ich weiß, daß außer Dir
Das All durchdringend, über, neben mir,
Des Weltumspanners höchster Urgeist weilt,
Der Schicksalsschlüsse wäget und erteilt.

Der Urgeist, der ja ewig vor uns war,
Der unerfaßlich, unbegreiflich wirkend,
Allbebend kund sich gibt, und offenbar
An der Zeit nicht haftend, doch die Zeit bezirkend,
Uns auferweckt, mit hoher Macht belehnt;
Doch wenn zu weit die Macht wir ausgedehnt,
Zurück uns schleudert in des Abgrunds Schicht. -
Du bist ein Gott, doch Ursein bist Du nicht."

"Weib, nicht so stolz, erkennst Du Dich als mich?
Und wagst doch edler Dich als mich zu preisen?
Was hält mich ab, jetzt zu vernichten Dich?
Und fortzuweisen aus den Weltenkreisen?
Dein dunkler Stern ist kalt und liebeleer.
An seinen Küsten wohnt der Riesen Heer,
Mir feind. - Nun sprich, was zog Dich her zu mir?
Was zieht mich mächtig zwingend hin zu Dir?"

"Die Nornen, Odin, sagten mir voraus,
Dass wir uns beide liebend finden sollten.
Die Wolken zogen mich durch Nacht und Graus;
Ob meine Wünsche ihrem Wollen grollten,
Sie eilten fort, rasch wie der Wind entfleucht. -
Ich harr erwartungsvoll und ungebeugt.
Vom dunklen Stern ward ich entführt zu dir;
Doch blieb nach ihm ein heißes Sehnen mir.

Und weil ich Weib, begabt mit Asenkraft,
In Zukunft eine Gottheit selbst gebärend,
Getränkt mit aller Elemente Saft,
Aus mir den Sohn, den göttlichen, ernährend,
Gehör ich mehr dem ewigen Ursein an
Als Odin Du, und wenn ich Dich gewann,
War’s weil Du weißt durch innern Sehersinn,
Dass ich gleich groß wie Du im Streben bin.

Du schmäh'st die Erde, weil sie unbebaut.
Nur was die Luft, was Meer und Sterne pflegten,
Strebt wuchernd auf und hat den Tag erschaut;
Doch keines Wesens fleiß'ge Hände legten
In's Erdenreich Samen, daß er keimend schwillt,
Zur Pflanze wird, als Blüte sich enthüllt,
Und Früchte trägt und wieder Samen reift,
Daß Sä'n und Ernten in einander greift.

Noch wirkt Naturkraft ungeschwächt und voll,
Und was sie bringt, die Erde zu verschönen,
Aus ihrem urgebornen Reichtum quoll.
Doch werden, die Naturkraft zu verhöhnen,
Geschöpfe nah'n, Geburten andrer Zeit,
Gefühlbegabt, durch Geist und Kunst geweiht.
In Zwietracht stets, beseelt mit Willenskraft,
Und Willenskraft geschwächt durch Leidenschaft. -


Doch nun, mein Schicksal! - Ich ergebe mich drein.
Dein will ich sein. - Bald wird sich’s anders wenden!
Als Göttermutter werd ich mächtig sein -
Doch Odin, Du wirst mich vom Himmel senden. - -
und Urkraft-voll geb’ ich dir einen Sohn,
Der Gott wie Du, teilt Deinen Sonnenthron. -
Wenn Friggas weiche Liebe dich besiegt,
Sturm, Blitze schleudernd, Thor das All durchfliegt."



Quelle:
"Odin Nordische Göttersagen"
A. Kayser-Langerhannß, 1881

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

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