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Licht und Dunkelheit
Licht und Dunkelheit


Die folgende Geschichte ist keine alte Legende - ich habe sie gegen Ende des letzten Jahres geschrieben und versucht, den Stil der alten Geschichten ein wenig nachzuempfinden.
Wenn mir dies gelungen ist und die Geschichte euch gefällt - dann hätte sich das Schreiben mehr als gelohnt.



Licht und Dunkelheit

- von Fjoelnir -


Es war in den Zeiten der alten Götter und Göttinnen.

Da geschah es, dass die Nordmänner auf die Insel kamen, die wir heute Irland nennen.
In ihrem eigenen Land, in Norwegen, gab es zu viele Menschen. Hungersnöte rafften etliche dahin.

Doch Irland war nicht unbesiedelt. Seit Menschengedenken lebten dort die Kelten; ein ruhmreiches Volk, welches viele Helden hervorgebracht hatte.
Doch waren die Kelten auch ein lebensfrohes Volk und Frieden deuchte ihnen wertvoller als der Kampf.

Dies erkannten die Nordmänner wohl. Ein Leichtes wäre es ihnen aufgrund ihrer Stärke gewesen, einen Sieg davon zu tragen. So mangelte es ihnen keinesfalls an Mut; allein, die Zahl derer, die ein Schwert führen konnten, war zu gering.

Mancher Kampf wurde geschlagen. Manch' Nordmann und manch' Kelte ging in die Anderswelt zu seinen Göttern.

Da berief der Oberste der Nordmänner, Thorwulf mit Namen,
seine Heerführer zum Rate.
Er sprach zu ihnen: „Unserer Kämpfer Zahl schwindet wie Tau in der Morgensonne, während der Kelten noch viele sind.
Lasst uns sehen, ob es nicht möglich sei, in Frieden mit ihnen zu leben. Dies Land ist weit und fruchtbar – wir alle könnten in ihm unsere Heimstatt haben.
Wir wollen Unterhändler zu den Kelten senden!“
Und so geschah es auch.

Wohl liebten die Kelten den Frieden und waren daher willens, dem Vorschlag der Nordmänner zuzustimmen.
Jedoch waren auch Stimmen unter ihnen, die vom Wolf im Schafspelz sprachen und warnten: „Wohnen sie erst in unserer Mitte, so wird der Tag kommen, an dem unser Argwohn eingeschlummert ist. Seid gewiss, dann werden sie wieder zu den Waffen greifen und wir werden alle eines elenden Todes sterben!“
Sie konnten keine Einigkeit finden. Wie vordem mit Waffen stritt nun mit Worten eine Seite gegen die andere.

Da erhob sich der älteste der Druiden und er sprach:
„Brüder, lasst nicht Streit und Hader in unserer Mitte verweilen!
In meinem Hause weilt dieser Tage der weise Talliesin, den etliche von euch kennen. Bestimmen wir doch ihn als Richter über unseren Zwist.“

Talliesin aus dem Lande der Pikten war dazu bereit. Er lud Thorwulf und den Führer der Kelten, Curoy, zu sich.

In einer Hütte saßen sie beisammen. Lange schwieg Talliesin.
Dann drang seine Stimme in die Stille des Raumes:
„So sagt mir, welches die höchsten und hehrsten Güter eurer Völker sind!“

Thorwulf musste nicht lange überlegen.

„Ehre und Tapferkeit!“ rief er geradezu aus. „Denn ohne Ehre ist ein Mann nichts; als Neiding soll er ausgestoßen sein aus seiner Sippe. Und die meiste Ehre erwirbt er durch Tapferkeit im Kampfe.
So ist es das höchste Ziel jedes meiner Mannen im Kampfe zu fallen und einzuziehen in Walhalla, Siegvater Odins fester Burg.“

Curoi, der Druide, hatte während der Worte des Nordmanns bedächtig sein Haupt geschüttelt.Dann sprach auch er:

„Ehre und Tapferkeit mögen einem Mann wohl anstehen; doch alles zu seiner Zeit!
Unserem Volke deucht es, dass die wahre Ehre des Menschen in der Bewahrung des Friedens liegt, in der Sorge für die Seinen und im Behüten derer, die sonst arm und ohne Heil.“

Thorwulf unterbrach ihn:
„Doch ist dies nicht die Art der schwachen Weiber? Ehre muss erworben werden durch das Schwert, welches gerötet ist vom Blute der Feinde!
Und wenn dann noch mein und der Meinen Blut die Erde tränkt, dann blicken unsere Ahnen voller Stolz und Wohlgefallen auf uns!“

Talliesin aber schwieg zu ihren Worten.
Sein Blick ruhte auf den beiden Männern.
Wie unterschiedlich sie doch waren!
Curoi, der Druide, schlank, fast hager in seinem bodenlangen, weißen Gewand. In der Hand führte er seinen Stab, das Zeichen seiner Würde.
Sein weißes Haar wallte bis zu den Schultern und ein mächtiger, weißer Bart zierte sein Gesicht – ein Gesicht, aus dem Nachdenklichkeit und innere Ruhe sprachen.
Dagegen ganz anders Thorwulf.
Seine breite, mächtige Gestalt war die des Kriegers; geformt durch Waffenübungen und gestählt durch viele Kämpfe. Seine Kleidung hatte die Bräune des Leders. Er trug zwar kein Kettenhem,d, aber sein Schwert lag griffbereit neben ihm.
Sein Bart war dunkel, geflochten zu Zöpfen und seine Augen spiegelten die immerwährende Wachsamkeit eines Kämpfers wieder.
Unterschiedlicher, gegensätzlicher konnten zwei Menschen kaum sein.

Leise murmelte Talliesin – so leise, dass die Anderen es nicht hörten:
„Licht und Dunkelheit, Dunkelheit und Licht...warum sehr ihr Gegensätze? Ist nicht alles eins?“

Dann wollte er sich erheben, hatte dabei aber sichtlich Mühe.
„Curoi, alter Freund, erweist mir einen Gefallen! Draußen an der Hütte lehnt mein Stab; bitte holt ihn mir! In meinem Alter bedarf ich seiner stützenden Kraft!“

Curoi nickte, er erhob sich, trat zur Tür und öffnete sie.
Einige wenige Augenblicke verharrte er im Eingang. In der fensterlosen Hütte brannte zwar ein Feuer, aber es erhellte den Raum nur spärlich.
Nun stand er im Licht des vollen Tages und schirmte seine Augen mit der Hand, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatten. Dann trat er hinaus und holte Talliesins Stab.
Als er in die Hütte zurückkehrte, ließ er sich erneut Zeit, bis sein Augenlicht sich wieder an die Dunkelheit gewöhnt hatte.

Er reichte Talliesin dessen Stab und setzte sich.

Nun sprach noch einmal Talliesin zu den beiden anderen:
„Ihr Thorwulf und auch ihr, Curoi – hört meine Worte!
Gebt mir derer drei Tage und am Mittag des vierten Tages will ich versuchen, euren Zwist der Gedanken und Worte bei-
zulegen. Mögen die Götter mir dabei beistehen!“
Dann entließ er den Nordmann und den Kelten.

In den nächsten Tagen gab es viel Geschäftigkeit im Orte.
Man sah Talliesin von Hütte zu Hütte eilen und mit deren
Bewohnern sprechen. Besser gesagt, mit deren BewohnerInnen,
denn es waren Frauen, mit denen er sich immer wieder lebhaft und angeregt unterhielt.
Des öfteren weilte er in der Hütte des Ledermachers und es war dessen Tochter Gwynneth, mit der er hinter der Hütte saß und sich lange mit ihr austauschte.

Dann kam der vierte Tag.
Pünktlich zur Mittagssonne trafen sich Talliesin, Curoy und Thorwulf vor der Hütte, in der sie zum ersten Mal miteinander gesprochen hatten.
Talliesin sprach zu dem Nordmann:
„Thorwulf, würdet ihr euch noch für eine kleine Weile ge-
dulden? Ich werde euch gleich wieder herbei rufen; doch bitte begebt euch so lange ins Langhaus.
Dort steht ein kühler Trunk für euch bereit, der euch in der Mittagshitze wohl tun wird.“
Thorwulf nickte zustimmend; dann begab er sich zu dem mächtigen Langhaus in der Mitte des Ortes.
Nun sprach Talliesin zum Druiden Curoy:
„Mein Freund, stellt euch nun neben mich vor den Eingang dieser Hütte!“
Dann sagte er laut: „Kind, tritt heraus!“

Ein junges Mädchen, nahezu schon ein Frau, erschien im Eingang der Hütte.
Es war Gwynneth.
Ihr langes, blondes Haar wehte leicht im Wind. Sie trug ein bodenlanges, weißes Gewand und ihr Gesicht strahlte.

Doch stand sie etwas merkwürdig im Bogen der Tür.
Nur seitlich war sie zu sehen und nur die rechte Seite ihres Leibes war's, die das Licht der Sonne bestrahlte.
Die andere Seite blieb im Dunkel der Hütte verborgen.

Talliesin sprach erneut zu Curoy und ein Lächeln war auf seinen Lippen:
„Nun, alter Freund, habe ich deine Gedanken ein wenig erraten? Ist dies Bild mir gelungen, so dass es wie ein Symbol des Friedens uns Wohlergehens erscheint?
Des Friedens und des Wohlergehens – der Dinge, die du den Menschen wünschst?“

Auch Curoy lächelte:
„Talliesin, mein weiser Freund, so ist es in der Tat!
Ich selbst hätte nicht besser aufzeigen können, was mir am Herzen liegt.
Dies Mädchen scheint mir fast wie eine Göttin; wie die Erde, unsere heilige Mutter selbst. Ihr Haar hat die Farbe des reifen Kornes, welches uns Menschen sättigt und uns Wohlergehen schenkt. Und ihr Leib, bedeckt mit weißem Linnen, leuchtet wie die Sonne, die uns alle wärmt.“

Talliesin erwiderte:
„So bitte ich dich denn, eile zum Langhaus und hol den Nordmann herbei.
Doch schweige über das, was du gesehen und schweig auch fürderhin zu dem, was du noch sehen wirst!“
Curoys Blick zeigte ein wenig Ratlosigkeit; aber er tat, wie ihm geheißen.

„Gwynneth!“ sprach Talliesin, „nun geh wieder in die Hütte und erinnere dich an das, was wir besprochen haben!“

Cursoy und Thorwulf trafen ein und wieder standen sie zu dritt vor dem Eingang der Hütte.

„Kind!“ rief Talliesin erneut, „tritt heraus!“

Wieder sah man Gwynneth hervortreten und wieder verharrte sie im Türbogen.
Doch etwas war anders – zwar stand sie wieder seitlich, doch diesmal war's die linke Seite, die sie den Männern zuwandte.
Beinahe hätte man sie nicht wiedererkannt – ihr vormals helles Haar war zwar immer noch ebenso lang, doch hatte es nun die tiefe Schwärze der Nacht.
Kein weißes Linnen mehr bedeckte ihren Körper; vielmehr braunes Leder, auf dem gehärtete Schuppen befestigt waren.
Und an ihrer Seite hing ein gutes Schwert.
Ihre Hand lag auf dem Heft des Schwertes. Sie schien zu jeder Zeit bereit zum Streite.

Thorwulfs Augen funkelten und es brach aus ihm heraus:
„Da seht ihr, was ich meine!“
„Dies Mädchen scheint mir wie eine Schildmaid, eine Valkyrja Siegvater Odins. Geheimnisvoll wie die Nacht und doch zu jeder Zeit bereit zum Kampfe!“

Und wieder sprach Talliesin mit fester Stimme:
„Gwynneth, nun wende dich uns in Gänze zu!“

Gwynneth drehte sich ein wenig, dann sah sie die Drei von vorne an.

Voller Erstaunen, ja Verblüffung blickten Thorwulf und Curoy. Denn nun sahen sie, dass das Mädchen zwei Erscheinungsbilder zeigte, auch zwei Gewandungen trug, Auf der einen Seite bot sie das helle, nahezu friedliche Bild, welches Curoy gesehen und auf der anderen das dunklere, kriegerische, das Thorwulf erblickt hatte.

Dies war es, was Talliesin in den vergangenen Tagen so oft zu den Frauen getrieben hatte. Er war zwar ein Meister der Worte, aber keiner der Stoffe und Nadeln. Und auch aufs Färben der Haare mit Pflanzen verstand er sich eher weniger.

Talliesin lächelte über den Ausdruck auf Thorwulfs und Curoys Gesichtern:
„Verzeiht mein kleines Spiel!
Ich achte euer beider Meinung, doch ich wollte, nein, ich musste euch ja etwas aufzeigen.
Du Curoy, schätzt vor allem das Heil und die Ehre, die im Bewahren des Friedens liegen. Auch dir Thorwulf, ist natürlich der Friede nicht fremd. Doch als Krieger dünkt dir Heldentum und Kampf mehr und wichtiger für die Ehre eines Mannes.

Thorwulf und Curoy lauschten aufmerksam, obwohl sie noch
nicht wussten, woraufhin Talliesins Worte zielten.

Dieser fuhr fort:
„Erlaubt mir, dass ich deine Meinung, Curoy, die Seite des Hellen nenne. Und die eure, Thorwulf, die Seite des Dunklen.
Dies soll beileibe kein Urteil über euch sein! Meine Worte sollen nur den Unterschied zwischen euer beider Leben aufzeigen.
Erinnert ihr euch an unser erstes Treffen in der kleinen Hütte?
Ich bat dich, Curoy, meinen Stab zu holen, damit ich besser aufstehen könnte.
Du tratest aus der Hütte ins Freie und schirmtest für eine kleine Weile deine Augen. Sie waren gewohnt an die Dunkel- heit in der Hütte. Du wärest vom Licht der Sonne geblendet worden, hättest du nicht also getan.
Als du später mit meinem Stabe hereinkamst, verharrtest du wiederum. Denn deine Augen - inzwischen gewöhnt an die Helligkeit - hätten dich zunächst nichts sehen lassen und du wärest vielleicht gestrauchelt.
Beides, das Helle und das Dunkle gehören zusammen!
Das eine ohne das andere kann uns schädigen!
Das Licht ohne die Dunkelheit blendet uns und lässt uns nichts erkennen. Ebenso lässt uns Dunkelheit ohne Licht nichts erkennen – alles bliebe in der Verborgenheit der Schatten.
Erst zusammen und im Miteinander sind sie uns nütze!
So schaut noch einmal zu Gwynneth! Unterschiedlicher könnte ein Mensch wohl kaum sein, würdet ihr ihre eine ohne die andere Seite betrachten.
Doch beides gehört zu ihr, beides macht sie aus und in der Einheit erst sehr ihr die ganze Maid.
So auch mit uns anderen Menschen.
In jedem von uns ist Licht UND Finsternis; jeder von uns hat sowohl helle als auch dunkle Seiten. Das eine darf nicht überhand nehmen über das andere; denn erst in der Einheit bilden sie den Menschen!
Curoy, du schätzt den Frieden und das Wohlergehen – und du tust recht daran!
Doch auch Frieden muss bewahrt werden. Und es kann sein, dass der Mensch streiten muss gegen die Mächte, die uns nicht wohlgesonnen sind – seien es Menschen oder auch Wesenheiten aus der Anderswelt.
Doch bin ich sicher, du weißt das wohl und ohnehin!
Thorwulf, ihr schätzt den Kampf und die Wehrhaftigkeit – und ihr tut recht daran!
Doch nach dem Kampfe müssen auch Zeiten des Friedens kommen. Zeiten, in denen das mit dem Blute Errungene sich festigt und neue Kräfte angesammelt werden können.
Doch auch bei euch bin ich mir sicher, dass ihr dies wohl und ohnehin wisst!
Lasst mich nun zum Ende meiner Rede kommen:
Es wäre wohlgetan und wohlgefällig in den Augen aller Mächte, wenn fürderhin Nordmänner und Kelten die Waffen niederlegten.
Versucht in Frieden miteinander auszukommen! Treibt Handel und lernet voneinander!
Übereilet nichts – euer Beiden Völker müssen nicht gleich Brüder werden.
Seid einfach guten Willens und die Zeit wird das ihre schon richten!“
Dies war, was Talliesin gesprochen.
Curoy und Thorwulf brachen auf, um ihren Sippen zu berichten.
Ab diesem Tage bemühten sich Kelten und auch Nordmänner um Frieden – und Wohlergehen herrschte im Lande.

Erlaubt es mir noch ein paar Worte an euch zu richten:
Ob diese Geschichte sich vor vielen Jahrhunderten wirklich genau so zugetragen hat – wer könnte es sagen?
Doch würde ich es mir von Herzen wünschen, dass damals der Wunsch nach Frieden gesiegt hat.
Wessen ich euch allerdings versichern kann, ist dies, dass es auch heute noch auf der Insel Irland viele Nachkommen der Kelten gibt.
Und ebenso kann ich verbürgen, dass die Hauptstadt ihres Landes - die gute Stadt Dublin - vor langer Zeit von den Nordmänner begründet wurde und heute noch Bestand hat.
Vielleicht bedenkt ihr dieses.
© Fjoelnir 2010

Es sucht der Götter Schar
nach Dienern nicht, noch Sklaven.
Freiheit des Menschen ist ihr Ziel,
nicht falsche Demut, die ihm aufgezwungen.
Eine wunderbare und zum Nachdenken anregende Geschichte, die du uns hier geschrieben hast, edler Fjoelnir

Vielen Dank dafür - ich hoffe, dass viele Bewohner und Besucher innehalten, um sie zu lesen.

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

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