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Die Kriegskunst der Wikinger
Die Kriegskunst der Wikinger



„Mit Schwert und Lanze, glatt vom hellen Blut, war ich dort, wo die Raben kreisen„, heißt es in einer Dichtung aus dem 10. Jhd. „Und mit welch wunderbarer Wut wir aufeinander prallten. Rote Flammen verzehrten die Dächer. Wie rasend töteten wir, bis die aufgespießten Leiber leblos in den Gassen lagen.“


Die Berichte angelsächsischer und fränkischer Chroniken über die verheerenden Wikingerüberfälle erwecken den Eindruck, die Nordmänner seien mit einer martialischen Kriegsmaschinerie aufgetreten: schwer bewaffnet und gepanzert in einer unbesiegbaren Kriegerfront. Tatsächlich traten die allermeisten Krieger in einem recht zivilen Äußeren auf: viele trugen lediglich lange Hosen und ein kittelartiges Hemd, das ein Gürtel zusammenraffte, nur wenige konnten sich Kettenhemden oder Metallhelme leisten. Kurz gesagt – keine ihrer Waffen oder Rüstungen begründeten die Überlegenheit der Skandinavier; ein gut gerüstete fränkischer Elitekrieger erwies sich als in jeder Hinsicht besser ausgestattet – und bezeichnenderweise versuchten die Wikinger stets, in Besitz fränkischer Schwertklingen zu kommen.
Bekanntlich wussten sich die Wikinger mit Hilfe ihrer Überraschungstaktik entscheidende Vorteile zu verschaffen. Schiffsmannschaften mit oft weniger als hundert Männern sondierten vorab das Feld und erkundeten, wo und wann reiche Beute winkte, ohne energischen Widerstand erwarten zu müssen. Strandhögg, Stranddieb, nannten sie den Überfall vom Schiff aus auf eine ungeschützte Siedlung, ein Kloster, und sie entwickelten beachtliche Fähigkeiten in dieser Kunst – vom Auskundschaften des besten Landeplatzes bis zum geordneten, raschen Rückzug nach vollbrachter Tat. Auch zu Lande verstanden sie sich auf das schnelle Zuschlagen.

Die großen Kriegszüge der Wikinger

Die großen Wikingerzüge auf dem europäischen Kontinent begannen mit dem Tode Ludwigs des Frommen im Jahre 840. Sein Reich wurde unter seinen drei streitsüchtigen Söhnen aufgeteilt: der östliche Teil fiel an Ludwig den Deutschen, der Westen an Karl den Kahlen, der Mittelteil und Italien an Lothar – die fränkische Gesellschaft spaltete sich in zahlreiche regionale Einheiten und zerstörte sich selbst durch Fehden und Verrat. Den Wikingern hatten sie nichts entgegenzusetzen. Rouen an der Seine wurde 841 geplündert, Quentowic, südlich von Boulonge 842. Am Johannistag (24. Juni) des Jahres 842, als die Stadt Nantes vor Besuchern überquoll, wurde die Stadt und der Markt geplündert. Es folgte ein erbarmungsloses Gemetzel, weder Kirchen noch Kleriker wurden verschont. 845 plünderte der dänische König Horik mit einer Flotte von angeblich 600 Schiffen Hamburg. 845 besiegte Ragnar Pelzhose (loðbrók) die durch einen strategischen Fehler geteilte Streitmacht von Karl dem Kahlen. Er plünderte Paris und zog erst nach Zahlung von 7000 Pfund Silber ab. In den darauffolgenden Jahren begann die große Invasion der Wikinger. Der Chronist Ermentarius von Noirmoutier schrieb dazu:

„Die Zahl ihrer Schiffe schwillt an, die endlose Wikingerflut hört nicht auf anzusteigen. Überall werden Christen Opfer von Plünderung, Brandschatzung und Gemetzel. Die Zeugnisse davon werden sichtbar sein, solange die Welt besteht. Die Wikinger überrennen alles und niemand kann sich ihnen in den Weg stellen. Sie nahmen die Städte Bordeaux, Périgueux, Limoges, Angoulême und Toulouse. Angers, Tours und Orléans liegen verwüstet da. Die Asche so mancher Heiliger wurde verschleppt.“


So erfüllt sich allmählich die Prophezeiung des Herrn, wie sie der Prophet Jeremias verkündete: „Eine Geisel wird hereinberechen von Norden über alle Bewohner der Erde.“

Zahllose Schiffe fahren die Seine hinauf, und in der gesamten Gegend verbreitet sich Unglück. Rouen wird angegriffen, geplündert und verbrannt; Paris, Beauvais und Meaux sind genommen, die Festung Melun verwüstet, Chartres besetzt, Evreux und Bayeux ausgeraubt, und jede Stadt wird belagert. Die Chronik des Regino von Prüm zum Jahre 892 berichtet von einem Wikingerzug an der Maas. „Alles vertilgend“ ziehen die Nordmänner nach Bonn, wo ihnen ein christliches Heer entgegenkam, vor dem sie in die Wälder ausweichen. <i>„Mit der größtmöglichen Schnelligkeit“ rücken sie nach Prüm vor, der Abt und die Mönche können gerade noch fliehen, das Kloster wird verwüstet. Die Wikinger durchqueren über die alten Römerstrassen die Ardennen, unterwegs greifen sie „ohne Verzug“ eine Burg an und erobern sie. Unbehelligt erreichen sie ihre Schiffe und fahren „mit ungeheurer Beute“ davon. Ein weiterer Chronist berichtete:

„Die Nordmänner hörten nicht auf, die Christenvolk gefangen zu nehmen und zu töten, die Kirchen zu zerstören, die Mauern niederzureißen und die Dörfer in Brand zu setzen. Auf den Strassen lagen die Leichen von Geistlichen, von Adeligen, von Frauen, Kindern und Säuglingen. Es gab keinen Weg und keinen Ort, wo nicht Tote lagen; es war für jedermann eine Qual und ein Schmerz zu sehen, wie das Christenvolk bis zur Verheerung preisgegeben war.“

Setzten die Nordleute jedoch einmal alles auf eine Karte und ließen sich auf regelrechte Schlachten ein, konnte es passieren, dass sie den Kürzeren zogen, wie der Triumph des westfränkischen Königs Ludwig III am 3. August 881, der nahe der Sommemündung gegen plündernde Dänenscharen focht, zeigt. Im Umgang mit Waffen geübt und an das Ausüben und Erleiden von Gewalt von klein auf gewöhnt, kannten die Wikinger kriegerische Aktionen nämlich nur als Kampf „Mann gegen Mann“, und was über solche Kriegsführung hinausging, war ihnen fremd. Beim Zusammentreffen mit einer Übermacht oder einem taktisch geschulten, disziplinierten Gegner erlitten die Wikingerhaufen daher zumeist Niederlagen – Wikinger zogen daher einen Rückzug in eine sichere Befestigungsanlage immer einer offenen Feldschlacht vor, wie z.B. als der obstfränkische Herrscher Arnulf im Juni 891 gegen die Wikinger zog, und sie sich in Löwen an der Dije (Belgien) hinter einer starken Befestigung aus Holz und Erde zurückzogen. Als andererseits der westfränkische König Odo 891 gegen in Nordostfrankreich brandschatzende Wikinger entgegen zog, flohen sie und ließen ihre erbeuteten Schätze zurück. Die obenerwähnte Schlacht Arnulfs bei Löwen 891 war eine furchtbare Niederlage für die Dänen und beendete die Zeit der großen Wikingerheere auf dem Festland. So siegte 910 der westfränkische König Karl der Einfältige gegen ein Norwegerheer unter Hrolf (Rollo), denen er Land an der Seinemündung anbot, wenn sie das Land von skandinavischen Seeräubern schützten – es entstand die Normandie.
Auch für den Kampf auf See, das heißt Schiff gegen Schiff oder Flotte gegen Flotte, entwickelten die Wikinger keine eigene Taktik. Das Schiff selbst wurde nicht als Kampfmittel eingesetzt, es gab kein Ausmanövrieren oder Rammen, man bewarf den Gegner mit Steinen und Speeren und schoss Pfeile ab. Danach ging man bei ihm längsseits und sprang hinüber, um mit Schwert und Axt die Entscheidung zu suchen. Trafen Flotten in Seeschlachten aufeinander, fand das gleiche im großen Maßstab statt, allenfalls wurden die einzelnen Schiffe zu einem festen Block miteinander vertäut, um die auf ihnen stationierten Kräfte verschieben zu können. Nach wie vor aber galten Entern und Nahkampf als einzige Möglichkeit, einen Sieg zu erringen. Allenfalls konnte ein Flottenführer, wenn er über zahlenmäßige Überlegenheit verfügte, seine Streitmacht aufteilen, um den Gegner in die Zange zu nehmen.
Vereinfacht dargestellt, waren die Wikinger mehr pragmatische Taktierer, die sich keinen traditionellen Kampfregeln verpflichtet fühlten sondern ihre Schnelligkeit, die Wendigkeit und Vielseitigkeit ihrer Schiffe und den Überraschungsmoment nutzten und so große Erfolge erzielten.
Die großen Kriegszüge hingegen, die vor allem die dänischen Könige gegen England unternahmen, setzten hingegen eine große Organisation voraus. Dabei konnten sich die Herrscher auf eine Art der Wehrpflicht berufen, die alle freien Männer betraf. Dementsprechend hatten Häuptlinge und Jarle ganze Schiffe nebst Mannschaft, Ausrüstung und Verpflegung zu stellen. Von der Masse solcher Kämpfer hob sich die Gefolgschaft der Krieger ab, die ihren Herrn umgab und ihn mit einer sogenannten Schildburg schützte.
Besonders für ihre Tapferkeit gerühmt werden die dänischen Jomswikinger, die den Höhepunkt ihrer Macht erreichten, als in Dänemark König Harald Blauzahn (Blatönn) auf dem Thorn saß. Sie galten als verschworene Söldnertruppe, überall gelobt und gefürchtet wegen ihre Kampfesstärke. Sie lebten in der Festung Jomsburg auf der Insel Wollin an der Odermündung als zölibatärer Männerbund, zu dem keine Frau Zutritt hatte, sie alle waren im Alter zwischen 18 und 50 Jahren und mit unverbrüchlichen Eiden untereinander verbunden, die sie zum Frieden untereinander und zu gegenseitigen Rache verpflichteten. Die Jómsvíkinga Saga berichtet, dass sie am Julfest des Jahres 980 von dem gerissenen Harald Gormsson zu einem vorschnellen Gelübde angestachelt wurden, ihren Erzfeind Jarl Hákon von Norwegen zu zermalmen oder dabei zu sterben. Bei der Schlacht am Hjörungarvág (Hareid) wurden sie von dem überlegenen Gegner niedergemetzelt. Nur siebzig von ihnen überlebten das Blutbad und erwarteten ihre Hinrichtung, welches zu einem Beweis ihrer Tapferkeit im Angesicht des Todes wurde. Ein Jomswikinger verlangte, man solle ihm mit der Axt einen Schlag ins Gesicht versetzen, damit alle sehen könnten, dass er nicht aschfahl würde.

„Er erbleichte nicht, doch seine Augen schlossen sich, als der Tod über ihn kam.“ berichtet ein Chronist.

Der Heroismus der Wikinger war von einem zutiefst fatalistischen Credo der Hoffnungslosigkeit geprägt. Die jenseitige Welt versprach keine Erlösung, keine günstige Aussicht auf ewige Glückseligkeit. Die Welt der nordischen Götter war von Anfang an dem Untergang geweiht und die Götter waren sich dessen bewusst. Odin, der Allvater wusste, dass ihr Schicksal unbarmherzige und vorbestimmte Vernichtung sein würde, wenn ihre Welt von den Mächten des Chaos überwältigt wird. Und so heißt es schon in der EDDA:

Brüder kämpfen und bringen sich den Tod
Brüdersöhne brechen die Sippe
arg ist die Welt, Ehrbruch furchtbar
Schwertzeit, Beilzeit, Schilde bersten
Windzeit, Wolfzeit, bis die Welt vergeht
nicht einer will den anderen schonen.
Die Sonne verlischt, das Land sinkt ins Meer
vom Himmel stürzen die heiteren Sterne
Lohne umtost den Lebensnährer;
hohe Hitze steigt himmelan.
(Völuspá, Vers 45)

Bearbeitet von Manfried am 01-12-2011 23:15

.. sich erinnern heißt nicht Asche streuen, sondern das Feuer weitergeben ..

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