Das letzte Geleit in der Wikingerzeit

Zu den wohl faszinierendsten Ausstellungsobjekten in der Ausstellung „Wikinger: Leben und Legende“ gehören die zahlreichen Objekte, die als Grabbeigaben bei Ausgrabungen gefunden wurden - wenn sie auch nicht so spektakulär sind, wie z.B: der Hiddenseer Goldschmuck oder das 37 m lange Wrack eines Kriegsschiffes aus Dänemark.

Viele dieser Grabbeigaben sind auch in der Ausstellung zu sehen, denn die Art und Weise, wie ein Volk seine Toten bestattete, sagt viel über die Einstellung zum Leben und zur Ahnenverehrung aus - und die Wikinger waren da keine Ausnahme.

Obwohl ihre Gräber schon fast standardisierte Formen - wie z.B. Erdwall, hölzerne Kammer, vergrabenes Schiff - hatten, war dennoch jedes Ritual, jede Beerdigung anders und ganz individuell auf die zu bestattende Person ausgerichtet. Diese Einzigartigkeit einer jeden Bestattung wird bei dem folgenden Bericht sehr deutlich, der Antworten gibt aber zugleich Fragen aufwirft.

 

Das Grab, das hier näher beschrieben wird, wurde in der ehemaligen Wikingerstadt Kaupang, dem heutigen Vestfold, am Oslofjord in Norwegen gefunden. „Kaupang“ bedeutet nur „Markt", aber bekannt wurde diese älteste Stadt Norwegens als „Skíringssalr“ - was etwa „Die helle Halle, Königssaal“ bedeutet.

In fast zwanzig Jahren archäologischer Ausgrabungen wurden entlang des Fjordufers Reihen von kleinen Häusern und Werkstätten gefunden, die Zugang zu den Kais hatten, an denen Schiffe aus der ganzen Region anlegten. Hier spielte sich das tägliche Leben ab - ihre Toten jedoch bestatteten die Bewohner außerhalb der Siedlung, auf ruhigen Landzungen und an den niedrigen Höhen entlang des Fjords.
Viele dieser Gräber sind aus archäologischer Sicht relativ „einfache“ Grabstellen - eines dieser Gräber ragt jedoch aus den anderen Grabstellen heraus.

 

Schiffsgrab von Kaupang

Das Schiffsgrab von Kaupang, Norwegen, Anfang des 10. Jahrhunderts.
Illustration von Þórhallur Thrainsson

Etwa Mitte des 9. Jahrhunderts wurde ein Mann unbestimmten Alters auf seiner linken Seite liegend begraben. Bekleidet war der Tote wahrscheinlich mit einem Mantel oder Umhang, denn eine Brosche wurde auf seiner Schulter gefunden. Seine Brust lehnte an einem großen Stein, von der Hüfte abwärts war er zusätzlich mit einem Tuch von sehr feiner Qualität abgedeckt, das wie eine Decke über die Beine gezogen war. Als Grabbeigaben wurden zwei Messer, ein Feuerstahl, zwei Feuersteine, ein Schleifstein, einige Fragmente einer Specksteinschale und ein „eiförmiger Stein“ gefunden - letzteres ist ein einzigartiger Fund, dessen Bedeutung völlig ungeklärt ist.

Dieser „eiförmige Stein“ gibt durch seine Einzigartigkeit diesem Grab seinen eigenen Charakter und Individualismus und die übrigen Grabbeigaben sowie die feinen Stoffe seiner Kleidung deuten auf einen hohen sozialen Stand hin, jedoch ist das Grab insgesamt archäologisch weniger spannend.

Aber was dann mit dieser Grabstätte geschah, ist mehr als bemerkenswert.

 

Einige Jahrzehnte nach der Beisetzung dieses Mannes, Anfang des 10. Jahrhunderts, fand eine weitere Bestattung auf genau dieser Grabstelle statt. Ein 8,5 m langes Boot in typischer Klinkerbauweise der Wikinger wurde präzise auf der Oberseite des Toten platziert, mit dem Kiel exakt entlang der von Nordwest nach Südost verlaufenden Mittellinie seines Grabes ausgerichtet - man musste sich also ge­naus­tens an die Lage des Grabes und auch des Toten erinnert haben.

Im Inneren des Bootes wurden die Leichen von vier Personen gefunden: ein Mann, zwei Frauen und ein Kind, die zusammen mit einer Reihe von Tieren und zahlreichen Grabbeigaben in dieser Schiffsbestattung beigesetzt worden waren. Die Anordnung der Toten und der Grabbeigaben ist außergewöhnlich.

 

Im Bug lagen ein Mann und eine Frau auf Decken, die offensichtlich als Unterlage dienten. Die Frau war zum Zeitpunkt ihres Todes etwa 45-50 Jahre alt, sie war auf dem Rücken gebettet, ihre rechte Hand ruhte auf der Brust, ihre gekreuzten Füße zeigten zum Bug. Ein Stein stütze wie ein Kissen ihren Kopf. Sie war aufwändig, in edlen und teuren Stoffen gekleidet, ihre Kleidung wurde mit zwei silbernen, ovalen Broschen zusammen gehalten, eine silberne Kleeblattbrosche, Perlen und ein silberner Ring hingen an einer Kette zwischen ihnen. An ihrem Gürtel hingen ein Messer und ein Schlüssel. Rechts neben ihr stand ein Eimer, auf ihren Knien lag ein Weberei Schwert - offensichtlich eine Frau von hohem Stand.

 

An der linken Seite der Frau war in Hüfthöhe eine Babyleiche in ihrer Kleidung eingewickelt, die linke Hand der Frau ruhte gleichsam schützend auf dem Kopf des Kindes.

 

Kopf an Kopf mit der Frau, mit den Füßen zum Heck weisend, war der Mann unbekannten Alters gebettet worden. Er lag auf dem Rücken, in der Hüfte jedoch war der Körper nach links verdreht, so dass die Beine zur linken Seite geneigt waren. Auch seine Kleidung war aus edlen, teuren Stoffen. Um ihn herum waren seine Waffen platziert worden: zwei Äxte, ein Wurfspieß, ein Schwert mit Schwertscheide, dessen Spitze genau auf den Kopf des Mannes weist, zwei Messer mit einem Schleifstein daneben, drei Schilde, ein Köcher mit Pfeilen und wahrscheinlich auch ein Bogen. An seinem rechten Arm trug er einen Silberreif. Auf seinem Bauch lag eine umgekehrte Bratpfanne, auf der Schwertscheide waren zwei Spinnwirtel sorgfältig platziert. Ein im heutigen Deutschland gefertigter Topf war zerschlagen und seine Scherben waren zusammen mit drei Glasperlen über den Körper des Mannes verstreut worden. Eine eiserne Hundekette, eine Sichel und einige Specksteingefäße waren bei ihm platziert. Die vornehme Kleidung und die reichhaltigen Waffenfunde lassen auch hier den Schluss zu, dass es sich bei dem Mann um eine angesehe Persönlichkeit oder einem außergewöhnlichen Krieger handelte.

 

Mittschiffs fand man den Kadaver eines aufgezäumten Pferdes. Sein Hals war durchtrennt, allerdings wurde der Kopf nach dem Transport an Bord dann wieder in etwa an seine anatomische Position gelegt. Ein einzelner Sporn war auf dem Kadaver platziert.

 

Im Heck des Bootes fand man eine zweite Frau, die offenbar entweder auf einem Stuhl sitzend oder gegen das ansteigende Ende des Schiffes gelehnt bestattet wurde. Ihr Rücken wurde zusätzlich von einem Schild gestützt. Ihre Körperhaltung und der Lage ihrer Arme lässt darauf schließen, dass die Pinne des Steuerruders des Bootes in ihren Händen ruhte. Ein Schleifstein und Teile einer Trense lagen zu ihren Füßen, die den Kadaver des Pferdes berührten.

Die Frau war in sehr vornehm, in feinsten Stoffen gekleidet. Auch ihre Kleidung wurde mit silbernen, ovalen Broschen zusammen gehalten und mit Perlen verziert. Einige ihrer Kleidungsstücke waren aus feinem Leder - eine sehr ungewöhnliche Kleidung für die damalige Zeit.

Zu ihrer Rechten fand man einen weiteren dieser rätselhaften „eiförmigen Steine“ und ein eisernes Weberei Schwert. An ihrer linken Seite wurde ein ungewöhnlicher Eisenstab, der mit einem großen Stein beschwert und in seiner Lage fixiert war, gefunden. Ebenfalls war in ihrer Nähe eine Axt platziert.

 

Im Schoß der Frau lag eine importierte Schale aus Bronze, in die Runen geritzt worden waren:
muntlauku i = „im Handwaschbecken" (N579 - Kaupang)
Die Schale enthielt einige nicht identifizierte kleine Gegenstände aus aus vergoldetem Kupfer, einen ebenfalls vergoldeten Kupferring, eine Art „Pinzette“ und den abgetrennten Kopf eines Hundes. Sein Rumpf lag quer über den Füßen der Frau. Ein Paar seiner Beine lagen ein wenig unter dem Rumpf, das andere Beinpaar fehlte. Unmittelbar bei der Frau wurden auch Fragmente von Holz und Rinde, kleinere Stücke Eisenblech und weitere Objekte aus vergoldetem Kupfer gefunden, deren Bedeutung unbekannt ist.

 

Auffällig ist der bei der Frau gefundene Eisenstab - er ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass diese Frau eine Völva war, eine jener weisen und hochangesehenen Frauen der Wikingerzeit, wie sie ausführlich in den isländischen Sagas beschrieben werden. Der Stab war nicht verbogen oder beschädigt, was auf eine hochgeachtete Vöva hinweist.

 

Das Grab wurde nach der rituellen Beisetzung mit Erde sowie einer komplexen Steinkonstruktion abgedeckt und zu einem niedrigen Hügel geformt. Die Archäologen fanden in unmittelbarer Nähe des Grabes auch Reste von Knochen und verbranntem Holz, die auf weitere Rituale hinweisen, über die aber nichts bekannt ist.

 

Dieses Grab zeigt ein Fülle von Details, eine große Präzision bei der Anordnung der Verstorbenen und die bewusste Auswahl sowie Positionierung der Objekte bzw. Grabbeigaben. Die Art und Weise der Beisetzung in dieser Grabstelle vermittelt einen nachhaltigen Eindruck, wie individuell und ehrfurchtsvoll die Wikinger ihre Toten bestatteten.

 

Ein Begräbnis von vier Menschen in einem Schiff, das ein paar Jahrzehnte später präzise auf einem anderen Grab platziert wurde, ist mehr als ungewöhnlich und damit wirft dieses Schiffsgrab aber auch eine Fülle von Fragen auf:

Was war damals an den Ufern des norwegischen Fjord im frühen zehnten Jahrhundert geschehen?

Waren der Mann und die Frau ein Paar mit ihrem Kind?

Sind die vier Personen durch Gewalt oder durch Krankheit gestorben und sind sie gleichzeitig zusammen gestorben?

Oder wurde eine oder mehrere von ihnen getötet, um die anderen in den Tod zu begleiten?

Wem der drei Erwachsenen gehörte das Boot und die Tiere - oder haben sie zu keinem der Toten gehört?

Was bedeuten die zahlreichen Objekte - würden wir ihre Bedeutung heute verstehen?

Welche Verbindung hat dieses Vier-Personen-Schiffsgrab mit dem Grab des Mannes unter dem Kiel?

Bilden die beiden rätselhaften „eiförmigen Steine“ eine Verbindung zwischen den beiden Gräbern?

War der Mann aus dem „unteren“ Grab mit der Völva aus dem „oberen“ Grab verwandt?

Hatte es einen Grund, dass beide männlichen Leichen mehr oder weniger auf ihrer linken Seite bestattet wurden?

Warum erinnerten sich die Menschen damals so genau an die Lage des ersten Grabes?

Diese und noch mehr Fragen werden wir wohl niemals völlig beantworten können.

Diese vier Erwachsenen und das Kind starben vor langer Zeit und wir wissen weder ihre Namen noch etwas über ihr Leben - nur die aufwändigen Grabbeigaben, ihre vornehme und teure Kleidung und das außergewöhnliche Doppelbegräbnis lassen darauf schließen, dass es sich bei den hier bestatteten Menschen um sozial hochgestellte, angesehene Personen gehandelt haben muss.

 

Die Menschen in der Wikingerzeit haben sich die gleiche ewige Frage gestellt wie wir heute auch - wie es nach dem Tod weitergeht. Die Schiffsbestattung von Kaupang ist eine ihrer Antworten auf diese Frage - sie haben ihre Toten mit Ehrfurcht und Respekt bestattet und ihnen somit einen würdevollen Weg bereitet.

 

Quellen:
Neil Price, Professor für Archäologie an der Universität Aberdeen: The Viking way of death - Gastbeitrag im Ausstellungskatalog zur Ausstellung „Wikinger: Leben und Legende"
Catharina Raudvere und Jens Peter Schjodt: More Than Mythology - Narratives, Ritual Practices and Regional Distribution in Pre-Christian Scandinavian Religions, S. 16 ff
Terje Spurkland: Norwegian Runes and Runic Inscriptions, S. 123, N579 - Kaupang

 

Siehe auch Artikel:
Die Völva - Seherin aus dem hohen Norden
Mythos Völva

 

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