Mythos Völva

Reichhaltige Grabfunde zeigen die besondere gesellschaftliche Stellung der Völur

Ein Bericht von Siglinde Lítilvölva

 

Grab der Völva von Fyrkat

Das Grab der Völva von Fyrkat.
Zeichnung von Thomas Hjejle Bredsdorff
(Bild: Historik Viden, Danmark)

Neben dem Oseberg-Schiff, der wohl bekanntesten Grabstätte einer Völva, belegen weitere zahlreiche und reichhaltig ausgestattete Grabfunde in Skandinavien nicht nur die Existenz der sagenhaften weisen Frauen zur Wikingerzeit, sondern zeigen auch die besondere und herausragende Stellung der Völur innerhalb der Gesellschaft. Ihre kostbaren Grabbeigaben, die nicht nur zum alltäglichen Gebrauch gehörten, sondern auch nachweislich einem kultisch-religiösem Zweck dienten, weisen viele Parallelen auf.

 

So ist es vor allem ein geheimnisvoller Stab – der Völr – der eine Völva (Stabträgerin) auszeichnete und ihren hohen gesellschaftlichen Rang kennzeichnete, denn nahezu alle 40 gefundenen Stäbe waren aus Eisen gefertigt, einem zur Wikingerzeit sehr wertvollen Material. Aber auch Grabbeigaben wie Schalen und Krüge aus fernen Ländern sowie die edlen Gewänder, in die sie für ihre letzte Reise, der Reise ins Jenseits gekleidet waren, dokumentieren ihre außergewöhnliche, beinahe königliche Stellung in ihrer Gesellschaft.

 

Das Grab einer Völva in Koepingsvik, Oland, enthielt eine 82 cm lange Stange aus Eisen mit Bronze-Verzierungen und einem Langhausmodel an der Spitze. In dem Grab befanden sich auch ein Krug aus Zentralasien und ein Bronzekessel aus Westeuropa. Die Völva wurde, eingehüllt in einem Bärenfell, in einem Schiffsgrab mit Tieropfern bestattet.

 

In Hagebyhöga in Östergötland wurde eine weitere Völva begraben. Das sogenannte "Grab von Aska" nimmt aufgrund seiner Fundqualität unter den zeitgenössischen Gräbern Schwedens eine Sonderstellung ein. Die Brandbestattung dieser Frau lag unter einem sechs Meter weiten Steinhügelgrab. Zusätzlich zu ihrem Stab fand man geopferte Pferde, einen Wagen, Pferdegeschirr, arabische Bronzekrüge und gut erhaltenen Bronze- und Silberschmuck, darunter eine Kleeblatt-Fibel und ein silbernes Amulett in Form einer weiblichen Figur, die als die Fruchtbarkeitsgöttin Freyja mit ihrem Halsschmuck Brisingamen interpretiert wird.

 

Dosen als Grabbeigabe von Gotland

Diese reichverzierte Dose wurde im Grab einer Völva auf Gotland gefunden.
Es wurden Reste von Bleiweiß gefunden, das zur damaligen Zeit auch für Salben verwendet wurde.
(Bild: Historik Viden, Danmark)

Manchmal gelingen archäologische Funde, die völlig aus dem Rahmen fallen. Dazu gehört auch das sehr seltsame Grab einer Frau aus der Wikingerzeit auf der Festung "Fyrkat". Fyrkrat ist der Name einer kreisförmigen Wikinger-Burg in der Nähe der Ortschaft Hobro in Dänemark. Neben Trelleborg nahe Slagelse ist sie die am besten untersuchte Ringburg. Nördlich der Burg lag ein Gräberfeld mit 29 Gräbern. Ein Männergrab und drei Frauengräber konnten anhand ihrer Beigaben identifiziert werden. Neun weitere Gräber waren so klein, dass es vermutlich Kindergräber waren.

Zwei der Frauen wurden in Wagenkästen beigesetzt; die dritte Frauenbestattung unterschied sich aber durch ihre ungewöhnlichen Grabbeigaben - es war die letzte Ruhestätte einer Völva.

Wie eine Königin wurde sie in einem stilvollen, blauen und roten Gewand, das mit Golfdäden verziert war, im Korpus einer Pferdekutsche, beerdigt. Wie gewöhnliche Frauen auch, besaß sie eine Spinnwirtel und eine Schere, aber zusätzlich exotische Gegenstände aus fernen Ländern, die nur einer reichen Frau würdig waren. Ihre Füße waren mit zwei Silberzehenringen geschmückt - ein solcher Schmuck wurde an keiner anderen Stelle in Skandinavien entdeckt!

Darüber hinaus gab es eine vollständig erhaltene Bronzeschale in der Gruft, die aus Zentralasien stammen könnte.

Auch diese hochrangige Frau wurde mit ihrem Stab bestattet - einem Völr aus Eisen, der mit Bronzebeschlägen verziert war.

Zu ihren Füßen lag eine Kiste mit verschiedenen Dingen wie Eulen-Pellets (Speiballen, unverdauliche Nahrungsreste von Beutetieren) und kleine Knochen von Vögeln oder Säugetieren. Darüber hinaus gab es ein Amulett aus Silber, das wie ein kleiner Stuhl geformt war. Ein solcher Stuhl (seiðhallr) war einst der Hochsitz oder Ehrenplatz einer Völva, der eigens für sie eingerichtet wurde, wenn sie den Menschen die Zukunft weissagte.

 

Stäbe einer Völva

Zwei Vølvestave.
Der kürzere Stab wurde in Gävle (Schweden), der andere Stab in einem Grab bei Fuldby (Dänemark) gefunden.
(Bild: Historik Viden, Danmark)

Der wertvolle Stab, kostbare Kleidung und Textilien, exquisite (Gebrauchs-) Gegenstände und Schmuck oder die persönlichen, magischen Utensilien der bestatteten Völur waren nicht die einzigen Gemeinsamkeiten ihrer Grabstätten. Auch Beutel mit Pflanzensamen, wie von Cannabis (Oseberg) oder Bilsenkraut (Fyrkrat), wurden von den Archäologen in den Gräbern gefunden.

 

Der Grund für Pflanzensamen als Grabbeigabe ist nicht eindeutig zu klären.

Vielleicht wurden diese psychoaktiven Substanzen von den Völur rituell verbrannt, um eine Trance hervorzurufen, in der sie ihre prophetischen Visionen erhielten.

Auch für die medizinische Verwendung, z.B. zur Schmerzlinderung und weiterer Anwendungen wird Hanfsamen verwendet worden sein, denn die Völur waren ja auch die wissenden und heilkundigen Frauen.

Allerdings ist auch die ganz materielle Nutzung denkbar - Hanf wurde zur Herstellung von Textilien oder auch Seilen verwendet und in Norwegen angebaut. Es wäre also durchaus denkbar, dass man durch die Grabbeigabe den Frauen ermöglichen wollte, dass sie in der anderen Welt ebenfalls Hanf anbauen konnten.

 

Der verbogene Stab der Völva

Der verbogene Stab der Völva aus dem Grabfund von Romsdal.
(Bild: British Museum, London)

Aber nicht immer waren die Völur hochangesehen und wurden geschätzt - im Gegenteil, einige von ihnen waren bei der Bevölkerung geradezu gefürchtet. Auch für diese Frauen, die ihre Fähigkeiten für aggressive Zwecke oder zum Schaden der Menschen einsetzten, gibt es durch Grabfunde beeindruckende Nachweise.

So wurde im norwegischen Romsdal im Grab einer Völva ein Stab gefunden, dessen unteres Ende umgebogen war. In dem Grab aus dem 10. Jhdt. fand man zahlreiche wertvolle Grabbeigaben, die auf die hohe gesellschaftliche Stellung der Begrabenen schließen lassen - aber eben auch diesen verbogenen Stab. Man geht davon aus, dass beim Begräbnis der Stab in einem Ritual verbogen wurde, um die magischen Eigenschaften zu neutralisieren und damit die Macht zu brechen. Diese Völva war sicher auch hoch geachtet, aber gleichzeitig auch gefürchtet, so dass sich die Menschen damals für diese außergewöhnliche Bestattung entschieden.

 

Quellen:
Historik Viden, Danmark - Vølvernes magiske stave?
Historik Viden, Danmark - En vølve fra Fyrkat?
The Foreigner - Drogen-Geheimnis der Wikinger erforscht?
ScienceNordic - Norwegischen Wikinger bauten Hanf an
Prehistoric Shaman - Oseberg Schamanen: Segeln zur Ewigkeit
Daily Mail - The Viking witch's magic wand: 9th century grave relic

 
Siehe auch hier auf Manfrieds Trelleborg:
Die Völva - Seherin aus dem hohen Norden

Copyright: © 2016 Siglinde Lítilvölva
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Zur Website der Autorin: Vitandi Runar

 

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