Wikinger, die alten nordischen Seehelden

Meyers Konversations-Lexikon 1888

Wenn man in Meyers Konversations-Lexikon von 1888 nach dem Begriff Wikinger sucht, so findet man nur folgenden kurzen Eintrag:

 

Wikinger, die alten nordischen Seehelden, s. Normannen.

 

Anders als heute wurden damals die Wikinger Normannen oder auch Nordmannen genannt. Es gab nach damaliger wissenschaftlicher Auslegung nur den Begriff normännischen Wikingar", der mit Krieger übersetzt wurde, wie man im folgenden Text zum Suchwort Normannen nachlesen kann.

Die Erläuterung zu dem Suchwort ist recht umfangreich und zeichnet auch ein sehr gutes Bild der geschichtlichen Hintergründe.

Erstaunlich sind die vielen Hinweise auf weiterführende Literatur und wissenschaftliche Ausarbeitungen, die damals in diesem Eintrag eingefügt wurden. Gerade diese Vielzahl der wissenschaftlichen Ausarbeitungen zeigt, wie nachhaltig die Wikinger Europa beeinflußt haben.

Der Text des Eintrags ist unverändert im alten Wortlaut eingestellt.

 

Normannen (»Nordmannen«),

 

Normannen in Meyers Konversations-Lexikon 1888

Normannen (»Nordmannen«)
Meyers Konversations-Lexikon 1888
Abb. der Originalseite

Die germanische Bevölkerung Skandinaviens, vorzugsweise aber jene kühnen Seeräuberscharen, welche von den skandinavischen Küsten aus geraume Zeit die Küsten des Abendlandes heimsuchten und von den Deutschen und Franzosen Normannen, von den Engländern Dänen, von den Iren Ostmannen genannt wurden. Die Veranlassungen zu jenen Raubzügen, welche die normännischen »Wikingar«, d. h. Krieger, wie sie sich selbst nannten, unter Anführern (See- oder Heerkönigen) in kleinen Schiffen über das Meer unternahmen, waren die Unfruchtbarkeit der Heimat, das Erbrecht, welches die jüngern Söhne auf Seeraub und Heerfahrten anwies, dann auch der angestammte Wandertrieb der Germanen, Lust nach Waffenruhm, Abenteuern und Beute, endlich auch Unzufriedenheit mit der Begründung von Königsherrschaften in Skandinavien.

 

Für ehrenvoll galten nur die Fahrten unter der Führung von Seekönigen, welche an Kraft und Abhärtung den Gefährten vorangehen mußten; »nur wer nie unter rauchgeschwärzten Balken schlief, nie am häuslichen Feuer sein Trinkhorn leerte, glaubte Seekönig heißen zu dürfen«. Ihre Schiffe, die »schaumhalsigen Wellenrosse«, waren so klein, daß eine Räuberschar oft 300–400 brauchte, und hatten nicht einmal ein Verdeck. Dafür konnten sie mit ihnen die kleinsten Flüsse befahren, sie auch über Land tragen. Sie kämpften auch zu Land auf erbeuteten Pferden und erlernten bald die Belagerungskunst. Anfangs zogen sie bloß im Sommer aus; wenn der Winter kam und ihr Durst nach Thaten und Beute gestillt war, kehrten sie in die Heimat zurück. Bald begannen sie jedoch an den Mündungen der Flüsse und auf Inseln feste Niederlassungen zu gründen, und zu größern Kriegsheeren vereinigt, wurden sie kühne Eroberer und Gründer neuer Reiche.

 

Schon zu Karls d. Gr. Zeiten suchten sie die Küsten des Frankenreichs heim; der berühmte Normannenheld Ragnar Lodbrok, der in England in einer Schlangengrube endete, war ein Zeitgenosse Karls, der zum Schutz der Küsten seines Reichs Befestigungen anlegen und eine Flotte erbauen ließ. Besonders aber wurden die Niederlande und Frankreich nach seinem Tod von den Raubzügen der Normannen betroffen, und zwar drangen dieselben auf ihren leichten, flachen Fahrzeugen die Flüsse hinauf tief in das Innere des Landes ein, plünderten Städte und Dörfer aus und schleppten deren Bewohner als Sklaven mit sich fort oder mordeten sie. Die innern Zwistigkeiten im fränkischen Reich und die Schwäche der karolingischen Könige, namentlich Karls des Kahlen, erleichterte ihnen ihre Unternehmungen. Unter diesem faßten sie zuerst an verschiedenen Stellen in Frankreich festen Fuß, auf der Insel Oissel an der Seinemündung, auf Noirmoutier an der Loiremündung, und unternahmen von beiden Punkten aus nach allen Richtungen hin Beutezüge; dreimal eroberten sie Paris (845, 857, 861), drangen auf der Garonne bis Toulouse vor und liefen 859 auch in den Rhône ein. Mit großen Summen mußte Karl ihren Abzug erkaufen. Unter Karl dem Dicken errichteten sie auch in Deutschland, bei Haslou (Aschloh) an der Maas, eine Verschanzung und plünderten von da aus weit umher das Land, namentlich die Städte Aachen, Köln, Trier, Metz, Bingen, Mainz und Worms; ja, sie sollen bis in die Schweiz vorgedrungen sein und sich hier im Haslethal angesiedelt haben. 880 vernichteten sie den sächsischen Heerbann unter Liudolf in einer Schlacht an der Elbe.

 

Karl erkaufte 886 ihren Abzug durch Geld und Gebietsabtretung. Hierdurch nur zu neuen Unternehmungen angelockt, erlitten sie erst durch Arnulf bei Löwen an der Dyle eine Niederlage (891), die wenigstens Deutschland vor ihren seinen Raubzügen sicherstellte. Um so schlimmer hausten sie nun in Frankreich. Seit 900 drang eine Schar Normannen unter einem Häuptling, Rollo (Rolf) aus Möre in Norwegen, auf der Seine zu wiederholten Malen bis Paris vor und setzte sich in Rouen fest. Um sich vor ihnen zu sichern, vermählte Karl der Einfältige 912 seine Tochter Gisela mit Rollo und überließ diesem zugleich das Gebiet der untern Seine zur Niederlassung (s. Normandie), nachdem derselbe den Lehnseid geleistet und mit dem Christentum den Namen Robert angenommen hatte. Fortan dienten die Normannen als eine starke Schutzwehr gegen feindliche Angriffe und nahmen sehr rasch französische Sprache und Sitten an.

Vgl.:
Depping, Histoire des expéditions maritimes des Normands et leur établissement en France au X. siècle (2. Aufl., Par. 1843).
Normannen Meyers Konversations-Lexikon 1888

Normannen (in Frankreich, England, Italien, Rußland).
Meyers Konversations-Lexikon 1888
Abb. der Originalseite

Länger als Frankreich hatte England von den Raubzügen der Normannen zu leiden. Nach dem Tode des angelsächsischen Königs Egbert (836) setzten sie sich in Northumberland und Mercia fest, und ihre Macht wuchs durch neue Ankömmlinge aus der Heimat zu einer für die Unabhängigkeit der Sachsen sehr gefährlichen Höhe empor. Die Tapferkeit und Weisheit des Königs Alfred d. Gr. (871–901) beseitigte dies Übergewicht der fremden Eindringlinge, doch brachen dieselben unter seinen Nachfolgern von neuem herein.

Der dänische König Sven entriß nach der großen Niedermetzelung der Normannen in England in der St. Bricciusnacht (13. Nov.) 1002 dem angelsächsischen König Ethelred (978–1016) den größten Teil des Landes, und Svens Sohn Knut d. Gr., der schon König von Dänemark und Norwegen war, ward nach der Ermordung des Königs Edmund Eisenseite (1016) alleiniger Herrscher von England. Nach seinem Tod 1035 ward von der Nation Ethelreds Sohn Eduard der Bekenner auf den Thron von England erhoben.
Dieser aber, welcher keinen Leibeserben hatte, ernannte den ihm befreundeten und verwandten Herzog Wilhelm von der Normandie, einen Nachkommen Rollos, zu seinem Nachfolger, der 1066 mit 60,000 normännischen Kriegern in England landete, den von den Angelsachsen auf den Thron erhobenen König Harald bei Hastings 14. Okt. besiegte und England der Herrschaft der französischen Normannen unterwarf. Die Sachsen traf das Los der Knechtschaft, bis im Lauf der Zeit beide Völker in eins verschmolzen.

 

Ins Mittelmeer waren die Normannen bereits im 9. Jahrh. vorgedrungen, hatten die Küsten der Iberischen Halbinsel geplündert, wo ihnen aber die Westgoten und Araber mit Mut und Erfolg entgegentraten, und die Balearischen Inseln, Afrika, Italien, ja Griechenland und Kleinasien mit Raub und Mord heimgesucht. Im Anfang des 11. Jahrh. unterstützte eine normännische Pilgerschar aus Frankreich, welche die heilige Grotte am Berge Garganus besucht hatte, die Fürsten von Capua, Neapel, Benevent und Salerno in ihren Kämpfen widereinander und gegen die Griechen und Sarazenen und erlangte durch ihre Tapferkeit und Klugheit allmählich großen Einfluß. 1027 verlieh ihnen Herzog Sergius von Neapel einen fruchtbaren Landstrich, wo sie Aversa bauten und unter dem Grafen Rainulf eine unabhängige Grafschaft gründeten.

Durch Zuzug aus der Heimat verstärkten sie sich, und namentlich unter den zehn Söhnen Tancreds von Hauteville dehnten sie ihre kriegerischen Unternehmungen aus. 1038 verbanden sie sich mit den Griechen, um den Sarazenen die Insel Sizilien zu entreißen. Durch ihre ritterliche Tapferkeit gelang es ihnen, die Sarazenen zu überwinden; als aber die Griechen ihren tapfern Bundesgenossen allen Anteil an der Beute verweigerten, bemächtigten sich diese mit Waffengewalt Apuliens (1040–1043) und teilten es als erobertes Land unter sich, wobei sie den tapfern Wilhelm Eisenarm zum Grafen von Apulien erwählten.

Vgl.:
Wheaton, History of the Northmen from the earliest times to the conquest of England
(Lond. 1831);
Worsaae, Dänen und Nordmänner in England etc. (deutsch, Leipz. 1852);
Thierry, Histoire de la conquête de l'Angleterre par les Normands
(neue Ausg., Par. 1883, 4 Bde.);
Freeman, History of Norman conquest of England (2. Aufl., Lond. 1877, 5 Bde.).

Nach Wilhelms Tod (1043) trat sein Bruder Drogo, nach dessen Ermordung der dritte Bruder, Humfred, an die Spitze der Normannen, die 18. Juni 1053 in der Schlacht bei Civitella den Papst Leo IX. besiegten und gefangen nahmen, dann aber von dem gefangenen Papst in Benevent gegen Zusicherung eines Erbzinses an den apostolischen Stuhl mit allen Ländern Unteritaliens, die sie bereits erobert oder noch erobern würden, belehnt wurden. Robert Guiscard (1056–1085) eroberte das ganze Festland und nahm den Herzogstitel an, während sein Bruder Roger I. Sizilien den Sarazenen entriß. Rogers Sohn Roger II. vereinigte nach seines Vetters Bohemund Tode das gesamte normännische Gebiet und ward 1130 von Papst Anaklet II. in Palermo als König von Neapel und Sizilien gekrönt. Seine Nachkommen haben bis 1189 das schöne Reich beherrscht, das dann an die Hohenstaufen überging.

Vgl.:
Delarc, Les Normands en Italie (Par. 1883);
Barlow, History of the Normans in South Europe (Lond. 1886).

Nach dem Osten gingen die Züge der Normannen aus dem Land »Rhos« (Schweden), und früh hatten sie sich die das Baltische Meer umwohnenden Völker, Finnen, Esthen, Slawen, zinspflichtig gemacht. Sie wurden hier »Eidgenossen«, Varinger (Waräger), genannt. Die slawischen Stämme im Südosten des Finnischen Meerbusens, unter sich uneins, beschlossen im 9. Jahrh., sich freiwillig unter die Herrschaft der Normannen zu stellen. Sie schickten eine Botschaft an die Waräger-Russen und luden sie ein, über sie zu gebieten. Die Russen, unter Führung der drei Brüder Rurik, Sineus und Truwor, folgten dem Ruf, und nach dem Tod seiner Brüder wurde Rurik (gest. 879), der seinen Sitz in Nowgorod (Holmgard) aufschlug, der alleinige Gebieter des neuen, »Rußland« genannten Reichs, über welches seine Nachkommen 700 Jahre geherrscht haben. Die Varinger bildeten den bevorzugten Kriegsstand, der sich durch neue Zuzüge aus der Heimat immer wieder verstärkte, die Chasaren unterwarf, Kiew (Kiänugard) eroberte und bereits 865, auf 200 Ruderbooten den Dnjepr hinabfahrend, über das Schwarze Meer bis in den Bosporus vordrang und Konstantinopel bedrohte; Oleg und Igor wiederholten diese Kriegszüge gegen das griechische Kaiserreich, die dortigen Kaiser nahmen die kühnen Seeräuber endlich in Sold, um sich zu schützen, und die »Baranger« waren seitdem die tapfersten und treuesten Truppen des kaiserlichen Heers. Als unter Wladimir d. Gr. (980–1015) in Rußland das Christentum eingeführt wurde, verloren die Waräger ihre Vorrechte und verschmolzen mit den Slawen, deren Sprache und Sitten sie annahmen.

Vgl.:
Russisches Reich, Geschichte.

Von höchstem Interesse sind auch die Fahrten der Normannen im nördlichen Atlantischen Ozean. Nachdem sie die Orkney- und Shetlandinseln besetzt hatten, entdeckten sie die Färöerinseln, und von hier gelangte um 860 Naddodd zuerst nach Island, das infolge der Gewaltherrschaft Harald Harfagars in Norwegen durch die unzufriedenen Auswanderer rasch bevölkert wurde. Aber noch weitere kühnere Wikingsfahrten unternahmen die Normannen von Island aus. Erich der Rote siedelte sich 986 in dem bereits 876 entdeckten Grönland an, und sein Sohn Leif besuchte von hier »Vinland«, die Küste Nordamerikas (Neuengland), die wegen der dort vorgefundenen wild wachsenden Reben so genannt wurde.

Thorfinn Karlsafna versuchte 997 auch eine feste Ansiedelung daselbst, welche sich jedoch gegen die Angriffe der Skrälinger (Eskimo) nicht behaupten konnte. Andre Isländer drangen noch weiter nach Süden bis Hvitramannaland (das jetzige Carolina) vor; doch konnten diese Fahrten ihrer großen Gefahren halber nicht oft gemacht werden, und die Entdeckungen versanken wieder in völlige Vergessenheit. Auch die Ansiedelungen in Grönland gingen im 14. Jahrh. zu Grunde.

Nur in Island entwickelte sich die Kolonie zu einer bedeutenden Kultur.

Vgl. außer den angeführten Werken noch:
Strinnholm, Wikingszüge, Staatsverfassung und Sitten der alten Skandinavier (deutsch, Hamb. 1839–41, 2 Bde.);
Munch, Das heroische Zeitalter der nordisch-germanischen Völker etc. (deutsch, Lübeck 1854);
Steenstrup, Normannerne (Kopenh. 1876–82, 4 Bde.);
K. Wilhelmi, Island, Hvitramannaland, Grönland und Vinland (Heidelb. 1842);
Dondorff, Die Normannen und ihre Bedeutung für das europäische Kulturleben im Mittelalter (Berl. 1875).

 

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