Wikinger am Mittelrhein

Grabstein Lindisfarne

Ein Grabstein bei Lindisfarne

Als im Jahre 793 skandinavische Seeräuber die nordenglische Klosterinsel Lindisfarne überfielen, markierte dieses Ereignis nicht nur den Anfang einer Serie von Raubüberfällen in Europa, sondern auch den Beginn einer neuen Epoche. Nicht nur die Küsten Englands und des Frankenreichs wurden von der „Geißel der Christenheit“ heimgesucht, mit ihren schnellen, hochseetüchtigen Schiffen befuhren die skandinavischen Piraten beinahe alle größeren Gewässer der nördlichen Halbkugel. Innerhalb von gut 250 Jahren eroberten sie ganze Landstriche und errichteten neue Reiche.

 

Auch an Rhein und Mosel lernten die Menschen die Wikinger vor allem als Krieger kennen. Der weitaus größere Teil der skandinavischen Bevölkerung lebte und arbeitete jedoch als Bauern, Handwerker, Fischer oder Händler. Die heimischen Kerngebiete bildeten weite Teile der heutigen Königreiche Dänemark, Schweden und Norwegen. Von diesen Siedlungsgebieten aus nahmen die Wikingerzüge ihren Ausgang. Die meisten der nordischen Räuber, die Ende des 9. Jahrhunderts die Orte am Mittelrhein angriffen, waren Dänen oder kamen aus Gegenden Südskandinaviens, die unter dänischer Oberherrschaft standen.

 

Auch wenn es kaum archäologische Funde gibt, die auf eine rege Tätigkeit der Wikinger an Rhein und Mosel hinweisen, so belegen doch einige zeitgenössische Quellen, dass die nordischen Piraten diese Region unsicher machten und größere Handelsplätze wie Bonn, Andernach, Koblenz und Trier überraschend angriffen und mit reicher Beute weiter zogen.

 

Bereits seit Mitte der 830er Jahre waren die Wikinger über den Rhein bis ins Frankenreich vorgedrungen, wo sie wichtige Handelsplätze überfielen. Dorestad in den heutigen Niederlanden wurde bis zur Mitte des Jahrhunderts mindestens sechs Mal geplündert und bei einem erneuten Überfall im Jahr 863 komplett zerstört. 845 wurde Paris verwüstet und von den Wikingern das erste so genannte Danegeld in Höhe von 7.000 Pfund Silber erhoben; bis 926 gab es im Frankenreich insgesamt mindestens 13 solcher „Schutzgelderpressungen“.

 

Doch erst seit den 880er Jahren – und damit eher spät – suchten die Wikinger größere Handelsplätze an Mittelrhein und Mosel heim. Dies war jedoch kein Zufall, sondern eine Folge der zunehmenden Erfolge König Alfreds des Großen (Regierungszeit 871-899) gegen das so genannte Große Wikingerheer in England, der den Wikingern 878 bei Edington (Wiltshire) eine empfindliche Niederlage zugefügt hatte.

 

Da die Wikinger häufig die direkte Konfrontation mit einem starken Gegner scheuten, zogen sie sich zunächst aus England zurück. Als hervorragend geeignet für neue Beutezüge erwies sich das Frankenreich, denn der Zerfall des Großen Heeres nach dem gescheiterten Versuch der Eroberung von Wessex fiel zeitlich mit neuerlichen Nachfolgestreitigkeiten im Frankenreich zusammen. Geteilt und durch politische Wirren erschüttert, war für die Wikinger hier nicht mit einer effektiv organisierten Gegenwehr zu rechnen.

 

Die internen Konflikte, die zu den Teilungen des fränkischen Reiches führten, hatten ernsthafte Folgen für die Verteidigung gegen Eindringlinge von außen. Zwar hatten Karl der Große (Regierungszeit 786/771-814) und Ludwig der Fromme (Regierungszeit 814-840) durch die Errichtung von Befestigungsanlagen die Küsten zu sichern versucht, aber spätestens nach dem Ausbruch der Konflikte zwischen Ludwig dem Frommen und seinen Söhnen im Jahr 830 brach diese Verteidigung zusammen. Die politische Schwäche des Frankenreichs, insbesondere nach dem Tode Ludwigs im Jahr 840 und der anschließenden Teilung des Reichs im Vertrag von Verdun 843, schuf eine günstige Voraussetzung für die Wikinger. Karl der Kahle (Regierungszeit 843-877) erhielt den Westen des fränkischen Reichs, Ludwig der Deutsche (Regierungszeit 840-876) den Osten, Lothar I. (Regierungszeit 843-855) sicherte sich das Mittelreich, zu dem auch der Mittelrhein gehörte. Damit waren die Konflikte allerdings nicht beendet. Die Brüder und ihre Nachkommen bekämpften sich weiterhin, was immer neue Reichsteilungen zur Folge hatte. Mit dem Vertrag von Meersen 870 fiel der östliche Teil des Mittelreichs – und damit die Gegend um Koblenz und Trier – an das Ostfrankenreich Ludwigs des Deutschen.

 

Wikingerüberfaelle Rheingebiet

Übersicht der Wikingerüberfälle im Rheingebiet

Die Bevölkerung am Rhein wird den Wikingern weitgehend wehrlos ausgeliefert gewesen sein, da diese meist schnell und überraschend angriffen, obwohl sie auf dem Rhein und der Mosel von den Ufern her wesentlich gefährdeter und leichter angreifbar waren als an den Küsten. Waren die Maßnahmen der fränkischen Könige zur Abwehr der Wikinger, wie zum Beispiel die Errichtung einer Flotte zum Küstenschutz, die Instandsetzung ehemaliger römischer Stadtbefestigungen, die christliche Mission oder auch die Überlassung von Küstengebieten an Wikinger oder deren Anheuerung als Söldner nicht sonderlich wirksam, so gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass die Bewohner an Rhein und Mosel irgendwelche präventiven Maßnahmen gegen die Wikinger ergriffen hätten. Auch von Seiten der jeweiligen Herrscher scheint es in diesem Raum keine koordinierten und systematischen Vorbereitungen auf eventuelle Wikingerattacken gegeben zu haben.

 

Möglicherweise wurden, wie in Mainz, die vorhandenen Befestigungsanlagen beim Heranrücken einer Schar Wikinger eilig in Stand gesetzt oder verstärkt, ansonsten scheint der einfachen Bevölkerung ebenso wie Mönchen und Klerikern aber nur die eilige Flucht ins Hinterland oder der direkte Kampf geblieben zu sein. Wie groß die Schar der Plünderer am Mittelrhein war, lässt sich nicht genau rekonstruieren, normalerweise operierten die Wikinger bei ihren Blitzüberfällen aber in kleineren Gruppen, die eher Hunderte denn Tausende zählten. Die Notwendigkeit einer ausreichenden Versorgung war ein entscheidender Faktor bei der Begrenzung der zahlenmäßigen Stärke.

 

Zwischen 879 und 891 waren mehrere Wikingerheere, die ihre Kräfte gelegentlich bündelten, auf dem Festland aktiv. Zuerst konzentrierten sie sich auf das Gebiet nördlich der Seine einschließlich Flanderns. Im November 881 setzten sich zwei dänische Anführer, Godefrid und Sigfrid, mit ihrem Gefolge in Elsloo an der Maas fest, wo sie nördlich von Roermond geschützt den Winter verbringen und von hier aus auf Raubzüge gehen konnten. Zuerst verwüsteten sie die Orte in der Nachbarschaft und brandschatzen Lüttich, Maastricht und Tongern. Ende 881 zogen sie dann rheinaufwärts in Richtung Jülich, Neuss, Köln, Zülpich und Bonn. Mit Bonn erreichten sie das Tor zum Mittelrhein.

 

In Bonn waren zur Zeit der Wikingerangriffe nur noch die Südwestecke des ehemaligen Römerlagers unweit der spätantiken Dietkirche und die Umgebung der Märtyrerkirche Cassius und Florentius besiedelt. Zu dieser „villa basilica“ um die Stiftskirche gehörte auch der sogenannte „vicus“, eine kleine Händlersiedlung, die beim Angriff 882 schwer beschädigt worden sein dürfte. Zwar berichten die Fuldaer Annalen, die Städte Köln und Bonn seien mit ihren Kirchen und Gebäuden während des verheerenden Überfalls 882 in Flammen aufgegangen, es gibt jedoch weder in Köln noch in Bonn archäologische Hinweise auf eine derart umfassende Zerstörung. Bei den Ausgrabungen am Bonner Münster wurde über den karolingischen Böden kein Brandschutt gefunden. Daraus lässt sich schließen, dass die Kirche 882 nicht abgebrannt ist. Laut dem Prümer Chronisten Regino gelang vielen Klerikern die Flucht nach Mainz, wo sie einen großen Teil der Kirchenschätze und Heiligenreliquien in Sicherheit bringen konnten.

 

Neben der Aachener Pfalz überfielen die Wikinger anschließend auch die Klöster Kornelimünster, Stablo und Malmedy. Besonders hart dürfte die geistlichen Chronisten getroffen haben, dass die Wikinger bei ihren Raubzügen auch vor Kirchen und Klöstern nicht halt machten. So erwies sich die Nachricht, die barbarischen Heiden aus dem Norden hätten die ehrwürdige Aachener Pfalzkapelle Karls des Großen als Pferdestall benutzt, als besonders demütigend für die Franken.

 

Im Rheinland bewiesen die Wikinger, dass sie nicht auf ihre Schiffe angewiesen waren. Zu Pferde, die auf den Schiffen mitgeführt werden konnten, nutzen sie die alten Römerstraßen, um die Eifel und die Ardennen zu überwinden. Den Wikingerplünderungen der Jahre 881/882 fielen so nicht nur die Residenzen in Köln und Aachen zum Opfer, sondern auch die Sankt Salvator-Abtei Prüm in der Eifel.
Was diesem bedeutenden Kloster geschah, schildert der Mönch und spätere Abt Regino in seiner Chronik (Regino, Chronik, ad a. 882):

Sie drangen auf einem Streifzug durch die Ardennen am Tag der Erscheinung des Herrn, also am 6. Januar, in das Kloster ein, in dem sie sich drei Tage aufhielten und die ganze Gegend ausplünderten. Daraufhin sammelte sich viel Fußvolk von den Äckern und Landgütern und rückte gegen die Nordmänner vor. Aber diese beherzten Männer hatten offensichtlich keine Krieger unter sich; sie waren kampfungewohnte Bauern. Dementsprechend bereiteten sie den Wikingern keine Probleme. Denn als diese ihre mangelnde Bewaffnung und die fehlende militärische Disziplin wahrnahmen, fielen sie mit Geschrei über sie her. Und sie metzelten die Franken derart nieder, dass unvernünftiges Vieh und nicht Menschen geschlachtet zu werden schienen. Danach kehrten sie mit reicher Beute beladen ins Lager zurück. Als sie das Kloster verließen, soll kein Mensch mehr gelebt haben, der die gelegten Feuer löschen konnte. So brannte das Kloster Prüm nieder.

 

Nach dem Massaker an der sich zur Wehr setzenden Prümer Bevölkerung zogen die Wikinger weiter gen Süden. Ein von dem schwer erkrankten Ludwig den Jüngeren (Regierungszeit 876-882) aufgestelltes Heer hatte sich nach dessen Tod am 20.1.882 kampflos wieder zurück gezogen. In Erwartung eines Angriffs wurden daher die römischen Stadtmauern von Mainz eilig in Stand gesetzt; die mittlerweile bis nach Andernach und Koblenz vorgedrungenen Skandinavier wichen jedoch auf die Mosel aus und zogen in Richtung Trier.

 

Andernach

 

Andernach ging erst verhältnismäßig spät in den Besitz der Franken über, die hier einen Königshof errichteten, der von den merowingischen Königen häufig besucht wurde. Auch in karolingischer Zeit behielt Andernach als königliches Fiskalgut und Grenzstadt seine wirtschaftliche und militärisch-strategische Bedeutung. Ähnlich wie in Koblenz und Mainz scheinen auch in Andernach die Mauern des ehemaligen römischen Kastells den Vorstoß der Wikinger verhindert zu haben. Nach dem Überfall 882 wird jedoch die Vorstadtsiedlung, die während des Angriffs mit ihren von Handwerkern, Kaufleuten und Fischern besiedelten kleineren Häusern wohl stark in Mitleidenschaft gezogen worden war, aufgegeben worden sein. Wirtschaftliche Auswirkungen auf das Fiskalgut sind allerdings auszuschließen, denn bereits im Jahre 885 war die Wirtschaftsverwaltung des Andernacher Fiskus wieder hergestellt.

 

Koblenz

 

In Koblenz scheint die ehemalige römische Befestigung mit einer starken Mauer und 19 mächtigen Rundtürmen in einem guten Zustand gewesen zu sein und leistete entsprechenden Dienst bei der Abwehr der Wikinger. Vor den Mauern des ehemaligen Kastells hatten sich Bauern und Gewerbetreibende angesiedelt, deren Häuser ebenso wie die Basilika St. Kastor bei dem Angriff der Wikinger 882 im Gegensatz zu den hinter den Mauern liegenden Gebäuden möglicherweise in Mitleidenschaft gezogen wurden.

 

Nachdem die Wikinger die Mosel entlang gezogen waren, erreichten sie Trier. Hier überfielen sie zunächst in der Karwoche die extra muros gelegenen Kirchen und Gehöfte. Die Stadt selbst wurde nach dem Bericht Reginos von Prüm an Gründonnerstag (5. April) eingenommen und tagelang ausgeplündert. Nach Regino gab es zahlreiche Opfer unter der Bevölkerung; allerdings gelang Erzbischof Berthold von Trier mit wenigen Gefolgsleuten die Flucht. Wie groß die Zerstörungen tatsächlich waren, ist nur annähernd zu ermitteln. Nachgewiesen sind anders als in Bonn Beschädigungen im Dombereich. Ferner waren die Klöster St. Maximin, St. Eucharius, St. Martin und St. Symphorian nördlich der antiken Stadtmauer betroffen, wobei letzteres nicht wieder aufgebaut wurde. Hingegen berichtet Regino, dass das Kloster St. Paulin von den Nordmännern nicht eingenommen werden konnte. Aber nicht nur die Klöster, auch deren Bibliotheken und Archive fielen den Überfällen zum Opfer. Was nicht in Sicherheit gebracht werden konnte, verbrannte. Mit der Zerstörung der Stadt durch die Wikinger sind wesentliche antike Strukturen des städtischen Siedlungsgefüges untergegangen und der Überfall bedeutete einen tiefen Einschnitt in der frühmittelalterlichen Geschichte der Stadt.

 

Nach der Verwüstung Triers zogen die Wikinger die Mosel flussaufwärts Richtung Metz. Bei Remich kam es zum Kampf zwischen den Eindringlingen und einem mosellanischen Aufgebot unter der Führung des Metzer Bischofs Wala (Episkopat 876-882), unterstützt von seinem Trierer Amtsbruder und Graf Adalhard von Metz (um 840/845-889/890). Die Wikinger siegten, Wala fiel in der Schlacht, Berthold und Graf Adalhard gelang noch einmal die Flucht. Dennoch zogen sich die Wikinger anschließend – wohl aufgrund des zunehmenden Widerstandes – aus der Region zurück und kehrten mit reicher Beute zu ihrem Lager nach Elsloo zurück.

 

Ein weiterer Grund für den Rückzug der Wikinger aus dem Rhein-Mosel-Raum mag auch die Rückkehr des am 12.2.882 in Rom zum Kaiser gekrönten Karls III. (der Dicke, Regierungszeit Ostfrankenreich: 876-887, Westfrankenreich: 884-888) gewesen sein. Nach dem Reichstag von Worms im Mai 882 zog dieser mit einem starken Heeresaufgebot vor das normannische Lager in Elsloo, verzichtete jedoch auf militärische Aktionen und nahm nach zwölf Tagen Belagerung Verhandlungen mit den Wikingern auf. Das Ergebnis war ein mit Kirchengut erkaufter Abzug, bei dem Godefrid unter der Bedingung, dass er sich taufen lasse, Friesland als Lehen übertragen wurde. Sigfrid und die in Elsloo zurück gebliebenen Wikinger wurden zunächst durch reiche Zahlungen von weiteren Raubüberfällen abgehalten.

 

Der Friede währte jedoch nur ein halbes Jahr. Während Karl der Dicke nach Italien zog, verwüsteten die Wikinger im November 882 die niederländische Region Deventer. Da Godefrid zudem in dem einzigen Sohn Lothars II., Hugo, aus seiner nicht anerkannten Verbindung mit Waldrada, einen Bündnispartner gefunden und dessen Schwester Gisela geheiratet hatte, konnten 883 aus Dänemark nachgerückte Truppen die Plünderzüge, wie es in den Annales Fuldenses heißt „mit Bestimmung Godefrids“ erneut rheinaufwärts ausdehnen.

 

Besonders betroffen war diesmal der Xantener Raum. Nur wenige Kilometer rheinaufwärts in Duisburg schlugen die Wikinger ihr Lager auf. Dass die Wikinger dieses Mal nicht den Rhein hinab bis an den Mittelrhein vorstießen, lag einzig daran, dass ihnen der Mainzer Erzbischof Liutbert (Episkopat 863-889) und Graf Heinrich von Babenberg (vor 860-886) entgegentraten. Der Niederrhein nördlich der Ruhr konnte erst im Frühjahr 884 aufatmen, als es Heinrich gelang, Duisburg zurück zu erobern und den Niederrhein von den Wikingern freizukaufen. Da Godefrid jedoch zusammen mit seinem Schwager Hugo im Frühjahr 885 die Übergabe von Sinzig, Andernach, Koblenz und anderer weintragender Güter forderte, entschloss sich Karl der Dicke, gegen den Skandinavier vorzugehen. Er ließ Godefrid und Hugo durch Graf Heinrich in eine Falle locken. Der Wikinger und seine Gefolgsleute wurden getötet, Hugo gefangen genommen und geblendet. In den nächsten Jahren blieben die Wikingerüberfälle am Rhein aus.

 

Nach zehn Jahren der Ruhe wurden Rhein und Mosel im Jahr 892 erneut von den Wikingern heimgesucht. Hintergrund war, dass der ostfränkische Herrscher Arnulf von Kärnten (Regierungszeit 887-899) den Wikingern in der Schlacht von Löwen an der Dyle (Belgien) 891 eine empfindliche Niederlage bereitet hatte, die sie erneut dazu zwang, ins Rheinland auszuweichen. Im Februar 892 zog daher noch einmal ein Heer entlang der Mosel über Trier, das erneut geplündert wurde, bis nach Bonn. Bei Lannesdorf trat ihnen ein Aufgebot der örtlichen Bevölkerung entgegen. Dieses Mal scheinen sich die Wikinger ihrer Schlagkraft jedoch nicht sicher gewesen zu sein, denn sie scheuten den Kampf und zogen im Eilmarsch erneut durch die Eifel bis zum Kloster Prüm. Wie zehn Jahre zuvor plünderten sie es, töteten und verschleppten zahlreiche Menschen, nur der Abt des Klosters und einige Mönche konnten fliehen.

 

Der Sieg Arnulfs von Kärnten bei Löwen 891 hatte jedoch eine Wende markiert: Die große Zeit der Wikingerheere auf dem Festland und damit auch im Rheinland war vorbei. Die fränkischen Herrscher zeigten mehr Widerstand gegen die nordischen Eindringlinge, zudem vermelden die zeitgenössischen Chroniken eine Hungersnot. Für die Wikinger bedeutete dies, dass weniger Beute mit größerem Risiko verbunden war. Deshalb zogen sich die meisten Wikingertrupps aus dem Rheinland nach England ins so genannte Danelag, ein dänisch besiedeltes Gebiet, zurück. Auch nach 900 versuchten die Wikinger Raubzüge zu unternehmen, aber insgesamt blieben dies vereinzelte Aktionen, die die Nordleute nicht mehr an Rhein und Mosel führen sollten.

 

In den zeitgenössischen, meist aus Sicht von Geistlichen verfassten Quellen, werden die Wikinger als erbitterte Feinde des Christentums, blutrünstige Räuber und „Geißel Gottes“ dargestellt. Tatsächlich waren häufig Klöster und Kirchen von den Plünderungen betroffen, da sich hier auf relativ ungeschütztem Raum Reichtümer befanden und Lösegelder für Bischöfe und Äbte sehr hoch ausfallen konnten, was das Bild der Wikinger bis heute maßgeblich beeinflusst. Gleichwohl waren die Wikinger der mittelalterlichen Welt aber nicht nur als Piraten bekannt, sondern auch als friedliche Händler.

 

Die Reisen der Wikinger nach Osten und Westen ließen Skandinavien zu einem Teil des weit verzweigten Fernhandelsnetzes werden, das neben dem Mittelmeerraum und Teilen Asiens auch den Mittelrhein und die Mosel umfasste. Der saisonweise betriebene Handel verlief auf mehr oder weniger feststehenden Routen über die großen europäischen Flüsse sowie die Küstenbereiche von Nord- und Ostsee.

 

Innerhalb des Fränkischen Reiches gehörten die Rheinlande zu den bedeutendsten Handelszentren und so bestanden auch mit den Orten am Mittelrhein weit verzweigte Handelsbeziehungen.
Handelsplätze wie Bonn oder Koblenz gehörten wie Kaupang in Norwegen, Birka in Schweden, Ribe und Haithabu in Dänemark, Quentowic in Frankreich, York und London in England zu einem großen Handelsnetz. Damit umspannte dieses Geflecht aus Handelsplätzen sowohl die Wikingerwelt als auch das Fränkische Reich.

 

Die Raubüberfälle der Jahre 881 und 882 waren nicht die ersten Kontakte der Wikinger mit dem Rheinland. Bereits seit der Merowingerzeit (circa 5. – 7. Jahrhundert) sind intensive Handelskontakte bis in das Gebiet des Mittelrheins nachgewiesen. Stoffe, Glas, Keramik, hochwertige Klingen aus den Schwertmanufakturen am Rhein, Mayener Basalt oder Wein aus der Gegend um Koblenz fanden den Weg nach Skandinavien.

 

Die zeitgenössischen Berichterstatter haben das Ausmaß der von den Wikingern angerichteten Zerstörungen an Mittelrhein und Mosel vermutlich übertrieben. Umfassende Verwüstungen durch die Plünderungen waren eher selten. Viele Schätze, Reliquien und Bücher wurden gerettet, da sich die Mönche häufig vorübergehend in die Sicherheit ihrer Besitzungen auf dem Lande zurückzogen. Auch die kirchlichen Strukturen scheinen durch die Angriffe nicht gestört worden zu sein. Sieht man daher einmal von den Plünderungen ab, die für die jeweiligen Klöster und Kirchen sicherlich verlustreich waren, dürfte sich der materielle Schaden insgesamt in Grenzen gehalten haben. Die Quellen suggerieren anderes, was zum einen der Perspektive von Kirchenmännern geschuldet ist, die Verfasser der wichtigsten Quellen waren, zum anderen ihrer moralisch-didaktischen Intention, denn die Wikingerüberfälle sollten häufig auch als Strafe Gottes wahrgenommen werden.

 

Quelle:
Landschaftsverband Rheinland - Rheinische Geschichte

 

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