Astrid Rauner

Unter dem Staub der Jahrtausende

Der Begriff Landschaft enthält das Wort „schaffen“ und enthält damit schon einen Hinweis auf die dynamischen Prozesse, die die Umwelt, die uns heute so vertraut und alltäglich vorkommt, in allen Zeitaltern geprägt und verändert hat. Hessen, als Mitte Deutschlands, hat heute Abwechslung hinsichtlich seiner Landschaften zu bieten, die von Mittelgebirgen bis hin zu den Rheinniederungen reichen. Blickt man jedoch nur wenige Jahrhunderte zurück, wird schnell bewusst, dass auf all diese so ursprünglich wirkenden Landschaften ländlicher Regionen, ob nun von Wiesen, Wäldern oder Gewässern dominiert, eine Spezies seit ihrer Besiedelung maßgeblichen Einfluss genommen hat: Der Mensch.

 

Hessen in der Eisenzeit

Abb1: Die natürliche Vegetation Mitteleuropas würde ohne Einfluss des Menschen fast vollständig aus geschlossenem Buchenwald bestehen.

Bevor der Homo sapiens jedoch die ersten festen Siedlungsplätze in Zentraldeutschland errichtete, fand er ein unberührtes Land vor, das bei seinem Eintreffen von Afrika in Europa gerade eine extreme Wandelung durchgemacht hatte. Will man diese Prozesse verstehen, muss man sich die entscheidenden Einflussfaktoren der natürlichen Landschaftsbildung vor Augen halten: Zum einen das sogenannte Relief, die Form eines Geländes mit Anhöhen und Tälern, das seit Beginn der Erdgeschichte von den Bewegungen der Erdplatten geprägt und verändert wird, und zum anderen das Klima, das zu Zeiten der Jäger und Sammler eine der letzten Phasen Jahrhunderttausende andauernder Eiszeiten erreicht hatte. Mit dem Abschmelzen der großen Gletscher, die Teile des europäischen Festlandes unter sich begraben hatten, entstanden die meisten unserer heute bekannten Flüsse in ihrem grundsätzlichen Verlauf. Diese schlängelten sich in Schleifen und Mäandern durch ihre Flussauen und waren nur grob geologischen Strukturen angepasst. Der Rhein beispielsweise folgt einem Graben im Ausgangsgestein unseres Kontinents. Dieser ist ein Riss, durch Bewegung der Erdplatten entstanden, der von Norwegen durch Europa bis nach Ostafrika hinein reicht.

Nach Abschmelzen der Eiszeitgletscher jedenfalls fanden die Jäger und Sammler, die sich nun auch bis Norddeutschland und Skandinavien vorwagen konnten, in unserer Heimat eine baumfreie Graslandschaft vor, wie sie heute noch auf den skandinavischen Inseln Öland und Gotland zu sehen ist. Die riesigen Tierherden, die in diesen Steppen Lebensraum fanden, wurden zu den Lebensgrundlagen der Steinzeitmenschen, bis das immer mildere, ausgeglichene Klima einen Wandel hervorrief, der die Menschen zu einer Änderung in ihrem seit Jahrtausenden bewährten Leben zwang: Die Bäume kehrten zurück.

Unsere aktuellen Klimaverhältnisse in Mitteleuropa, die zur sogenannten „gemäßigten“ oder „nemoralen“ Klimazone zählen, bieten ideale Voraussetzungen für die Ansiedlung von Wald. Unmittelbar nach der Eiszeit war es zunächst der Hasel, der erste Wälder bildete, und schon bald im heutigen Zentraldeutschland von der Eiche und letztendlich der Rotbuche abgelöst wurde. Die zunehmende Baumdichte, die in ganz Mitteleuropa nach Ende der letzten Eiszeit-Kaltphase zu beobachten war, nahm den Wildtierherden ihren Lebensraum und zwang die Menschen, die diesen als Nomaden über hunderte Kilometer hinterher gereist waren, zu einem Überdenken ihrer Lebensweise.

 

Heute ist Deutschland zu einem Drittel von Wald bedeckt. Die ersten Siedlungen dauerhaft sesshafter Menschen wurden jedoch in einem Land errichtet, das völlig mit Bäumen bewachsen war. Die einzigen Flächen, die sich von Natur aus der Besiedelungen großer Gehölze entzogen, waren Moore, Blockschutthalden oder Dünen. Die Menschen mussten also beginnen, sich ihre Siedlungsflächen mitten im Wald von Bäumen frei zu schlagen und freizuhalten. Verließen sie eine Siedlung, trat ein Prozess ein, der in der Wissenschaft „Sukzession“ genannt wird: Es erfolgte eine Rückeroberung des vom Menschen veränderten Stücks Land durch die ursprünglich vorherrschende Vegetation des Buchenwaldes. Der Mensch jedoch blieb. Und mit der Einführung des Ackerbaus in Europa wuchs die Bevölkerung immer schneller und weiter, sodass noch mehr Siedlungsflächen erschlossen und ausgedehnt wurden. Auf diese Weise kam es über Jahrtausende zu einer Auflichtung der Landschaft, für die dasselbe galt, wie für unsere heutige: Offenland, wie wir es in weiten Wiesen oder Ackerland finden, ist in Deutschland bis auf die wenigen, von Natur aus waldfreien Standorten, ausschließlich vom Mensch geschaffen.

 

Die Rhön, das Land der offenen Ferne

Abb.2: Die Rhön, das „Land der offenen Ferne“, ist mit seinen weitläufigen Wiesen- und Weidelandschaften stark vom Menschen geprägt worden.

Bis das Zeitalter im heutigen Hessen anbrach, das von der Wissenschaft nach dem wichtigsten, vom Menschen verwendeten Werkstoff benannt wurde, dem Eisen, existierten bereits Siedlungsplätze, die seit der Jungsteinzeit über Jahrtausende immer wieder aufgesucht und erhalten worden waren. Verwunderlich ist nicht, dass viele von ihnen an den großen Flüssen, den Hauptverkehrswegen, lagen, zu denen schon immer der Rhein gehörte. Reiste man damals jedoch in das Umland des gigantischen Stroms, fand man ein langsam dahin fließendes Wasser vor, das in Hessen in weiten Bögen, sogenannten Mäandern, das Land durchschnitt und über Kilometer Gebiete bei Hochwasser überschwemmte und zu Sumpflandschaften machte. Diese natürliche Dynamik bedingte bei allen Flüssen auch immer die Bildung von Altarmen, die allmählich vom Hauptzufluss abgeschnitten wurden. Ein beeindruckendes Beispiel ist in Hessen heute nahe Darmstadt innerhalb großer Niedermoorflächen zu sehen. Diese sind Relikte einer Zeit, als der Neckar noch in Südhessen in den Rhein mündete. Die Menschen der Eisenzeit werden noch Zeuge dessen gewesen sein, bevor der Fluss verschlammte, verlandete und sich langsam zum heutigen Zufluss bei Mannheim zurückzog.

 

Ebenfalls seit der Steinzeit besiedelt sind Hessens fruchtbare Landstriche, die noch heute ideale Ackerbaubedingungen bieten. Regionen wie die Wetterau oder das Amöneburger Becken in Zentralhessen profitieren von einem bestimmten Sediment, das sich während der Eiszeit auf ihren Böden abgelagert hatte. Standorte, die reich an dem sogenannten Löß sind, speichern Wasser und damit Nährstoffe gut und konnten schon damals manche Missernte mindern. Demnach erhalten sich einzelne Siedlungsplätze in diesen Regionen schon seit der Steinzeit und wurden in der Eisenzeit zu bedeutenden Zentralorten, wie der Glauberg in Oberhessen, deren Handelsnetze weit über die Grenzen eines Stammesgebietes hinausreichten. Alte Handelsrouten überdauerten ebenfalls seit der Steinzeit. Über lange Nord-Süd-Verbindungen, wie die Bernsteinrouten, oder Ost-West-Straßen vom Rheinland bis weit nach Böhmen lassen sich heute noch die Handelsverbindungen nachvollziehen, die exotische Importgüter aus dem mediterranen Raum ins keltische Deutschland brachten. Wein, Färbemittel oder Kunstgegenstände erreichten über die Alpen Bayern, Baden-Württemberg und auch Hessen, während Felle oder Bernstein nach Süden exportiert wurden.

 

Obwohl der mitteleuropäische Wald zur Eisenzeit aus Siedlungen Inseln machte, verknüpften Straßen die großen Zentralorte über viele hundert Kilometer hinweg. Verließ man jedoch die viel bereisten Routen, von welchen viele heute „Hohe Straße“ heißen, tauchte man in eine Wildnis ein, die im Bewusstsein der damaligen Bevölkerung von Geistern, Göttern und übermenschlichen Wesen bewohnt waren. Die Rhön beispielsweise, die man heute als „Land der offenen Ferne“ kennt, war zur Eisenzeit bis auf wenige Keltensiedlungen vollständig bewaldet. Die erste, großflächige Auflichtung der „Herkynischen Wälder“, wie die Region jenseits des Rheins bis weit nach Böhmen hinein in antiken Schriften genannt wird, kam mit den Römern im ersten Jahrhundert n.Chr. Der Siedlungsbau und Unterhalt des Militärs forderte Unmengen des Holzes, während die wachsende Bevölkerung mit Ackerbau ernährt werden musste. Alte, landwirtschaftliche Flächen wie in der Wetterau waren bereits zu keltischer Zeit vergleichsweise baumfrei gehalten worden. Nun aber, unter römischer Herrschaft, wurde ein Netz aus Siedlungen und Infrastruktur durch die nördlichen Provinzen des Imperiums gelegt, bis der Limes, Ende des ersten Jahrhunderts n.Chr. erbaut, eine fixe Grenzlinie in der Wildnis Magna Germania bildete.

 

Zu dieser Zeit hatte die Entwicklung unserer heutigen Landschaft jedoch längst begonnen. Und obwohl die Menschen der letzten Jahrtausende das Antlitz Deutschlands maßgeblich verändert haben, lassen sich noch heute die Spuren alter Besiedlung und Landnutzung erkennen, ohne einen Spaten in die Hand nehmen zu müssen.

Wer heute nach menschlichen Siedlungen sucht, erleidet im Deutschland der Neuzeit beinahe eine Reizüberflutung. Man muss sich schon tief in die Gebirge hineinwagen, um vom Menschen mehr oder weniger unberührte – oder eher weniger intensiv beeinflusste – Landschaften vorzufinden. Und diese Unabhängigkeit von natürlichen Begebenheiten verdanken wir lediglich dem Fortschreiten der Technik und unseren infrastrukturellen Möglichkeiten, frische Nahrung über weite Strecke hinweg zu transportieren und sie lange einzulagern.

 

Ehemaliges Wasserreservoir auf dem Glauberg

Abb.3: Blick zum Standort des ehemaligen Wasserreservoirs auf dem Glauberg in Oberhessen.

Blicken wir stattdessen in der Menschheitsgeschichte 10 000 Jahre zurück, sind die ersten Siedlungen sesshafter Ackerbauern in Deutschland an zwei Faktoren gekoppelt: Das Vorkommen von Wasser und geeigneten Ackerstandorten. In dieser Hinsicht spielt wieder ein eiszeitliches Sediment eine wichtige Rolle, das über Epochen hinweg vom Wind angetragen und sehr fruchtbare Böden gebildet hat. Löß-Standorte bedecken etwa gut 10% der Landoberfläche unseres Planeten, finden sich jedoch vor allem in der gemäßigten Klimazone. Im Norden Deutschlands als „Börden“ bekannt, sind Löß-Böden weiter südlich im hessischen Taunus-Vorland, der Wetterau, dem Rheingau oder rund um den Kaiserstuhl in Baden-Württemberg verbreitet und gehen auch gleichzeitig mit uralten Siedlungsräumen einher.

 

Die Dörfer der Jungsteinzeit haben in ihrer Lage noch Ähnlichkeit mit heutigen Weilern oder alten Ortskernen, die an unteren Hängen in Gewässernähe errichtet waren. Das Material zum Bau der Häuser war im Überfluss vorhanden. Innerhalb eines geschlossenen, natürlichen Waldes, wie er in der Vorzeit Deutschland fast komplett überzog, wachsen die Bäume ohne viele Seitentriebe gerade noch oben und bilden dort erst ihr Blätterdach aus. Ursache dafür ist die Konkurrenz der Gehölze um das Licht, das in den unteren Schichten des Waldes rar wird, aber Hauptantrieb ihres Stoffwechsels ist. Lehm, um die Wände rund um das Holzbalkengerüst zu verputzen, war um die Gewässer abgelagert. In gut einem Kilometer Radius lichteten die Ackerbauern vermutlich den Wald auf, um rund um ihre Dörfer in Hausnähe kleine Ackerparzellen anzulegen, während das Vieh im Wald oder den sich bildenden nassen Wiesen weidete. Auf diese Weise entstanden im Umkreis der Dörfer Waldränder, von welchen aus die Gehölze immer zum Dorf zurückdrängten, sobald die Nutzung reduziert oder aufgegeben wurde. Dies geschah vermutlich in einem Rhythmus von wenigen Jahrhunderten bis Jahrzehnten, nach welchen die Siedler ihre Dörfer verließen, um im nahen Umkreis neue Häuser zu bauen und Äcker anzulegen.

 

Wälle auf dem Dünsberg

Abb.4.1: Heute sind die mächtigen Wälle auf dem Dünsberg bei Gießen in Hessen nur noch als Erhebungen im Gelände zu erkennen.

Welche Gründe dafür von Bedeutung gewesen sein können, wird heute nur spekuliert. Vermutlich spielte der wachsende Schädlingsdruck auf den Äckern eine bedeutende Rolle. Jedoch muss ebenfalls bedacht werden, dass Häuser der damaligen Zeit nach wenigen Jahren immer wieder neu errichtet werden mussten. Die nötigen, gerade gewachsenen Stämme fanden sich dafür nur tief im Wald. In Waldrandlagen nämlich verändern Bäume durch den geänderten Lichteinfall ihren Wuchs. Zusätzlicher Verbiss von Weidetieren sorgt letztendlich für das typisch knorrige Aussehen alter Bäume, das wir heute mit Natürlich- und Ursprünglichkeit verbinden, aber gerade sehr stark vom Menschen beeinflusst ist.

In diesem Siedlungsrhythmus lebten die Menschen in Deutschland über Jahrtausende, während ihre Umwelt sich um sie langsam veränderte. Die Etablierung der Buche in unseren Wäldern förderte den Siegeszug von Werkzeugen aus Metall durch ihren mächtigen Wuchs, während die zunehmenden, vom Menschen gemachten Freiflächen Hochwasserereignisse in Flussnähe förderten. Aus diesem Grund werden in der Kupferzeit, dem ersten Metallzeitalter, das gut 4000 v.Chr. begann und auch die Epoche darstellte, in welcher der berühmte Ötzi lebte, die ersten „Höhensiedlungen“ errichtet. Dieser Siedlungstyp etabliert sich während der Bronzezeit und bildete spätestens mit den Kelten Zentralorte heraus, die entweder an Knotenpunkten von Infrastruktur errichtet waren oder eben diese selbst prägten.

 

Zu allen Zeiten waren sie jedoch von ihrer Anbindung an Wasser und umliegenden Ackerbau abhängig. Da mit den Metallzeitaltern und fortgeschrittener Waffentechnik gewalttätige Auseinandersetzungen zunahmen, galt es, die lebenserhaltenden Ressourcen mit Wallanlagen zu schützen, die in ihrer einfachsten Form aus einem mit Erde ausgefüllten und umfassten Holzgerüst bestanden und noch mit Palisaden oder ähnlichen Wehreinrichtungen befestigt werden konnten. In den meisten Fällen hatten die Höhensiedlungen der Eisenzeit eigene Wasserstellen, wie Quellen, in ihren Wehranlagen eingefasst, die zum Teil, wie beispielsweise auf dem Glauberg in Hessen, sogar in einem großen Reservoir mit eigenem Wall befestigt wurden.

 

Freie Rekonstruktion eines keltischen Tangentialtors

Abb.4.2: Vor Ort ist jedoch eine freie Rekonstruktion angefertigt worden, wie ein keltisches Tangentialtor ausgesehen könnte, das in der Befestigung des Oppidum Verwendung gefunden hat.

Höhensiedlungen wie der Dünsberg bei Gießen oder die Milseburg in der hessischen Rhön haben ihre Verteidigungsanlagen auf natürlich schwer zugänglichem natürlichem Relief errichtet, wie leicht zu verteidigenden Steilhängen auf einer Hügelseite oder, im Fall der Milseburg, sogar Bereiche mit Blockschutt, die kaum zu begehen, geschweige denn mit einer Armee zu erstürmen sind. Auf dem Glauberg nutzte man für die Siedlung sein abgeflachtes Plateau auf dem Hügelrücken, das mit steiler Hangneigung über mehrere Meter zum eigentlich gut begeh- und befahrbaren Hügel abfällt.

 

Während auf dem Glauberg die direkt angrenzenden, weniger steil gelegenen Hügelhänge für Ackerbau genutzt werden konnten, jedoch von keinem Wall geschützt wurden, sind auf dem Dünsberg und der Milseburg kurz vor der Hügelkuppe am Hang sogar Ackerterrassen aus keltischer Zeit innerhalb der Befestigungsanlage errichtet, bevor die Hügelkuppe mit einem separaten Wall noch einmal gesondert abgegrenzt wird - der Platz, wo die keltische Elite ihre Häuser erbaut haben – oder auch, wie bei der Milseburg vermutet wird - ein Heiligtum gestanden haben könnte.

Grundsätzlich weisen alle Höhensiedlungen der keltischen Zeit schwere Befestigungsanlagen auf, die auch aus einem mit Lehm und Steinen verfüllten Pfostengerüst und darauf errichtetem Wehrgang bestanden haben können und natürlichen, vorteilhaften Geländemarken folgen. Mehrere Tore in diesen Anlagen differenzieren die Siedlung - möglicherweise nach Bevölkerungsschichten? Die Wasserversorgung innerhalb der Wälle oder Mauern ist durch natürliche Quellaustritte und ähnlichem praktisch immer gesichert. Die Hügelkuppe ist sehr häufig separat abgegrenzt. Nach diesem Muster angelegt, finden sich zahlreiche Höhenbefestigungen in Süd-, West- und Mitteldeutschland, die im Laufe der keltischen Epoche stadtartige Züge entwickeln konnten und ihre Verteidigungsanlagen zum Teil sogar nach griechischem Vorbild errichteten. In der Archäologie werden sie als sogenannte „Oppida“ („Oppidum“ im Singular) bezeichnet, in welchen die keltische Führungselite residierte und Handelswege, Bodenschätze und/oder fruchtbare Ackerbauregionen beherrschten.

 

Diese Siedlungen sind es, aus welchen heute die meisten Funde geborgen werden. Die Erd- oder Erd-Steinwälle umgrenzen die Anhöhen heute noch in teils mächtiger Größe. Auf dem Dünsberg zum Beispiel sind sogar noch die Plätze der Tore erhalten worden, während man auf der Milseburg mit viel Fantasie die Ackerterrassen lokalisieren kann. Verwechselt werden darf eine Wallanlage dabei jedoch nicht mit Bodenwellen, die sich in den vergangenen Jahrhunderten durch Ackerbau an Hügelhängen gebildet haben, sogenannten Streifenfluren. Das Pflügen parallel zum Hang erodiert den Standort und hat dort die Oberfläche verändert, sodass man sie als Laie für die Reste prähistorischer Verteidigungsanlagen halten könnte.

 

Freie Rekonstruktion eines keltischen Bauerngehöfts am Dünsberg

Abb.5: Wie Inseln im Wald haben viele Bauerngehöfte und Weiler auch noch zu keltischer Zeit gelegen. Wo die menschliche Nutzung aufhörte, eroberten sich die Gehölze das Land zurück.
(Freie Rekonstruktion eines keltischen Bauerngehöfts am Dünsberg)

Viel schwerer zu lokalisieren sind jedoch die kleinen Weiler und Bauerngehöfte, von welchen große keltische Siedlungen umgeben waren. Da die Kelten zum Hausbau keinen Stein verwendeten, findet man bestenfalls Hausfundamente im Boden, sofern die Fundstellen nicht bereits überbaut oder durch Ackerbau planiert worden sind. Die aussagekräftigsten Anhaltspunkte für die Größe und den Alltag der die Oppida umgebenden Dörfer sind Abfallgruben, die teilweise zu dutzenden ausgegraben werden können und immerhin die Überreste von Alltagsgegenständen ans Tageslicht bringen. Auffallend ist hier, dass selbst kleine Dörfer in den alten Ackerbauregionen keltische, bronzezeitliche oder sogar steinzeitliche Siedlungsspuren zeigen und die Löß-Standorte, wie in der Wetterau, in der Eisenzeit bereits vergleichsweise dicht besiedelt waren.

 

Ebenfalls erhalten und heute deutlich einfacher im Gelände zu erkennen sind – sofern sie nicht ebenfalls durch Ackernutzung verschwunden sind – Grabhügel aus der Bronze- und Eisenzeit, die außerhalb der großen Siedlungen lagen, aber immer in deren Nähe. Zum Teil sind sie noch heute mehrere Meter hoch, entweder in Sichtweite der ursprünglichen Ansiedlung gelegen oder an markanten Geländepunkten wie Höhenrücken, und häufig nicht einmal ausgegraben. Sich selbst jedoch auf Schatzsuche zu begeben, sei dringend abgeraten. Nicht nur, da dies strafbar ist, sondern auch auf Grund der Wahrscheinlichkeit, mehr wichtige Funde zu zerstören, als wirklich wertvolle Gegenstände zu finden.

In diesem Muster erfolgte eine langsame Besiedlung Süd-, West- und Mitteldeutschlands, deren Urbanisierungsprozesse bereits vor den Römern dichte Handelsnetze ausbildete und eine für die damalige Zeit hohe Bevölkerungsdichte erlaubte. Weiter im Norden war jedoch eine deutliche Abnahme dieser Prozesse zu beobachten. Im Gegensatz zu den Kelten ist eine Stadtentwicklung bei den Germanen im Ausmaß von Fundorten wie dem Glauberg, der Heuneburg in Baden-Württemberg, oder Manching in Bayern nicht zu beobachten gewesen. Außerhalb der Bördenlandschaften erschwerten gerade in Küstennähe schlechte Böden den Ackerbau sehr und erhielten auf Dauer eher kleine, zerstreute Siedlungen.

 

Ob jedoch der Norden oder Süden Deutschlands betrachtet wird, wohlhabende Städte oder ärmliche Bauernsiedlungen, in der Geschichte ist für Kelten ebenso wie Germanen verzeichnet, das große Völkerwanderungen die Stämme in andere Teile Deutschlands oder Europas getrieben haben. Spätestens mit den Römern wurden alte Machtzentren jenseits Magna Germanias in das neue Verwaltungsnetz des Imperiums eingegliedert oder erobert. Zu diesem Zeitpunkt waren manche der großen Keltenstädte jedoch längst verlassen. Brandspuren noch aus keltischer Zeit, wie z.B. auf der Heuneburg, markieren das Ende großer, lokaler Blütezeiten, nach welcher neue Siedlungsorte erschlossen wurden und die alten Plätze zum Teil erst während oder nach der Völkerwanderungszeit im Frühmittelalter neue Bedeutung erlangten. Überblick man aber das Fundspektrum Deutschlands fällt auf, dass es immer die gleichen Faktoren sind, die Menschen an einem Ort halten: Bodenfruchtbarkeit, Wasser und / oder mildes Klima. Kombiniert mit gut zu verteidigenden Lokalitäten und der Anbindung an weitläufige Infrastruktur entwickeln sich seit der Vorgeschichte Siedlungen, die sich zum Teil bis in die Neuzeit erhalten haben.

Es begann mit einem Volk, das heute nur noch nach charakteristisch verzierter Keramik benannt ist. Die Bandkeramiker waren eine Gruppe von Menschen, die weitestgehend in den Nebeln der Geschichte verschwunden sind. Die meisten Details über ihr Leben werden auf ewig im Dunkeln bleiben. Wir kennen keinen ihrer Namen, keine ihrer Geschichten. Wir wissen lediglich, dass sie vor gut 8000 Jahren mit samt ihren Innovationen nach Europa einwanderten, um dort eine sprichwörtliche Revolution ins Rollen zu bringen – eine Revolution, die das bekannte Leben der Menschen vollkommen umkrempelte.

 

Einkorn, Gerste und Dinkel

Abb.6: Einkorn (links) wurde seit der Jungsteinzeit verwendet. Gerste (Mitte) erweiterte das Nahrungsspektrum in der Eisenzeit, genauso wie Dinkel (rechts), den die Römer nach Mitteleuropa brachten.

Mit der Einführung und Kultivierung von Kulturpflanzen in Europa spricht die Wissenschaft von dem Beginn der Jungsteinzeit. Zum ersten Mal waren die Völker Europas nicht mehr gezwungen, ihrer Nahrung über weite Strecken zu folgen und als Jäger und Sammler zu leben. Stattdessen bauten die einstigen Nomaden feste Siedlungen und holten sich ihre Nahrungsmittel in Häusernähe. Es begann das Zeitalter des Getreides.

Das Korn, das heute von unserem Speiseplan nicht mehr wegzudenken ist, stammt ursprünglich aus den Waldsteppen Vorderasiens. Auf deren tiefgründigen, humusreichen Böden gedeihen hochwüchsige Gräser mit proteinreichen Früchten, die dank ihres guten Klebergehalts zum Backen von Brot und anderen nahrhaften Gerichten geeignet waren. Die ältesten Getreidesorten, die in Europa kultiviert worden sind, sind nahe Verwandte des Weizens: Einkorn und Emmer, die sich neben der Hirse und verschiedenen Hülsenfrüchten über Jahrtausende als Hauptnahrungsmittel der Menschen etablierten. Bis zum Beginn der Eisenzeit baute man die Feldfrüchte häusernah auf kleinen, beinahe quadratischen Parzellen an, deren Böden mit hölzernen Pflügen eher eingeritzt als wirklich gepflügt wurden.

 

Löß-Standorte spielen in der Geschichte des Ackerbaus wieder eine bedeutende Rolle. Sie sind die ersten Anbaugebiete von Getreide in Europa und boten nicht nur durch ihre Fruchtbarkeit stabile Erträge, sondern waren mit den technischen Mitteln von Stein- und Bronzezeit leicht zu bearbeiten. Zur gleichen Zeit waren hölzerne Pflüge für die Bearbeitung schwerer, tonreicher oder steiniger Böden schlecht zu verwenden – ein Umstand, dem zu Beginn der Eisenzeit Abhilfe geschaffen werden sollte.

Mit der Etablierung eines weit verbreiteten und gut zu bearbeitenden Metalls wie Eisen wurden zahlreiche Alltagsgegenstände modernisiert. Der Ackerpflug gehört ebenfalls dazu und erhielt in der Eisenzeit eine metallene Pflugschar, die das Gerät nicht nur tiefer in den Boden eindringen ließ, sondern gleichzeitig erlaubte, die Krume zu wenden. Dadurch ließen sich nicht nur Unkräuter besser bekämpfen. Der Umbruch von Boden fördert die Aktivität von Mikroorganismen, die Stickstoff und damit Pflanzennährstoffe freisetzen. Zur gleichen Zeit baut sich im Boden jedoch der fruchtbare Humus ab und muss erneuert werden. Das schwere Pflügen machte es weiterhin möglich und notwendig, Düngemittel wie Mist auf die Felder aufzubringen und einzuarbeiten, die den Humus erneuern und den Pflanzen zu besserem Wachstum verhelfen konnten.

 

Lein und Färberwaid

Abb.7: Lein (links) wurde nicht nur zur Ölgewinnung verwendet, sondern lieferte auch Flachs, aus dem Leinen gesponnen wurde. Mit Färberwaid (rechts) konnte dieses gefärbt werden.

Das schwere Gerät war für die kleine, quadratische Parzellenform der bisherigen Äcker jedoch nicht mehr geeignet, da es am Ende einer Bahn gewendet werden musste und nicht mehr, wie die bis dahin genutzten leichten Pflüge, kreuz und quer über den Acker gezogen werden konnte. Die Äcker wurden also länglicher. Mit dem Pflügen begann man in der Mitte des Feldes und arbeitete sich von zwei Seiten zu den Rändern vor. Da der Boden nur in eine Richtung gewendet werden konnte, bildeten die Ackerflächen durch das Pflügen eine gewölbte Form, die Regen gut zu den Seiten hin abfließen ließ und damit zusätzlich der Erosion des Bodens vorbeugte. Auf diese Weise etablierte sich in der Eisenzeit die charakteristische Methode der sogenannten Wolbäcker, die noch bis ins Mittelalter hinein verwendet wurde und sich noch heute als Bodenwellen auf manchen Grünlandstandorten erkennen lassen.

Die Einführung des Eisenpfluges steigerte nicht nur die Erträge der eisenzeitlichen Ackerbauern, sondern machte gleichzeitig die Erschließung schwerer zu bearbeitender Böden möglich und eröffnete damit neue Siedlungsräume. Sie geht einher mit einem starken Anstieg der Bevölkerung in Mitteleuropa, die neue Kulturpflanzen für sich entdeckte.

 

Ackerbau

Abb.8: Ackerunkräuter wie Kornblumen und Kamillen sind aus Vorderasien oder dem Mittelmeerraum in Europa eingewandert.

Einkorn, Emmer, Hirse und verschiedene Hülsenfrüchte standen seit der Jungsteinzeit auf dem mitteleuropäischen Speiseplan. Insbesondere Linsen oder Erbsen waren nicht nur nahrhaft, sondern wirkten sich auch positiv auf den Ackerstandort aus, auf dem sie angebaut wurden: Feldfrüchte, die zur Familie der Schmetterlingsblütler zählen, sind in der Lage, Stickstoff aus der Luft im Boden zu binden und anzureichern. Sie bieten eine natürliche Düngewirkung, die in einer Fruchtfolge ohne künstliche Dünger und mit nur wenig verfügbarem Mist große Effekte zeigen konnte. Andere angebaute Arten wie der Lein konnten nicht nur zur Ölgewinnung verwendet werden, sondern lieferten zusätzlich das Flachs, aus dem Leinen für Kleidung gesponnen werden konnte.

 

In der Eisenzeit verringerte sich jedoch insbesondere der Anbau von Hirse zu Gunsten der Gerste, die sich nicht nur im keltischen, sondern auch germanischen Raum verbreitete, und des Hafers. Die Römer brachten den Dinkel dazu, der durch die Einführung der Eisenverarbeitung mit verbesserten, schärferen Sicheln geerntet werden konnte. Zusätzlich wurden nun auch Sensen verwendet, die das Getreide am Halmende abtrennten. Dadurch erntete man zusätzlich das Stroh, das sich anderweitig verwenden ließ. Weiterhin wurden einige Getreidearten nun als Wintergetreide im Herbst gesät. Dieses benötigt einen Kältereiz im Winter, um seine Halme in die Höhe wachsen zu lassen. Der Lebenszyklus der Pflanze ist damit länger als bei Sommergetreide und bietet die Möglichkeit, höhere Erträge zu erzielen.

Neben all diesen Feldfrüchten, die wir noch heute verwenden, zählten jedoch auch Kulturpflanzen zum Artinventar unserer Ahnen, die heute weitgehend aus unserer Nutzung verschwunden sind. Färberwaid, der zum Blau- und Grünfärben von Stoffen genutzt wurde, wurde ebenso kultiviert wie Schlafmohn. Seiner halluzinogenen Wirkung verdankt dieser den Stand einer alten Kulturpflanzen, die bereits in der Bronzezeit von Nordafrika aus über den Mittelmeerraum Mitteleuropa erreichte. Verwendet wurde der Mohn vermutlich für kultische oder medizinische Zwecke.

 

Das Eisen revolutionierte den Ackerbau, im Vergleich zur heutigen Agrarwirtschaft sind die Unterschiede jedoch noch immer gewaltig. Dünger stand, mit Ausnahme des Mistes aus den zunehmend an Bedeutung gewinnenden Tierställen und Gründünger aus Hülsenfrüchten, nicht zur Verfügung. Verwunderlich ist es daher nicht, dass Emmer und Einkorn, die aktuell in Bio-Betrieben eine Renaissance erleben, am besten gedeihen, wenn sie nicht künstlich gedüngt werden. Trotzdem erreichen diese Getreidesorten selbst heute mit moderner Agrartechnologie Erträge, die sich gerade auf 10 bis 25% der geerntet Menge moderner Weizensorten belaufen. Hinzu kamen zur Eisenzeit Unkräuter und –gräser, die auf dem Acker einen neuen Lebensraum erschließen konnten.

 

Was heute durch moderne Saatgutreinigung und Pflanzenschutzmittel verhindert wird, war in vorgeschichtlicher Zeit noch ganz alltäglich: Brachte man Getreidekörner zur Einsaat aus anderen Regionen Europas mit, befanden sich immer ähnlich aussehende Samen unerwünschter Pflanzen dabei. Die lichtbedürftigen Arten von Wiesen und Ackerrändern waren in dem einstmaligen Waldland Mitteleuropa nicht heimisch, sondern sind durch den Menschen im Laufe der Jahrtausende dort verbreitet worden. Mit der Etablierung des Ackerbaus wurde eine Vielzahl von Pflanzen gefördert, die sich in ihrem Lebensrhythmus dem Getreide anpassten. Arten wie die Kornblume, der Hirtentäschel oder die Kamille verbreiteten sich dadurch vom Mittelmeerraum oder Vorderasien aus ebenfalls in Europa und gediehen auf den Getreidefeldern der vor- und frühgeschichtlichen Ackerbauern. Hin und wieder wurden dabei die Vorzüge von einigen dieser Unkräuter entdeckt. Der Senf zum Beispiel entwickelte sich aus einem Acker-Unkraut.

 

Auf diese Weise bildeten die zahlreichen technischen Neuerungen in der Eisenzeit einen Schritt in Richtung moderner Landwirtschaft, deren Fortschrittlichkeit auch in Schriftquellen dokumentiert wurde. Römische Autoren wie Cato und Columella beweisen ein beeindruckendes Verständnis von Kulturpflanzenanbau und Landschaftspflege, das leider über viele Jahrhunderte verloren ging, bevor es neu entdeckt werden konnte.

Viehhaltung ist heute eine Frage von Mastleistung, Umweltvorschriften, Milchpreisen oder Marketing. Aber davon abgesehen erscheint ein solches Thema dem Ottonormalverbraucher genauso alltäglich wie unscheinbar. Wie sehr das Zusammenleben und die Nutzung von Haustieren jedoch unsere Landschaft und das Leben unserer Vorfahren geprägt hat, ist im vergangenen Jahrhundert leider stark in Vergessenheit geraten – dabei erhalten sich Weidenutzungssysteme, die auf diese Weise schon im Mittelalter durchgeführt wurden, selbst in Deutschland bis heute.

 

Nachzucht eines mittelalterlichen Weideschweins

Nachzucht eines mittelalterlichen Weideschweins

Begonnen werden muss jedoch wieder in der Jungsteinzeit. Mit der neolithischen Revolution, die die Landwirtschaft in Europa etablierte, und auch Nutztiere einführte, die dort bald zum Alltag gehörten. Die Ziege z.B. fand ihren Weg vermutlich während den Einwanderungsströmen der Bandkeramiker in Mitteleuropa ein neues Zuhause und erweiterte das Haustier-Artenspektrum, das sich ansonsten aus Rind, Schwein, Hund und Schaf zusammensetzte. Bereits in der Bronzezeit sind Spezialisierungen bestimmter Regionen im heutigen Deutschland zu erkennen, die die eine oder andere Nutztierart präferierten. Während in Norddeutschland die Rinderzucht gepflegt wurde, hatte das Schwein im Süden den Vorrang und kleinere Weidetiere, wie Schafe, einen deutlichen Vorteil in den Mittelgebirgen.

Neu seit der Bronzezeit war die Domestizierung des Pferdes bekannt, während das Huhn erst seit der frühen Eisenzeit bzw. späten Bronzezeit vor allem zur Fleischgewinnung gehalten wurde. Im Vergleich zu heute unterschieden sich diese Tiere durch Erscheinungsbild und vor allem die Körpergröße teils erheblich von dem bekannten Zuchtvieh. Insgesamt waren sie kleiner, was durch das im Vergleich zu heute eher karge Futter kaum verwunderlich gewesen ist. Ein Schwein beispielsweise ähnelte optisch eher den heutigen Wildschweinen, während es zum Teil kaum größer als ein Hund wurde – geschweige denn die Mastleistung moderner Rassen erreichte.

 

Da Stallhaltung mit dem Beginn der Eisenzeit noch eine niedrigere Priorität annahm, suchten die Tiere sich ihr Futter selbst in der Natur. In Ermangelung großer offener Wiesen, dienten Flussauen und die Säume von Bachläufen mit hochwüchsigen Kräutern und zugleich gut erreichbaren Tränken als Weiden. Viel bedeutender für die Ernährung der Nutztiere jedoch war der Wald. Die kleineren, genügsamen Haustiere der Vorgeschichte gaben sich bereits mit der Krautschicht und jungen Gehölzen zufrieden, solange der Wald licht genug war, dass diese sich entsprechend entwickeln konnten. Dieser Zustand war am Anfang nur in Siedlungsnähe der Fall. Durch den Verbiss der Tiere war eine Verjüngung des Waldes nicht mehr möglich – das heißt, starb ein Baum ab, fraßen die Tiere die Keimlinge und kleinen Bäume, sodass die Lücke im Blätterdach nicht mehr geschlossen werden konnte. Auf diese Weise lichteten sich die Wälder an den Weideplätzen auf. Die Bäume entwickelten weit nach unten reichende Äste, wobei die meisten von ihnen mit einer „Fraßkante“ endeten. Weniger schmackhafte Arten, wie der stachelige Wacholder, wurden gänzlich verschmäht und konnten sich auf der Fläche ausbreiten.

 

Bäume mit Fraßkanten

Abb.10: Eine typische Weidelandschaft als Relikt in der Neuzeit:
Schneitelbäume, Bäume mit Fraßkanten.

Auf diese Weise schufen die Tiere typische Landschaftselemente, die Jahrhunderte überdauerten bzw. sich an anderer Stelle neu ausbildeten. Das berühmteste Beispiel ist vermutlich die Lüneburger Heide, deren Bild maßgeblich von der Weidehaltung geprägt ist. Die unterschiedlichen „Geschmäcker“ des Weideviehs bedingten je nach Tierart eine andere Gestaltung der Fläche. Ziegen beispielsweise ringeln die Rinde vom Stamm der Bäume und sorgen schnell dafür, dass Gehölze auf den Flächen absterben. Sogar Schweine wurden weit bis in die Neuzeit in die Wälder zur Eichelmast getrieben, was auch einer der Gründe ist, warum diese Baumart, die mit verschiedenen heidnischen Göttern in Verbindung gebracht wird, gerne in Siedlungsnähe gesehen wurde, bzw. Siedlungen in ihrer Nähe angelegt wurden. Es entwickelten sich Weideschweinarten, die die heutigen Rassen an Robustheit weit übertreffen.

 

Weidegründe in der unmittelbaren Nähe der Siedlungen genügten aber bald nicht mehr, um das Vieh der stetig wachsenden Bevölkerung zu ernähren. Seit der Kupferzeit, der Übergangszeit zwischen Jungstein- und Bronzezeit, ist nachzuweisen, dass zwischen Sommer- und Winterweiden unterschieden wurde. Die älteste Form dieser Weidewirtschaft findet sich auf den Almen der Alpen. Die Bewohner der seit dem Neolithikum besiedelten Tallangen entdeckten schnell die Vorzüge der fruchtbaren Wiesen oberhalb der Baumgrenze. Es war die Zeit, in welcher sich die Wollrassen unter den Schafen etablierten, die zum Scheren und Wollespinnen genutzt werden konnten. Die Bauern, die ihr Vieh im Sommer in die Höhenlagen trieben, veränderten unbewusst deren Erscheinungsbild. Weidetiere verschmähen bitterschmeckende oder giftige Pflanzen – wozu viele der in Deutschland heute gefährdeten Orchideenarten zählen. Da die Tiere, wie bereits erwähnt, auch Gehölze an Waldrändern verbissen, wurde die Baumgrenze in den Alpen nach unten versetzt. Erst im Winter, nach Einsetzen des Schneefalls, wechselten die Herden zurück auf die Weiden in Tallagen, wo länger Futter verfügbar war.

 

Dieser weiträumige Wechsel von Winter- und Sommerweiden wird in der Wissenschaft als „Transhumanz-System“ beschrieben. Eine derartige Praxis erhielt sich im heutigen Mitteleuropa von der Bronzezeit bis in die Neuzeit – und selbst in prähistorischer Zeit, reichten die Wanderungen, die Hirten mit ihren Tieren unternahmen, vermutlich über mehrere hundert Kilometer. In ihrem Fell trugen die Tiere, insbesondere die Schafe, Pflanzensamen mit sich und verbreiteten gleichzeitig florale Arten über das ganze Land.

 

In der Eisenzeit, als die Viehhaltung einen deutlichen Aufschwung erlebte, gewann zusätzlich dazu jedoch auch die Stallhaltung neue Bedeutung. Die Stämme Mitteleuropas hatten für sich den mediterranen Handelsmarkt entdeckt, in dem die Nachfrage nach Fellen und Stoffen anstieg. Stroh konnte als Stalleinstreu genutzt werden, während Mist als Dünger dient. Die Erträge, die eisenzeitliche – und selbst später auch mittelalterliche – Äcker lieferten, reichten jedoch nicht aus, um die Tiere lange im Stall zu behalten, wo neu eingestreut und dazu gefüttert werden musste. So früh es ging, wurden Tiere wieder auf die Außenweiden gelassen – teilweise bereits im Februar, nachdem die Schneeschmelze eingesetzt hatte. Die Viehzucht gewann dort an Bedeutung, wo die Böden Ackerbau nur eingeschränkt zuließen. Die Germanen hielten ihre Tiere in offenen Stallungen, die direkt an den Wohnbereich der Menschen anschlossen. Bereits ihre Vorfahren in der Bronzezeit errichteten Langhäuser mit Ställen, die zwei Dutzend Rinder aufnehmen konnten. In ihren Siedlungsgebieten, die zum Teil wenig fruchtbare Sandböden aufwiesen, zeigte sich die Viehhaltung fast bedeutender als der Ackerbau.

 

Wacholderheide

Abb.11: Eine Wacholderheide als Relikt in der Neuzeit:
Typische Krautvegetation, Wacholder als Weideunkraut.

Bereits zur Eisenzeit hatte Weide- und Viehhaltung das Landschaftsbild maßgeblich geprägt, doch im Mittelalter spezialisierten sich mit zunehmender Stallhaltung die Methoden der Viehzüchter. Je unfruchtbarer und karger die Regionen nämlich waren, desto stärker mussten die Menschen – bis in die Neuzeit hinein – auf Alternativen zurückgreifen. Junge Blätter und Äste wurden als Viehfutter geschnitten. Diese „Schneitelbäume“ wuchsen zu einer typischen, kopfartigen Form heran, wie man sie von Kopfweiden kennt. Bis ins letzte Jahrhundert hinein, wurde diese Technik praktiziert, sodass manche dieser Bäume heute noch stehen und von Landschaftspflegern in ihrer Form erhalten werden. In Norddeutschland stach man im Mittelalter Heidekrautsoden, um sie als Einstreu in die Stallungen zu bringen. Mit Dung angereichert wurden sie später als Dünger auf die Äcker gebracht und zeigten dort, durch Jahrhunderte lange Praktizierung dieser „Plaggenwirtschaft“ gewaltige Wirkung: Kaum fruchtbare Sandböden reicherten sich mit Humus an. Die typischen Plaggeneschböden des Nordens zählen heute zu den besten Ackerbaustandorten dieser Regionen – und ihre Fruchtbarkeit ist allein auf menschlichen Einfluss und seine Viehwirtschaft zurückzuführen.

 

Die Bevölkerungszunahme und ausgeweitete Handelsbeziehungen im Mittelalter forderten erste Regelungen und Gesetze für die Hirten, die ihre Tiere nahezu überall außerhalb der Siedlungen weiden ließen. Ackerbrachen, aber auch abgeerntete Äcker wurden gern dafür genutzt, da der zurückbleibende Tierkot als Dünger wirkte. Der Handel von Fleisch dehnte sich ebenfalls über Landesgrenzen aus. Mangels vernünftiger Konservierungsmittel musste dieses jedoch lebendig an seinen Bestimmungsort getrieben werden. Wir wissen von Viehtrieben aus Ungarn, die bis nach Regensburg, Nürnberg und Westdeutschland reichten. Die Hirten folgten sogenannten „Triftwegen“, die sich noch heute in der Landschaft wiederfinden lassen. Oft sind es breite Erdwege, von Bäumen oder niedrigen Erderhebungen eingesäumt, die die Tiere bei der Herde hielten.

 

Diese historischen Systeme wurden noch bis weit in die jüngere Vergangenheit praktiziert, bevor sich die moderne Landwirtschaft durchsetzte. In der Schwäbischen Alb folgte die Agrarwirtschaft teilweise noch bis zum zweiten Weltkrieg mittelalterlichen Rhythmen. In anderen Teilen Europas, wie der Extremadura in Spanien oder dem Kaukasus, ist die offene Weidehaltung in Wäldern oder Transhumanz noch alltäglich, während in Deutschland historische Weideflächen oft nur noch Relikte aus der Vergangenheit sind. In den Mittelgebirgsregionen wie der Rhön oder dem Lahn-Dill-Bergland in Hessen finden wir sie noch, die dorfnahen Weideplätze an den Hängen, wo sich Wacholder oder andere Sträucher wie Rosen und Schlehen ausgebreitet haben und die Vegetation am Boden von seltener Vegetation bestimmt wird. Diese Flächen stehen heute meist ausnahmslos unter Naturschutz, sind isoliert und können nur mit Landschaftspflegeplänen erhalten werden, da die eigentliche Bewirtschaftung längst nicht mehr lohnt. Dafür aber ist in diesen Regionen noch ein Stück Vergangenheit in der Landschaft konserviert – und die Wissenschaft hat erwiesen, dass gerade der Artenvielfalt eine Wiedereinführung alter Weidesysteme gut tun würde. Bis jetzt scheitern solche Vorhaben jedoch meist an Infrastruktur, vor allem aber am Geld.

Nachdem die Landwirtschaft modernisiert, neue Weidegründe erschlossen und größere Siedlungen erbaut wurden, konnte sich im eisenzeitlichen Mitteleuropa eine langsam erblühende Hochkultur entwickeln, die als „Kelten“ in die Geschichte einging. Zwei wichtige Faktoren, die für alle Völker dieser Epoche von gleicher Bedeutung waren, sind noch zu nennen – die Auslöser und Garanten von Fortschritt und Wohlstand.

 

Salzgewinnung und Schmiedehandwerk in der Eisenzeit

Abb.12: Ein Ofen zur Bronzeschmelze mit Schmelztiegel und Blasebalg.
(Rekonstruktion im Freilichtmuseum Oerlinghausen, Nordrhein-Westfalen)

Chalkolithikum wird das erste Zeitalter genannt, in dem Metallverarbeitung bei Alltagsgegenständen angewandt wird. Die Kupferzeit ist das Ausklingen der Jungsteinzeit, eine Periode, die erste Waffen hervorbrachte und zum Teil grausame Funde hinterlassen hat. Der berühmte Ötzi wird ihr zugerechnet, der mit einer kupfernen Axt bewaffnet auf einem Bergpass zu Tode kam. Nur wenige Jahrhunderte vergehen, bis die Menschen aus dem Kupfer eine goldglänzende Legierung herstellen konnten, die zu prachtvollem Schmuck, Gefäßen und Waffen verarbeitet wurde. Die Bronze wird üblicherweise zu neun Teilen Kupfer und einem Teil Zinn hergestellt und erweist sich dadurch als wesentlich härter und widerstandsfähiger als Kupfergegenstände allein.

Den Haken an dieser neuen Technologie stellte für die Bewohner Mitteleuropas nur die Verfügbarkeit des Zinns dar. Während Kupfer an vielen Stellen im heutigen Deutschland abgebaut werden konnte, musste das Zinn vor allem aus Großbritannien und anderen heutigen Nachbarländern importiert werden. Noch der Grieche Pytheas, der Jahrtausende später in der mittleren Eisenzeit mit einem Schiff in die Nordsee vorstieß, wusste von den „Zinninseln“ zu berichten, die das wertvolle Metall über hunderte Kilometer Entfernung handelten.

 

Unter diesen Umständen blieb Bronze auch während der Bronzezeit ein gewisses Luxusprodukt. Seine Herstellung ist aufwendig, das Ergebnis ähnelt Gold und war gerade bei Schmuck wegen seiner Ästhetik beliebt. Wann ein „massentauglicheres“ Ersatzmaterial gefunden werden würde, war eine Frage der Zeit gewesen. Und so tauchten bereits ab ca. 1500 v.Chr. die ersten Gegenstände aus Eisen in Europa auf.

Der Siegeszug des neuen Werkstoffes erreichte Mitteleuropa wieder aus dem nahen Osten. Auf dem Gebiet der heutigen Türkei und Israel wurden Techniken zur Verhüttung entwickelt, die über den Seeweg erst Griechenland, dann den Balkan und Italien und letztendlich auch Zentraleuropa erreichten. Im heutigen Deutschland waren es die natürlichen Lagerstätten West- und Südeuropas, die besondere Bedeutung erlangten. Das Eisen war im Tagebau in der Schwäbischen Alb und dem Rheinischen Schiefergebirge zu gewinnen – oder aber als Raseneisenerz nahe Gewässern einfach aufzulesen oder auszugraben.

 

Eisenzeitlicher Rennofen

Abb.13: Ein eisenzeitlicher Rennofen.
(Rekonstruktion im Freilichtmuseum Oerlinghausen, Nordrhein-Westfalen)

Die Erzverhüttung wurde in großen, länglichen Rennöfen vorgenommen, die mit seitlichen Öffnungen gute Belüftung garantierten. Zusammen mit Holzkohle wurden die Erzbrocken erhitzt, bis sich das Material in das eigentliche Eisen, die sogenannte Luppe, und übrige Verunreinigungen, die Schlacke, aufteilte. Von den Kelten sind zwei verschiedene Ofentypen bekannt, von welchen bei einem die unbrauchbare Schlacke in eine separate Grube abgeführt wurde und bei dem anderen diese als Klotz im Ofen zurückblieb und dieser somit nur für den einmaligen Gebrauch gedacht war.

 

Noch einfacher stellte sich das Verfahren heraus, in einer Erdgrube Holzkohle und Eisenerz zusammen isoliert verhütten zu lassen, bis sich im Boden ein Schlackeklotz und oberhalb die Luppe absetzte. Im Gegensatz zu heutigen Öfen erreichte jedoch keine dieser Techniken Temperaturen oberhalb von 1300 °C, was nicht ausreichte, um das Eisen komplett von Verunreinigungen zu trennen, bzw. dieses Metall vollständig aus der Schlacke zu lösen. Die länglichen Barren, als welche Eisen bei den Kelten gehandelt wurde, mussten also beim Schmieden noch mehrfach von Rückständen befreit werden, bevor das Material zur Weiterverarbeitung verwendet werden konnte.

Wir wissen aus Experimenten, dass gut 90% des verfügbaren Eisens bei diesen Gewinnungstechnik in der Schlacke zurückblieb. Zusätzlich verzehrten die Verfahren Unmengen an Holzkohle, die in großen Meilern abseits der Siedlungen gewonnen werden musste. Die Eisenproduktion bedingte dadurch eine Auflichtung der Wälder in Mitteleuropa, die dem Bedarf an Eisenprodukten zum Opfer fielen. Im Vergleich zur Bronzegewinnung jedoch erforderte die Eisenherstellung große Erfahrung. Der aufwendige Umgang mit dem Material machte es zu Beginn erst einmal zum Material der Elite. Keltische Eisenschwerter fanden sich in der Hochphase ihrer Kultur nur bei den ranghohen Persönlichkeiten. Zu aufwendig und teuer war die Herstellung, bevor in späteren Jahrhunderten in Massen produziert werden konnte.

Das Eisen jedoch veränderte die Machtverhältnisse in Mitteleuropa. Während die Bronze, deren Bestandteile über weite Strecken gehandelt werden mussten, die Eliten an den Handelsstraßen stärkte, war Eisen nun nahezu überall verfügbar – und noch dazu härter und robuster. An die Macht kam – oder blieb – in manchen Teilen Mitteleuropas, wer die Versorgung mit einem anderen lebensnotwendigen Produkt garantierte – weißes Gold, das Salz.

 

Heute kann man es in jedem Laden kaufen und schimpft darüber, wenn zu viel davon im Essen gelandet ist. Das Salz ist alltäglicher Bestandteil jeder modernen Küche, obwohl es noch im letzten Jahrhundert das Überleben vieler Menschen im Winter sichern konnte. Denn seine größte Bedeutung erlangte die Natrium-Chlor-Verbindung als Konservierungsmittel, und das bereits in prähistorischer Zeit.

Jenseits der Küste sind die Salzvorkommen Relikte urzeitlicher Ozeane. Wenn kleine Buchten durch tektonische Bewegung vom restlichen Meer abgeschnitten und angehoben wurden, jedoch noch immer einen Wasserzufluss besaßen, reicherte sich dort durch Verdunstung das Salz an, das durch spätere Dynamik der Erdkruste mit Ton- oder Sandstein bedeckt wurde. Beim Herausheben der Gebirge in der Erdgeschichte gelangten die Salzvorkommen teils hoch hinauf in die Gebirge und wurden dort durch salzhaltige Quellen kenntlich.

 

Die Gewinnung des Salzes aus ebensolchem Wasser gehört zu den ältesten Salzgewinnungsverfahren der Welt. Bereits in der Jungsteinzeit füllte man das Wasser in kleine Tontiegel, sogenannte Briquetage, die in Öfen aufgereiht und erhitzt wurden, bis das Wasser verdunstet war. Das Salz blieb als Bodensatz zurück und konnte verwendet werden, sobald die Tiegel zerschlagen wurden. Salzquellen finden sich in ganz Deutschland. Für Hessen beispielsweise ist belegt, dass die salzhaltige Sole, die heute für die Bäder der Kurstadt Bad Nauheim genutzt wird, bereits zu keltischer Zeit in großem Stil zur Salzgewinnung verwendet wurde. Ertragreicher jedoch zeigte sich schon bald, Steinsalzvorkommen im Boden per Tagebau abzubauen, sofern dies möglich war.

 

Ofen zur Salzgewinnung mit der Briquetage-Technik

Abb.14: Ofen zur Salzgewinnung mit der Briquetage-Technik.
(Rekonstruktion im Freilichtmuseum Oerlinghausen, Nordrhein-Westfalen)

Die beeindruckenden Hinterlassenschaften dieses florierenden Gewerbes finden wir heute in Österreich, wo das Salz neue Eliten schuf und ganzen Landstrichen zu keltischer Zeit Wohlstand einbrachte. Heute zeugt immer noch der Name von historischer Salzgewinnung. Das österreichische Hallstatt im Salzkammergut trägt mit der Silbe „Hall“ das keltische Wort für „Salz“. Die fantastisch erhaltenen Funde dieses Ortes haben einer ganzen Epoche keltischer Kultur einen Namen gegeben. Doch bereits zur Bronzezeit wurden hier Stollen in den Berg gegraben, um das Steinsalz mit Pickeln abzuschlagen und hinunter in die Täler zu bringen.

 

Die keltischen Hinterlassenschaften des Bergbaus sind reich in den Stollen. Bekannt ist, dass die Menschen vor gut 2500 bis 3000 Jahren sich Stück für Stück in den Berg durch Stollen hineinarbeiteten. Das einzige Licht, das ihnen dabei zur Verfügung stand, waren Kienspäne, die sie bei der Arbeit zwischen den Zähnen hielten oder – häufiger - von Kindern tragen ließen und einfach wegwarfen, wenn sie verbrannt waren. Noch heute finden wir meterdicke Schichten dieser Kienspäne im Berg. Zwischen ihnen sind lauter Alltagsgegenstände begraben, die dort verloren oder weggeworfen wurden.

Vermutlich verbrachten die Arbeiter den ganzen Tag in den Stollen, kochten dort und bauten das Salz ab, das in der Bronzezeit in ledernen Tragerucksäcken hinausgebracht wurde. Zu keltischer Zeit sind es vor allem die Frauen, die es als Blöcke mit Riemen oder an Tragehölzer befestigt den Berg hinunterbrachten – das ist heute noch an Abnutzungen von Skelettfunden ersichtlich. In Hallstatt wurde das Salz zu keltischer Zeit – aus welchem Grund auch immer – in herzförmigen, gut einen halben Meter hohen Brocken abgeschlagen. Vielleicht ließ es sich so gut transportieren. Die „Negative“ dieser Abschläge sind noch heute im Berg zu sehen. Stiege aus Holz verbanden die einzelnen Stollen miteinander, die teils bis zu 200m tief in den Berg hineinragten. Das Salz hat selbst Stoffreste erhalten, deren Webmuster und Färbung wir noch heute erkennen können – und manchmal, so ist es zumindest aus historischen Schriften überliefert – sogar Menschen, die mumifiziert in den alten Stollen geborgen wurden, jedoch leider auf Friedhöfen begraben wurden ohne, dass der Fund genauer untersucht worden war.

 

In Hallstatt und dem benachbarten Hallein florierte der Handel mit dem Salz. Reiche Grabfunde zeugen heute noch von dem Wohlstand, der damit erwirtschaftet wurde, bis die Salzgewinnung in Hallstatt jäh zum Erliegen kam. Die Region ist bekannt für Bergrutsche. Wahrscheinlich hat einer von ihnen die Stollen verschüttet. Ein ähnliches Szenario wird bereits für die bronzezeitlichen Bergbauer vermutet, deren Gruben ebenfalls mit Schutt verfüllt sind. Gegen Mitte der Eisenzeit wurden die Abbauarbeiten noch einmal aufgenommen, erreichten aber nicht mehr den Umfang der Arbeiten, die eine Region über Jahrhunderte hinweg zum Wirtschaftszentrum der Vorzeit machte. Hallstatt hat der ersten Blütezeit der Kelten seinen Namen gegeben. Es ist der Beginn der keltischen Eisenzeit in Europa, in welcher nördlich der Alpen Städte errichtet, neue Getreidesorten auf drainierten Äckern angebaut wurden, Viehhirten über hunderte Kilometer durch die Länder reisten und Salz wertvoller war als Gold.

Mit der Eisenzeit entwickelten sich Hochkulturen, die unser heutiges Leben maßgeblich geformt haben. Um sie vollends zu begreifen, sind zu viele Funden im Laufe der Epochen verloren gegangen. Doch ein Teil ihrer Hinterlassenschaften kann noch heute gesehen oder gefunden werden – all das, was unter dem Staub der Jahrtausende begraben

 

Quelle:
Astrid Rauner: Unter dem Staub der Jahrtausende - Spuren von historischem Handwerk und Landnutzung in der Landschaft der Neuzeit
Zur Website der Autorin: astrid-rauner.de

 

Das Copyright für den Text und die Bilder liegt bei der Autorin Astrid Rauner.

 

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